Trash-TV

Was ist nur in mich gefahren? Ich habe es schon wieder getan. Dabei weiß ich doch, wie schlecht und schlimm das enden würde. Ich hätte es besser wissen können, und dennoch habe ich es getan. Ich habe mir Trash TV angeschaut…

Ein Haus in Thailand, heiße Temperaturen, Palmen und Menschen, die angeblich irgendwie prominent sein sollen. „Man kennt mich aus Formaten wie Temptation Island, Adam sucht Eva und den Bachelor“, sagt der eine. Ich kenne keines dieser Formate und das wird seinen Grund haben. Alle sind nebenbei Influencer:innen und wollen sich vor der Kamera von ihrer besten Seite zeigen. Influencer:innen sind Leute, die im Drogerimarkt oder anderen Läden Sachen kaufen und dann im heimischen Badezimmer die Produkte in die Kamera halten und testen. Beim Gedanken daran, wie ich zu Rewe gehe, mir dort eine Packung Toffifee kaufe und in die Kamera sage, wie lecker die sind, muss ich lachen.

Eigentlich ist alles schnell erklärt. Zwölf Menschen sitzen in der Villa am Strand und versuchen ihren Platz dort zu behalten. In kleinen Spielchen müssen sie in Gruppen gegen die anderen gewinnen. Jede Woche fliegen zwei „Stars“ raus und es kommen zwei neue hinzu. Dummerweise vergessen die Männer und Frauen allerdings, dass man den Hauch ihres Charakters in der Sendung erkennt und sie danach vermutlich weniger Follower haben, wenn sie sich doof benehmen. Alles verstanden?

Pupsende Frösche

„Warum hat die Frau da Froschschleim unter ihren Augen?“ frage ich den Ralf, als ich ins Wohnzimmer komme. Die Teilnehmerin heißt Jenefer. Nein, ich habe mich nicht verschrieben, sie heißt tatsächlich so. „Meine Eltern fanden den Namen schön, wussten aber nicht, wie er geschrieben wird“, sagt Jenefer und guckt lieb in die Kamera. Wie lange dauert eine Schwangerschaft? Hat man denn da wirklich keine Möglichkeit, sich vorher zu informieren wie der Name richtig geschrieben wird? Naja. Meine Mutter gab dem Mann, der mit ihr zwei wunderbare Kinder hat, nach meiner Geburt auch einen Zettel in die Hand, damit dieser mich beim Standesamt anmelden konnte. Stephanie mit PH!!! stand darauf geschrieben. Das hatte sie ihm zuvor schon hundert Mal gesagt, aber wie das so ist. Da schickt man den Mann zum Einkaufen, um eine Aubergine zu holen und er bringt eine Salatgurke mit. Ralf sagt, dass das kein Froschschleim unter ihren Augen sei, sondern ein Beautyprodukt. Ich staune. „Sie will damit schöner sein? Aber sie sieht aus, als hätte ihr ein Frosch ins Gesicht gepupst“, beklage ich mich. Der Ralf zuckt ratlos mit den Schultern.

Hinterschinken

Die Frauen in diesem TV-Format laufen fast alle nur mit einem Stringtanga und Bikinioberteil durchs Haus, die Männer mit nackten Oberkörpern. Ich bin bestimmt nicht prüde, aber wenn ich da am Tisch säße, würde ich alle bitten, sich mal etwas anzuziehen. Der Kochschinken beim Frühstück hat die gleiche Farbe wie das Hinterteil von Kanidatin Gina Lisa Lohfink. Gibt’s da nichts von Ratiopharm? Sonnencreme zum Beispiel? Ich finde es auf jeden Fall nicht berauschend, wenn eine Frau im Stringtanga sich bückt, um eine auf den Fußboden gefallene Gabel aufzuheben. Der Mann, mit dem meine Mutter zwei wunderbare Kinder hat, saß auch gerne in Unterhose am Tisch und schälte Zwiebeln für das Gulasch am Mittag. Vielleicht kommt daher meine leichte Abneigung für halbnackte Leute am Küchentisch. Vor allem sehen sie nicht ästhetisch aus. Die Busen sehen aus wie aufgepumpte Sofakissen, die kurz vor’m Platzen stehen, und die Bikinioberteile sind zehn Nummern zu klein. „Pack das mal ordentlich ein!“ möchte ich rufen. Ich denke an die Einkaufsnetze aus den 80er Jahren, mit denen mich meine Mutter zum Tante Emma-Laden schickte. Wenn ich die Einkäufe ungünstig einpackte und die Tomaten dann unten unter dem schweren Mehl lagen, dann glubschten die im Netz ebenso raus wie jetzt die Busen hinter den winzigen Bikinioberteilen der Teilnehmerinnen. Auffällig ist auch, wie oft sich die Frauen durch ihre spaghettiähnlichen Extensions (Haarverlängerung) streichen und die Busen hochschieben, als würden sie sonst auf dem Bauchnabel landen. Eine der Frauen trägt Creolenohrringe, die so groß wie Untertassen sind. Eine andere hat sogar große Rechtecke in ihren Ohrlöchern. Ich stelle mir vor, wie ich mit solchen Gebammsel an den Ohren durch den Ostseewind gehe und wie ich anschließend zwei Stunden brauche, um meine verknoteten Haare aus den Rechtecken zu befreien. In Thailand scheint kein Wind zu sein und das Glätteisen ist ja eh der beste Freund der Beautyqueens.

Gespräche mit Tiefgang

Einer der Männer hat weiße Ringe um die Augen, weil er bei den Strandspielen immer eine Sonnenbrille trägt und dort die Sonne nun mal nicht hinkommt. Nun schaut er eulenhaft zu seinen Mitinsassen und sagt Sätze wie: „Isch hab mit der Jenefer geredet, weil isch hab immer an der Jenny geklebt, aber jetzt habe isch so das Gefühl, die Jenny tut nisch mehr so an mir kleben.“ ISCH, MISCH, DISCH. Was ist das für ein Kauderwelsch, der da aus den Mündern kommt? Kann denn keiner mehr normal sprechen? Als ich im Kindergarten arbeitete, habe ich mal bemerkt, dass eines der Kinder ein wenig merkwürdig sprach und habe den Eltern empfohlen, mit dem Kind mal bei einem Logopäden vorstellig zu werden. Eine Woche später sagte mir die Mutter, dass der Logopäde auch sie in Behandlung genommen hat, da sie spricht, als hätte sie einen Klecks auf der Zunge. Das war mir zwar auch schon aufgefallen, aber ich fühlte mich nicht berufen, einer erwachsenen Mutter zu sagen, dass sie klecksig spricht. Das Problem bei dieser TV-Sendung ist allerdings nicht nur, wie die Teilnehmenden sprechen, sondern was sie da von sich geben. Hochtrabende Sätze wie „Was du bist und wie du wirkst ist eine andere Sache am sein“ und „Ich heiße nicht du!“ tun mir in den Ohren weh. Wenn ich könnte, würde ich mir den Froschschleim von Jenefer in die Ohren stecken, um sie mir zu verplomben. Hoffentlich haben die keine Kinder und müssen sie im Homeschooling betreuen. „Wir haben versucht, real zu spielen“, empört sich eine der Teilnehmerinnen und der selbsternannte „Checker vom Neckar“ Cosimo versteht nicht, warum ihn keiner kennt. Damit das nicht noch mal vorkommt, pupst er einer Kanidatin einfach mal ins Gesicht. Ich halte mir entsetzt das Kissen vor’s Gesicht und frage den Ralf, wann eine Werbepause kommt. Es ist schlimm und dennoch will ich es weiter anschauen. Mein Voyeurismus ist größer als meine eigene Schmerzgrenze.

Plüschebär

Mutter Wollny, die man deswegen kennen könnte, weil sie elffache Mutter von Kindern mit Namen wie Sarafina, Sarah-Jane, Estefania, Loredana, Lavinia, Calantha, Jeremy-Pascal… ist und eine eigene Sendung hatte, in der man den Familienallatg der XXL-Familie verfolgen konnte, ist noch eine der Normalen. Als sie die ganzen Hungerhaken in den Stripbikinis sieht, beschließt sie, erst mal etwas ordentliches zu kochen. Zum Frühstück gibt es, von ihr zubereitet, Hack mit Zwiebeln. Wer braucht schon ein Knäckebrot mit Frischkäse und Gurken, wenn er Hack mit Zwiebeln haben kann? Zwischendurch gönnt Mutter Wollny sich erst mal eine Zigarette, an der sie so stark saugt, als würde sie versuchen, mit einem Schlauch Diesel aus einem Benzinertank zu bekommen. Man kann schon froh sein, dass sie ihre Zigarette nicht während des Kochvorgangs raucht. Jedenfalls ist sie die einzige, die sich nicht ständig durch die Haare geht, sich den Busen hochschiebt oder an Intrigen bastelt. Naja, die Frau hat elf Kinder, die ist bestimmt einiges gewöhnt und braucht keine großen Dramen mehr. Wie ist sie wohl auf die Namen ihrer Kinder gekommen, frage ich mich. Es gibt da so einen alten Witz vom Plüschebär, kennt ihr den? Angeblich soll es sich wirklich so zugetragen haben, aber verifizieren konnte ich diese Meldung noch nicht. Ein Kind wird eingeschult und die Lehrerin fragt das Kind, wie es heißt. „Plüschebär“, antwortet das Kind. „So nennen dich bestimmt Mama und Papa, aber wie ist dein wirklicher Name?“ fragt die Lehrerin. „Plüschebär“, sagt das Kind erneut. Da lässt sich die Lehrerin sein Schulheft zeigen und dort steht in Großbuchstaben der Name PIERRE-GILBERT geschrieben. Ich denke daran, wie ich unbedingt am nächsten Tag meine Mutter anrufen und mich bei ihr für meinen normalen Namen bedanken wollte. Während die Teilnehmer:innen sich darum sorgen, wen sie aus ihren Reihen für einen Rauswurf nominieren sollen, sieht es aus, als würde Mutter Wollny sich Gedanken darüber machen, was sie am nächsten Tag kocht, und das ist tatsächlich mal was ganz Alltägliches in diesem Haus.

Schönheit liegt im Auge des Betrachters

Wenn das Bubblegirl spricht, müsste man eigentlich einen Untertitel einblenden, um damit mitzuteilen, wie sie sich fühlt. Denn ihr ganzes Gesicht ist so dermaßen vollgepumpt mit Botox, dass sich da mimikmäßig nichts mehr rührt. Ist sie taurig, ist sie verliebt oder schlecht gelaunt? Man weiß es nicht. Zuhören kann man ihr allerdings auch nicht, da sie sich gebärdet wie eine Absolventin der Rütlischule 2006. ISCH, MISCH, DISCH. Ihr operierter Mund sieht aus, als hätte sie ein Kinderplanschbecken im Gesicht, die Haare sind weiß und rosa und wenn sie Sätze sagt wie „Isch wollte nur sagen, isch hab disch nisch nominiert, aber isch hätte disch nominieren können“, dann weiß man nicht, ob man Mitleid mit ihr haben soll oder dankbar dafür, dass sie sich nicht vermehrt.

Denn was vermittelt man seinem Kind, wenn man von oben bis unten runderneuert ist? Bekommt das Kind beim ersten Aknepickel dann auch gleich eine Komplettbehandlung im Beautycenter verpasst? Darf denn eigenlich keiner mehr so sein wie er ist? Ich habe als Bildungsbegleiterin mal eine 17-jährige erlebt, die süchtig nach Sonnenstudios war. Sie sah unglaublich schlimm aus mit ihrer ledernen braunen Haut, konnte das aber selbst nicht bermerken, weil sie in ihrer eigenen Wahrnehmung beeinträchtigt war. Ich habe viele Deals mit ihr geschlossen, bis ich sie irgendwann überzeugen konnte, ihre Besuche auf der Sonenbank nach und nach zu reduzieren. Ein Trauerspiel in mehreren Akten.

Dieses „Isch hätte disch nominieren können, aber hab es nisch…“ ist übrigens das neue „Liebe Schwiegermutter, hier bekommst du den Deckel deiner Tupperdose wieder, bei dem du dachtest, er sei seit zwei Jahren verschollen gewesen. Jetzt freu dich mal!“ Eine der Kanidatinnen schaut mit Schlafzimmerblick im Raum herum. Später merke ich, dass ihre aufgeklebten Wimpern schuld daran sind, dass sie ihre Augen kaum noch aufkriegt. Wenn ich so zu meinen Freundinnen käme, würden sie mich fragen, ob ich krank wäre. Hier aber hagelt es großes Lob von den anderen Frauen. „Oh mein Gott, du bist so nice!“ An dieser Sendung ist alles so falsch, alles so künstlich und bemitleidenswert. Man kann nur hoffen, dass die Teilnehmer:innen sich irgendwann besinnen und merken, wie bescheuert sie sich (daneben) benehmen. Ich jedenfalls brauche jetzt dringender denn je ’ne Runde Bildungsfernsehen. Habt eine gute Zeit.

Herzlichst Steph ❤

3 Kommentare zu „Trash-TV

  1. Wunderbar beobachtet. Ich frage mich immer, wer will das oder die Leute überhaupt sehen, aber solche Sendungen schießen ja wie Pilze aus dem Boden. Und normal sieht da ja keiner aus. Zum Glück bin ich selbstbewußt, sonst müsste ich mich ja fragen, was stimmt nicht mit mir.
    Ganz liebe Grüße Annette

    Gefällt 1 Person

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