Sonnenbrand

Seit ein paar Tagen scheint von morgens bis abends die Sonne über unserer kleinen Stadt und das lässt mein Herz hüpfen, denn ich mag den Sommer sehr. Viele Fenster unserer Wohnung sind den ganzen Tag lang geöffnet, eine leichte Brise Wind weht ab und zu herein und der Balkon lädt zum Spaß machen ein. Kleine Flaschendeckelbötchen kreisen dort in einer transparenten Schüssel, bunte Windräder drehen sich, ein selbstgebastelter Frosch blickt grinsend rüber zu den Nachbarn und meine Seifenblasenmaschine ist wieder sehr aktiv. Es wäre alles wunderbar, wäre da nicht meine helle Haut…

Rote Haare, Sommersprossen

Das erste Mal, als meine Haut so richtig brannte, war ich sieben Jahre alt und mit meiner Freundin Sabine alleine im Schwimmbad. „Creme dich ja ein!“ sagte meine Mutter mahnend, als ich mit Bastmatte und Rucksack die Haustür verließ. „Ja ja“, gab ich ihr kurz zur Antwort und verdrehte die Treppe hinunter hüpfend meine Augen. „Hut auf!“ rief meine Mutter aus dem Fenster, während wir unsere Fahrräder aufschlossen. Nochmal ein genervtes Augenrollen. „Mach ich im Schwimmbad!“ log ich und fuhr mit Sabine davon. Ich hasste den Hut, den ich im Sommer stets tragen sollte. Es war ein Schlapphut aus Jeansstoff, dessen Ränder über meine Ohren und Augen wippten, wenn ich lief. Nachdem mein großer Bruder, selbst blond und überhaupt nicht so anfällig mit seiner Haut wie ich, mal im Schwimmbad einschlief und einen heftigen Sonnenstich mit nach Hause brachte, hatte ich schon ein bisschen Achtung vor der Sonne. Aber wie das nunmal so ist: Als Kind muss man erst selbst merken, wie schmerzhaft die Sonne sein kann. Erst dann britzeln die Synapsen und man erkennt den Fehler, den man tat. Sabine und ich stellten unsere Räder am Schwimmbad ab und rannten zum Eingang des Schwimmbads. Wir hörten vor Freude quietschende Kinder, anspringende Wasserduschen und das typische Rattatong der Sprungtürme. Vom Einmeterbrett winkte uns eine Schulfreundin zu. Nervös trippelnd stellten wir uns, die Saisonkarte in der Hand haltend, am Kassenhäuschen an. Was dauerte das denn alles so lang? Genervtes Augenrollen zum dritten Mal an diesem noch so jungen Tag. Dann war es endlich soweit. Wir entrollten unsere Bastmatten, zogen unsere Kleidung aus (die Badeanzüge hatten wir selbstverständlich schon darunter an) und liefen durch das Gras ins Schwimmbecken. Wir rutschten, sprangen, planschten und schwommen durch das kühle Nass, als gebe es keinen Morgen. Nach einer dreiviertel Stunde im Wasser gönnten wir uns einen kleinen Snack in Form von Butterkeksen, dann ging es sofort wieder rein ins Wasser. „Musst du dich nicht eincremen?“ fragte Sabine nach unserem zweiten Bad. Dass sie besorgt war, kannte ich von ihr nicht, aber wahrscheinlich sah sie da schon, was ich noch nicht sah. Meine Haut wechselte wie ein Stimmungsring bereits die Farbe von Weiß zu Rot. „Lass mal Pommes essen!“ sagte ich und so gingen wir zum Kiosk, um Pommes „rot/weiß“ zu essen. Nach einem sehr erfüllten Schwimmbadtag ohne jegliches Augenrollen schwangen wir uns auf die Räder, um nach Hause zu fahren. Als wir durch ein kleines Waldstück fuhren, bemerkte ich, wie mir plötzlich sehr kalt wurde. Zitternd trat ich in die Pedale, um schnell wieder im Sonnenlicht fahren zu können, so sehr fror ich. „Wie siehst du denn aus?“ rief meine Mutter, als sie mir die Wohnungstür öffnete. Ich konnte nichts erwiedern, so matt fühlte ich mich. „T-Shirt aus!“ forderte sie, doch auch dazu war ich zu kaputt. „Ach du meine Güte!“ hörte ich. Ich schaute mich im Spiegel an und war auf einmal wieder hellwach. Meine Schultern waren über und über mit dicken roten Blasen übersät. Unweigerlich musste ich an Toast Hawaii denken, denn wenn dieser im Backofen war, dann bildete sich über dem Ananasring immer eine große Käseblase. Das was ich hier hatte, war aber alles andere als lecker und tat irre weh.

Ein Star am Straßenrand

Eine Woche später fuhren wir an den 20 Kilometer entfernten Bugasee. Das war immer ein großes Highlight, denn das ganze Auto war dann vollgepackt mit einer Luftmatratze, meinem Schwimmtier, einer Kühltasche und einem Grill. Wir würden den ganzen Tag dort bleiben und Kartoffelsalat und Frikadellen mit Senf essen, Würstchen grillen, planschen und wunderbar viel Spaß haben. Auf dem Weg dorthin hielten wir plötzlich an einer Landstrasse. Das war eine Zeit, in der ich als Kind immer hinten in meinem Römer Peggy Kindersitz saß und spielte, dass ich das Auto lenken würde. Der plötzliche Stopp mitten auf der Landstraße verwirrte mich. Was war da los? „Das gibt’s doch nicht, das ist doch der Dieter. Der Thomas. Der Heck!“ sagte meine Mutter und tatsächlich, auf der Straße kam uns der Mann, den mein Bruder und ich aus der Hitparade kannten, auf einem Fahrrad entgegen. Er war nicht allein, eine Entourage aus Manager:innen, Presseleuten und Freunden begleiteten ihn. Wie wir später erfuhren, war das eine Benefizradtour für das Projekt „Ein Herz für Kinder“. Aufgeregt stiegen wir aus und begrüßten den Star aus dem Fernsehen. Während mein Bruder sich Autogrammkarten geben ließ, zog ich schnell mein lilafarbenes Jamaica-T-Shirt aus und zeigte Dieter Thomas Heck ganz stolz meine Sonnenbrandblasen. Ich sage euch, ich hatte noch wochenlang Schmerzen auf den Schultern und konnte deswegen nur leichte Shirts tragen, aber dass Herr Heck meine Heldenblasen gesehen hatte, das machte das Ganze dann doch nicht so sinnlos. Vielleicht würde er ja jetzt sogar Werbung für Sonnenmilch machen. Ganz ernst würde er in die Kamera blicken und mit erhobenen Finger und dem obligatorischen Goldkettchen am Arm sagen, dass sich Kinder im Sommer unbedingt gut eincremen müssen. Dann würde er von mir erzählen und wie tapfer er mich fand, damals am Straßenrand…

Der weiße Handschuh ohne Glitter

Nun bin ich schon seit sehr vielen Jahren erwachsen und dennoch ist das Erste, was mir meine Mutter stets vor meinem Urlaub schenkt, eine Flasche Sonnencreme Lichtschutzfaktor 50 plus. „Hast du dich auch eingecremt?“ fragt sie, wenn wir ihr per SMS schreiben, dass wir gut in Dänemark angekommen sind. Einmal war es so, dass Ralf und ich mit offenem Dachfenster von Deutschland nach Dänemark fuhren. Es war nur ein kleines Dachfenster, aber es reichte, um mir meinen linken Arm zu verbrennen. Ich sah aus wie ein Fernfahrer, der den ganzen Tag seinen Arm lässig aus dem Führerhaus hängen lässt. Nur dass mein Arm nicht braun, sondern knallrot war, denn als Rothaarige werde ich nur rot und niemals braun. Daher kam ich in einem Jahr mal auf die Idee, es mit Selbstbräuner zu versuchen. Das Zeug stank so sehr, dass sich Mücken, Bremsen und anderes stechendes Krabbeltier von mir fernhielt. Nach dem Duschen föhnte ich mich nur trocken, denn ich wollte die Bräune aus der Tube keinesfalls wieder mit dem Handtuch abrubbeln. Endlich sah ich mal aus, wie all die anderen gebräunten Menschen, die ich im Sommer am Strand traf. Als wir in Dänemark auf unserer Lieblingsinsel ankamen, betraten wir das gemietete Häuschen und das war alles andere als sauber. Weil ich im Urlaub generell Ärger daheim lasse und sowieso von der wunderbaren Gelassenheit der Dän:innen angesteckt werde, machte es mir gar nichts aus, das Haus zu putzen. Als es zu regnen begann, verteilten Ralf und ich Spülmittel auf die Außenfenster und schauten von innen lachend zu, wie der Regen unsere Arbeit übernahm und das Fenster säuberte. Nachdem es aufgehört hatte zu regnen, setzten wir uns auf die Terrasse und genossen unseren ersten Urlaubstag. Dann kam die Sonne hervor und ich sah, was mir vorher verborgen blieb: Meine Hände waren weiß wie Schnee, also wie immer. Das musste daran gelegen haben, dass ich soviel geputzt und somit die Bräune an meinen Händen abgewaschen hatte. Na super. Die tagelange Bräunungsvorbereitung war für die Katz‘. Ich sah aus wie Michael Jackson mit seinen weißen Handschuhen, nur ohne Glitzer. Einmal so wie alle anderen sein – das konnte ich mir wohl abschminken beziehungsweise abrubbeln.

In der Wüste

An einem Tag waren wir in der Wüste. So nennen wir es, wenn wir auf der Insel Fanø den Strandabschnitt namens Søren Jessens Sand betreten. Der Strand auf Fanø darf mit dem Auto befahren werden, nicht aber Søren Jessens Sand. Wenn man dort ist und bis zur Nordspitze hochläuft, dann ist man circa 2,5 Stunden unterwegs und trifft keine Menschenseele. Der Sandstrand wird immer breiter und es finden sich dort unglaublich viele Muscheln an. Wir haben Austern gefunden, die so groß wie der Kopf eines neugeborenen Säuglings waren und Muscheln, die in ihrer Schönheit einzigartig sind. Einmal habe ich sogar einen Tierknochen dort oben gefunden. „Der ist bestimmt von einem Wal“, rief ich Ralf aufgeregt zu. In meinen Gedanken würden mich Reporter besuchen, ich würde in Talkshows eingeladen und von der dänischen Königin zum Tee mit Kippe gebeten. Wir würden viel Geld bekommen und müssten nie wieder um unseren Urlaub bangen. Als wir ein Foto des Knochens zum Seefahrtmuseum nach Esbjerg schickten und diese anschließend die genauen Maße des Knochens haben wollten, da war ich schon fast ohnmächtig vor Freude. Letzendlich war es dann aber doch nur ein Kuhknochen. Die Verwunderung darüber, wie der Knochen dort hin kam, blieb jedoch. Natürlich hatte ich mich vor unserer großen Tour durch Søren Jessens Sand ordentlich mit Sonnencreme eingerieben. Meine Mutter wäre stolz auf mich. Stundenlang wateten wir mit kurzer Hose /kurzem Rock barfuss durch die warme Nordsee. Ab und zu machten wir sitzend ein Päuschen im Sand und schauten glücklich und zufrieden auf das glitzernde Meer.

Da merkte ich wie meine Beine brannten. Wenn ich mich kratzte, blieben da weiße Streifen. Ein aufkommender Sonnenbrand, kreisch. „Aber du hast doch deine Sonnencreme im Rucksack“, sagte Ralf. „Nein Ralf, habe ich nicht!“ schrie ich aufgeregt. Einmal ist mir die Sonnenmilch nämlich mal im Rucksack ausgelaufen und es roch darin wochenlang nach Kokos, ohne das da ein leckeres Bounty drin war. Ich liebe Bounty und immer wenn ich den Rucksack öffnete, dann hatte ich Appetit darauf. Was das angeht, bin ich wie der Pawlowsche Hund. Mein Hirn brauchte zu lange, um zu merken, dass es veräppelt wurde. „Ich hab eine Idee“, rief ich plötzlich und stampfte tief ins Wasser hinein. Der Ralf wartete gespannt. Er kennt mich ja schon ewig und freut sich meist, wenn ich eine tolle Idee habe. Im Wasser angekommen ließ ich die Wellen gegen meine Beine schwappen, dann ging ich an den Strand und rieb mir meine Beine mit Sand ein, welcher auch hervorragend an mir kleben blieb. Na gut, nun sahen meine Beine zwar aus wie panierte Mozarellasticks, aber wenigstens waren sie vor Sonnenbrand gefeit und hier oben in der Wüste würden wir erfahrungsgemäß sowieso auf keine Menschenseele treffen. Es half ein bisschen aber ehrlich gesagt war ich froh, als wir wieder an unserem Auto ankamen und ich schwor mir, die Sonnenmilch zukünftig in einem Zippbeutel auslaufsicher in meinem Rucksack zu verstauen.

Du bist schön so wie du bist

…das sagt mein Mann mir immer wieder. Er liebt meine Haare, deren Farbe ihn an Bernstein erinnern und alles andere auch. Dennoch jammerte ich noch ein wenig meiner verschwundenen Bräune hinterher. Wenn ich mit kurzer Hose vor einer weißen Wand stehen würde, könnte man den Eindruck gewinnen, ich hätte meine Beine weggezaubert. Aber alles war besser als ein Sonnenbrand. Die Haut vergisst so etwas nicht. Der Regen passte gut zu meiner verhagelten Stimmung. Da hatte Ralf die Idee, eines der vielen Museen auf der Insel zu besuchen. Dort staunten wir über die vielen schönen Trachten der Inselbewohner:innen. Sie waren zum Teil sogar im Gesicht bedeckt. „Warum war das so?“ fragte ich mich und bekam die Antwort auf einer Tafel zum Nachlesen. Es galt dort früher nämlich als unschick, wenn man gebräunte Haut hatte und so schützten sich die Insulaner:innen bei ihrer Feldarbeit mit Masken, die sie im Gesicht trugen. Blässe ist vornehm, braune Haut nicht. Ich konnte es gar nicht glauben und freute mich. Wie eine feine Dame ging ich erhobenen Hauptes aus dem Museum raus und fühlte mich plötzlich ganz anders. Befreiter, schicker und fröhlicher denn je. Merke: Jeder Mensch ist auf seine Weise schön und was dem einen nicht gefällt, findet der andere ganz wunderbar.

Ich wünsche euch eine schöne neue Woche.

Herzlichst Steph ❤

2 Kommentare zu „Sonnenbrand

  1. Juhu, ich bin die Erste, die das Sternchen angeklickt hat :-). Tolle Idee, die Beine mit Sand zu bekleiden. Da muss man erst einmal drauf kommen. Und das weißt du sicher auch, dass die dunkle Haut schneller altert und auch viel älter aussieht :-). So bleibst du immer schön und jung. Innen und außen :-). Liebe Grüße, Monika

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