Das Plüschhotel

Ein Kurzurlaub sollte es werden. Der dritte Oktober, der in Deutschland bekanntlich ein Feiertag ist, fiel damals auf einen Freitag. Ralf fand, dass wir mal „raus“ müssten und dieses verlängerte Wochenende bot sich für einen Kurztrip förmlich an. Das Ziel, welches er zuvor ausgespäht hatte, war gar nicht weit von unserem Wohnort entfernt. 45 Kilometer circa, aber es ist ja schon schön, wenn man mal woanders schlafen und sich verwöhnen lassen kann. Am Freitag in der Früh fuhren wir los. Es ging über die Landstrasse vorbei an Kühen, Pferden und einem Wald, der einen prächtig grünen Fussboden aus Moos hatte.

Die beiden Omas

„Mein Gott ist das schön!“ rief ich, als wir am Ziel angekommen und aus dem Auto ausgestiegen waren. Um uns herum Idylle pur. Stockrosen an Häuserwänden, lustige Figuren aus Heu, ein echtes Rehkitz, das verstohlen aus dem Waldstück spähte und ……. züüüüüsch! ein Flugzeug das sehr nah über unsere Köpfe hinweg flog. „Ähm ja, hier ist ein Flughafen in der Nähe“, beantwortete Ralf mir eine Frage, die ich nie gestellt hatte. Da war er also, der Haken an der Sache. Das kam mir alles schon zu gut vor. Schnell noch eine Zigarette geraucht und schon rollten wir unsere Koffer in das Hotel. Ding Dong. Wie in einem Laden ertönte ein Glöckchen und zeigte somit den Wirten des Hotels an, dass wir angekommen waren. Die Lobbyhalle war mit weißen, glänzenden Fliesen versehen. Ein rotes Sofa aus Samt stand in der Ecke, große wuchtige Kommoden und Ölgemälde verwandelten den Eintrittsort in eine Art Wohnzimmer der Oberklasse. „Guten Tag!“ sagte da eine ältere Dame und lachte fröhlich über das ganze Gesicht. „Wir möchten einchecken“, sagte Ralf und gab der Frau die benötigten Unterlagen, die wir daheim schon ausgefüllt hatten. „Ihr Zimmer ist die 15, das ist im ersten Stockwerk gleich rechts hinter der Glastür“, sagte sie und grinste lieb. „Es wird im Zimmer aber nicht geraucht!“ gab sie streng hinterher. „Nein, natürlich nicht!“ sagten wir und bedankten uns für’s Erste. „Hihihi, das ist ja, als wäre man daheim bei Oma“, flüsterte ich Ralf zu, als wir die Lobby verließen und den Flur betraten. Die liebe Oma, die einem gerne Geld schenkte, aber nie den Beisatz „Aber nicht für Alkohol oder Zigaretten ausgeben!“ zu sagen vergass. Doch plötzlich lachten wir nicht mehr. Wir staunten. Wir staunten so sehr, dass wir die Treppe nicht wie selbstverständlich hoch gingen, sondern uns umschauten, als hätten wir gerade die sixtinische Kapelle betreten. „Das gibt’s doch gar nicht!“ entfuhr es mir. „Wow!“ sagte der Ralf. Wir standen in einem Treppenhaus, dessen Wände über und über mit Blumentapeten geschmückt waren. Nicht solche Tapeten, wie sie in den 80er Jahren gerne in den Wohnungen hingen. Es waren edle florale Muster. Die gesamte Treppe war mit Teppich ausgelegt und in einer Vitrine aus Holz und Glas saßen mindestens zehn Puppen aus Porzellan. Es roch nach Pfirsich und Kakao. „Also wenn das Zimmer nicht schön ist, schlafe ich hier im Flur. Aber die Puppen müssen dann weg“, lachte ich. Puppen, deren Augen einen in der Finsternis anleuchten, fand ich gruselig. Außerdem hatte ich vor Kurzem zum Einschlafen das Hörspiel der Drei Fragezeichen und „Der Meister des Todes“ gehört, bei dem es um Marionettenpuppen ging. Davon hatte ich mich noch nicht ganz erholt.

Doch das Zimmer war nicht schlimm. Es war auf seine ganz eigene Art sehr besonders. Ein Queensizebett dominierte den Raum. Das ovale Ölgemälde, welches darüber an der Wand hing, zeigte einen alten Seemann mit Pfeife. Die Nachttischlampen tauchten alles in ein helles Gelb. Blümchenmuster auf den Gardinen und dem Teppich. Im Badezimmer lagen rosafarbene Handtücher und auch das Toilettenpapier war in der gleichen Farbe. Alles war so kuschelig kommodig, dass ich dachte, wir wären zu Besuch bei Großeltern. Vielleicht entstand da der Gedanke, die Frau an der Rezeption und ihre Kollegin heimlich „die beiden Omas“ zu nennen.

Das Krokodil auf dem Nil

Wir machten uns zu Fuß auf, den Ort zu erkunden und erreichten schon nach wenigen Metern einen großen See. „Tretboote!“ rief ich begeistert und rannte los. Man konnte wählen zwischen einem Schwan, einem normalen Boot und einem VW. Warum nicht in einem Boot fahren, das besser aussieht als unser eigenes Auto? Und schon saßen wir drin. Weil Ralf erst im Frühjahr an der Bandscheibe operiert wurde, trat ich eifrig in die Pedalen, um meinen Liebsten auf dem See herumzuchauffieren. In einem kleinen Gebiet, das an einen Dschungel erinnerte, sahen wir ein Krokodil im Wasser. Ein Holzkünstler hatte es gefertigt und auf einem Baumstamm befestigt, sodass es schwimmen konnte. Wahrscheinlich versteckte sich der Holzkünstler hinter einem Bau und lachte sich kringelig, wenn sich die Leute über sein sehr gelungenes Krokodil erschreckten. Uns erschreckte da eher etwas anderes: Ein Vater mit seinem circa achtjährigem Sohn fuhren an uns vorbei. Der Sohn saß vorne und trat unter immenser Anstrengung in die Tretbootpedalen, während sein Vater hinten saß und etwas in seinen Laptop tippte. Ich vergass zu treten, so mies fand ich dieses Szenario. In meinem Kopf hatte er etwas losgetreten. „Bestimmt hat er seiner Frau oder eher Ex-Frau erzählt, dass er etwas Tolles mit dem Kind unternimmt, und nun sitzt er da bräsig in dem Kutter und lässt sich rumkutschieren“, erzählte ich Ralf. „Aber du fährst mich doch auch herum“, entgegnete dieser. „Das ist was anderes, das ist ein Krankentransport mit Wohlfühlcharakter“, sagte ich. „Schnall dich an, ich hole den Typen ein und dann geige ich ihm die Meinung“, rief ich und strampelte mir einen ab, bis mir die Muskeln schmerzten. Nach wenigen Metern musste ich mir eingestehen, dass ich nicht mit der Beinkraft eines Achtjährigen mithalten konnte. In einem Restaurant direkt am See füllten wir unsere Reserven mit Torte und Tee/Kaffee wieder auf. Abends im Hotel fragte eine der beiden Omas, wie uns der Tag gefallen hatte und ob wir noch was bräuchten. Zu gerne hätte ich „eine Butterstulle mit Salz und ein heißer Kakao“ geantwortet. Sie erinnerte mich einfach sehr an meine eigene liebe Omi.

Max & Moritz

Am nächsten Tag gingen wir Minigolf spielen. Die Premiere dabei war, dass ich mich überhaupt nicht darüber ärgerte, mal wieder haushoch zu verlieren, und das lag an der gesamten Anlage, die ich so noch nie und später nie wieder gesehen habe. Viele Minigolfbahnen in Deutschland sehen ähnlich aus, diese aber war ganz anders. Nicht nur die Bahnen waren toll angelegt, auch das Gelände war etwas Besonderes. An den Zäunen hingen lustig bemalte Emailletassen, man konnte auf einem Schaukelpferd reiten und mitten im Grünen stand ein alter Bauernschrank mit offenen Türen, in dem Porzellangeschirr mit hübschen Dekor ausgestellt wurde. Am Kiosk gab es bereits gefüllte Süßigkeitentüten für einen Euro und Kuchen mit bunten Smarties. Keine Frage, hier wollte ich am liebsten gar nicht mehr weg. Doch wäre ich dort geblieben, wären mir die anderen Schönheiten des Ortes verborgen geblieben. An der Wassermühle zum Beispiel traute ich meinen Augen nicht, als ich in der Ferne plötzlich Max & Moritz erkannte. Sie standen auf einer Brücke, die sie entzwei sägen wollten.

Übers Wasser führt ein Steg,
Und darüber geht der Weg.

Max und Moritz, gar nicht träge,
Sägen heimlich mit der Säge,
Ritzeratze! voller Tücke,
In die Brücke eine Lücke. (Wilhelm Busch)

Doch damit nicht genug. Wir gingen weiter und entdeckten auf der Schloßinsel einen meterhohen Wellensittich, der auf dem Rücken lag. Vermutlich war er zuviel Tretboot gefahren und musste sich nun ausruhen. Wir spazierten durch den duftenden Rosenpark, sahen das Schloßgefängnis und bestaunten das kleinste Fachwerkhaus, eine ehemalige Remise, das wir je sahen. Als wir abends ins Hotel kamen, fragte uns eine der Omis, ob wir noch einen Wunsch hätten. Schon wieder kam mir das Butterbrot mit Kakao in den Sinn, doch Ralf schlug vor, am Abend Essen zu gehen.

Moussaka

„Griechisch essen gehen, juchuh!“ rief ich, als Ralf sagte, er habe auf der Hinreise eine griechische Taverne entdeckt. Ich mag griechisches Essen gerne. Ein klein wenig Sorgen machte ich mir um Ralf, denn wenn wir daheim mal griechisch essen waren, gab es immer nur ein vegetarisches Gericht auf den Karten und das war Moussaka. Auberginen mag der Ralf allerdings nicht so gerne, deswegen war ich nun gespannt, was die Taverne im Angebot haben würde. Wir kamen gerade die Treppe herunter und durchschritten die Lobby, da winkte uns eine der beiden Omis zu sich. Sie saß hinter dem Tresen der Rezeption, knabberte Salzstangen und schaute Fernsehen. „Kommen sie mal her, das müssen sie unbedingt gesehen haben!“ sagte sie und zeigte mit einer Salzstange auf den Fernsehbildschirm. Verdutzt traten wir hinter die Theke und schauten in die Röhre. Sie schaute bei dem Sender RTL „Das Supertalent“. Dort gab ein junger Mann gerade seine Zauberkünste zum Besten. „Ist das nicht toll?“ fragte die Omi. „Magisch!“ war das Einzige, was mir einfiel. Mein Magen knurrte und wenn sie das hörte, dann würde sie mir bestimmt endlich ein Butterbrot mit Salz schmieren, wo wir doch nun essen gehen wollen würden. Minutenlang staunten wir mit ihr über den Zauberer, dann ging es endlich los zum Griechen. Die Besitzer:innen des Restaurants hießen ganz untypisch Thomas & Eva und waren sehr nette Leute. Natürlich könnten wir draußen sitzen, natürlich gäbe es viele vegetarische Gerichte, natürlich könne man ein Weizenbier trinken. Als das Essen kam, wusste ich schon vorher, dass ich diese riesige Portion nicht schaffen würde. Wir resümierten unseren Kurzurlaub, in dem tatsächlich nur tolle Dinge passiert waren. Wir hatten Kunstobjekte gesehen, die Natur bestaunt, hatten lange Spaziergänge rund um den Ranzauer See unternommen, hatten uns beim Minigolfspielen nicht gestritten, waren Tretboot in einem VW gefahren, hatten eine tolle Unterkunft mit äußerst netten Damen und superleckerem täglichen Frühstück, waren auf Wilhem Buschs berühmte Figuren gestoßen und hatten eine Süßigkeitentüte und danach noch eine und noch eine gekauft und saßen nun an unserem letzten Kurzurlaubsabend bei leckerem Essen zusammen. „Hach, wie war das alles schön!“ seufzte ich. „Herrlich schön!“ ergänzte der Ralf. „Wollen wir noch was trinken?“ fragte er. „Lieber nicht, ich glaube, die beiden Omas warten schon auf uns“, antwortete ich, während ich auf die Uhr sah. Und so spazierten wir Hand in Hand durch die Fußgängerzone wieder zurück zu unserer Unterkunft. „Hatten sie Spaß? Benötigen sie noch etwas?“ fragte die liebe Omi hinter der Theke. Und nein, nun wollte ich, pappsatt, wirklich kein Butterbrot mehr.

Es war ein so schöner Kurzurlaub, an dem wir an nur einem verlängerten Wochenende so viel Tolles erlebt haben, dass wir uns im Alltag immer wieder davon erzählen. Manchmal muss man nicht lange fahren, um was zu erleben. Den beiden lieben Omis haben wir nach diesem Urlaub eine Postkarte geschrieben und uns noch einmal herzlich für die schöne Zeit bei ihnen bedankt. Und wer weiß, vielleicht kommen wir ja irgendwann wieder?

Habt eine schöne, stressbefreite neue Woche und holt euch durch schöne Unternehmungen ein bisschen Urlaub für die Seele. Bleibt gesund oder werdet es.

Herzlichst Steph ❤

3 Kommentare zu „Das Plüschhotel

  1. Es war viel los in Deiner Erzählung, liebe Steph. Mich hat das Butterbrot mit SALZ irritiert. Schon die Vorstellung erweckt ein Schaudern in mir. Ich kenne aus meiner Kindheit Butterbrot mit Zucker, aber Salz. Naja, jeder hat da seinen Geschmack. Eine schöner Kurzurlaub, an den Du noch lange zurückdenken wirst. LG Gisela

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