Führerschein Teil 2

Steph mit zwei Jahren

Es war ein besonderer Tag in meiner Schule, denn ich hatte im Hauswirtschaftsunterricht mit meinen eigenen Händen meine erste und bis heute einzige Schwarzwälder Kirschtorte hergestellt. Dumm nur, dass ich vor lauter Begeisterung über mein Werk vergessen hatte, dass ich nach Schulschluss eine Fahrstunde hatte. Mein Fahrlehrer, der auch Inhaber der Fahrschule war, klatschte begeistert in die Hände und rieb sich den Bauch, als er nach meiner letzten Unterrichtsstunde vor der Schule auf mich wartete. „Oh nein!“ entfuhr es mir. „Oh ja!“ grinste er, ans Auto gelehnt, Kaugummi kauend. „Ist das dein Ernst?“ fragte ich ihn entsetzt, als er den Kofferraum öffnete, um mein Kunstwerk dort hineinzulegen. „Du kannst doch inzwischen fahren“, antwortete er. „Naja, es ist vielleicht nicht perfekt, um heute das ABS auszuprobieren, aber wir schaffen das schon!“ ergänzte er. Bis vor ein paar Monaten hätte ich ABS noch für eine Abkürzung beim Spiel „Mariokart“ gehalten. Alle Bananenschalen schmeißen, oder so. Nun, wo ich die Theorie auf Anhieb bestanden und Überland-, Autobahn- und Nachtfahrt gemeistert hatte, wusste ich natürlich, dass ABS als Abkürzung für Antiblockiersystem stand. Der Opel Corsa A meiner Mutter hatte so etwas Tolles nicht und ich war aufgeregt, wie das sein würde. Aber mit einer Torte im Kofferraum?

Satisfaction

Als wir die Torte gut verstaut und anschließend selbst im Auto Platz genommen hatten, bemerkte ich eine eigenartige Stimmung. Nach 20 Fahrstunden bemerkt man, wenn der Fahlehrer verstimmt ist, und das war er nun. „Fällt dir denn gar nichts auf?“ fragte er mich und sah mich an. „Warst du beim Friseur?“ Falsche Frage, seine Stimmung sank weiter. „Schau dich doch mal um!“ wies er mich an. Ich verstand nur Bahnhof. Das Auto war wie immer frisch gesaugt, die Scheiben glasklar gereinigt und es duftete nach ….Neuwagen! Erst jetzt bemerkte ich auf der Fussmatte und der Gangschaltung das Logo der Voodoo Lounge Tour der Rolling Stones. Der Tacho zeigte mir einen dreistelligen Kilometerstand an, dieses Auto war noch keine vierhundert Kilometer gefahren. „Hab ich letzte Woche frisch vom Containerschff abgeholt“, sagte mein,Kaugummi kauender Fahrlehrer stolz und grinste endlich wieder. Mir hingegen verging das selbige. Ein nagelneues Auto, ABS testen und eine Torte im Kofferraum. War das hier nun eine Ausgabe von „Verstehen Sie Spaß“? Würde gleich der Moderator Dieter Hallervorden um die Ecke kommen und lachend alles auflösen? Es konnte nur so sein. Mein Fahrlehrer sagte mir die heutige zu fahrende Strecke auf. Es würde quer durch die Stadt und anschließend auf eine Straße gehen, auf der ich das ABS testen müsse. „Ja, dann starte doch mal endlich“, sagte er erwartungsfroh. Ich schaute nach links und nach rechts. Kein Dieter Hallervorden zu sehen. Das war also alles Ernst?

Kleine Taschenlampe brenn‘

„Fahr hier mal ins Parkhaus!“ bestimmte mein Fahrlehrer und zeigte mit dem Finger auf ein Schild, das das Parkhaus als solches auswies. Schwungvoll lenkte ich das Rolling Stones-Auto in die Tiefgarage und rollte die Serpentinen herunter. Da sahen wir eine ältere Frau ihre Einkaufstaschen in ihrem Auto verstauen. „Halt mal an!“ rief mein Steuerberater und ich tat wie mir befohlen. Kaum das das Auto stand, kurbelte er die Fensterscheibe herunter. Was war das nur wieder? „Entschuldigen sie bitte“, sagte er er höflich, worauf die Frau sich umdrehte und ihn freundlich anlächelte. „Wie kann ich Ihnen helfen?“ fragte die nette Frau. „Sagen S´sie, haben sie vielleicht eine Taschenlampe dabei?“ Ich hielt mir beschämt die Hand vor den Mund. War er nun etwa verrückt geworden? Warum fragte er eine Passantin nach einer Taschenlampe – hier in einem Parkhaus? Ich würde das nachhher dringend mit seiner Frau besprechen müssen. Man hat ja auch eine gewisse Verantwortung für seinen Fahrlehrer. „Eine Taschenlampe, aber wieso?“ fragte die Frau ihn die Frage, welche ich ebenfalls sehr gerne beantwortet haben wollte. „Naja, wir sind hier gerade in das dunkle Parkdeck gefahren und meine Fahrschülerin hat vergessen, die Scheinwerfer an unserem Auto anzustellen“, beantwortete er ihre Frage. Ich wurde kleiner und kleiner in meinem Sitz. Für andere sah es bestimmt aus, als würde eine Fünfjährige das Auto steuern. Ich stöhnte genervt auf, schaltete das Licht an und fuhr uns weiter durch das schneckenhausförmige Parkhaus. Damals fand ich das irre blöd, allerdings ist es mir in all den Jahren als Autofahrerin nie wieder passiert, das Licht im Parkdeck nicht anzuschalten. Eine halbe Stunde später sollte ich auf einer für Fahranfänger:innen gestalteten Straße das Anti-Blockier-System testen. Meine ganze Angst galt der Torte im Kofferraum. Wenn ich nach Hause käme, könnte ich meiner Mutter höchtswahrschienlich nur noch einen Kirschbrei mit Schokoboden zum Löffeln präsentieren. Doch ich irrte. Bei Tempo 100 stieg ich auf die Bremse und das Auto stand, als wäre nichts gewesen. Wow. Sofort nach diesem Stillstand schnallte ich mich ab, stieg aus dem Auto aus und lief zum Kofferraum, wo meine Schwarzwälder Kirschtorte unversehrt und unbeeindruckt vor sich hin stand. Wir würden sie mit Kuchengabeln statt mit Löffeln essen können, juchuuh. Die Weiterfahrt war von einer Unbekümmertheit gesegnet, die ich nicht in Worte fassen kann. Ich lachte völlig übertrieben, als er mich wegen meines lilafarbenen Nagellacks auf meinen Fingern fragte, ob mir jemand auf die Finger gehauen hätte, nahm auf der Landstraße bei Tempo 80 gerne ein Rolo (kegelförmige Schokolade mit Karamellkern) von ihm an und lachte über seine Witze. Die Stimmung war ausgelassen und wunderbar.

Sie dürfen das nicht

Prüfungstag. Wenn allles gut lief, würde ich nach dieser Fahrt meinen Führerschein in den Händen halten. Wenn nicht, würde uns das viel Geld kosten. Ich war sichtlich aufgeregt, als ich mit drei anderen Prüflingen vor dem Gebäude eines Autohauses stand, an dem es los gehen würde. Der Grund, warum wir nicht vor der Fahrschule, sondern diesem Autohaus warteten, war folgender: Es gab einen Prüfling, der seinen Führerschein mit einem Automatikauto absolvieren wollte und dazu musste ein Auto mit Automatikgetriebe ausgeliehen werden. „Du kommst als Erste dran“, bestimmte mein Fahrlehrer, „denn du siehst aus wie ein aus dem Nest gefallener Vogel.“ „Sehr charmant!“ zischte ich in Gedanken, jedoch war ich tatsächlich froh, als Erste drangekommen zu sein. Der eigentlich zuständige Prüfer war überraschend krank geworden und musste nun durch einen anderen vertreten werden. Wir stellten uns einander vor und nahmen im Auto Platz. Doch es gab ein Problem, denn mein Fahrlehrer konnte nicht einsteigen, da das Auto mit der Beifahrerseite dicht an einem Zaun stand. „Sie dürfen das nicht!“ sagte der Prüfer zu mir, als ich im Begriff war, das Auto zu starten. „Ja, aber wie soll…“ Ich kam nicht dazu, meine Frage zu Ende zu stellen, denn mein Fahrlehrer wies mich an, das Auto zu verlassen. Er würde es umparken. Was für eine Aufregung und die nächste Chose wartete schon… Ich fuhr nämlich gerade vom Parkplatz des Autohauses herunter und übersah das Schild am Ende der Straße, an der es hieß, man dürfe nur nach rechts abbiegen. „Welche Richtung?“ fragte ich fröhlich. „Wie witzig!“ kam es ironisch von der Rückbank. Da bemerkte ich meinen Fauxpas, den ich eigentlich mit den Worten „Wollte nur mal schauen, ob Sie auch aufpassen“ kontern wollte. Zum Glück ließ ich das lieber mal sein. Ich chauffierte die Herren durch die Stadt, fiel nicht darauf herein, verkehrt herum in eine Einbahnstrasse einzubiegen und parkte gegenüber meiner ehemaligen Ballettschule souverän seitlich ein. Die Eleven am Fenster klatschten , der Prüfer tat nichts. „Weiterfahren!“ sagte er in knappem Ton. „Das finde ich jetzt wirklich ungerecht!“ schimpfte ich und drehte mich zu ihm um. Während dieser Drehung sah ich die weit aufgerissenen Augen meines Fahrlehrers, der nicht glauben konnte, was ich da gerade gesagt hatte. Das war mir allerdings egal. Alles auf eine Karte war meine Devise. „Sie haben noch nicht einmal die Tür geöffnet, um zu schauen, wie gut ich hier stehe“, sagte ich trotzig im Begriff, das nicht gelten zu lassen. „Na gut!“ sagte er, öffnete die Tür, schloß sie wieder und machte sich Notizen auf seinem Klemmbrett. Geht doch.

Heuschnupfenalarm

Wir fuhren weiter und als wir entlang einer Landstaße blühende Äcker passierten, da wurde ich vom sich die Nase putzenden Prüfmann gebeten, den Fensterspalt zu schließen. „Ach, leiden sie auch unter Heuschnupfen?“ fragte ich und schaute zu ihm nach hinten. „Ich hatte das auch, habe mich dann aber desensibilisieren lassen“, erzählte ich gut gelaunt. Mein Fahrlehrer schaute schon wieder so, als wolle er mich schütteln. Ich glaube sogar, dass er mir in Gedanken einen riesigen Vogel gezeigt hat. Keine Ahnung, wo das alles herkam. Es lag vielleicht daran, dass ich mich einfach völlig sicher fühlte. Autofahren war nun bei weitem kein Hexenwerk und ich hatte in den 25 Pflichtstunden beim Meister gelernt. Wir fuhren links, wir fuhren rechts, wir bestaunten ein Schloss, ließen einen Notarztwagen passieren und überholten einen Trecker. Ich hätte immerzu so weiter fahren können. Jedoch gab es da ein kleines Problem. Der Prüfer war seit zehn Jahren nicht mehr vor Ort gewesen, schließlich war er nur als Vertretung eingesprungen. Nun stand ich an einer Kreuzung und er wusste nicht mehr weiter. „Wir müssen links fahren, sonst verlassen wir den Landkreis“, sagte mein Fahrlehrer zum Prüfungsmann und nun war er es, der große Augen machte. Gekonnt navigierte mich mein Steuerberater alias Fahrlehrer wieder zum Autohaus, wo ich ein letztes Mal in dieser Prüfung einparken sollte. Rückwärts. Als das Auto stand, zog ich den Schlüssel ab und verließ auf Geheiß das Auto. Die Herren wollten sich kurz besprechen. Die anderen, noch wartenden Prüflinge sprachen alle durcheinander, als sie mich sahen. Erst da bemerkte ich den Grund für ihre Aufgeregtheit und die vielen Fragen. Ich war – statt der normalen Zeit von 25 Minuten – 50 Minuten unterwegs gewesen. „Jaja, der Prüfer wusste nicht mehr, wo es lang ging und da sind wir halt einfach ein bisschen länger gefahren“, sagte ich lässig und versuchte einen Blick in das Innere des Autos zu erhaschen, wo die Männer immer noch redeten. Da winkte mich mein Fahrlehrer herbei. Ich sollte ins Auto steigen. Noch eine Fahrt? Nein, er überreichte mir meinen niegelnagelneuen Führerschein. Juchuuuh! Dieser hat auch heute, weit mehr als 25 Jahre später übrigens immer noch Druckerschwärze, so selten musste ich ihn vorzeigen. Ich schrieb es ja bereits, ich habe halt beim Meister gelernt. 😉 Als ich freudig von dannen rennen wollte, pfiff mich mein Fahlehrer zurück. Ich solle mal den Kofferraum öffnen. Ich dachte tatsächlich, ich müsse nun – trotz bestandener Prüfung – noch einen Reifenwechsel vornehmen, aber nein, ich durfte mir im Kofferraum einen Schlüsselanhänger aussuchen. Juchuh.

Leergut und Altpapier

Völlig glücklich, den Schein beim ersten Versuch bestanden zu haben und nun eine ganz neue Freiheit zu besitzen, wollte ich meine zu Hause wartende Mutter ein bisschen „foppen“. Mit hängenden Schultern und traurigen Augen stieg ich die Stufen zu unserer Wohnung hinauf. „Ist doch alles halb so wild, dann schaffst du es halt beim nächsten Mal“, sagte sie tröstend und nahm mich in den Arm. „Hey, nicht so wild, du zerdrückst ja meinen Führerschein!“ rief ich und präsentierte ihr das rosafarbene Dokument. Heissa, war das eine Freude. Mein Leben wäre ab jetzt ein anderes und das begann damit, dass ich erst einmal Leergut und Altpapier mit dem Auto wegbringen durfte. Ganz ehrlich? Diese Freiheit hatte ich mir ein bisschen anders vorgestellt. Es war ein bisschen seltsam, plötzlich keinen Menschen mehr auf dem Beifahrersitz zu haben, aber seine Stimme war oft bei mir, wenn ich fuhr. Nun werde ich mal recherchieren, ob er die Fahrschule noch führt und vielleicht werde ich ihm diesen meinen Bericht zukommen lassen. Schließlich kann man sich auch mehr als 25 Jahre später noch erneut für die gute Zusammenarbeit bedanken, oder? Vielleicht sollte ich mich auch mal bei meinem Mathelehrer bedanken. Ich werde euch auf dem Laufenden halten.

Liebe Grüße,

herzlichst Steph ❤

2 Kommentare zu „Führerschein Teil 2

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