Essigtoast

Ach ja, der November… Es ist trüb und wird kälter. Die Sonne hat schon seit mehreren Tagen nicht geschienen und das wirkt sich ein bisschen auf meine Seele und meine Motivation aus. Ich hab zu gar nichts Lust und das beschert mir komischerweise wiederum kreative Ideen…

Als Ralf und ich neulich das Treppenhaus heruntergingen, roch es hinter einer der Wohnungstüren so unwahrscheinlich lecker nach Rotkraut, dass ich am liebsten dort geklingelt und mich selbst zum Essen eingeladen hätte. Eine halbe Stunde später standen wir in einem Lebensmittelladen. Dort hätte ich Rotkraut und Klöße und alles, was man dazu isst, kaufen können, aber da der November uns so einlullt mit seiner grauen Farbe, griffen wir zu Fertiggerichten. Gebratene Nudeln aus der Tüte für mich und Maccaroni mit Käse für Ralf. Hätten wir das mal lieber sein gelassen. Beim Treppen hinauf steigen roch es nun nach warmen Vanillepudding mit Himbeersoße, weswegen ich erneut den Drang, dort zu klingeln, unterdrücken musste.

Das Maggifiasko

Abends rissen wir die Tüten auf, schütteten die Nudeln in eine Pfanne mit Wasser und rührten gelangweilt in der Pampe herum. „Wie ist deins?“ fragte ich meinen kauenden Mann. „Zu viel Käse, zu wenig Salz“, resümierte er, bevor er mich das gleiche fragte. „Es schmeckt total nach Maggi“, antwortete ich und zog die Nase kraus. „Kein Wunder, das ist ja auch ein Produkt von Maggi“, lachte Ralf. „Wirklich?“ fragte ich erstaunt und ging sofort zum gelben Sack, um die weggeworfene Verpackung unter die Lupe zu nehmen. „Tatsächlich!“ staunte ich. „Der November vernebelt mir das Hirn.“ Ich weiß, das es viele Menschen gibt, die Maggi lieben, ich gehöre nicht dazu. Schuld daran ist die Kinderküche aus Blech, mit der ich (damals fünf Jahre alt) und meine Freundin Sabine (7) spielten. Es handelte sich um eine Aufstellküche, die, ähnlich wie das Postamt für Kinder, circa 70 cm lang und 30 cm hoch war. Man konnte damit nicht wirklich kochen, nur spielen, als ob. In meinem Zimmer hingegen gab es einen kleinen Kinderherd mit vier Herdplatten und einem Backrohr. Der Herd hatte der jüngeren Schwester meiner Mama gehört und nun stand er bei mir. Wenn ich danach fragte, gab mir meine Mutter runde Salamischeiben, die von der Größe her genau in die kleine Pfanne des Herdes passten. Die brutzelte ich mir dann und rieb mir anschließend genüsslich den Bauch. Sabines Blechküche hingegen fand ich irre langweilig und so kam es, dass ich dem ganzen gespielten Kochvorgang ein bisschen mehr Realität schenken wollte. Aus meiner Hosentasche holte ich daher eine kleine Flasche Maggi hervor. „Wir brauchen ein bisschen Wasser“, sagte ich und forderte Sabine, auf welches zu holen. „Ich darf das bestimmt nicht“, flüsterte sie mir zu, als sie das kleine Töpfchen, nicht größer als ein Fingerhut, gefüllt mit Wassertropfen wieder in die Blechküche brachte. „Das merkt doch keiner“, antwortete ich gelassen und holte mein mitgebrachtes Maggifläschchen hervor. „Da kommt ja gar nichts raus!“ rief ich ungeduldig, doch dann kam da doch was raus und das Fläschchen war leer. Ups. „Jetzt müssen wir umrühren!“ befahl ich und Sabine nahm einen der Miniblechküche zugehörigen Minilöffel und rührte um. Da es keine echten Herdplatten gab, wurde nichts heiß, aber es roch zumindest ein wenig so. Dann rief Sabines Mutter sie zu sich und wir warfen den Fingerhuttopf schnell in die Spüle der Blechküche und stopften dieselbige in den Kleiderschrank. Das Ende vom Lied war, dass wir diese Küche später nie wieder benutzen konnten, denn die Maggiwürze klebte wie Pech in dem Topf fest. Der Gestank von festverklumpten Maggiresten machte die Kinderküche danach unbespielbar. Noch heute, mehr als 38 Jahre danach, kann ich Maggi nicht mehr riechen…

Rasierwasser und trockene Augen

Ich weiß nicht, ob es allen anderen Menschen auch so geht, aber ich bin ein Geruchsmensch. Frisch gemähtes Gras im Sommer, Wäsche, die an der frischen Luft getrocknet wurde, Regen auf warmen Asphalt, Sonnenmilch, die nach Kokosnuss duftet, frisches, selbstgebackenes Brot, geröstete Kaffeebohnen, warmer Vanillepudding oder Niveacreme mag ich besonders gerne riechen. Unvergessen das Rasierwasser meines geliebten Opas. Ich habe schon mal darüber geschrieben, wie dieser für mich herrliche Duft mich mal dazu brachte, meine Oma dreist anzulügen. Lügen bedeutet eine Sünde in einem christlichen Haushalt, aber man muss abwägen lernen. Wenn ich in den Ferien bei meinen Großeltern mütterlicherseits sein durfte, bereitete mein Opa stets das Frühstück. Wenn ich aufwachte, war ich sofort glücklich, denn meinem Opi einen Kuß auf die Wange zu geben, fand ich so schön, dass ich regelmäßig vergaß, mich ordentlich zu waschen. „Deine Augen sind noch ganz verklebt, du hast nur eine Katzenwäsche vorgenommen“, bemerkte meine liebe, aber diesbezüglich strenge Omi. „Ja, ich weiß, ich darf meine Augen nicht waschen wegen einer ENT-ZÜN-DUNG!“ antwortete ich ihr, wobei ich das Wort Entzündung extra in die Länge zog, um diesem Wort eine geheimnisvollere Bedeutung zukommen zu lassen. Meine Oma war zwar klein und lieb und christlich und nett, aber als Mutter von sechs Kindern ganz bestimmt nicht blöd. Ein Anruf bei meiner Mutter klärte auf, dass ich sie angelogen hatte und das nur, weil ich nach dem Aufstehen sofort meinen Opa auf die Wange küssen wollte. So dringend, das mir keine Zeit zum Gesicht waschen blieb. Hach, es gibt so viele schöne Gerüche aus meiner Kindheit, aber auch ganz fürchterliche. Wenn wir früher am Strand oder im Schwimmbad waren, liebte ich es, zwischen den eingeölten Frauen entlang zu gehen und diesen unverwechselbaren Sommersonnenkokoscremeduft einzuatmen. Heute riechen die Cremes nicht mehr danach, aber früher war das einfach zu schön. Was ich hingegen gar nicht mehr riechen kann, ist Bresso. Ihr kennt doch alle diesen französischen Frischkäse? Ich war damals sechs Jahre alt und besuchte mal wieder meine Großeltern an der Ostsee. Damit ich ganz viele Muscheln einsammeln und meinen Schulfreundinnen in Hessen zeigen konnte, gab mir meine Oma eine goße leere Dose Bresso mit. Es war eine Großpackung, die man nur bekommt, wenn man wie meine Oma eine Jugendherberge leitet. Nach nur einer Stunde war meine Bressobox voll mit Muscheln aller Größen und Farben. Stolz wie Bolle verschloss ich die Dose mit dem Deckel und freute mich schon sehr darauf, den Inhalt den anderen zu präsenTIEREn. Ich hatte damals noch keinen Biologieunterricht und demzufolge keine Kenntnis darüber, was in so einer verschlossenen Dose vor sich geht, wenn man sie mehrere Tage nicht öffnet. Ich erspare euch lieber die Details, nur soviel sei gesagt: Ich kann keinen Bresso mehr öffnen, ohne den damaligen fiesen Fischgeruch in der Nase zu haben. Eingespeichert für immer. Geht nicht mehr weg.

Kondome in XL

Vielleicht habe ich die Liebe zum guten Duft von meiner Mutter geerbt. Sie hat den Beruf der Drogistin erlernt als es noch nicht nur darum ging Regale einzuräumen und an der Kasse zu sitzen. Sie musste als Lernende ein Herbarium erstellen, Pflanzen mit ihren lateinischen Namen bestimmen und weiß noch heute die Wirkung von vielen Pflanzenarten und Blumen. Sie hat mir mal erzählt, wie ein stadtbekannter Lude in den Laden kam und was von Fromms kaufen wollte. Meine Mutter, noch unerfahren, dachte, er meint Gummihandschuhe und fragte ihn frech nach der Größe. Das fand der Lude gar nicht witzig, meinte er doch Kondome und die gab es damals nur in Einheitsgrößen. Zurück zum Duft. Als ich als Jugendliche mal im Krankenhaus lag, schenkte meine Mutter mir das Parfüm ‚CK one‘ von Calvin Klein. Noch heute verbinde ich diesen Duft mit dem Krankenhaus, was echt doof ist. Dafür bekam ich letztes Weihnachten von ihr das Niveaparfüm für den Sommer. Da duftet man herrlich nach Kokos, Sommer und Schwimmbad. Das riecht so frisch und lecker, dass ich mich danach immer wie frisch geduscht fühle.

Maggi „würgt“ nach

Zwei Tage nach unserem Tütennudelnzeugs hing der Geruch von Maggi immer noch sehr schwer in der Küche. „Wann wird das wieder weggehen?“ fragte ich Ralf, der mir gnadenlos ehrlich „Nie wieder!“ entgegnete. Diese elenden Geschmacksverstärker. Doch auch wenn wir gesund kochen, kann es passieren, dass da mal was komisch riecht. Habt ihr schon mal einen verdorbenen Rosenkohl in den Müll geworfen? Ich hatte ein Ein-Kilonetz dieser kleinen Röschen geputzt, als mir auffiel, das in dem Netz ein kleiner Kohl nicht mehr gut war. Küchenmülltonne auf und das eine kleine Rosenköhlchen rein. Deckel zu und gut. Am nächsten Tag stand ich auf und schnüffelte mich wie ein Spürhund durch die Wohnung. Da roch doch etwas faul? Ich kann wirklich viel ertragen, aber Gerüche, die faul stinken, sind für mich ein Riesengraus. Und jetzt kommt eine gefährliche Mischung, deren Formel so heißt: 1 faule Steph + 1 Prise Kreativität = Blödsinn. Weil ich nämlich der Meinung war, der verdorbene Rosenkohl aus dem Mülleimer stinke so, nahm ich einfach schnell einen Esslöffel Waschmittelpulver und schüttete diesen in den Mülli herein. Deckel zu und gut ist. Dachte ich… Am nächsten Tag, Ralf hatte einen Termin und war nicht zu Hause, stand ich auf und dachte, ich komme um vor Stinkerei. Weil ich eine Fußverletzung hatte, die es mir nicht erlaubte, mich ohne große Schmerzen durch die Wohnung zu begeben, wurde ich erneut kreativ. In der Sendung „Wer weiß denn sowas?“ hatte ich gesehen, was zu tun ist, wenn der Müll riecht. Weil wir alle Zutaten zur Geruchsbeseitigung daheim hatten, nahm ich eine Scheibe Toast aus dem Schrank, träufelte Essig darüber und legte die geessigte Scheibe Toast in den Mülleimer. Der Essig würde alle schlechten Gerüche aufnehmen und es würde nicht mehr stinken. „Heureka!“ wollte ich rufen, doch als später der Postbote klingelte und ich im Flur stand, da roch es wieder komisch. Der Postbote war es nicht, davon konnte ich mich überzeugen. Aber was um alles in der Welt war es dann? Genervt setzte ich mich in die Küche und schälte mir eine Mandarine. Das ist auch so ein schöner Duft zur Weihnachtszeit. Mmmmmh. Duftet bis unter die Fingernägel. Genau wie der Stinkekäse, den Ralf so gerne mag. Dänischer Danbo. Doch was war das? Die Mandarine war ja halb matschig. Ich drehte die kleine, orangene Frucht in meinen Händen und schmiss sie plötzlich weit von mir. Schimmel! Graublau eingefärbt war die Schale und daher kam also der Gestank. Puuuh, war ich erleichtert, dem ganzen in Miss Marple-Manier auf die Spur gekommen zu sein. Und als der Ralf nach Hause kam, konnte er den kleinen Rosenkohl und die Mandarine gleich zum Biomüll nach draußen bringen. Tschüß, ihr Stinker.

Nächste Woche backen wir Plätzchen. Dann werde ich die Wohnungstür ein bisschen öffnen, damit es auch bei uns mal wieder herrlich hinter und vor der Tür riecht. Anschließend werden wir den Nachbarn kleine Kekstütchen an die Türen hängen, damit wir alle was davon haben.

Kommt gut durch die neue Woche.

Herzlichst eure Steph ❤

2 Kommentare zu „Essigtoast

  1. Liebe Steph,
    vielen Dank für die schöne Geschichte. Ich bin auch so ein Geruchsmensch. Ich rieche Dinge, wo andere behaupten es würde doch nach gar nichts riechen.
    Meine schönste Geruchserinnerung ist der Geruch bei meiner Großmutti, es roch nach Kaffee, ihrem Parfüm und ein wenig nach Zigarette. Köstlich und verbunden mit den schönsten Kindheitserinnerungen. Ich war gefühlt jede Ferien allein bei meiner Großmutti, ohne Bruder und Eltern und es war so schön.
    Dir einen schönen Sonntag, trotz trübem Wetter, mach viele Kerzen an und trink einen schönen Tee und beim Plätzchen backen ist ja vielleicht auch ein Rezept von Foodtalkapp dabei 🙂

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s