Der Schlümpfedoktor

Ich wusste nicht, wo es hinging, als meine Mutter mich ins Auto setzte und losfuhr. Sicherlich hatte sie es mir zuvor erzählt, aber als aufgewecktes Kind von fünf Jahren mit täglich neuen Eindrücken hatte ich es wohl vergessen. Vielleicht fuhren wir zu ihrem Frauenarzt. Wenn sie mich dorthin mitnahm, durfte ich meinen kleinen blauen Koffer packen. Duplosteine und Pixiebücher waren in meinem Gepäck, wenn wir mit dem Zug in die Stadt fuhren. Doch Moment mal!? Ich hatte keinen Koffer dabei und wir saßen im Auto. Hier stimmte doch was nicht…?

Nichts klebt!

Die ganze Autofahrt über redete und redete ich. Darüber, was im Kindergarten so los war, dass ich später noch mit Sabine spielen wollte und dass meine Strumpfhose mich im Schritt zwickte. Meine Mutter nickte mir ab und an durch den Rückspiegel zu und sagte ein paar Mal, dass sie sich auf’s Autofahren konzentrieren müsse. Also spielte ich hinten auf meinem Rücksitz, das auch ich Autofahren würde. Brumm brumm. Auf einem Parkplatz stiegen wir dann schließlich aus dem Auto aus, gingen ein paar Stufen hoch und kamen zu einem Haus, das wir sogleich betraten. Nochmal Treppen steigen, klingeln und eintreten. Als die Tür sich öffnete, war es sofort um mich geschehen. „Mama, darf ich?“ fragte ich und zeigte in das Zimmer voller Spielzeug. „Natürlich!“ sagte sie und pellte mich aus meiner Jacke. Das Zimmer war so toll, dass ich dachte, ich wäre im Paradies gelandet. Wimmelbücher, Eisenbahnen, Malzeug – alles war da. Das Allergrößte für mich war allerdings der eckige Tisch mit den Kinderhockern. Auf diesem Tisch waren festgeschraubte Legoplatten installiert und in der Mitte befand sich eine transparente Kiste mit Hunderten von bunten Legosteinen. Verzückt stieß ich einen kleinen Schrei aus, dann setzte ich mich auf den Hocker und kramte mit beiden Händen in den Steinen herum. Anders als bei mir daheim waren keine angelutschten PEZ-Bonbons in der Kiste oder angebissene Lakritzschnecken. Alles Dinge, die mir daheim aus dem Mund fielen, wenn ich über meiner Legokiste die passenden Steine für ein Haus suchte. Hier aber klebte nichts und es war von allem genug da. Was war ich doch für ein mit Glück beseelt beschenktes Kind! Gerade erst so richtig ins Spiel eingetaucht, ging plötzlich eine Tür auf und ein Mann im weißen Kittel bat meine Mutter und mich herein. Ohne ein Wort zu wechseln, sprachen meine Mutter und ich über Augenkontakt miteinander. „Nein, oder?“ war meine Frage. „Doch, es muss sein!“ war ihre Antwort.

Herr Doktor Sorgenfrei

Wie ihr aus früheren Beiträgen wisst, wurde ich mit einer Skoliose geboren und musste in meinen ersten Lebensmonaten wöchentlich zur Krankengymnastik, wo meine Mutter und mein Bruder Übungen lernten, die sie täglich mit mir trainieren sollten. Als ich vier Jahre alt war, erkrankte ich erst am Pseudo-Krupp-Husten und hatte wenige Wochen später eine schlimme Lungenentzündung ohne Fieber. Damals mussten wir ins Krankenhaus, wo meine Lunge geröngt werden sollte. Ich erinnere mich an die schwere Bleischürze, die auf meine Schultern gelegt wurde und wie ich plötzlich so viel Angst bekam, dass ich geschrien und geweint habe. Meine Mutter erzählt mir noch heute, wie unmöglich sie den untersuchenden Arzt fand, der sie damals anblaffte, sie solle mich endlich mal zur Ruhe bringen. Das alles war erst vor einem Jahr passiert und noch ganz frisch in meinem Kopf, als ich nun diesen Mann in einem weißen Kittel sah. Ganz klar wir waren bei einem Kinderarzt. Herr Dr Sorgenfrei erkannte die Panik in meinem Gesicht und griff sofort in eine Schublade, aus der er ein Springseil mit Holzgriffen hervorholte und fragte, ob ich das haben wollen würde. Ein Springseil? War das sein Ernst? Ich hatte ein Springseil zu Hause, meine Freundin Sabine hatte ein Springseil zu Hause. Alle Kinder aus der Nachbarschaft hatten ein Springseil. Dieses Bestechungsgeschenk konnte er sich schenken, ich wollte es nicht. Dafür hatte ich etwas ganz anderes im Blick und das war hinter ihm in einer Glasvitrine aufgebaut. „Oh, du magst Schlümpfe?“ fragte er und holte einen hervor, um ihn vor mir hinzustellen. Ja, ich mochte die Schlümpfe, und wie! Ich hatte sogar das kleine Pilzhaus der Schlümpfe mit Schornstein und Fenstern und das erzählte ich ihm auch. „Wie wäre es denn“, begann er und stellte mir den Telefonschlumpf direkt vor die Nase, „wenn ich dir diesen Schlumpf schenke und dich dafür untersuchen darf ?“

Ich schüttelte den Kopf. „Den hab ich ja schon selbst“, antwortete ich. Da lachte er laut und sagte, ich dürfe mir einen anderen Schlumpf aussuchen, was ich sogleich tat. Danach durfte er mich untersuchen. „Und das nächste mal, wenn du zu mir kommst, dann tauschen wir Schlümpfe, okay?“ „Okay!“ Sondierungsgespräche erfolgreich beendet. Ab da war meine Ärzteangst besiegt und ich ging gerne zu dem „Schlümpfedoktor“, wie wir ihn ab da an nannten.

Beim Besten gelernt

38 Jahre später saßen Ralf und ich im Sprechzimmer eines Wirbelsäulenspezialisten und hielten gespannt den Atem an. Der männliche Sprechstundenhelfer hatte die CD mit den Bildern aus der Kernspintomographie bereits in das DVD-Laufwerk gelegt und sagte, der Doktor käme gleich. Der Neurologe, bei dem wir zuvor waren und der die Kernspintomographie angeordnet hatte, riet zu einer OP am Halswirbel, da der Rückenmarkskanal so eingeengt sei, dass eine Lähmung der Beine drohe. Ob der Tremor in den Beinen daher käme könne er noch nicht mit Bestimmtheit sagen. Leider hat er die Bilder aus der Kernspintomographie nie gesehen, weil wir sie in der Aufregung daheim vergessen hatten. So fusste seine Diagnose auf den Bericht aus der Röntgenpraxis. „Wir sollten das besser einen Neurochirurgen ansehen lassen“, empfahl er und so machten wir sofort einen Termin. Den Neurochirurgen, bei dem wir nun saßen, hatte ich vorher schon gegoogelt und auch sein Facebookprofil angeschaut. Man will ja wissen, mit wem man es zu tun hat. Er hatte beim Besten seines Fachs in Lübeck gelernt und das beruhigte mich. Der Beste ist Professor Doktor Hans Arnold. Er hat als ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums gearbeitet und nach seinem Ruhestand sehr viele soziale Projekte mitfinanziert und voranbringend begleitet. Ich hatte als Sozialarbeiterin glücklicherweise beruflich viel mit Herrn Dr. Arnold zu tun und bin ihm – wie viele andere – für so vieles so dankbar. Wer bei so einem lernt, kann kein schlechter Mensch sein, dachte ich und schaute mich im Sprechzimmer um. Teure Whiskeyflaschen im Schrank und Flugzeugmodelle aus Stahl auf der Kommode. Auf dem gläsernen Schreibtisch ein lebensgroßes Modell einer gesunden Wirbelsäule. Was sind denn das für komische Zutzeln, die da aus dem Modell herausragen? Ach, das könnte ich ihn ja gleich mal fragen, wenn er käme. Und da erschien er auch schon. Blauer Kaschmirpulli und Jeans statt weißem Kittel und Birkenstocks. „Wie toll!“ denke ich, denn Kittel können ja auch Angst auslösen. Er sagt Hallo, setzt sich auf seinen großen Ledersessel mit hoher Lehne und schaut sich die Bilder an. Ab und zu stopft er sich eine von den Weintrauben, die neben ihm auf einem kleine Tellerchen stehen, in den Mund, während er die Bilder hin und her anklickt. So wie er da auf seinem Stuhl rumfläzt, will die Erzieherin in mir zu gerne den Satz „Sitz doch mal aufrecht!“ aussprechen. Überhaupt haben wir das Gefühl, als ob wir hier einem Jugendlichen beim Daddeln auf dem PC zuschauen. Viel redet er jedenfalls nicht und was er denkt, wissen wir nicht, weil er eben nicht der Mensch großer Worte ist. Eine Untersuchung findet zwar auch statt, aber nach der merkwürdigen, wortkargen Vorstellung habe ich ein bisschen Angst vor dem Hammer in seiner Hand. Er bestätigt uns das zuvor von der Röntgenpraxis und dem Neurologen gesagte. Der Rückenmarkskanal zwischen dem vierten und fünften Wirbel ist verengt, es könne aber auch eine Entzündung dahinter stecken, daher ist von einer OP erst einmal abzuraten. Um noch einen besseren Einblick zu bekommen, sollen wir erneut zur Röntgenpraxis gehen und zwar zu der, bei der man keinen Termin benötigt und dort ein Funktionsbild machen lassen.

Moonwalk

Auf dem Weg zur Röntgenpraxis, die wir noch am gleichen Tag aufsuchen, entlädt sich meine Anspannung und ich lasse mich von meinem eigenen Kopf zum Blödsinn machen anstiften. „Funktionsbilder, was? Und wie soll das dann aussehen? Muss man da im Röntgenapparat den Moonwalk aufführen? Ich dachte immer, beim Röntgen muss man ganz still halten!?“ Wild zappelnd zeige ich dem Ralf, wie ich in dem Röntgenapparat tanzen würde und er muss ebenfalls lachen. Selbstregulierung können wir gut. Nach einer Stunde können wir die Praxis mit Bildern auf einer CD wieder verlassen und machen einen neuen Termin beim Neurochirurgen aus. Wieder etwas geschafft! Zwei Tage später sitzen wir also wieder bei ihm. Weil ich immer an das Gute im Menschen glaube, denke ich, dass er vorgestern nur einen schlechten Tag hatte und nun besser drauf ist. Die Sprechstundenhilfe sagte, dass heute der letzte Arbeitstag ist, denn die Praxis macht drei Wochen Urlaub. Wer wäre da denn nicht gut gelaunt? Wieder starre ich auf die Zutzeln, die da aus dem Wirbelsäulenmodell herausragen und wieder denke ich, dass ich ja mal fragen könnte, was das ist. Doch im Grunde hat sich gar nichts geändert. Er schmeißt den PC an, schaut auf die Bilder, hängt in seinem Gamingstuhl wie ein Jugendlicher, der World of Warcraft spielt und wir dürfen dem Ganzen geduldig und devot zusehen. Da kommt mir kurz eine Idee. In seinem Facebookprofil sah ich ja, dass er alte Autos/Oldtimer restauriert und wieder frisch macht. Wir müssten die Sache also vielleicht anders angehen und Sätze sagen wie „Herr Doktor, meine Achse vorn ist blockiert. Die Reifen sind zwar ausgewuchtet, scheinen aber dennoch unrund zu laufen. Gerade am Abend, wenn der Motor lange lief. Es fühlt sich an, als ob da ein Kabel abgeklemmt ist.“ Ja, vielleicht wäre es so besser gegangen, allerdings haben Ralf und ich uns zuvor nicht abgesprochen. Alles, was wir erfahren, ist, dass eine Operation irgendwann notwendig sein wird, momentan aber eher nicht. Wir fühlen uns ein klein wenig erleichtert, sind aber dennoch ratlos, was aber auch an seiner Art liegt. Als ich nach dem Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule frage, schaut er mich an und sagt, dass habe er mir doch eben schon erklärt. Ich merke, wie ein kleiner Anflug von Wut in mir aufsteigt. Sogar mein ehemaliger Mathematiklehrer, der mir wirklich alles drei Mal erklären musste, hatte mehr Empathie als dieser Chirurg. Hätte ich Medizin studiert, wüsste ich wohl, was in einem menschlichen Körper vorgehen kann. Dann wüsste ich auch Bescheid über die Zutzeln in dem Wirbelsäulenmodell. So aber sitze ich da und stelle Fragen, die man mir scheinbar nur in gereiztem Ton erklären kann. Ich säße auch viel lieber in einem Autohaus und würde mir einen Neuwagen aussuchen, als hier über mögliche Krankheiten zu sprechen. Ich mein‘, was geht in diesem Mann nur vor? Darf er andere so behandeln, weil er eine Koryphäe ist? Kurz denke ich an den Gastroenterologogen bei dem ich damals zur Darmspiegelung musste und der ähnlich arrogant daher kam. Hat er keine Lust mehr auf seine Beruf und würde viel lieber an seinen Autos rumschrauben, die er sich deswegen leisten kann, weil er „den ganzen Stall voller Patient:innen hat“? (Facebookeintrag) Kann ich bitte mit meinen Ängsten und Sorgen ernst genommen werden? Wo sind die Schlümpfedoktor:innen, wenn man sie mal braucht?

Es geht auch anders

Alles, was wir erfahren, ist, dass man die vermeintliche Entzündung abklären lassen muss. Wir werden zurück zu dem Neurologen, der Anfangsstation von uns war, erneut aufsuchen. Als wir ihm zum Abschied einen schönen Urlaub wünschen, ist er bereits wieder verschwunden. Ich würde so gerne die Erleichterung über die Nicht-OP länger klingen lassen, bin aber auch Stunden später noch so wütend auf den Autoschrauber. Man sitzt ja nicht aus Jux und Dollerei in einer Wirbelsäulenpraxis. Es ist auch überhaupt nicht witzig zu hören, dass man irgendwann am Hals operiert und mit Schrauben versehen wird. Woher nehmen sich also Ärzte, die gut an einem verdienen, das Recht heraus, so unnahbar und teilweise barsch auf Fragen zu reagieren? Ich bin sicher keine Koryphäe, aber ich bin auch sehr gut in meinem Beruf. Ja klar, als Sozialarbeiterin ist es die eigene Persönlichkeit, die man mitnimmt, wenn man mit Menschen arbeitet. Aber können das andere nicht auch? Nur ein klitzekleines bisschen wenigstens? Als Ralf vor sechs Jahren an der Bandscheibe operiert wurde, hatten wir einen Neurochirurgen, der erstens auch bei Professort Doktor Hans Arnold gelernt hatte und zweitens menschlich so toll war, dass wir heute noch traurig darüber sind, dass er scheinbar nicht mehr praktiziert. Wenn ich wie damals bei dem Gastroenterologen sitze und sage, dass ich Angst vor der Darmspiegelung habe, dann ist es für mich nicht im Geringsten hilfreich und schon gar nicht witzig, wenn er mir antwortet, er habe „jede Woche die größten Schisser vor sich sitzen.“ Wird im Medizinstudium das Thema Menschlichkeit denn überhaupt nicht drangenommen oder sollte ich lernen, wie das Thema Abgrenzung besser funktioniert? Fragen über Fragen. Zum Glück geht es auch anders. Als mein Hausarzt in Rente ging, war ich traurig, denn er hat immer ein offenes Ohr für einen, ist empathisch und erklärte mir alles immer ganz genau. Dann übernahm seine Tochter die Praxis und wir sind glücklich, dass sie die Praxis genauso weiterführt, wie wir es von ihrem tollen Vater gewohnt waren. Bei meiner Ärztin kann ich auch mal Tränen lassen, sie ist selbsbewusst, kämpferisch und will den Dingen auf den Grund gehen. Noch nie hat sie gereizt auf meine Fragen reagiert, mich ausgelacht oder mit Fragen im Kopf wieder nach Hause geschickt. Ich glaube, wenn ich das nächste Mal in ihrem Sprechzimmer sitze, erzähle ich ihr von meinem Schlümpfedoktor. Und vielleicht bringe ich ihr auch einen Schlumpf für ihre Kinder mit.

Habt alle eine gute Zeit. Bleibt gesund oder werdet es. Verliert nicht den Mut und eure Stärke. Vor allem aber lasst euch nicht alles gefallen.

Herzlichst eure Steph ❤

Ein Kommentar zu „Der Schlümpfedoktor

  1. Liebe Steph, danke für die ‚lebendige‘ Schilderung Deiner Erfahrungen. Da ich schon viele Darmspiegelungen erlebt habe, teils von arroganten, unsensiblen Gastroenterologen durchgeführt und noch dazu stümperhaft und schmerzhaft, hätte ich mir oft einen Schlümpfedoktor gewünscht. Es waren immer die alten Ärzte, die viel einfühlsamer waren und die Angelegenheit schmerzlos vollziehen konnten. Leider sind sie alle im Ruhestand. Herzliche Grüße, Gisela

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