Poesiealbum

Ist es nicht schön, dass man als Kind Dinge entdeckt, die die Erwachsenen schon lange kennen? Ich war sieben Jahre alt, als ich auf dem Kindergeburstag meiner gleichaltrigen Freundin Lisa ein Buch auf dem Geburtstagstisch sah, von dem ich nicht wusste, wozu es gut war. War es etwa ein sehr edles Hausaufgabenheft? Ein Tagebuch? Etwas, worin man seine Notizen schreiben konnte? Das Buch war quadratisch, etwa 16 x16 Zentimeter groß und hatte viele weiße Seiten, die keine Linien oder Kästchen aufwiesen. Einfach nur weiße leere Seiten. Nach Sackhüpfen, Würstchen schnappen, Topfschlagen und Watte pusten fragte ich Lisas Mama, was es mit dem Buch auf sich hatte. „Das kennst du nicht?“ fragte sie. „Das ist ein Poesiealbum.“ „Ach so, ja, schon von gehört“, log ich und nahm mir fest vor, am Abend meine Mutter zu fragen, was dahinter steckte.

Heiliges Heftchen

Am Montag in der Schule sah ich das Buch von Lisas Hand in Merles Tasche gleiten. Merle dürfte sich nun also in desem Buch vererwigen. „Wie gut, dass ich nicht die Erste bin, denn so kann ich mir abgucken, was die anderen so darin schreiben“, dachte ich mir und klappte meine Lesefibel auf. Es dauerte Wochen, bis ich endlich dran war und das Wanderbuch in meine Tasche stecken durfte. Weil es in meinem Schulranzen oft chaotisch zuging, hielt ich das „heilige Heftchen“ auf dem ganzen Nachhauseweg in den Händen, statt es in meinen Ranzen zu stopfen. Denn sein wir mal ehrlich, meine Muter vertraute mir einfach zuviel. Wenn die Sommerferien vor der Tür standen und ich den letzten Schultag hinter mich gebracht hatte, flog der Ranzen in meinen Kleiderschrank, wo er ganze sechs Wochen liegen blieb. „Hast du dein Schulbrot gegessen oder ist das jetzt noch in deiner Tasche? fragte meine Mutter. „Aufgegessen“ murmelte ich und suchte nach dem Badeanzug und der Badematte für’s Schwimmbad. Das war gelogen. Ich hatte das Brot nicht aufgegessen, wollte aber für sechs Wochen nichts mit allen Themen, die mit Schule anfingen, zu tun haben. Schulbrote waren also mein Tabuthema und so blieb das Brot im Schrank. Natürlich keine sechs Wochen. Meine Mutter, die den Geruch nach frischer Wäsche so liebte, merkte schon nach ein paar Tagen, dass da was gewaltig stank. Noch ein paar Tage länger und das Brot wäre ihr entgegengekommen und hätte sich selbst in den Mülleimer gestürzt.

Keine Fettfinger!

Nun war ich also dran, mich in dem Poesiealbum von Lisa zu verewigen. So lange hatte ich mich darauf gefreut und nun, wo es so weit war, wusste ich nicht, was ich hineinschreiben sollte. Vorsichtig öffnete ich das Buch. Sogar meine Hände hatte ich mir vorher gewaschen, damit keine Fettabdrücke die weißen Seiten des Buches beschmutzten. Auf der ersten Seite hatte Lisa folgenden Sazu geschrieben: „Liebe Leute, groß und klein, haltet mir mein Album rein. Reißet keine Blätter aus – sonst ist die Freundschaft mit uns aus!“ Entsetzt schlug ich das Buch wieder zu. Wie kam sie darauf, dass ich Seiten aus dem Album herausreißen würde. Und wie dünn war eine Freundschaft, wenn sie nach solch einem Vorfall beendet sein würde? Doch dann war ich viel zu neugierig und öffnete das Buch wieder. Ich sah Zeichnungen, lustige und ernste Sprüche, Aufkleber und Glitzerbildchen. Letztere hatten es mir besonders angetan. Ich fand es toll, dass einige ihrer Freundinnen ihre Glitzerbildchen für ihr Poesiealbum hergeschenkt hatten und schämte mich ein wenig dafür, dass ich – sofern ich welche besessen hätte – sie mir lieber an die Tapete geheftet hätte. Auf einer Seite hatte unser Schulkamerad Martin mit Filzstift in das Buch geschrieben, weswegen die nächsten drei Seiten wegen durchgedrückter Farbe unbrauchbar geworden waren. Mit Filzstift durfte man also nicht schreiben, notierte ich mir in meinem Kopf. Doch womit dann? Mit Füller oder Inky? Oder durfte ich meinen Gelstift mit Erdbeerduft benutzen? Puh, dieses Buch war schon eine harte Nuss. Zusätzlich sah ich, dass ich nicht auf eine weiße Seite meiner Wahl schreiben durfte. Lisa hatte mit Bleistift auf jeder Seite links oben die Namen der Schreiber:innen vermerkt. Zufrieden bemerkte ich, dass ich an vierter Stelle dran kam. Dennoch wusste ich nicht, was passieren würde, wenn ich mich verschrieb. Ausreißen dürfte ich die Seite schließlich nicht. Ich entschied mich nach langem Überlegen dazu, den Füller zu benutzen, denn weil ich einen Tintenkiller/Tintentod besaß, könnte ich eventuelle Fehler einfach wieder wegkillern. Doch die wichtigste Frage war immer noch nicht beantwortet: Was um alles in der Welt sollte ich nun hineinschreiben? Dieses Buch überforderte mich und so legte ich es erst einmal beiseite.

Schreibblockade

„Wann bekomme ich mein Poesiealbum wieder?“ fragte mich Lisa zwei Wochen später in der Schule. „Ich bring’s dir morgen wieder mit“, antwortete ich ihr, was zur Folge hatte, dass ich dem restlichen Unterricht nicht mehr konzentriert folgen konnte, da ich mir den Kopf darüber zerbrach, was ich nun hinein schreiben sollte. Es war das erste Mal, dass ich ein solches Buch geliehen bekam und erst drei Menschen hatten sich vor mir darin verewigt. Das Internet gab es noch nicht und mein sechszehnjähriger Bruder hatte nur ganz doofe Ideen. „Dir wird schon was einfallen, du hast so eine tolle Phantasie“, sagte meine Mutter, als ich sie beim Bügeln auf das Album und die noch leere Seite hin befragte. Mittlerweile empfand ich das Poesiealbum als große schwere Hausaufgabe, die mir fast schon Magenschmerzen verursachte. Zur Beruhigung strich ich nochmals mit der Hand über die schönen Glitzerbildchen, dann ging ich in mein Kinderzimmer und suchte in meinem Bücherregal nach etwas, was mich inspirieren könnte. Doch Märchenbücher, Kinderbibel und ‚Der Struwwelpeter‘ konnten mir nicht geben, was ich dringend brauchte: einen schönen Spruch für’s Poesiealbum. Inzwischen war es Abend geworden und ich saß noch immer vor einem leeren Blatt. „Komm ins Wohnzimmer, wir schauen ein bisschen Fernsehen“, sagte meine Mutter, doch ich wollte mich nicht dafür belohnen, dass ich kein Stück weiter gekommen war. Aber vielleicht käme ja im Fernsehen gerade eine Folge, in der ein Kind im gleichen Schlamassel wie ich steckte und einen Tipp parat hatte? Zwei Stunden später musste ich ins Bett. Während meine Mutter mein Bett aufschüttelte und meine Bettlampe anschaltete, stand ich Zähne putzend vor dem Badezimmerspiegel und überlegte, ob ich selbst etwas reimen sollte? „Die Bürste ist in meinem Mund – mit Zahncreme drauf das ist gesund!“ So in etwa? Ach, es war einfach zum Mäuse melken. Resigniert ging ich in mein Zimmer, wo meine Mutter mit der Bettdecke in den Händen schon darauf wartete, diese wie eine Wolkendecke über meinen liegenden Körper auszubreiten. Nach einer Gute Nacht-Geschichte und verteilenden Küssen an meine Kuscheltiere und mich flüsterte meine Mutter mir Folgendes ins Ohr: „Ich habe dich so lieb, ich würde dir ohne Bedenken eine Kachel aus meinem Ofen schenken.“ DAS war es! Ringelnatz!

Mit einem Mal war ich so glücklich, so erleichtert, so euphorisiert, dass ich es kaum aushalten konnte. Als meine Mutter die Kinderzimmertür schloß, warf ich die Bettdecke zur Seite, setzte mich an meinen Schreibtisch und schlug das Poesiealbum wieder auf. Ich putzte mir meine Handrücken an dem Ärmeln nochmals ab (keine Fettflecken!), nahm meinen Füller und schrieb ohne Fehler den Satz mit den Kacheln in das Buch. Das mit dem lieb haben ließ ich weg, denn das war mir zu intim. Neben den Spruch malte ich eine Kachel mit einer Blume drauf und „fertig war der Lack“. Unglaublich zufrieden schlief ich ein und konnte es nicht erwarten, dieses Buch wieder loszuwerden.

Stressbuch in Rosa

Ein paar Wochen später hatte ich Geburtstag und bekam – Überrschung – selbst ein Poesiealbum geschenkt. Es war in rosafarbenen Stoff mit weißen Blumen eingebunden und auch wenn ich wußte, was dieses harmlos wirkende Büchlein bei anderen für einen gehörigen Stress auslösen würde, liebte ich es von Anfang, es zu besitzen. Anders als Lisa verzichtete ich auf den Eingangsspruch mit Freundschaftsbeendigungen und ließ auch die mit Bleistift vermerkten Namen auf den einzelnen Seiten weg. Sollte doch jeder so machen, wie und wo er wollte, Hauptsache sie schrieben mir alle was schönes hinein. Den Anfang machte meine Mutter. Die Tatsache, dass wir jeden Tag zusammen waren und ich sie deswegen ständig gängeln könnte, mir was ins Album zu schreiben, war einfach zu verlockend einfach. Folgendes schrieb sie mir hinein: Wird’s besser? Wird’s schlimmer? fragt man alljährlich. Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich. (Erich Kästner) Anschließend reichte ich das Buch an meinen anfänglich protestierenden Bruder weiter, der mir folgendes hinterließ:

Das Huhn.

Ein Huhn, das fraß,
man glaubt es kaum,
die Blätter von ´nem Gummibaum,
dann ging es in den Hühnerstall
und legte einen Gummiball!

Ich jubelte und wollte immer mehr. Meine Klassenlehrerin Frau Klug schrieb mir „ Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heit’ren Stunden nur!“ ins Album und die Freundin meiner Mutter, die mich immer zum Kindergottesdienst abholte, zeichnete mir zu einem schönen Spruch die Klosterkirche, in der ich einst getauft wurde, hinein. Es war einfach so schön, das Buch wiederzubekommen und zu sehen, was andere dort hinterlassen hatten. Allerdings war es dann auch immer wieder verbunden mit der Frage, wann man das Album wiederbekommen würde. Von der zweiten bis zur vierten Klasse wanderte mein Poesiealbum quer durch alle Klassen. Es waren nur noch drei Seiten frei, als ich es meinem Sportlehrer Herrn Reck gab, damit dieser auch hineinschreiben konnte. Der Sportunterricht bei ihm war immer so toll und lustig. Man hätte denken können, er lebt für den Sport. Nach vier Wochen fragte ich ihn nach meinem Album und dann nochmal nach drei Monaten. Dann war das Abschlussfest an unserer Grundschule und ich wußte, dass Herr Reck tatsächlich für den Sport lebte und nicht für Poesiealben junger Schulkinder. Ich habe mein Buch nie wieder gesehen. Lange Zeit fand ich das sehr schlimm. Doch dann dachte ich, wie schön es ist, dass ich mich noch genau daran erinnern kann, wer was hineingeschrieben hat, und diese Erinnerung kann mir keiner nehmen…

Vor einem Jahr habe ich einem achtjährigen Jungen in sein Freundschaftsbuch geschrieben. Es war so schön, dass man sich nicht viel ausdenken musste, denn es galt, ein paar Fragen zu beantworten. Lieblingsessen, Lieblingsfarbe, Lieblingsunterrichtsfach, Lieblingsmusik. Besondere Kennzeichen? ‚Ich bin meinem Sportlehrer auch mehr als 35 Jahre nicht mehr gram, dass er mir mein Poesiealbum nie wiedergab.‘

Herzlichst Steph ❤

2 Kommentare zu „Poesiealbum

  1. Hallo Steph, auch mein Poesiealbum war mit rosa Stoff bezogen und hatte Blümchen drauf. Zum Glück habe ich mein Album immer wieder bekommen, auch wenn manche Lehrer echt lange gebraucht haben und die Jungs sich wenig Mühe gegeben haben. Mein Großvati hat geschrieben : In meinem Zimmer rußt der Ofen , in meinem Herzen ruhst nur du. Auch sehr schön, oder ? Hab eine schöne Woche. Annette

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