Ein total verrückter Morgen

Von Schokoflecken auf dem Nachthemd, einer verirrten Biene, einem Kuchendebakel und wie dann doch noch alles gut wurde.

Manche Tage sind in ihrer Verrücktheit wirklich nicht zu toppen. Da passiert so Vieles gleichzeitig, dass man anschließend gar nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht. Vielleicht geht es aber auch nur mir so.

Der Geburtstag des besten Manns an meiner Seite stand an. Anders als ich flippt er deswegen nicht völlig aus. Für ihn ist eigentlich alles wie immer, nur mit Kuchen. Für mich stellt das eine Herausforderung dar, denn ich will ihm einen superschönen Tag bescheren, ihn aber auch nicht verschrecken. Nach über 20 Jahren Ehe haben wir uns hier und da schon ein wenig eingependelt, allerdings scheitere ich oft an meinen eigenen Ansprüchen und wenn dann noch meine Ungeduld, Hektik und Kopflosigkeit zusammenkommen, wird’s ein heftiger Mix, den ich da auszusüffeln habe. Aber alles der Reihe nach.

Der Mann, der sich seit 21 Jahren nichts wünscht, bekommt natürlich keinen großen Karton mit einem Nichts drin. Er sagt, er wünscht sich, dass ich gesund bin, aber ich werde krank, wenn ich mir den Kopf zermartere. Man kann doch nicht nur einen – nicht einmal selbstgebackenen – Kuchen auf den Tisch stellen und das war’s? Obwohl… bei meinen Koch- und Backkünsten ist es wahrlich schon ein großes Geschenk, dass der Kuchen aus dem Discounter um die Ecke kommt. Für dieses Jahr sollte es ein Regenbogenkuchen sein. Den gibt es aber nicht zu kaufen. Der Regenbogen hat für uns als verwaiste Eltern eine Bedeutung. Nele ging zu den Sternen, weil der liebe Gott eine Regenbogenanstreicherin für die Farbe Gelb brauchte. Der Regenbogenkuchen, den ich im Internet sah, sah so einfach aus. Man kauft einfach einen runden Kuchen, schneidet ihn in der Mitte durch, pinselt den Halbkreis mit Glasur ein und drückt bunte Smarties in der bestimmten Regenbogenfarbenreihenfolge hinein. Links und rechts noch Marshmellows, um Wolken darzustellen. Würde ich schaffen, würde ich hinbekommen. Lassen wir mal außen vor, dass ich übersehen hatte, dass die Glasur auf dem Foto aus dem Internet hellblau war. Merkt wenigstens ihr euch das, ich war mit meinem Kopf schon wieder überall und nirgends, als Ralf und ich einkaufen waren….

„Du kannst ja schon mal die anderen Einkäufe holen, ich muss da eben nochmal bei den Süßigkeiten was schauen“, sagte ich, als wir vor seinem Geburtstag zusammen im Supermarkt waren. Als wir uns schließlich in Gang fünf bei der Tiernahrung trafen, hatte ich den Arm voll mit Smarties, Snickers, Schokoglasur (!), Schokoschaumküssen und Marshmellows. „Was willst du denn mit Marshmellows, die essen wir doch gar nicht?“ fragte das zukünftige Geburtstagskind. Dass ich Smarties, Schaumküsse, Snickers und Schokoglasur (!) in den Armen hielt, als hätte ich zwei Babys auf dem Arm, war für ihn scheinbar völlig normal. „Sind für den Nachbarn“, log ich situationsbedingt. Na klar, als würde ich unserem 81-jährigen, obstliebenden Nachbarn einfach mal ’ne Tüte Marschmellows vor die Tür stellen. Ich Doofie. Aber gut, der Ralf fragte nicht weiter nach und wir gingen zur Kasse.

Blutdruck rauf, Blutdruck runter

Der Geburtstagsmorgen war gekommen. Der beste Mann an meiner Seite hatte sich den Wecker auf eine andere Uhrzeit als sonst gestellt. Das hatte ich zuvor nicht gewusst und es brachte mich nun ins Schwitzen. Zum Glück wusste ich, dass er zu gerne noch einmal die Schlummertaste seines Weckers drückt. Auf leisen Sohlen bewegte ich mich durchs Schlafzimmer. Schnell noch das gekippte Fenster geschlossen, damit kein Vogel, kein Rasenmäher, kein Geräusch von außen seinen Schlaf stören und ich alles in Ruhe vorbereiten könnte. Ich hielt die Luft an und atmete erst wieder aus, als ich die Schlafzimmertür hinter mir geschlossen hatte. Puuuh. Jetzt bloß keinen Hustanfall bekommen und auf keinen Fall auf dieses eine quietschende Dielenbrett im Flur treten. Erstmal ins Badezimmer. Dort bemerkte ich, dass meine Anziehsachen ja noch im Schlafzimmer waren. Dort hinein könnte ich nun, nachdem ich es äußerst leise heraus geschafft hatte, nicht erneut gehen. Ich nahm mir also meinen Strickmantel, der am Haken im Badezimmer hängt und zog ihn an. Nachthemd, Strickmantel und barfuß. Das war nicht mein einziges Problem, bemerkte ich, als ich mich im Spiegel ansah. Dort glotzte mich ein blaugrünäugiges gerupftes Huhn an. Ich erschrak und riss schnell die Badezimmerschränke auf, um diesen Zustand zu ändern. Schnell ein wenig Stylinggel ins Haar, um das Vogelnest auf meinem Kopf in etwas Würdiges zu verwandeln. Mist, zu viel von dem Gel. Nun sah ich aus wie Heintje, der seiner Mama ein Lied singen wollte. „Wie krieg ich das jetzt wieder weg?“ rief ich mir in Gedanken hektisch zu. Ein Geräusch aus dem Schlafzimmer ließ mich kurz aufhorchen. War das Geburtstagskind etwa aus seinem Schlummerfunktionstastenschlaf ganz wach? Ich sage euch, ich habe Ohren wie ein Luchs, das ist eine Funktion, die mir als Erzieherin im Kindergarten schon sehr oft sehr gut geholfen hat. Das Geräusch verklang. Nochmal Puh. Der Blutdruck konnte sich wieder normalisieren.

Ab in die Küche. Erstmal Kaffee kochen. War ja klar, dass gerade jetzt die Kaffeedose leer war. Ich hab ja sonst nichts zu tun. Wenn der beste Mann an meiner Seite aufwachen würde, dann sollte doch schon alles fertig sein und herrlich duften. Als ich den Küchenschrank öffnete, hinter deren Tür die neue Kaffeepackung stand, purzelten mir diverse Tupperschüsseln entgegen, die ich neulich nach dem Ausräumen aus der Spülmaschine genervt in den Schrank gestopft hatte. Während ich leise kleine Flüche ausstieß und die Tupperschüsseln nebst Deckeln vom Fußboden aufklaubte, sumselte eine verirrte Biene um mich herum. Auch das noch. „Psssst!“ sagte ich zu ihr und öffnete leise die Küchentür, um zu horchen, ob der beste Mann an meiner Seite noch schlummerte oder bereits hellwach war. Doch es war noch alles ruhig in Sleeproomcity. Puh! Ausatmen. Der Kaffee kochte in der Maschine und der zu verzierende Kuchen war auch schon aufgetaut. Da musste nur noch die Glasur drauf. Und die Smarties. Nach all der Aufregung beschloß ich, eine klitzekleine Pause einzulegen. Dafür nahm ich mir eine Tasse Kaffee und schlich ins Arbeitszimmer, wo ich am PC online die Nachrichten des Tages kurz überblättern wollte.

Die verirrte Biene

Ich saß gerade eine Millisekunde, da hörte ich die Biene, die sich eben noch mit mir in der Küche befand, bei mir im Arbeitszimmer sumseln.

Aber nicht von außen, wo sie sonst am gekippten Fenster in ihr Loch im Rahmen flog, sondern innen. Zum besseren Verständnis: Vor Tagen ist diese Biene bei uns eingezogen. Sie wohnt in einem Loch im Fensterrahmen des Fensters, das den ganzen Tag auf Kipp steht. Morgens, mittags und abends kann man hörend sehen, wie sie ihre Einkäufe nach Hause trägt. Genau wie ich kocht sie wohl nicht gern, jedenfalls dampft es nie aus ihrem Loch. Nun hing sie an der Fensterscheibe und fand den Ausgang nicht mehr. Online die Zeitung überfliegend hoffte ich inständig, dass sie selbst wissen würde, wo es wieder rausging. Tat sie aber nicht. Sie benahm sich wie ich mit sechs Jahren im Spiegelkabinett auf dem Rummel. Immer schön mit Anlauf vor die Scheibe. Also nahm ich schnell alle Pflanzenkübel von der Fensterbank herunter, öffnete das Fenster und sagte ihr, sie solle fliegen. Doch das tat sie nicht. Hing einfach am Fensterrahmen wie ein nasser Sack. Das arme Tier hatte vermutlich vor Aufregung ähnliche Blutdruckprobleme wie ich. Ich nahm einen kleinen Notizzettel aus dem Block auf dem Schreibtisch und schob ihn ihr unter den Hintern. Es klappte. Sie setzte sich drauf und flog alsgleich in die Freiheit. Puh!

Viele viele bunte Smarties

Wieder in der Küche öffnete ich den Küchenschrank und holte eine große Packung Smarties daraus hervor. Man weiß ja, wie schnell Kuchenglasur hart wird, also sortierte ich die Smarties erstmal schnell nach Farben. Schmunzelnd erinnerte ich mich, dass mir meine Mutter damals mit Smarties die Farben beibrachte. Aus dem Schlafzimmer noch immer Ruhe. Gott sei Dank. Oder taumelte Ralf in der Dunkelheit umher und fand wie die Biene eben den Ausgang nicht? Man wird ja nicht jünger. Egal, ich brauchte Zeit. Als ich die Smarties fertig nach Farben sortiert hatte, bemerkte ich entsetzt, dass ich zu wenig gelbe hatte. Wie gut, dass ich noch eine zweite Packung gekauft hatte, doch auch mithilfe derer ließ sich kein gelber Halbkreis bilden. Was machte ich denn jetzt nur?

Derweil kochte das Wasser im Topf und die geschlossene Glasurpackung schwappte darin wie ein sehr lebendiger Fisch. Ich schnappte mir mein Handy, auf dem ich ein Foto des Regenbogenkuchens gespeichert hatte und schaute es an. Schließlich müsste es ja nicht original wie auf dem Foto aussehen. Mein Blick fiel auf die hellblaue Glasur des Internetfotos. Häää, was war denn das? Wie die Zuschauerin eines Tennisspiels bewegten sich meine Augäpfel zwischen dem Foto mit der hellblauen Glasur und dem Topf mit der tiefbraunen Schokoglasur hin und her. Augengymnastik am Herd. Warum hatte ich denn nur Schokoglasur gekauft? Ich hätte schreien können. Zu wenig gelbe Smarties und nun auch noch eine falsche Glasurfarbe. Mein Herz pochte laut. Im Schlafzimmer war es zum Glück immer noch ruhig. Mit allen Fingern meiner linken Hand trommelte ich gegen meine Stirn, auf dass mir nun ein schlauer Gedanke käme. Und ja, es funktionierte. Hatte ich nicht neulich einen Schmetterlingskuchen gesehen? Aufgeregt blätterte ich – im Nachthemd und barfuß in der Küche stehend – auf meinem Handy das Internet durch. Zack, da war er. Alles, was es brauchte, hatte ich da. Ich schnitt den runden Kuchen in der Mitte durch, drehte beide Halbkreise in die entgegengesetzte Richtung, sodass sie wie Flügel aussahen, verteilte die Schokoglasur darauf und drückte die Smarties darauf. Als Kopf und Körper dienten Minischaumküsse, die Fühler bildeten zwei Schokomikadostäbe. Schon wieder stieß ich ein großes Puh aus. Anschließend ging ich ins Schlafzimmer und weckte den beste Mann an meiner Seite. Leider war ich so aus der Puste, dass ich nur mein Handy singen lassen konnte. „Wie schön, dass du geboren bist“ tönte es lautstark aus dem Smartphone. Ich tanzte dazu einen von mir spontan ausgedachten Tanz der eventuell dafür verantwortlich sein könnte, dass es danach zwei Wochen regnete. Das Geburtstagskind freute sich, es strahlte über’s ganze Gesicht, während es seinen Kaffee trank. „Was hast du da für einen Fleck?“ fragte es und zeigte auf mein Nachthemd, wo sich in Brusthöhe ein Schokoglasurfleck gebildet hatte. „Blut und Schweiß!“ hätte ich zu gerne erschöpft geantwortet. „Das ist mein Herz aus Schoko“, sagte ich lächelnd. Meine Schwiegermutter hatte eine pralle Tüte vor die Tür gestellt, meine Mutter ein Geschenk per Post geschickt und viele Freunde hatten auf verschiedenen Wegen gratuliert. „Was magst du heute machen?“ fragte ich und setzte mich leicht derangiert neben ihn. „Ins Fischerdorf“, sagte er und das war wahrlich ein supertoller Gedanke.

Kleingeld und Kuckuck

In unserer schönen Stadt befindet sich ein kleines Fischerdorf. Dort stehen viele kleine „Hobbithäuser“, so betitelte es unser fränkischer Freund, als er im Sommer hier war. Wir parkten unser Auto und gingen zu Fuß ins Naturschutzgebiet Schellbruch. Eine Schwanenfamilie mit Babys zog ihre Kreise im Wasser, der warme Wind streifte über das Schilf und in der Ferne hörten wir einen Kuckuck. Und nun passierte etwas, was ich in über 20 Jahren Ehe von Ralf noch nicht gekannt habe: Er schaute auf seine Uhr, griff in seine Hosentasche und berührte das sich darin befindliche Kleingeld. „Was machst du da?“ fragte ich interessiert und auch ein bisschen sorgenvoll. War er nun, da er ein Jahr älter wurde, im Begriff, sonderlich zu werden? Hättet ihr gewusst, was dahinter steckt? „Wenn man den ersten Kuckuck im Jahr hört, muss man sich die Uhrzeit merken und mit Kleingeld in der Tasche klimpern, dann bekommt man einen Geldsegen“, erklärte er mir. Das fand ich toll und würde es mir merken. An manchen Stellen konnten wir nur hintereinander gehen und ich konnte mir ein wenig vorstellen, wie es wohl wäre, würde man pilgern. Es war einfach schön, die Schönheit der Natur um sich zu haben und seine Gedanken wie Wolken an einem vorbei fliegen zu lassen. Nach diesem hektisch aufregenden Morgen war es eine solche Wohltat, nun hier zu sein. Nicht mehr an die leere Kaffeedose, den verhunzten Kuchen oder den Stress denken. Alles abschütteln und den Seelentank bis oben hin mit schönen Erlebnissen füllen. Unbeschreiblich herrlich. Nach einem ergiebigen Spaziergang im Naturschutzgebiet gingen wir den Weg zurück und erreichten die Häuserzeilen des Fischerdorfes. Die dort wohnenden Menschen werkelten in ihren Gärten, sie grüßten freundlich und widmeten sich dann wieder ihrer Arbeit. Ein Mann telefonierte und sagte, er werde morgen früh wieder Heringe haben. Ein anderer hängte Fischernetze zum Trocknen auf, eine junge Mutter stillte – in einem Schaukelstuhl im Garten sitzend – ihr Baby. Was für eine Idylle. Und das war nicht mal alles. In all den Gärten fand sich eine Blumenpracht, die ihres gleichen suchte. Perlhyazinthen, Tulpen, Rosen und Löwenzahn blühten an jeder Ecke. Man wusste gar nicht, wo man zuerst hinschauen sollte. Gerade, als wir am Ende des Weges, der übrigens für alle Passanten frei zugänglich ist, angekommen waren, verdunkelte sich der Himmel. Es begann zu regnen und so gingen wir wieder zu unserem Auto zurück. Die ganze Autofahrt hinüber fand ich keine Worte für all die Schönheit, der ich gerade begegnet war. Diverse Fotos auf meinem Handy zeugten davon, dass wir wirklich dort gewesen waren, an diesem Kleinod der Ruhe. Der ganze Stress war wie weggefegt. Unserer Hausbiene aus dem Loch im Fensterrahmen hätte es dort sicherlich auch gut gefallen. „Wir kommen aber nicht erst wieder hier her, wenn jemand von uns Geburtstag hat, oder?“ fragte ich in die Stille hinein. „Ganz bestimmt nicht“, sagte das Geburtstagkind und zwinkerte mir zu. „Vom Geldsegen des Kuckucks kaufen wir uns dort ein Haus.“

Ich wünsche euch viele schöne Momente, die im Herzen bleiben. Bleibt gesund oder werdet es.

Herzlichst Eure Steph ❤

4 Kommentare zu „Ein total verrückter Morgen

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