Hilfsbereitschaft

Helfen oder nicht helfen? Das war für mich noch nie eine Frage. Niemals.

Es birgt hier und da Gefahren, denn andere können die eigene Hilfsbereitschaft ausnutzen, nicht anerkennen oder immer wieder für sich beanspruchen. Letzendlich spach ich mit meinem Therapeuten darüber, der mir eine Antwort gab, die mir anfangs so gar nicht gefiel…

Der Motor springt nicht an

Vergangenen Montag ist dem Ralf und mir etwas passiert. Nichts Schlimmes, wie ihr gleich lesen werdet, es war eher ärgerlicher Natur. „Kommst du mit, ich will eine Kiste Cola holen“, sagte und fragte der Ralf. Wir stiegen in unser Auto, welches vor unserer Haustür geparkt stand. Leere Kiste Cola auf den Rücksitz, Ralf und ich vorne, Türen zu, Schlüssel ins Schloß, um zu starten und … nichts. Dreimal drehte Ralf den Schlüssel, aber der Motor blieb stumm. „Das ist die Batterie, die hat neulich schon so komisch gemacht“, sagte er und überlegte kurz. „Soll ich unseren Nachbarn von nebenan fragen, ob er uns Starthilfe gibt?“ fragte ich in die Stille, denn anders als bei unserem Auto war mein Helfermotor schon wieder am Tuckern. „Er steht doch da“, sagte ich und wartete auf eine Reaktion von Ralf. In der Tat stand unser Nachbar keine fünf Meter von uns entfernt angelehnt an sein Gartentor und roch an einer Blume. „Lass mal, ich rufe den Pannendienst“, antwortete Ralf und suchte in seinem Handy nach der Telefonnummer. Da sah ich unseren Nachbarn winken und etwas rufen. Na also, er wird uns fragen, ob er helfen kann, dachte ich und öffnete die Tür, um zu hören, was er zu sagen hatte. „Fahrt ihr weg?“ war seine ernüchternde Frage. „Nein, unser Auto springt nicht an, weil die Batterie leer ist“, klagte ich. „Ach so!“ sagte er, drehte sich um und ging wieder in sein Haus. Ich war so baff, dass mir die Worte fehlten. Wie ein Fisch ohne Wasser schnappte ich nach Luft, weil mir diese, seine Reaktion unmöglich erschien. Als ich meine Worte wiederfand, konnte ich sie nicht aussprechen, da Ralf inzwischen jemanden vom Pannendienst am Ohr hatte. „Er kommt in 20 Minuten und wird die Batterie aufladen“, sagte Ralf und griff in sein Portemonnaie, um fünf Euro Trinkgeld für den Helfer, der uns gleich aufsuchen würde, bereitzuhalten.

Der Pannendiensthelfer freute sich darüber, dass Ralf unter der Motorhaube schon alles für ihn vorbereitet hatte. Er tankte die Batterie mittels eines kleinen Köfferchens auf, gab uns noch ein paar Tipps und düste mit seinem Pannenmobil wieder davon. Als wir auf der Autobahn fuhren und die Rapsfelder in schneller Geschwindigkeit an uns vorbeirauschten, da dachte ich erneut über meine Hilfsbereitschaft nach…

Kein Geld

Vor Kurzem erst waren wir in einem Penny-Markt einkaufen. Während der Ralf seinen Zettel durchging (er studiert am Wochenende Werbeprospekte, vergleicht Preise und schreibt die Angebote auf), schaute ich hier und da nach Dingen, die mir besonders ins Auge fielen. Da sah ich einen Jungen, circa 16 Jahre alt, durch die Gänge laufen. Er hatte Trisomie 21, eine Beeinträchtigung, die besser bekannt als Down-Syndrom ist. Vor dem Regal mit der Schokolade blieb er stehen und schaute alle Sorten durch. „Boah, Crisp, wie lecker!“ rief er schließlich und nahm sie aus dem Regal. Fünf Minuten später stand er vor uns an der Kasse und legte eine Tüte Chips und die Crispschokolade auf das Band. Die Kassiererin nannte ihm nach dem Abscannen der Waren den Preis und da verdunkelt sich sein freundliches Gesicht ganz plötzlich. Er hatte zu wenig Geld dabei und würde die Schokolade dort lassen müssen. „Kein Problem, ich zahl‘ das!“ rief ich schnell und gab der Kassiererin das nötige Geldstück. „Cool, danke“, sagte der Junge, packte seine Sachen und ging fröhlich von dannen. Ich zehre von solchen Erlebnissen, denn es gibt nichts Schöneres, als anderen Menschen eine Freude zu bereiten und ihnen zu helfen. So sehe ich das. Wie könnte ich denken, dass es sein Problem ist, zu wenig Geld zu haben? Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mich gut in seine Lage hineinversetzen konnte. Meine Mutter war alleinerziehend, und da der Mann, mit dem sie zwei wunderbare Kinder hat, Kindesunterhalt nur sporadisch zahlte, hatten wir immer wenig Geld. Mein Highlight bestand damals darin, mir alle 14 Tage von meinem Taschengeld im Edeka-Markt unseres Dorfes eine „Bravo“ und eine Tafel Crispschokolade zu kaufen. Mehr brauchte ich nicht, um zufrieden zu sein. Es wäre allerdings schlimm für mich gewesen, dieses liebgewonnene Ritual sausen zu lassen, und so war es klar, dass ich dem Jungen seine Schoki bezahlte.

Krach, Bumm, Bäng

Ein unschönes Erlebnis hatte ich vor ein paar Jahren. Ich kam mit dem Rad gerade von der Arbeit und ging noch schnell zur Sparkasse, um dort Geld vom Projektkonto abzuheben. Die Teilnehmerinnen unseres Kurses bekamen ihr Busgeld von uns bezahlt, um ihnen die Teilhabe am Kurs leichter zu gestalten. Die dreistellige Summe verstaute ich in meinem Rucksack und schwang mich wieder auf mein Rad. Ich war kaum zehn Meter gefahren, da krachte, schepperte und ratschte es ganz laut auf der Hauptverkehrsstrasse neben mir. Eine Motorradfahrerin und ein Autofahrer waren bei voller Fahrt aufeinandergestoßen und die Motorradfahrerin lag nun ungeschützt und offensichtlich verletzt auf der Straße. Keine Sekunde habe ich überlegt, als ich meinen Rucksack vom Rücken zog, ihn in meinen Fahrradkorb warf und selbiges ins Gras schmiss, um zu der verunfallten Person zu rennen. Ein anderer Passant war da schon bei ihr und brachte sie in die stabile Seitenlage, eine weitere Frau rief den Krankenwagen und ich regelte den Verkehr. Mitten auf der Straße stehend und die Autos jeweils rechts und links vorbei winkend, schaute ich schließlich auf die Menschenmenge, die auf den Bürgersteigen stand und Fotos knipste. Es bleibt beim Guten, dass sie mir meinen Rucksack mit dem Geld nicht geklaut haben. Das ist vielleicht ein fieser Gedanke von mir, aber wer eine vor Schock und Schmerzen zitternde Frau sich selbst überlässt, um davon noch Fotos zu machen, dem traue ich jede andere Schandtat auch noch zu.

Und manchmal rutscht man in die Hilfsbereitschaft rein

Eine kuriose Begegnung hatte ich vor Jahren mit der Polizei. Nach einem anstrengenden Arbeitstag mit Überstunden wegen einer Supervision war ich einfach nur glücklich, mit dem Rad den Heimweg antreten zu können. Deswegen ließ ich Regeln Regeln sein, als ich eine kleine Holzbrücke mit dem Rad befuhr, statt abzusteigen, wie es das Verkehrsschild mir anzeigte. Ich war gerade in der Mitte der Brücke angekommen, da sah ich einen Polizeibus mit quietschenden Reifen am Ende der Brücke halten. Eine Polizistin stieg aus dem VW-Bus und stellte sich mit den Händen in den Hüften auf. Mein geliebter Opa hat mir das Fluchen stets verboten, und dennoch rutschte mir ein leiser Fluch heraus, als ich sie da auf mich warten sah. Was würde mich der Spaß nun kosten? Wäre unser jährlicher Dänemarkurlaub in Gefahr? Hatte ich überhaupt Bargeld dabei? Kaum hatte ich das Ende der Brücke (in Nürnberg gibt es übrigens eine Brücke die Henkersteg heißt) erreicht, sprach die Polizistin schon zu mir. Sie: „Ich möchte bitte ihren Ausweis sehen, um ihnen einen Strafzettel wegen einer Ordnungswidrigkeit auszustellen, da sie mit einem Fahrrad eine nur für Fussgänger erlaubte Brücke überquert haben, was nach Straßenverkehrsordnung § pipapo eine Ordnungswidrigkeit darstellt und gehe stark in Annahme, dass Sie das auch wissen!“

Während ihres Monologs kramte ich in meiner Tasche, gab ihr stumm meinen Ausweis und hielt mein Bargeld bereit.

Sie (gereizt): „Was jetzt?“

Ich (irritiert): „Wie, was jetzt“? (ich wusste echt nicht was sie meinte)

Sie: „Wissen sie, dass sie gerade ein Ordnungswidrigkeit begangen haben?“

Ich: „SIE haben mir doch bereits unterstellt, dass ich es wissen müsste.“

Sie: „Und?“

Ich: „Ja, ich weiss es.“

Sie: „Und dann tun sie es trotzdem?“

Ich: „Ja, das ist die richtige Schlussfolgerung.“

Sie: „Müssen sie schnell wohin oder haben sie gedacht, es ist mir egal?“

(War das jetzt ein Fifty-Fifty-Joker? Könnte ich jemanden anrufen?)

Ich: „Sie haben recht, ich muss schnell wohin. Es war falsch, das zu tun und ich werde das Geld hier und sofort bezahlen.“

Sie: „Und morgen werden sie wieder über diese Brücke fahren?“

Ich (empört über diese Unterstellung): „Natürlich nicht, sie haben mich doch soeben belehrt, dies nicht nochmal zu tun!“

Sie: „Was haben Sie eigentlich für eine ablehnende Haltung mir gegenüber?“

Während sie mir irgendwas von einem Bescheid erzählte, den ich noch zusätzlich bekommen könnte, wenn ich „so weiter machte“, war ich mit meinen Gedanken gerade bei unserem Kontostand und überlegte, ob ich es mir leisten könnte, nun noch etwas zu sagen. Mein Kämpferinnenherz siegte und so setzte ich alles auf eine Karte:

Ich: „Hören sie, ich finde ihren Ton einfach überhaupt nicht angemessen. Ich habe etwas Falsches gemacht, sie haben mich erwischt, ich habe sie nicht angelogen, sondern habe ehrlich geantwortet.“

Sie: „Was gefällt Ihnen denn an meinem Ton nicht?“ (Gefährlich, hier zu antworten, aber mein Herz sprach und der Verstand kam nicht hinterher….)

Ich: „Ich finde ihren Ton herablassend und der Situation gegenüber überhaupt nicht angemessen. Ich bin mit dem Rad über eine Fussgängerbrücke gefahren, das war nicht in Ordnung, weil mich ein Schild darauf hinweist, dass es nicht erlaubt ist. Ich habe Ihre „Anzeige“ sofort und ohne Protest hingenommen und halte nun schon seit fünf Minuten mein Portemonnaie in der Hand, um die dafür vorgesehene und berechtigte Strafe zu zahlen. Ich weiß gerade echt nicht, warum sie in ihrem Ton mir gegenüber für mein Empfinden hart und, wie schon gesagt, herablassend mit mir sprechen. Über das Ausmass meiner Ordnungswidrigkeit können wir sicher diskutieren, weil ich es nämlich weitaus weniger gefährdend finde, mit meinem Fahrrad auf der Brücke einem Fussgänger zu begegnen und „umzuradeln“, als in einem Auto mit 120 km/h durch die Altstadt zu düsen. Ich wohne an einer Hauptverkehrsstrasse und erlebe da einiges. Wie gesagt, ihr Ton war echt nicht angemessen und ich weiß gar nicht, warum sie so zu mir reden.“

Stille……. was würde nun wohl passieren. Ich gebe zu, dass ich ein klein wenig Muffensausen hatte.

Sie (tief Luft holend): „Nach einem langen Arbeitstag voller Verkehrssünder sehe ich auch mal Rot und dann steht es mir bis zum Hals!“

Ich: „Ja, das kann ich gut verstehen. Jeden Tag das gleiche und die Leute lernen nicht daraus.“

Sie: „Jaaaa! Und dann heißt es: ja, hab ich gewusst und trotzdem tun sie es.“

Ich: „Das kotzt einen irgendwann an, nee? Das ist absolut verständlich. Würde mir auch so gehen. Das wäre für mich in ihrer Situation auf jeden Fall ein Thema für die nächste Supervision.“

Sie: „Supervision? Sie glauben doch wohl nicht ernsthaft, dass wir die bekommen?“

Ich: „Naja, aber sie brauchen das für ihren Beruf, der ja nun …“

Sie: „Wissen sie, wieviele Überstunden wir seit dem G8-Gipfel hier in Lübeck haben und was es den Rest schert?“

Ihre Augen blitzten gefährlich und es schien, als wäre sie schon wieder auf Betriebstemperatur hochgekocht.

Ich: „Nee, is klar…. Verstehe ich. Auf eine Supervision würde ich zukünftig dennoch pochen. Es kann doch nicht wahr sein, dass man sie und die Kolleg:innen so alleine lässt. Aber wissen sie was? Ich arbeite für das Autonome Frauenhaus und sehe täglich Frauen und Kinder, denen Gewalt angetan wurde. Und trotzdem finde ich Männer ja nicht komplett daneben. Nur eben die, die solche Straftaten begehen. Eine gute Supervision hilft ihnen sicher, damit besser klarzukommen.“

Sie (räuspernd): „Na gut, dann wünsche ich noch einen guten und sicheren Heimweg. Lassen sie das Geld mal stecken, es bleibt bei einer Verwarnung.“

Ich sage euch, wenn ich einen Schnittlauchtee dabei gehabt hätte, hätten wir diesen gerne in ihrem Polizeibulli auf’m Gaskocher aufbrühen und bei trockenen Käsecrackern über ihre Situation sprechen können, aber ich wollte es nun auch nicht übertreiben.

Übertrieben hat es hingegen eine Bekannte, die uns im Sommer besuchte und sich nach mehreren Tagen, in denen wir sie fürstlich mit Sightseeing, täglichem Frühstück und Unterhaltungsprogramm versorgten, nicht mehr meldete. Ich erzählte meinem Therapeuten davon und dieser riet mir, in Zukunft besser abzuschätzen, wem ich helfe und welchen Aufwand ich bereit wäre, zu geben. Sollte ich jetzt also gar nicht mehr helfen? Mir war es bislang, egal ob ich Nachbarn, Bekannten, Fremden, Bekannten, Verwandten oder Freunden helfe, und nun also nur noch Auserwählten?

Wie könnte ich das mit meinem Christ sein in Verbindung bringen?

Es war das erste Mal nach langer Zeit, dass ich ihn überhaupt nicht verstand und mit einem Knoten im Kopf nach unserer Stunde die Praxis verliess.

Gott schickt Hilfe

Zu unserem großen Glück besuchte uns zu dieser Zeit ein alter Freund, der im Hauptberuf Pfarrer und für uns der beste Auszubildende Gottes ist. Einer, mit dem man tatsächlich über Gott und die Welt reden und philosophieren kann. „Normalerweise gehe ich nach jedem Termin bei meinem Psychologen frisch und aufgeräumt aus der Praxis. Aber nachdem er mir sagte, ich solle meine Hilfsbereitschaft auf den Prüfstand stellen, habe ich einen dicken Knoten im Kopf und weiß nicht, wie ich diesen lösen kann. Und wie ist es für mich als evangelisch-lutheranische Christin mit dem Gebot der Nächstenliebe überhaupt vereinbar, nicht zu helfen?“ fragte ich ihn eines Abends. „Weißt du, liebe Steph“, sagte er da, „Jesus ging auch manchmal ganz allein seiner Wege. Die Anderen fanden das vielleicht blöd oder arrogant, aber er wußte für sich, dass er ab und an Zeit braucht. Denn nur wenn es einem selbst gut geht, kann man für andere da sein.“ Ich hätte ihn am liebsten auf der Stelle ganz fest umarmt, denn in meinem Kopf ploppte es und der Knoten war gelöst. Ich wusste, dass es nicht fies war, wenn ich nicht wie sonst sofort springen würde, wenn jemand Hilfe wollte. Abwägen würde ich und das wäre okay. Denn seien wir mal ehrlich, manche Menschen brauchen weniger Hilfe, als dass sie sich mal einfach nur was von der Seele reden müssen. Wenn ich hingegen von einem Problem höre, springt mein Helfersyndrommotor sofort an und rattert alle möglichen Lösungsvorschläge durch, bis es qualmt. Ja, daran würde ich arbeiten müssen und das dauert momentan noch an. Wie unser Auto mit der kaputten Batterie muss ich mich als „Mechanikerin“ betätigen und mich ein klein wenig anders „einstellen“. 😉

Ich wünsche euch eine schöne Vorsommerzeit mit reichlich Sonnenschein.

Herzlichst Steph ❤

4 Kommentare zu „Hilfsbereitschaft

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