Wohnungswechsel

Eines vorweg: Ich mochte mein Kinderzimmer sehr gerne. Die Tapete mit den kleinen Wölkchen drauf, der grüne Kleiderschrank mit den aufgeklebten Märchenfiguren, mein Bett, das ich mir mit mehreren Kuscheltieren teilte, mein kleiner Elektroherd, der tatsächlich funktionierte und auf dem ich mir – unter Aufsicht meiner Mutter – manchmal kleine Salamischeiben in einer Minipfanne braten durfte. Und dennoch war da der Gedanke, im Alter von fünf Jahren, autonom zu werden und in eine eigene Bude zu ziehen.

Das Objekt meiner Begierde war ein großer Karton von Elektronic Partner. Das Problem war, dieser Karton gehörte nicht mir. Ich hatte ihn auf dem Dachboden entdeckt, als ich mit Sabine, die im gleichen Haus wie ich wohnte, spielte. Wir liebten den Dachboden, obwohl es dort oben oft stickig und sehr heiß war. Dort fanden wir Spielsachen, die unsere Mütter dort hin verfrachtet hatten. Angeblich weil wir eh nicht mehr damit spielten. Wir saßen gerade auf dem staubigen Boden und griffen einem weißen Hai ins Maul. Dort heraus musste man verschiedene Dinge bergen und wenn er dann nach einem Zufallsprinzip das Maul zuschnappen ließ, hatte diejenige verloren, deren Hand dazugehörte. Sabine war zwei Jahre älter als ich und ging mit ihren sieben Jahren bereits zur Schule. Sie hatte ganz oft sehr gute Ideen und ebenso ganz oft ganz schlechte. Die schlechte war, in den rosafarbenen Eimer mit Deckel zu pieseln. Der Eimer gehörte ihrer Mutter und diese nutzte ihn zur Reinigung des gemeinschaftlichen Treppenhauses. Während Sabine über dem Eimer hockte und mir weiß machen wollte, dass sie es nicht mehr die zwei Etagen runter bis ins Badezimmer ihrer Eltern geschafft habe, um dort zu pinkeln, sah ich den Karton im hinteren Eck des Dachbodens. „Da war unser neuer Fernseher drin“, antwortete sie mir, die gar keine Frage gestellt hatte und zog sich ihre Hose wieder hoch. „Willste mal sehen?“ Ich nickte stumm. „Dann komm mit runter“, rief sie die Treppenstufen herunter springend. Doch ich blieb oben und näherte mich dem Karton. Den hatte ich schließlich gemeint, als ich genickt hatte. Er wäre perfekt für eine eigene Wohnung. „Darf ich den haben?“ fragte ich Sabine, die die Treppen wieder herauf gekommen war, als sie bemerkt hatte, dass ich ihr nicht folgte. Sie zuckte nur mit den Schultern. Abends im Bett konnte ich nicht einschlafen. Ich wollte diesen Karton haben.

Mein erster eigener Karton

Zwei Tage später hatte mein Betteln und Flehen ein Ende. Der Karton stand in meinem Zimmer und war bezugsfertig. Mein Bruder hatte mit einem Cuttermesser eine Tür und zwei Fenster für mich hineingeschnitten. Meine Mutter brachte mir Gardinenstoff und die Kiste mit den Wachsmalstiften, damit ich mein Haus nach eigenen Wünschen verschönern konnte. Ich malte eine Türklingel und eine Hausnummer darauf, stopfte Kissen hinein, klebte lustige Aufkleber auf die Innenwände und überlegte, was noch fehlte. Hmmm. Es war zwar schön in meinem Haus, aber alle anderen waren so weit weg. Ich beschloß, dass ich mit meinem Haus umziehen müsste. Ich zog es aus meinem Kinderzimmer heraus den Gang über den Flur und stieß die Tür zum Wohnzimmer auf. Dort saß mein Bruder vor’m Fernseher und schaute „Formel Eins“, die Musikshow mit Stefanie Tücking. „Du spinnst doch!“ sagte er lapidar, als ich mein Haus in der Nähe des Sofas rückwärts einparkte, und schaute weiter fern. Mir egal, genauso wollte ich es haben. Die Abende in meiner Hütte waren toll. Ich war zwar nah bei meinen Lieben und dennoch ganz für mich. Tür auf, Tür zu. Kam etwas im Fernsehen, was ich gerne sehen wollte, verließ ich mein Haus und kletterte auf die Couch. Kam etwas, was ich nicht sehen wollte, schloß ich meine Tür und blinzelte ab und zu durch’s Fenster, um zu sehen, ob Mama und Michael mich vermissen würden. Es war ein schönes Leben als Hauseigentümerin. Ärger gab es, als ich die Fussmatte unserer Wohnung ins Wohnzimmer schleppte, um sie vor mein Häuschen zu legen. „Die Fussmatte bleibt da, wo sie war!“ sagte meine Mutter. Ich rebellierte nicht, denn der Sommer war über’s Land gekommen und meine erste eigene Bude war plötzlich nicht mehr so aufregend wie zu Beginn.

Draußen schlafen

Nahezu den gesamten Sommer verbrachten Sabine, die anderen Nachbarskinder und ich draußen, wo wir Gummitwist, Verstecken, Fangen oder Hüpfekästchen spielten. Manchmal hievte Sabine den großen Sonnenschirm ihrer Eltern aus dem Betonständer und legte ihn ins Gras, wo ich schon mit zwei Handtüchern wartete, dann legten wir uns unter den Schirm und taten so, als wollten wir sonnend unsere Ruhe haben. Wir lagen jeweils nur kurz darunter, denn sobald eines der Nachbarskinder mit einem neuen Spielzeug oder einem Eis um die Ecke kam, waren wir wieder Feuer und Flamme für was Neues. Eines Tages hatte Sabine mal wieder eine tolle Idee, die sie mir zuflüsterte, damit die anderen davon nichts hörten. Ihre Idee hieß: Draußen schlafen. In einem Zelt. Im Garten. Ich schrie vor Freude laut auf und als Sabine mir ihre Hand auf den Mund hielt, gluckste ich. Draußen schlafen, das klang für mich nach einer neuen Stufe der Autonomie. Man könnte sich die ganze Nacht tolle Geschichten erzählen und keiner würde sagen, dass man das Licht ausmachen oder endlich schlafen solle. Yeaaah, das würde so toll werden. Zunächst gab es eine Hürde und die bedeutete, die Eltern zu fragen, ob man das dürfe. Als die Einwilligung dann endlich da war, gab es für uns kein Halten mehr. Sabines Papa baute uns das Zelt auf, pumpte Luft in die Matratzen und versicherte sich, dass die Heringe, die das Zelt halten sollten, in der Erde fest verankert waren. Wir liefen indes wuselig hin und her und schleppten allerhand aus unseren Kinderzimmern in das Innere des Zeltes. „Wir können nachts schaukeln“, rief Sabine völlig euphorisch. „Und wenn ein Fuchs kommt, dann haben wir auch ein Gewehr“, sagte ich und legte mein Holzgewehr neben meine Luftmatratze.

Die Sache mit dem Fuchs

beschäftigte mich schon lange. Ein Mitarbeiter der örtlichen Raiffeisenbank hatte mir einen Fuchs als Kuscheltier geschenkt. „Weil er so ein Rotfuchs ist wie du“, sagte er und zwinkerte mir zu. Ich verstand kein Wort, bedankte mich nett und nahm den Fuchs entgegen. In meinem Bett bei den zehn anderen Kuscheltieren durfte er allerdings nicht nächtigen. Ich hatte mir mindestens 30 mal die „Häschenschule“ von Albert Sixtus vorlesen lassen und da war der Fuchs ein fieser Knilch, der im Gebüsch lauerte und die Hasen fressen wollte. Sowas wollte ich in meinem Bett nicht haben, weswegen er auf dem grünen Kleiderschrank liegend lauerte. Wenn das Licht dann gelöscht war, dann funkelten seine grünen Augen in der Dunkelheit und ängstigten mich. Es wäre ein leichtes gewesen, meiner Mutter zu sagen, dass ich diesen Fuchs nicht bei mir haben wollte. Allerdings dachte ich, dass ich das aushalten müsse, um meine Angst zu besiegen und so blieb er dort oben liegen. Nun, beim draußen schlafen mit Sabine würde mir ein echter Fuchs nichts anhaben können, ich hätte ja mein Holzgewehr.

Hochschaukeln

Nachdem wir unser Zelt so richtig schön gemütlich eingerichtet hatten, saßen wir auf unseren Schaukeln und planten die Nacht. Ach, was wir nicht alles tun würden. Im Schlafanzug durch die Hecke auf das Nachbargrundstück laufen und dort den hoffentlich noch angeschalteten Farblichtbrunnen bewundern, zum Beispiel. Oder bei Müllers durch’s Fenster schauen und für Kinder verbotene Sendungen im TV mit anschauen. Es war, als stünde uns eine sehr aufregende Nacht bevor und in unseren Erzählungen schaukelten wir uns beide gegenseitig so richtig schön hoch. Dann war der Abend gekommen und es wurde langsam dunkel. Meine Mutter brachte uns Tomaten- und Gurkenbrote ins Zelt und stellte eine Flasche Sprudel daneben. „Jetzt musst du aber gehen“, sagte Sabine nicht sehr freundlich und meine Mutter fragte, ob ich nochmal Pippi machen müsste. Kopfschüttelnd biß ich in mein Gurkenbrot und ließ mir von Sabine die Sprudelflasche reichen. Mit Brot und Sprudel im Mund schaute ich meiner Mutter nach, die sich auf dem Weg ins Haus noch ein paar mal umdrehte und uns zuwinkte. Während es immer dunkler wurde, dämmerte mir, dass ich heute keine Gute Nacht-Geschichte, kein Gebet und keine weitere Umarmung bekommen würde. Die abendliche Gymnastik, die meine Mutter wegen meiner angeborenen kranken Wirbelsäule mit mir veranstaltete, würde ausbleiben. Ich würde nicht eben mal rufen können, wenn ich was brauchte, denn ich war nicht da oben in meinem Zimmer, sondern hier unten im Garten. Das Gras, auf dem wir barfusslaufend durch die Nachbarhecke laufen wollen würden, war kalt und nass. Ich zog mein Bettzeug ganz nah an meine Nase heran und überlegte, was meine Mama und mein Bruder jetzt wohl machten. Zum Abendessen tranken wir sonst heißen Tee und ich hatte hier nur eine Flasche Sprudel ohne mein geliebtes Trinkglas mit dem spiralförmigen Strohhalm. So langsam fing es an, mir nicht mehr zu gefallen, im Garten zu schlafen, doch wie sollte ich mich der dominanten Sabine offenbaren, ohne als Feigling dazustehen? Doch auch Sabine wurde ruhiger, und als die Batterien ihrer Taschenlampe schwächelten, da wurde es dann richtig ruhig. „Biste noch da?“ flüsterte sie lachend. Ich hielt den Finger in die Höhe, um ihr anzuzeigen, dass ich sehr wohl noch da war, aber gerade nicht reden wollte, denn… es machte sich etwas breit in mir. Weil wir kein Licht in unserer kleinen Zeltbehausung hatten, konnte sie meinen erhobenen Finger nicht sehen und so tat sie, was was sie nicht hätte tun sollen, sie stupste mich an und rüttelte an mir. In meinem Bauch rüttelte es aber schon genug. Mit meinem Fingerzeig, der nie gesehen wurde, wollte ich aufzeigen, dass ich gerade nicht gestört werden möchte, denn… mir kam mein Gurkenbrot wieder hoch. Tapfer schluckte ich ein, zweimal runter, aber dann wollte mein Körper nichts mehr zurückhalten und ich erbrach mich.

Die Nachbarschaft ist wach

Meine Bettdecke, Sabines Schlafsack, die Luftmatratzen und alles, was sich noch so in dem Zelt befand, war mit meinem Mageninhalt bedeckt. „Frau Bigge, Frau Bigge, du musst kommen die Stephi hat gekotzt!“ rief Sabine, die das Zelt fluchtartig verlassen hatte, quer durch den Garten. Das war eine doofe Idee, denn meine Mutter saß im zweiten Stock unseres Wohnhauses entweder vor dem Fernseher oder in der Badewanne. Ihr aufgeregtes Geschrei hatte zur Folge, dass in der Nachbarschaft mehrere Rolläden hochgezogen, Gardinen zur Seite geschoben und Fenster geöffnet wurden. „Die kleine Bigge mal wieder, was? Neulich hat sie meinen Sohn verprügelt. Geschieht ihr recht, wenn sie nun kotzt!“ rief Herr G. Hässig aus seinem Fenster. Ich stöhnte, krabbelte aus dem Zelt und legte meine heißen Kopf ins nasse Gras. Ja es stimmt, ich hatte seinem Sohn vor kurzem etwas angetan und später von meiner Mutter das gehört, was ich eh schon wusste. Nämlich, dass das nicht gut war. Der Sohn von Herrn Hässig hatte mir beim Spielen unvermittelt mit Absicht in den Rücken getreten. Mir, der im Alter von sechs Wochen eine angeborene Skoliose diagnostiziert wurde. „Entweder Gipsbett oder wöchentliche Krankengymnastik“, stellte der Arzt damals fest und so fuhr meine Mutter mit mir wöchentlich zur Praxis eines Physiotherapeuten. Es tut weh, wenn die Knochen sich im Körper verbiegen und die Wirbelsäule ein S bildet. Und es ist superätzend, wenn ein Nachbarskind, das die Schwachstelle an meinem Körper kennt, mir mit Absicht und Wucht da hinein tritt. Nun lag ich also stöhnend im Gras und hörte, dass ich es verdient hätte. Wie fies konnte man sein? Ich lenkte mich ab und überlegte, ob Sabine es bis zu meiner Mutter geschafft hatte oder ob sie bereits gemütlich vor dem Fernseher saß und mich hier unten vergessen hatte.

Wärmende Liebe

Da erschien mit schnellen Schritten meine Mutter. Es ist eine tolle Leistung des Gehirns, wenn man – obwohl noch so jung – an den Schritten erkennt, dass es die eigene Mutter ist, die da in Clogs angelaufen kommt und einem zärtlich über das Gesicht streichelt. Sie nahm mich auf den Arm, brachte mich nach oben, setzte mich in die mit heißem Wasser befüllte Duschwanne und holte in der Dunkelheit alle Sachen aus dem Zelt, um sie zu säubern. Während ich meinem Badekumpels, dem kleinen Entchen Schnatter und den Mainzelmännchen Det & Edi von meinen Erlebnissen berichtete, bezog meine Mutter das Bett neu, knipste das kleine Lämpchen neben meinem Bett an und stellte mir ein Glas zu trinken auf den Nachttisch. Allen im Bett liegenden Kuscheltieren hatte sie, wie sie bezeugte, vorab einen Gute Nacht-Kuss gegeben. Das glaubte ich ihr zwar nicht, allerdings war ich zu matt, um ihr irgendwas zu entgegnen. Mit den Worten „Jetzt kommt die Wolke“ warf sie meine Bettdecke in die Luft und als diese sich auf meinen Körper legte – so frisch duftend und rein – da fühlte ich wie alles Blöde des Tages von mir abperlte. Morgen wäre ein neuer Tag und alles Erlebte dann vergessen. Und was war mit meiner Autonomie? „Ich will bei euch wohnen bleiben und heute mal alleine beten“, sagte ich und ja, das war auch ein schönes Erlebnis.

Kinder wollen gerne selbstständig sein und sich dennoch in der Sicherheit wiegen, dass man sie auffängt, wenn etwas schief läuft. „Es ist alles nicht so schlimm, wie du denkst“, „Morgen kommt ein neuer Tag“ und „Ich liebe dich“ sind Sätze, die man gerne hört, wenn etwas nicht so gelaufen ist, wie man es gerne gehabt hätte. Egal wie alt man ist und von wem diese tröstenden und hilfreichen Worte kommen. Sie sind für die eigene Seele ein wunderschönes Schutzschild für alles, was uns an Erlebnissen begegnet.

Ich wünsche euch von Herzen eine schöne neue Woche.

Herzlichst Steph ❤

6 Kommentare zu „Wohnungswechsel

  1. Liebe Steph, mit dieser süßen Geschichte kann man den Abend ausklingen lassen. Toll erzählt. Ich konnte das wie in einem Film vor mir sehen. Also meiner Meinung nach könnte man aus deinen Kindheitserinnerungen glatt so etwas wie ein Pippi Langstrumpf Buch machen. Und Sabine war auch mal wieder dabei :-). Und eine tolle Mama. Herrlich. Vielen Dank dafür und einen schönen Abend für euch, Monika

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