Führerschein

Die Tochter unserer Freunde hat neulich ihren Führerschein bestanden und unweigerlich musste ich an die Zeit zurück denken, als ich an ihrer Stelle stand.

Das Volksfest

Zu meiner ersten Fahrstunde hätten wir auch ein Straßenfest mit Karussell, Imbissbude und Glücksrad veranstalten können, denn die Nachbar:innen standen allesamt hinter ihren Gardinen und schauten zu, wie ich in das Fahrschulauto stieg. Die Schnürsenkel an meinen Chucks hatte ich extra fest gebunden, lose Senkel sollten mir nicht den Fahrspaß der ersten Stunde verderben. Nun hatte ich allerdings das Gefühl, ich hätte Schnürschuhe wie ein Römer zu Christi Geburt an. Ob mein Körper überhaupt noch Blut in meine Füße pumpen könnte? Auf seine Frage hin, ob ich schon mal Auto gefahren wäre, schmunzelte ich nur. Meine Güte, wir wohnten auf dem Dorf. Wir hatten alle schon mal abends auf dem Schwimmbadweg eine Runde gedreht. Diese Sache hier wäre allerdings eine andere, denn ich würde gleich eine echte Straße befahren. Das war schon anders als den Schwimmbadweg rauf und runter zu fahren oder an der Spielkonsole Mario in seinem Kart die Regenbogenstrecke hinabsausen zu lassen. Dort konnte man wenigstens Bananenschalen hinter sich werfen und somit andere Autos, die einen überholen wollen, ausbremsen. Nein, dies war kein Spaß mehr, dies war nun Ernst. Mein Fahrlehrer war Inhaber einer Fahrschule mit gutem Ruf und niedriger Durchfallquote. Alle mochten und fürchteten ihn, denn neben seiner freundlichen Art, seinem Humor und Späßchen, die er ab und zu machte, konnte er auch streng sein und mal laut werden. Nun war ich also dran und sollte meine erste Fahrstunde haben. Die Gardinen der Nachbar:innen wackelten und ich fand es witzig, dass sie tatsächlich dachten, ich könne ihre Schatten hinter den Vorhängen nicht sehen. Meine Mutter war die einzige, die das Fenster weit geöffnet und es sich dort bequem gemacht hatte. „Der Blinker geht ja schon mal!“ rief sie, als ich alle Funktion des Autos ausprobieren sollte. Gerade als ich dachte, es ginge nun endlich los, mussten wir wieder aussteigen, denn ich sollte lernen, den Ölstand und Reifendruck zu überprüfen. Viel lieber hätte ich mal geprüft, ob meine Füße noch durchblutet werden. Nach circa 20 Minuten ging es endlich los. Ich tuckerte mit einem Golf 3 durch unsere Straße und wollte den Nachbar:innen hinter den Gardinen zum Abschied winken, allerdings hieß es, ich solle während der Fahrt beide Hände am Lenkrad haben. Wie langweilig.

Die erste Fahrt geht los

Meine erste Fahrt ging aus dem Dorf heraus über eine kurvenreiche Straße ins nächste Dorf. Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln. Ich war überrascht, wie schnell ich das Auto beherrschte. Kuppeln, schalten, Gas geben – es war, als hätte ich nie etwas anderes getan. Doch dann kamen die ersten Regentropfen auf die Windschutzscheibe und mein Fahrlehrer wies mich an, den vorher ausprobierten Scheibenwischer anzustellen. „Das geht jetzt nicht!“ sagte ich und lenkte das Auto durch die kurvenreiche Strecke. „Wieso geht das nicht?“ fragte meinen Fahrlehrer nach. „Na, weil ich gerade fahre!“ sagte ich selbstbewusst und versuchte durch die vielen Tropfen die Straße zu erkennen. Ich glaube, ab diesem Zeitpunkt wusste er, dass ihm da noch einiges bevorstand mit mir. „Wenn ich rechts blinken und am Straßenrand kurz anhalten dürfte, dann würde ich den Schalter finden und…“ Weiter kam ich nicht, denn er hatte längst den Scheibenwischerschalter für mich betätigt. Na also, geht doch. Geschmeidig rollte der Golf über die Straße, als sich mein Fahrlehrer erneut an mich wandte. „Du darfst Brot schneiden und du darfst Kuchen schneiden, aber schneide niemals eine Kurve!“ „Ist gut, ist abgespeichert“, antwortete ich. Wir rollten in das nächste Dorf hinein und wieder heraus. Auf der Landstraße lehnte sich mein Fahlehrer zurück und sagte, es sei ja zu schade, dass er gerade heute seine Schneckenzwille daheim vergessen hätte. Eine Schneckenzwille, was sollte das sein? Ich liebte doch Schnecken so sehr. Was meinte er nur? „Gib mal ein bisschen mehr Gas, die Schnecken überholen uns doch alle schon!“ rief er und ich trat auf’s Gas, um das Auto zu beschleunigen. „Keine Schnecken mehr in Sicht, Sir“, vermeldete ich, als wir Tempo 80 erreicht hatten. Regen war auch nicht mehr in Sicht, deswegen wurde ich angewiesen, den Scheibenwischer wieder abzustellen. Das war mir bei dem Tempo meiner ersten Stunde dann doch zu heikel, ich wollte meinen Blick jetzt nicht von der Straße abwenden, um den Schalter zu suchen. Ob ich wohl erneut den Blinker rechts setzen und unser Gefährt am Straßenrand halten könnte, um in aller Ruhe nach dem Schalter zu suchen, oder wäre das nicht so gut? Allerdings könnte ich dann ja auch endlich mal die Schnürsenkel an meinen zu fest gebundenen Schuhen lockern. „Scheibenwischer aus!“ sagte mein Fahrlehrer. „Ich hab ihn nicht angemacht, woher soll ich denn jetzt wissen, wo er wieder ausgemacht wird?“ rief ich gereizt. Das fünfminütige Quietschen eines Wischers auf trockener Scheibe hatte bei uns beiden an den Nerven genagt. Nachdem ich auf offener Landstraße erst den linken Blinker, dann den rechten Blinker, die Nebelabschlusslampe und aus Versehen die Hupe betätigt hatte, fand ich den richtigen Hebel und der Scheibenwischer ging in seine vergönnte Ruhepause. Puh… Nach dieser wilden Fahrt bogen wir wieder in die Straße, in der ich wohnte, ein und verbschiedeten uns bis zum nächsten Mal. Daheim angekommen befreite ich meine Füße von den Schuhen und freute mich, dass diese noch nicht blau angelaufen waren. Ausatmen und erst einmal eine Runde Mariokart auf der Playstation spielen, um mein Selbstbewusstsein wieder herzustellen.

Autobahn

Der Golf blieb in der Garage, die ebenfalls männliche Vertretung meines Fahrlehrers kam mit einem Variant vorbei. Ich schluckte. Von 75 auf 110 PS ist schon eine Hausnummer für eine Fahranfängerin. Komischerweise merkte ich das beim Fahren aber gar nicht. Wir fuhren zunächst über das Land und als er unterwegs einen Bäcker sah, ließ er mich anhalten, da er noch nicht gefrühstückt hatte. Ich rollte mit dem Auto auf den Parkplatz der Bäckerei, und als ich die Handbremse anziehen wollte, da merkte ich, dass diese bereits angezogen war. Die ganze Zeit! Ich quietschte auf. „Ist irgend etwas?“ fragte er mich und nahm seine Sonnenbrille von der Nase. „Nee, nee, ich hab gerade nur dran denken müssen, dass ich später meinen Meerschweinchenkäfig noch sauber machen muss“, log ich. Mein Meerschweinchen namens Paula war schon lange unter einem Baum begraben und es starb aus Altersgründen. Mein Herz klopfte mir bis zum Hals. Mit angezogener Handbremse fünf Kilometer zurück legen, dieses Auto hatte nun wirklich Power. Zehn Minuten später ging es weiter. Rauf auf die Autobahn. In Gedanken bewunderte ich meine Mutter. Diese hatte nämlich bei ihrem Führerschein 1967 keine Autobahnfahrten gehabt und sich dieses – wie so viele anderen ihres Jahrgangs auch – autodidaktisch beibringen müssen. „Tempo, Tempo!“ wies er mich an, als ich hinter einem LKW hinterhertuckerte. Ich drückte auf’s Gas, wurde in den Sitz hineingedrückt und überholte den LKW so unkompliziert, dass ich gleich mal auf der linken Spur weiterfuhr. „Na na na, wo fühlt sich der Fahranfänger am wohlsten?“ „Auf der rechten Spur“, antwortet ich trotzig. Rauf auf die Autobahn, runter von der Autobahn, Rein in die Kartoffeln raus aus den Kartoffeln…

Nachtfahrt

Die Nachtfahrt kam und da es ein heißer Sommertag war, holte mein Fahrlehrer mich mit dem BMW Cabrio ab. Die Nachbar:innen rissen vor Begeisterung die Gardinen beiseite und klatschten Beifall. Meine Mutter staunte. Sogar der Hund der Straße hörte auf zu bellen. Alle schienen begeistert. Alle, nur ich nicht. Ich wußte, dass meinem Fahrlehrer an diesem Auto sehr viel lag. Als wir einen Rundgang um’s Auto machten, zeigte er mit dem Finger auf die Reifen. „Sollte einer dieser Reifen an einem Bürgersteig/Randstein heranratschen, dann wirst du mir zur Strafe einen Kaffee bezahlen!“ sagte er. Ich nickte stumm und berührte mit meiner Hand in der Hosentasche das Kleingeld, welches ich dort vermutete. Mit großen Augen schaute ich hoch zu meiner Mutter, die dort am Fenster rief, wie toll dieses Auto doch sei. Da konnte ich ihr wohl schlecht zurufen, sie solle mir mal Geld herunter schmeißen. Ich biss mir auf die Unterlippe und sagte mir in Gedanken, dass ich bloss nicht den Randstein berühren dürfe, denn ich könnte das nicht bezahlen. Wir fuhren auf die Autobahn, die mir schon lange keine Angst mehr machte, und als ich mich gerade so richtig wohlfühlte mit dem Wind in meinen Haaren, da meldete sich mein Fahrlehrer. „Wie viele Gänge hat das Auto?“ „Ähm ja!“ antwortete ich und war im Begriff vom vierten in den fünften Gang zu schalten. Jedoch verwechselte ich da etwas und schaltete vom vierten in den dritten Gang. Das Geräusch, welches das Auto dabei von sich gab, möchte ich hier nicht wiedergeben. Auch die ausgestoßenen Flüche nicht. Meine Güte, war das peinlich! Zum Glück war ich der nächsten Ausfahrt nahe. Mein Herz pochte mal wieder bis zum Hals. Wir erreichten einen Kreisel und als ich diesen durchfuhr, hörte ich meinen Fahrlehrer rufen, dass die Ampel bereits gelb gewesen sei. „Ampel? Welche Ampel?“ sagte ich. Oha, das gab mächtig Ärger. „Bist du denn blind, wie kann man denn die Ampel übersehen?“ rief ein rotgesichtiger Fahrlehrer. Es soll nicht als Ausrede gelten, aber wenn ich meine Großeltern im Norden besuchte, dann sah ich Hunderte von Kreiseln und keiner hatte eine Ampel. Jetzt war es das Herz meines Fahrlehrers, das laut pochte. Er wies mich an, durch die Stadt zu fahren und als wir an einer Videothek vorbeikamen, sollte ich einparken. Das war für mich überhaupt kein Problem, das konnte ich gut. Das Rote in seinem Gesicht war einem Alpinaweiß gewichen. „Ich brauch‘ jetzt erst mal Ruhe und werde mir dort in der Videothek einen Film ausleihen, während du hier wartest“, sagte er und stieg aus. Da saß ich nun als 18-jährige, rothaarige, junge Frau in einem BMW Cabrio mit offenem Verdeck und sah aus wie die Juniorchefin eines Callgirlrings. Leider ohne Kleingeld in den Hosentaschen. Nach 30 Minuten stieg mein Fahrlehrer – sichtlich beruhigt – wieder in das Auto und wir fuhren nach Hause. „Schau mal, dahinten hüpft ein Hase duch’s Feld“, versuchte er die schlechte Stimmung zwischen uns wieder aufzulösen. „Kann nix sehen, bin ja blind!“ brummte ich.

Das war sie also, meine Nachtfahrt. Freut euch auf den nächsten Teil, in dem es um Taschenlampen im Parkdeck, einen Schlüsselanhänger im Kofferaum und eine sehr lange Prüfungsfahrt geht.

Herzlichst Steph

4 Kommentare zu „Führerschein

  1. Ha Ha Ha. Wieder mal sehr schön liebe Steph 🙂
    Das erinnert mich natürlich gleich wieder an meine eigenen Fahrstunden. Die gab mir meine beste Freundin, die sich zur Fahrlehrerin ausbilden ließ und kostenlos eine Fahrschülerin ausbilden durfte. Am Ende wurde sowohl sie als Lehrerin, als auch meine eigenen Fahrkünste geprüft. Wir haben die Prüfung gemeinsam gut über- und bestanden aber unsere Freundschaft hatte sehr darunter gelitten. Ich hatte sie als Fahrlehrerin absolut akzeptiert und respektiert und mich an alle ihre Anweisungen gehalten aber leider hatte ich das Gefühl, dass sie oft ihre eigene Rolle als Fahrlehrerin überzog und gewisse Grenzen überschritten hatte. Heute haben wir nur noch wenig Kontakt. Sie lebt jetzt in Australien.

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    1. Danke liebe Monika. Ja, man darf es nicht außer Acht lassen, dass solch – lieb gemeinte- Konstellation zu Konflikten führen kann. Ich hoffe, ich habe mit meiner Erinnerung nicht zu sehr an der deinen gerührt. Unweigerlich musste ich an das Vier-Ohren-Modell denken, als ich deinen Kommentar las. Wenn meine eigene Mutter neben mir auf dem Beifahrer säße und mir sagen würde, ich solle bitte langsamer fahren, wäre ich wohl genervt. Wenn dieser Satz aber aus dem Mund meines Fahrlehrers käme, würde ich sofort auf die Bremse treten und langsamer fahren. Das Beziehungsohr mal wieder… Mein damaliger Fahrlehrer mit der besten Fahrschule der Umgebung war der Vater einer sehr guten Freundin von mir. Da klapperten mir oftmals ordentlich die Zähne. Würde ich nochmals bei ihnen zum Essen kommen oder Feten feiern kommen können, wenn ich all das versemmelte? Gedanken einer heranwachsenden die ihre Erfahrungen erst sammeln muss. Es hat nie etwas zwischen uns gestanden, dass war seine Professionalität im langjährigen Geschäft. Zum Glück haben wir das alle durch, was? Liebste Grüße Steph ❤

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      1. Ja. Den Führerschein möchte ich wirklich nicht noch mal machen müssen :-). Ich staune immer darüber, wie schön du dich an alles erinnern kannst. Diese vielen Details. Das ist eine Gabe. Übrigens höre ich gerade einen Krimi und die eine Polizistin sieht/erfährt Farben, wenn die Menschen mit ihr reden. Sie erkennt durch das Aufflackern der Farben, ob sie die Wahrheit sagen oder nicht. Da musste ich an dich denken :-).

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      2. Das ist ja spannend liebe Monika. Kriminalfälle kann ich zwar leider keine lösen aber meine Synästhesie macht mir den Alltag immer bunt. Wie schön, dass du dich daran erinnert und an mich gedacht hast. 🙂 ❤ Farbenfrohe Grüße zu dir in die Türkei.

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