Der klebrige Biber

Mitbringtag im Kindergarten. Wer hatte sich das nur ausgedacht? Ich mochte diesen Tag noch nie, hatte mich allerdings lange Zeit damit arrangiert. Doch als ich irgendwann meinen Gruppenraum nicht mehr betreten konnte, weil ein Pferd den Eingang blockierte, wusste ich, es muss etwas passieren!

Der Mitbringtag war einmal in der Woche und bedeutete, dass jedes Kind ein Spielzeug von zu Hause mit in den Kindergarten bringen durfte. Doch es gab Regeln. Es durften nur Dinge mitgebracht werden, die man zusammen spielen kann. Jedes Kind hatte die Verantwortung, auf sein Spielzeug aufzupassen und im besten Fall sollte es kein elektronisches Spielzeug sein. Willkommen im wunderbaren Leben einer Erzieherin…

In einem Kindergarten gibt es pädagogisch wertvolles Spielzeug, welches überhaupt nicht langweilig ist. Man kann anhand des Spielzeugs Farben, Formen, Zahlen und Buchstaben lernen. Beim Memoryspiel fördern wir unser Gedächtnis, beim Fröbelwürfel lernen wir, dass das Eckige eben nicht ins Runde passt und ein fertig gestaltetes Puzzle macht uns glücklich und zufrieden, sofern alle Teile noch da sind. Auf letzteres achtete ich penibel, denn es gibt nichts frustrierenderes als ein Puzzle, bei dem das letzte Teil fehlt. In Puppen-Bau- und Kuschelecke können die Kinder sich im Rollenspiel üben oder mit einem Bilderbuch in der Hand ausruhen und bei diversen anderen Spielen ihre Feinmotorik üben oder Zusammenhänge erkennen. Nun aber quietschte,gluckerte, zischte, knisterte und prasselte es unentwegt bei uns im Gruppenraum. Gefühlt kamen wir alle nicht zur Ruhe.

Peter (4) hatte seine Trommel mitgebracht, mit der er zu Hause nie spielen dürfe, weil sie seinem Papa zu laut sei. Mila (5) brachte ihr Barbie Sportwagen Coupé mit, dessen weiße Räder so geschmeidig rollten und Jannis (6) sprach unentwegt in sein Walkie Talkie. Karas (4) Puppe konnte Pipi machen, Matzes Auto ließ sich fernsteuern und der Biber von Markus nagte Holz, wenn man ihn fest drückte. Ich kam mir vor wie auf dem Rummel, nur leider ohne Zuckerwatte und Liebesäpfel. Wir waren so wahnsinnig tolerant, meine Kollegin Maria und ich. Ich wich mit zwei vollen Teekannen in der Hand dem ferngesteuerten Auto von Matze aus, meine Kollegin verschaffte erst Kara eine neue Hose (Pipialarm) und half dann beim Wickeln ihres Puppenbabys, welches solidarisch auch eine nasse Unterhose trug. Ich tröstete Jannis wegen seines „kaputten“ Walkie Talkies und dankte insgeheim seinen Eltern, die vergessen hatten, ihm Zusatzbatterien in die Brottasche zu legen. Der Biber von Markus erlitt ein besonderes Schicksal, denn als ich mit Lia (3) ihre Laterne bastelte und sie anschließend zum Badezimmer schickte, damit sie sich den vielen Kleister von den Händen waschen konnte, da entdeckte sie auf dem Gang zum Bad, der durch den Flur führte, den herrenlosen Biber auf dem Brottaschenwagen. Gefährlich…

Meine Biber haben Fieber

„Mein Biber klebt! Sie hat meinen Biber angefasst, dass ist mein Biber und nicht ihrer. Jetzt klebt mein Biber!“ schrie Markus schließlich. Wir konnten es bis in den Gruppenraum hören. Maria schaute mich fragend an. „Der Biber klebt!“ war alles, was ich schulterzuckend antworten konnte, bevor ich mich in den Flur begab, um nachzuschauen, was da genau passiert war. „Steph, schau, mein Biber klebt!“ rief Markus aufgeregt und hielt mir das Plüschtier vor die Nase. „Weil SIE ihn angefasst hat!“ zeterte er und zeigte mit ausgestrecktem Finger auf die kleine Lia, die ohne dass man einen Knopf drücken oder auf volle Batterien hoffen musste, zu weinen anfing. Ich bat Maria, sich um Lia und ihre Tränen zu kümmern, damit ich mich Markus und dem Biber zuwenden konnte. „Versuch dich bitte ein wenig zu beruhigen, wir werden eine Lösung finden“, sagte ich zu ihm und nahm das kleine Bibertier in meine Hand. Oh je, der sah echt schecklich aus. Sein Fell war voller Kleister und total verklumpt. „Das bekommen wir schon wieder hin“, versprach ich ihm, obwohl ich echt nicht wusste, wie man ein Biberfell von klebrigen Kinderkleisterhänden befreit. „Biber lieben Wasser!“ war das Erste, was mir einfiel und so ließ ich die Spüle in der Küche mit Wasser vollaufen und setzte ihn da rein. Dann fiel mir das Batteriefach ein und ich zog das nasse Plüschtier eilig wieder aus dem Wasser. Wie wäscht man einen Biber? Wäre das eine Frage, die man eilig in das Internet-Kindergartenportal tippen könnte? Ich war so dankbar, als die Hauswirtschafterin, die unsere Küche in Ordnung hielt, mir die Biberwaschaktion abnahm, sodass ich mich wieder um die Kinder kümmern konnte.

Trötetüte

In der Vorschule, die ich jeden Tag für die angehenenden Schulkinder für eine halbe Stunde leitete, hatte ich das Thema Verkehrserziehung vorbereitet. „Wer weiß, was das für ein Schild ist?“ fragte ich und streckte das Bild eines roten Schildes mit einem weißen Strich hoch. „EIN STOPPSCHILD!“ tönte es plötzlich neben mir. Dann fiepte mein Ohr. Mit dem Zeigefinger massierte ich mir die Hörmuschel, doch das Fiepen blieb. Mir fiel der Satz meines Hausarztes ein, der mir ein aussergewöhnlich gutes Hörvermögen attestiert hatte. Sogar mein Schwiegervater hatte mich mal gelobt, weil ich Geräusche früher hörte als die anderen. Nun fürchtete ich, dass dieses gute Gehör der Vergangenheit angehörte. „Kai, du weißt, dass alle Kinder die Mitbringsachen in die Mitbringkiste legen sollen, wenn wir Vorschule haben. Also leg deins bitte auch hinein“, sagte ich. In meinem Geiste fragte ich mich, wie man als Eltern dazu kommen könnte, dem eigenen Kind zu erlauben, ein Megaphon mit in den Kindergarten zu bringen. Waren das Sadisten? Die Zeit, die Kai damit verbrachte, die megalaute Tröttüte in die Kiste zu legen und jedes Kind, das gerade den Flur passierte, warnte, sein „Spielzeug“ auf keine Fall anzufassen, ging von unserer Vorschulstundenzeit ab. Verlängern konnte ich diese Zeit nicht, denn es standen an diesem Tag noch ein zu feiernder Geburtstag von Mariella (5), die Turnstunde, das Mittagessen und die Laternenbastelei für den Martinsumzug an.

Konsequenzen

Beim Spielen im Garten mussten die Mitbringsachen drinnen bleiben. Das wussten die Kinder. Aber Regeln zu brechen und Konsequenzen zu erfahren, gehört eben auch zum Lernen eines Kindes dazu. Zuerst musste das Jannis erfahren, der versuchte, sein ferngesteuerte Auto rückwärts die Rutsche hochfahren zu lassen. Das gelang ihm zwar zunächst, doch das Auto wusste nicht selbst zu bremsen und rauschte auf der anderen Seite des Kletter- und Rutschenturms eher fliegend als fahrend laut scheppernd zu Boden. Die Zweite in der Runde war Kaja. Die hatte ihr Plüschtier, einen Fisch namens Nemo, mit in den Sandkasten genommen, wo er in Folge eines Sandburgenbaus verschütt gegangen war. Irgendjemand hatte den Fisch unabsichtlich mit verbuddelt. Das von der Cateringfirma gelieferte Mittagessen stand bereits im Flur und musste von mir auf seine Temperatur hin gemessen werden (Hygienevorschriften), aber ich musste noch einen Fisch im Sandkasten suchen. In Gedanken stellte ich mir vor, wie mich jemand fragte, wie mein Tag war und ich darüber berichtete. Zum Glück fanden wir den Fisch recht schnell, jedoch war er danach nicht mehr derselbe. Durch Wasser und Sand sah er wie paniert aus. „Wir bekommen ihn schon wieder sauber“, tröstete ich die weinende Kaja, als ich sie auf dem Arm in unsere Gruppe trug. Es war nicht besonders hilfreich, dass es an diesem Tag Fischstäbchen mit Kartoffelbrei zum Mittagessen gab. Kaja stocherte mit der Gabel in ihrem Essen herum und fragte mich immer wieder, wann ihr Nemofisch endlich getrocknet sei. Wie erklärt man einem traurigen Kind, dass man eben keine Krake mit acht Armen sei, die alles auf einmal kann, wenn das Kind schon so oft mitbekommen hat, dass man es eben doch kann? Nach dem Essen ging meine Kollegin mit den kleineren Kindern in den Schlafraum, wo sich alle ein wenig ausruhen würden, während ich mit den anderen Kindern weiter an den Laternen bastelte. Vier Kinder saßen bastelnd bei mir am Tisch, die anderen spielten in Kuschel-, Bau- oder Puppenecke. Ausgerechnet das Geburtstagskind schnitt sich beim Laterne basteln in den Finger und musste von mir im Waschraum mit Wasser, Pflaster und tröstenden Worten versorgt werden. Der Mitbringtag stand unter keinem guten Stern. Als wir wieder in den Gruppenraum gehen wollten, stand das mitgebrachte Plüschpony fast in Echtgröße im Weg. Lillis Eltern hatten es ihr morgens in ihrem komfortablen Van in den Kindergarten gefahren. Es war nicht das erste Mal, dass ich alle Eltern bat, ihren Kindern am Mitbringtag bitte nur kleines Spielzeug mitzugeben, da wir für Puppenwägen, einen Meter große Raumschiffe aus Lego und Schaukelpferde nicht genügend Platz im Gruppenraum haben. Aber da verhielt es sich genauso wie bei den Kindern. Regeln brechen und sich denken, das geht schon irgendwie…

Elterngespräche

Ich mochte keine Spielverderberin sein. Noch nie. Bis heute. Aber wenn die Dinge Überhand nehmen, braucht es eine, die das Heft in die Hand nimmt. Am Mitbringtag bimmelte, funkte, leuchtete und rasselte immer irgendwas bei uns. Geräusche, die uns fremd sind, müssen wir erst einordnen und das kann auf Dauer stressen. Damit meine ich vorrangig die Kinder, die ich bildend betreuend begleitete. An diesem beispieldienenden Tag war ich es, die kurz vor Feierabend Konsequenzen spüren sollte. Das ferngesteuerte Auto von Jannis gehörte nämlich nicht ihm, sondern seinem Bruder. Und weil es nun kaputt war, versuchte man, mich dafür verantwortlich zu machen. Lillis Eltern beschwerten sich, weil Lilli nicht im Gruppenraum auf ihren Pferd reiten durfte und Susis Polly Pocket-Figur war im Waschraum ins Waschbecken gefallen und durch den Abfluß gerutscht. Die kleine Figur, die nicht größer als mein Zeigefinger ist, lebt nun wohl in der Kanalisation. Für mich war es keine Frage, der Mitbringtag brachte nur Ärger und viel Frust ein. Damit es alle verstanden, schrieb ich Elternbriefe. Ich schrieb, wie anstrengend all die fremden Geräusche in unserem Gruppenalltag sind und dass man Kindern keine Megaphone, Puppenhäuser oder Polly Pockets mitgeben sollte. Das eine ist zu groß, das andere ist zu klein. Das eine ist zu laut, das andere blinkt zu hektisch. Wir brauchten allmählich wieder ein bisschen mehr Ruhe, um zu lernen. Ein Gruppenraum mit 25 Kindern ist ohnehin für ein jüngeres Kind eine ziemliche Herausforderung. Als ich die Briefe zusammenfaltete und in die Brottaschen der Kinder steckte, war mir schon ein wenig flau im Magen. Aber hey, es musste sein. Zu unserer aller Gesundheit. Für unser Wohlbefinden. Es mag vielleicht für einige so aussehen, als würden wir Erzieher:innen den ganzen Tag mit Freude spielen, aber dem ist nicht so. Wir haben alle einen Bildungs- und Betreuungsauftrag, der schriftlich vom Land in jeder Einrichtung vorliegt. Ich war es so müde, dass meine Arbeitszeit davon unterbrochen wurde, dass ich fremde Autos reparieren, Polly Pockets suchen oder Fische säubern musste. Vor allem, weil ICH nach diesen Tagen von den Eltern angezählt wurde. Der Montag kam und schon stand eine wütende Mutter vor mir. „Joelina-Joyce möchte aber gerne den anderen Kindern ihr Spielzeug zeigen“, sagte sie. „Das kann sie doch auch“, versuchte ich sie zu besänftigen und ihre Gesichtsfarbe von dunkelrot auf normal zu bringen. Ich erntete verständnislose Blicke. „Die Kinder können sich doch auch daheim gegenseitig besuchen und sich ihr Spielzeug zeigen“, erklärte ich weiter. Das wollte sie so nicht hören, hatte aber auch keine Gegenargumente. „Sie gehen doch wohl auch nicht mit Thermosflasche und belegten Brötchen in ein Restaurant“, rief da plötzlich Monas Vater Joelina-Joyce‘ Mutter zu. „Die Kinder haben hier ausgesuchtes pädagogisches Spielzeug und davon eine ganze Menge. Das muss doch auch mal reichen! Das hier ist ein Arbeitsplatz, sowohl für die Erzieher:innen als auch für die Kinder. Vertrauen sie also, was man Ihnen sagt und halten sie sich an die Regeln“, erklärte er. Da war sie still. Ich auch. Innerlich klatschte ich laut Beifall und hätte ihn zu gerne für seine kurze, prägnante Rede umarmt. Äußerlich dankte ich beiden für das Gespräch und widmete mich wieder meinen Kindern. Die Praktikantin sagte, sie hätte viel gelernt und ich dachte darüber nach, dass wir solche Situationen in der Fachakademie nie gelernt hatten. Nun ja, die Sache war geklärt und es brauchte nur drei Wochen, bis alle Eltern verstanden hatten, dass dieses Mitbringverbot mein Ernst gewesen war. Im Gruppenraum zischte, blinkte und funkte nichts mehr. Im Grunde hatte ich zwar viel Lärm mit meiner Bitte verursacht, aber mich für die Kinder und uns ganz gut verteidigt. Jeder kann machen, was er mag, aber mir kamen diese Mitbringtage nicht mehr ins Haus, und das war auch gut so.

Herzlichst Steph ❤

2 Kommentare zu „Der klebrige Biber

  1. Liebe Steph, das war völlig richtig. Ich erinnere mich noch, als mein Großer im Kindergarten war, gab es immer einen Elterntag, wo man fleißig mithelfen musste. Ich war danach Schlag kaputt, der Geräuschpegel in einem Kindergarten ist normal schon extrem hoch. Nach so einem Tag brauchten mein jüngerer Sohn, der natürlich mit durfte, und ich einen Mittagsschlaf.
    Ganz liebe Grüße Annette

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s