Die laufende Bratwurst

„Ralf?“

„Ja?“

„Das Gefieder von Flamingos ist doch rosa, weil sie Krebse fressen, die Carotinoide enthalten, stimmt’s?“

„Ja.“

„Aber welche Farbe hätte ihr Gefieder wohl, wenn sie Blaubeeren fressen würden, wären sie dann blau?“

Zugegeben es war vielleicht nicht so schlau, dem Ralf diese Frage während eines EM-Fußballspiels zu fragen, aber durch meinen Kopf huschen stets so viele Gedanken, dass ich mich am liebsten gleich drum kümmere, damit der Speicherplatz in meinem Kopf wieder freie Kapazitäten hat….

Die kranke Ente

Ich schaue unglaublich gerne Fußball. Solidarisch mit dem Ralf bin ich 1. FC Nürnberg-Fan, aber seit dem viel zu frühen Tod meines Bruders, der ein riesiger Gladbach-Fan war, drücke ich inzwischen auch den „Fohlen“ die Daumen. Wenn ich in meiner Jugend einen Jungen kennenlernte, dann fragte ich zuerst, welche Sportarten er bevorzugte. Mit Leuten, die Formel 1 schauten, das war mir klar, würde ich nichts anfangen können. Meine Kindheit habe ich oft auf der Tribüne unseres Dorfsportplatzes verbracht, weil mein Bruder dort als Spieler im Tor stand. Zu Europa- oder Weltmeisterschaften sitze ich mit Blumenkranz in schwarz-rot-gold auf dem Kopf im Schneidersitz auf dem Sofa und schwenke die Deutschlandflagge. Dieses Jahr habe ich extra ganz viele Maoams gegessen, weil in deren Verpackung schwarz-rot-goldene Tattoos versteckt waren. Diese klebte ich mir auf Hände und Füße, um auszudrücken, dass ich voll und ganz hinter diesen Jungs stand. Auch meine Baguettetröte, die sich anhört wie eine kranke Ente, kam zum Einsatz. Wenn nämlich EM oder WM ist, dann holt der Ralf eine große Tasche vom Dachboden. In dieser Tasche sind Trommeln, Fähnchen und alles, was man braucht, um so richtig in Fussballstimmung zu kommen.

Im Safariland

Unvergessen die WM 2002 als ich von der Arbeit nach Hause fahren wollte und auf dem Nürnberger Plärrer an einer Ampel halten musste, da sie Rot zeigte. Die Türkei hatte eines der Spiele für sich entschieden und sofort brach auf dem Nürnberger Plärrer der totale Jubel aus. Glückliche, feiernde Menschen tanzten auf dem Platz, sie umarmten sich, sangen Lieder und schwenkten ihre Fahnen. Mich, die in einem kleinen roten Opel Corsa sitzend an der Ampel stand und auf Grün wartete, nahmen sie auch wahr. Sie rüttelten an meinem Auto, schenkten mir Luftküsse und riefen durch das offene Fenster, ich solle hupen, hupen, hupen. Ich war noch nie im Safariland Stukenbrock, aber so müsste es sich anfühlen, wenn man mit dem Auto an Giraffen, Elefanten und Affen vorbeifuhr. Sie schaukelten mein Auto hin und her und selbst als die Ampel Grün zeigte, konnte ich nicht weiterfahren, da der gesamte Plärrer von feiernden, sich auf der Straße befindenden Menschen belagert war. Was andere vielleicht abschreckt, hat mich selbst total entfacht. Zusammen feiern und glücklich sein, das fand ich schon immer toll. Vielleicht habe ich da auch ein bisschen was von meiner Mutter, die sich ebenfalls wie ich leicht begeistern lässt. Die meisten Fanartikel aus unserer Dachbodentüte stammen von ihr. In diesem Jahr hat sie uns eine – Achtung! – 750 Gramm-Fantrommel geschenkt, die bis obenhin gefüllt mit Chips ist. „Für einen schönen Fussballabend“ hat sie mit Edding darauf geschrieben. Wir essen gar nicht so gerne Chips, aber die Trommel ist so toll, weil man darin später noch Sachen aufbewahren könnte. Ähnlich wie die Waschmitteltrommeln aus den 80er Jahren, in denen meine Legosteine lagen. Die Schwägerin meiner Oma hat uns Kindern diese Trommeln tapeziert, damit das Waschmittellogo nicht mehr zu sehen war. Wenn ich an meine Legosteine aus der Kindheit denke, dann habe ich immer noch ihren Duft – ausgelöst durch das Waschmittel, welches sich vorher darin befand – in der Nase.

Cornflakes und Milchtüten

Doch wie kam es nun dazu, dass ich während eines Fußballspiels der EM nicht gebannt auf den Bildschirm schaute und mitfieberte, sondern den Ralf nach den Flamingos fragte? Warum überhaupt musste ich bei Fußball stets an Essen denken und wann würde Ralf mir endlich meine Frage beantworten? Die Antwort ist leicht. Das Spiel, welches wir sahen, war einfach nur langweilig. Das hatte nichts von Profifußball, das sah aus, als würden sich Viertligisten auf dem Platz treffen, die die Nacht zuvor zuviel gefeiert hatten. Laaaaangeweilig. Es war die Partie Ukraine gegen Schweden. Sogar der Kommentator wäre fast eingeschlafen, so wenig Aufregendes passierte da. Mein stets waches Gehirn suchte sich andere Themen und fand sie alsbald. „Die Gelben sehen aus wie Cornflakes und die Blauen wie Milchtüten. Der Schiedsrichter in Rosa ist der Löffel“, gab ich meine Gedanken preis. „Hmmmmm!“ antwortete der Ralf. Ich hätte ihm auch ankündigen können, dass ich mir jetzt einen Pommeshut basteln und damit auf dem Balkon rumtanzen würde und es hätte die gleiche Reaktion gegeben. Lecker Pommes könnte ich ja auch mal wieder essen. Meine Güte, wo kam der Essensappetit beim Fußball schauen nur her? Ich überlegte…

Der lange Weg zur Wurst

Wie ich bereits schrieb, war ich schon als Kind auf dem Sportplatz. Ehrlich gesagt ging es mir nie darum, meinen großen Bruder Fußballspielen zu sehen. Ich mochte eher die Stimmung drumherum. Man konnte sich über die Metallbögen der Tribüne beugen und eine Affenschaukel machen. Oder eine leckere Bratwurst im Brötchen essen. Die Stadionwurst schmeckte so unfassbar gut. Ähnlich wie Freibadpommes. Die schmecken dort hundertmal besser als zu Hause, da kann man gar nichts machen. Wenn ich meiner Mutter nur lang genug auf den Keks ging, gab sie mir Geld. Das reichte für eine Fanta und eine Bratwurst im Brötchen. Um zu dem Bratwursthäuschen zu kommen, musste ich fast das Spielfeld umrunden. Über’s Spielfeld eine Abkürzung nehmen ging nicht, dass hatte ich versucht. Auf dem Weg zur Bratwurstbude traf ich viele Leute, die das Spiel verfolgen wollten. Manche sprachen mich allerdings an. Frau Müller aus unserem Edekamarkt wollte wissen, wie mir die Leberwurst neulich geschmeckt habe. Herr Doktor Gipsfuss informierte sich, wie es meinen Ohren ginge („bestens“ ) und Frau Schnipp vom Friseurladen Schnapp meinte, meine Haare wären schon wieder viel zu lang. Im Zickzack ging ich durch die Menschenmenge, beantworte höflich alle Fragen, ließ mir wie ein freilaufender Hund durchs Haar wuscheln und wollte doch nur endlich zu meiner Wurst kommen. Dann fiel endlich ein Tor, die Leute jubelten und ich hatte freie Bahn. In hungriger Vorfreude holte ich schon mal das Kleingeld aus meiner Tasche. Da traf ich auf meinen Deutschlehrer, der am Wochendende die Spiele der Mannschaften mit einem Mikro in der Hand kommentierte. Ob ich meine Hausaufgaben schon gemacht hätte, fragte er und hielt die Hand auf sein Mikro. „Schon längst!“ log ich dreist und wurde zur Strafe mit einem schlechten Gewissen belegt. Hatte der Mann keine anderen Sorgen? Der Duft von Bratwürsten auf dem Grill ließ mich tapfer weitergehen. Doch was war das? Das Spiel wurde abgepfiffen. 90 Minuten waren rum. Die würden jetzt doch nicht die Bratwursthütte schließen? Panik machte sich in mir breit. Erst das schlechte Gewissen, nun die Panik. Zuvor Smalltalk mit den Leuten aus dem Dorf. Ich war erst sieben und schon leicht überfordert. Eine saftige Wurst in einem knackigen Brötchen würde das schon wieder richten. Optimismus war mein Zweitname. Ich rannte, was das Zeug hielt. Aufkommenden Schweiß strich ich mir mit dem Handrücken meiner geschlossenen Faust (in der sich das Geld befand) von der Stirn. Dann erreichte ich endlich die Bude meines Glücks. Noch nicht geschlossen. Puh. Erleichterung. „Hier ist Geld für eine Bratwurst und eine Fanta“, hatte meine Mutter mir vor meinem Bratwurstmarathon gesagt. Doch nun, wo ich vor den vielen gegrillten Würsten stand, für deren Erwerb ich so viel getan hatte, wurde ich gierig. „Zwei Bratwürste im Brötchen“, rief ich atemlos Herrn Lösch, dem am Grill stehenden Feuerwehrmann, zu. „Nichts zu trinken dazu?“ fragte er freundlich. „Nö, im Essen ist ja auch Wasser!“ scherzte ich. In Wahrheit reichte es nicht mehr für eine Fanta. War mir auch egal, ich wollte diese Wurst. Sofort. Zweimal. Aber dalli! Dann war es endlich soweit. Geldstücke tauschten die Besitzer und ich hielt zwei Brötchen gefüllt mit Würstchen in der Hand. Aaaaaaah. Dort hinein zu beißen würde ein kulinarisches Fest werden…

Die laufende Bratwurst

Hätte ich nur genussvoll die Augen zugemacht, dann hätte ich nicht gesehen, wie meine Mutter aufgeregt die anderen Leute fragte, ob sie mich gesehen hätten. Aus einer Entfernung von mehreren hundert Metern konnte ich zwar nicht hören, was sie sagte, aber ihre Lippen lesen. „Wo ist sie denn schon wieder?“ fragte sie sich und andere. Ich hätte gerne „Hier!“ gerufen, aber mein Körper war, was das anging, ein wenig durcheinander. Erst hing mir nach meinem Gerenne um das Spielfeld herum die Zunge trocken am Gaumen und konnte aus Mangel an Geld nicht mit einer Fanta benetzt werden und nun, wo ich die Früchte meines langen Wegs endlich in den Händen hielt, war mein Mund vor lauter Appetit so voller Speichel, dass ich mich fast daran verschluckt hätte. Ein Dilemma. „Hast du meine kleine Schwester gesehen?“ hörte ich plötzlich die vertraute Stimme meines Bruders. Er sprach mit seinem Mannschaftskollegen. „Da hinten, die laufende Bratwurst!“ antwortete dieser und zeigte auf mich, die mit zwei Bratwurstbrötchen in der Hand ihrer suchenden Mutter entgegenlief. Die laufende Bratwurst, pah. Ich war so klein und dünn, dass meine Mutter mich bei Wind nicht gerne vor die Tür ließ aus Angst, ich würde vom Wind hinweggetragen werden. Und wenn schon, dann wäre ich mit meinen roten Haaren und der hellen Haut wohl eher eine Weißwurst. Ich verzieh ihm, dass ihm mein Name nicht einfiel und war glücklich darüber, dass meine Mutter mich nun gefunden hatte. Sie umarmte mich, als hätte sie mich tagelamg nicht gesehen und schmunzelte über die beiden Würstchen im Brötchen, die ich nicht gewillt war zu teilen. Dann kaufte sie mir noch eine Dose Fanta mit Strohhalm und zu dritt mit meinem Bruder gingen wir zufrieden nach Hause. Ich biss mal links, mal rechts in meine saftig knackigen Brötchen und fragte mich abends im Bett, wann das nächste Fußballspiel meines Bruders anstand. Hach, das Glück kann so klein sein. Das war also die Erklärung warum ich beim Fußball schauen so oft an Essen denke. Heute hat unser Herzensland Dänemark das Halbfinale erreicht und ich weiß auch schon, was es zu Essen gibt. Einen großen Teller Pølsemix.

Habt alle eine schöne neue Woche und denkt an das kleine Glück.

Herzlichst eure Steph ❤

4 Kommentare zu „Die laufende Bratwurst

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