Die Rückreise

Nachdem ich nach meinem ersten Flug mit einem Flugzeug mit wackeligen Beinen Hamburger Boden betreten hatte, hätte ich glücklicher nicht sein können. Ich hatte es überstanden! Dennoch wollte sich keine Jubelstimmung in mir ausbreiten, denn mir war bewusst, dass es ja noch einen Rückflug geben würde….

Angekommen

Das Gefühl war unbeschreiblich. Himmelhochjauchzend und völlig betrübt. Mit klatschnassen Händen, zittrigen Beinen und leichten Spannungskopfschmerzen – ausgelöst vom Stress in der Luft – umarmte ich meinen Schwiegervater, der uns netterweise am Airport Hamburg abgeholt hatte. „Das Flugzeug hat im Himmel gewendet“, stotterte ich immer noch ungläubig darüber, dass so etwas überhaupt möglich ist. Mein unbeeindruckter Schwiegervater gab mir die Schlüssel seines Autos in die Hand. „Willst Du fahren?“ fragte er. Das sollte wohl ein Witz sein. Zum einen hatte er mir noch nie seinen Autoschlüssel gegeben. Zum anderen hatte ich immer noch Pudding in den Beinen und war jetzt nicht unbedingt so versessen darauf, in einer Großstadt wie Hamburg, in der ich mich nicht auskannte, ein Auto durch die Straßen zu lenken. Außerdem hatte ich noch genug zu tun mit meinen Gedanken, die darum kreisten, dass ich leider Gottes nochmals in einen Flieger steigen müsste, um nach 14 Tagen wieder nach Hause zu kommen. Ein Gefühl wie früher zu meiner Schulzeit, wenn mir am Sonntagabend einfiel, dass ich die Mathematikhausaufgaben noch nicht gemacht hatte.

Mit dem Bus durch Kleinkleckersdorf

Nach zwei schönen Wochen in Lübeck war es soweit, wir mussten zurück nach Nürnberg. Dort wartete unser lieber Nachbar, der uns die beiden Flugtickets (Hin- und Rückflug) geschenkt hatte, weil er es nicht fassen konnte, dass ich zuvor noch nie geflogen war. 90 € hatten die Tickets gekostet. Mit der Deutschen Bahn zu reisen hätte uns 220 € gekostet. Für einen Studenten, der Studiengebühren zahlen muss und eine Erzieherin, die eh zu wenig Geld verdient, war dieses nachbarschaftliche Geschenk einfach wunderbar. Weil der Rückflug morgens um acht Uhr ging und wir uns zwei Stunden vor dem Boarding im Flughafengebäude einzufinden hatten, fragten wir Ralfs Vater nicht, ob er uns mit dem Auto zum Flughafen nach HH bringen würde, sondern fuhren mit dem Bus. Uns nachts um 4:30 Uhr durch die Gegend zu fahren, wollten wir ihm nun wirklich nicht zumuten. Der Bus, in den wir einstiegen, hielt zwar an jeder Milchkanne sämtlicher Dörfer, allerdings hatten der Ralf und ich Zeit zusammen, um lustige Sachen zu machen. Ich holte das Reisespiel aus meinem Rucksack und wir spielten ‚Mensch ärgere dich nicht‘ mit Magnetpüppchen und einem Würfel, der in einer Plastikkugel in der Mitte des Spielfeldes nur angestupst werden musste, um sich zu drehen. So ein kleines bisschen fühlte ich mich wie der Würfel, denn auch mich, die sonst so Standfeste, hätte man mit nur einem Wort (FLUGZEUG) zum durchdrehen bringen können. „Es wird alles gut“, flüsterte Ralf mir ab und an zu, wenn er sah, wie meine Gedanken abschweiften und ich an den „fliegenden Sarg“ in der Luft dachte. Nach einer Stunde Fahrt hielt der Bus pupsend am Eingangsbereich des Flughafens. Die Fahrerin stellte den Motor ab, öffnete mit einem Knopfdruck die verschlossenen Türen, zog sich ihre Jacke an und übergab den Bus einem Nachfolger. Schichtwechsel. Ich saß mit Ralf ganz hinten und wollte am liebsten sitzenbleiben. Vielleicht könnten wir den nachfolgenden Fahrer bestechen, sodass er uns auf dem Landweg ins Frankenland zurückfuhr? Geld hatten wir keines, aber viele schöne Muscheln, Sandstrand und eine Flasche Ostseewasser im Gepäck. „Ich glaube, das beieindruckt hier im Norden niemanden“, sagte der Ralf augenzwinkernd zu mir und drückte ganz lieb meine Hand, um mich zum Aussteigen zu bewegen.

Hoch und runter

Im Flughafengebäude hielt ich Ausschau nach Leuten, die ähnlich wie ich aufgeregt wegen des Fluges waren, fand aber keine. Ich fragte mich, ob es jetzt schon zu spät wäre, dem Personal zu sagen, dass ich große Angst vor’m Fliegen hatte oder ob ich nicht doch noch einen kleinen Crashkurs bekommen könnte, der mich den Rückflug ein klitzekleines bisschen entspannter antreten ließ. Unausgesprochene Gedanken waren das, aber der liebende Ehemann an meiner Seite hörte sie dennoch. „Wir können da oben im Flughafenrestaurant sitzen, einen Kaffee trinken und den abhebenden Flugzeugen zuschauen. Dann wirst du merken, wie oft nichts Schlimmes passiert“, sagte er. „Mmmmh, okay!“ presste ich hervor und schon gingen wir los Richtung Restaurant. Dort angekommen, stand sofort ein Kellner neben unserem Tisch und fragte uns nach unseren Wünschen. Obwohl ich keinen Wodka trinke, hätte ich da einen gebrauchen können! Oder sollte es doch eher eine warme Milch mit Honig sein, um mich zu beruhigen und schläfrig zu machen? Ich entschied mich für einen Lavendeltee und noch einen und noch einen. Die abhebenden und landenden Flugzeuge überzeugten mich überhaupt nicht, ich hatte weiterhin Angst. Gleich muss ich da hoch, sagte ich mir und schaute in den Himmel. Seit ich denken kann, macht es mir Probleme, wenn es schräg hochgeht. Ich war als angehende Jugendliche mal im Urlaub in Garmisch- Partenkirchen. Der Bus, der uns zur Hotelhütte bringen sollte, fuhr einen steilen Weg hoch, dann drehten die Räder und ich durch. Oder damals, als Ralf mir die wunderschöne Fränkische Schweiz in all ihrer Pracht zeigen wollte. Die meiste Zeit der Fahrt habe ich nichts mitbekommen, weil ich mit einem kalten Lappen über den Augen auf dem Beifahrersitz saß, während Ralf die serpentinenähnlichen Wege befuhr. Oh Graus. Und dann noch die Tiefe unter mir. In München bin ich mit meinen Schwiegereltern mal einen alten Kirchturm hinaufgestiegen. Ich hatte tierische Angst, wollte aber nicht als Spielverderberin gelten und als frisch eingeheiratete mein Gesicht nicht verlieren. Hoch ging es, auch wenn es schwierig für mich war. Aber runter? Rückwärts auf allen vieren bin ich da wieder heruntergeklettert und habe für einige Lacher gesorgt.

Ich wollte mir gerade einen vierten Lavendeltee bestellen, da wurden wir zum Boarding aufgerufen. „Können wir beim Boarding nicht als letzte antreten? Dann geht’s danach gleich in den Flieger und ich muss nicht noch minutenlang wartend rumsitzen und auf das Flugzeug starren“, bat ich den Ralf. „Wir können dir im Buchladen ja noch was zu lesen kaufen“, sagte dieser.

Nun geht’s los

Im Nachhinein wären wir mal lieber nicht so spät zum Boarding gekommen, denn es gab plötzlich ein Problem. Wir hatten alle unsere Taschen geleert und auch die Schuhe ausgezogen, um zu zeigen, dass wir nichts Gefährliches mit an Bord nehmen würden. Da hielt uns ein Flughafenmitarbeiter an und sagte, dass das Feuerzeug von Ralf nicht mitkommen dürfe. Häää? Wie bitte? Ich war plötzlich wacher als wach. Was war das denn nun schon wieder für eine Regelung? Als ich den fränkischen Boden verließ, hatte ich eine ganze Kiste mit Feuerzeugen dabei und alles ging gut. Es war kein Witz: Weil wir in unserer Familie jedes Jahr zu Weihnachten Schrottwichteln spielten, hatte ich eine alte Pringles-Chipsröhre mit mindestens acht Feuerzeugen gefüllt. Mein Plan war, dass meine Mutter, die ihre Feuerzeuge oft verlegt, das unbekannte Paket bekommt und weil es beim Schütteln so schön klackerte, war ich mir sicher, sie würde es auf jeden Fall nehmen. Denn meine Mutter liebt es, wenn es in Paketen klackert. „Ja, aber die Feuerzeuge waren im Koffer und nicht im Handgepäck“, flüsterte Ralf mir zu. Ach sooo. „Das Feuerzeug bleibt hier oder sie entsorgen die sich in dem Feuerzeug befindliche Watte draußen vor dem Flughafengebäude“ informierte uns der Flughafenmitarbeiter. „Niemals bleibt das hier!“ rief ich. Das Feuerzeug, ein circa 50€ teures Zippo, hatte Ralf zum Geburstag geschenkt bekommen. Seine Lieblingsband war darauf abgebildet. Auch wenn mir inzwischen der Grund, warum wir es nicht mitnehmen dürften, einleuchtete (ein Sturmfeuerzeug kann minuten- oder stundenlang selbstständig brennen), wollte ich nicht, dass Ralf mich nun hier alleine lassen müsste, um die Watte draußen zu entsorgen. Zum einen stand das Boarding an, zum anderen waren wir im großen Hamburger Flughafen und nicht in Kassel-Calden und außerdem hatte ich Angst. „Ich bin doch gleich wieder da“, sagte der liebe Ralf und küsste mich auf die Stirn, bevor er ging. Ich stöhnte und setzte mich auf meinen Koffer, immer die tickende Zeit mit im Kopf. Doch es dauerte tatsächlich nicht lange und ich sah meinen Liebsten wieder vor mir. Ab da ging es wirklich schnell und wir saßen zehn Minuten später im Flieger Richtung Nürnberg. „Wie gut, dass du außerhalb des Flughafens so schnell einen Mülleimer für die Watte gefunden hast“, flüsterte ich Ralf zu, als wir auf unseren Plätzen saßen. „Wieso weggeworfen? Die habe ich noch bei mir. In der Hosentasche“, sagte er und grinste. „WIE BITTE?“ kreischte ich. „Die Watte ist teuer“, antwortete er cool und grinste. Mein Gott. Der Flieger hatte noch nicht mal abgehoben und ich war nervlich schon jetzt ein Wrack.

Jetzt aber wirklich

Das Flugzeug düste mit rasender Geschwindigkeit über die Rollbahn, ich krallte mich wie eine auf einem Baumast sitzende Katze in Ralfs Pullover fest und schon hoben wir vom Boden ab. Der Kapitän begüßte uns über’s Mikrophon nuschelnd, die Stewardessen fragten, ob wir Wünsche hätten und die Welt unter uns wurde immer kleiner. Minutenlang hing ich wie ein steifgefrorenes Kuscheltier mit weit aufgerissenen Augen in meinem gepolsterten Sitz und betete, dass alles gut ausgehen möge. Dann hatten wir endlich die angepeilte Flughöhe erreicht und waren nicht mehr schräg in der Luft. Obwohl… Für den Ralf wurde es vermutlich ab da erst richtig „schräg“, denn ich verbalisierte meine aufkommende Panik wortreich. „Auf dem Hinflug hatten sie die Bildschirme zum live verfolgen des Flugs nach acht Minuten ausgeklappt, aber jetzt sind wir schon 12 Minuten in der Luft und sie sind immer noch hochgeklappt“, begann ich. „Die Stewardess ist auch schon lange nicht mehr aufgetaucht“, fuhr ich fort. „Bestimmt haben die irgendein Problem und sagen es uns nicht! Vielleicht ein Stromausfall. Deswegen können sie die Bildschirme nicht runterklappen. Die brauchen allen Strom, den es noch gibt, um dieses Vögelchen hier oben in der Luft zu behalten. Mein Gott, wäre ich nur mit dem Bus gefahren. Warum haben wir eigentlich schon wieder Schwimmwesten unter dem Sitz, wir reisen doch gar nicht über’s Meer?! Die Crew hat was zu verbergen, ansonsten wären sie längst hier, um uns Butterbrezeln und warmen Tomatensaft zu reichen. Hier ist was faul und ich wusste es von Anbeginn. Nur jetzt, wo wir abstürzen, weiß keiner, dass ich recht hatte!“ sinierte ich vor mich hin. „Vielleicht magst du was lesen?“ fragte Ralf und zeigte auf die Zeitschrift, die wir vorab in dem Flughafenbuchhandel gekauft hatten. Etwas widerwillig nahm ich die Zeitung zur Hand und blätterte darin rum. Bei einem Bericht über eine Mondlandung blieb ich hängen. In die Welt der Literatur einzutauchen, hat mir schon immer gut geholfen und so war es auch hier. Die Männer auf dem Mond hatten bestimmt auch Angst, und die saßen in einer Rakete, die nur alle Jubeljahre mal abhebt, ich hingegen saß in einem Flieger, der im Stundentakt abhebt. Der Kapitän, die Crew, alle wollten gerne wieder gesund zu Hause ankommen. Wir saßen alle in einem Boot. Ich beruhigte mich mehr und mehr und nach vier oder fünf Luftlöchern, bei denen ich das starke Bedürfnis verspürte, mich auf den Fussboden des Fliegers zu legen, um dem Boden bereits näher zu sein, meldete sich der Kapitän und sagte, dass wir nun landen würden. Die 45-minütige Flugzeit mag für alle ein Klacks, einen Wimpernschlag dauernd gewesen sein, mir kam es vor, als wären wir Stunden in der Luft herumgereist. Nach der Landung war ich zumindest die Einzige, die ganz laut klatschte und sich für den aussergewöhnlichen Flug bedankte. Puuuuh, war das ’ne Nummer. Am Flughafen Nünberg holte uns der liebe Nachbar, der uns die Tickets geschenkt hatte, ab und fragte, wie das Erlebnis Fliegen gewesen sei. „Einzigartig!“ sagte ich, und das war nicht gelogen.

Meine Flugangst habe ich noch immer nicht so richtig besiegt, aber das ist halb so wild. Unsere Urlaubsziele sind auch mit dem Auto zu erreichen. Ich möchte nochmals betonen, dass wir der Umwelt wegen keine Freunde von Kurzstreckenflügen sind. Das hier Beschriebene ist mehr als 13 Jahre her. Unser fränkischer Nachbar hatte Mitleid mit uns, als er hörte, dass wir meine Mutter und Ralfs Eltern lange nicht gesehen hatten und wollte uns dies unbedingt ermöglichen. Die Kosten, die uns mit der Deutschen Bahn entstanden wären, hätten wir nicht zahlen können. Es war damals tatsächlich so, dass eine Fahrt mit der Bahn das Doppelte gegenüber einem Flug kostete. Wir würden das heute dem Klimaschutz zur Folge auf jeden Fall nicht mehr machen. Ich aus nun bekannten Gründen schon mal gar nicht.

Nun wünsche ich euch allen ein schönes Wochenende mit allem was euch gut tut.

Herzlichst, eure Steph ❤

Hier geht’s zum ersten Teil „Im Flugzeug“

4 Kommentare zu „Die Rückreise

  1. Wer könnte das besser verstehen :-). Die Flugangst wunderbar beschrieben. Heute kann ich nicht nur den Flug, sondern auch den Start genießen. Aber tatsächlich ist Fliegen noch immer nicht mein Ding und ich fliege nur, wenn es sein muss. Liebe Grüße, Monika

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