Tratsch im Treppenhaus

Es passte mir gut, dass Ralf noch einen Termin in der Innenstadt hatte, denn auch ich hatte dort etwas zu erledigen. Ich würde ein Rezept bei unserer Hausärztin abholen müssen.

Ich halte unsere Ärztin für eine der Besten. Sie ist sehr nett, hört einem stets gut zu und ist eine sehr gute Diagnostikerin. Wir vertrauen ihr und sind froh, dass es sie gibt. Ein kleines Problem gibt es dennoch, denn eine ihrer Sprechstundenhelferinnen wirkt oft ruppig und unfreundlich. Ich muss mir oft erst Mut zusprechen, wenn ich in der Praxis anrufe, um einen Termin zu vereinbaren oder um ein Rezept zu bitten. Nun hatte ich glücklicherweise den Anruf schon hinter mir, als ich mit Ralf ins Auto stieg. „Du kannst zu deinem Termin fahren und ich laufe von dort zur Praxis“, bot ich meinem Mann an. „Auf keinen Fall!“ sagte er. „Ich fahre dich zur Praxis, warte dort und dann können wir gemeinsam weiterfahren“, schlug er vor. Das fand ich gut. „Geht ja auch schnell, ich muss ja nur was abholen“, sagte ich.

Loriot-esque

An der Praxis angekommen, öffnete ich schwungvoll die Haustür und rannte die Treppen hoch. Ralf sollte nicht so lange im Auto warten müssen. Doch mein Treppengerenne wurde jäh unterbrochen, denn als ich um die Treppenhauskurve bog, standen da Personen vor der Praxistür. Da fiel mir die Sonderregelung wegen der Pandemie wieder ein. Statt einfach in die Praxis hineinzugehn musste man nun klingeln und warten, bis man eingelassen wurde. Damit nicht zu viele Menschen im Wartezimmer eventuellen Viren ausgesetzt wären, durften immer nur zwei Peronen hinein. Direkt vor der Tür stand eine Frau mit silbernen Haaren. Nervös nestelte sie an ihrer Perlenhalskette herum und griff ab und zu in ihre Handtasche, um zu gucken, ob noch alles da war. Hinter ihr stand ein junger Mann in grauer Jogginghose und schneeweißen Turnschuhen. Ich war die dritte im Bunde und stellte mich brav hinten an.

Zunächst war es still im Treppenhaus. Einzig die auf- und zuklappende Handtasche der Frau machte alle paar Minuten ‚klick‘ und ‚klack‘. Ich schmunzelte, weil ich an einen Sketch von Loriot denken musste, in dem ein Paar zur Eheberatung geht. Der Mann hat Angst, dass die Therapeutin ihn für das Scheitern der Ehe verantwortlich machen könnte, und lenkt die Aufmerksamkeit auf seine Frau, die unentwegt ihre Handtasche öffnet, hineinschaut und wieder schließt. Als er keinen Zuspruch von der Therapeutin erhält, weist er nachdrücklich auf die Zwangshandlung seiner Frau hin. Doch als in einer anderen Szene die Eheberaterin seine Frau zurechtweist, weil diese ihre Tasche immer wieder auf- und zuknipst, verteidigt er seine Gattin. Drei Minuten standen wir da, dann wurde die Frau mit den silbernen Haaren plötzlich hysterisch. Mit beiden Fäusten trommelte sie an die Praxistür und forderte Einlaß. „Ich muss geboostert werden, ich brauche den Booster!“ rief sie dabei immer wieder. Ich schaute zum Jogginghosenmann herüber, der nur stumm mit den Schultern zuckte. Dann ging die Praxistür endlich auf und die Frau wurde hineingelassen. Weil sie sich sehr laut empörte, konnten wir draußen vor der Tür hören, wie sie mit der nicht so netten Sprechstundenhelferin stritt. „Man, hat die Nerven!“ dachte ich mir. Ich kriege schon Magengrummeln, wenn ich nur mal in der Praxis anrufe und die Silberhaarfrau schrie die Sprechstundenhelferin an, als wäre die Sprechstundenhelferin eine junge Eislaufkünstlerin und die Silberhaarfrau ihre Trainerin. Im Grunde war es ganz einfach: Die Frau wollte geboostert werden, aber in der Praxis gab es am Nachmittag keinen Impfstoff mehr. Es wurden der Frau andere Möglichkeiten genannt, die sie aber nicht hörte, weil sie so sehr mit Schreien beschäftigt war. Ich trat von einem Bein auf’s andere und sorgte mich um Ralf, der nun im Auto warten musste.

Der Nächste bitte

„Die Frau ist ein bisschen bekloppt“, sagte der Jogginghosenmann und machte eine Scheibenwischergeste. „Man weiß ja nicht, was sie hinter sich hat“, antwortete ich und schaute auf die Uhr. Da ging unten eine Tür auf und ein Mann mit dicken, großen Kopfhörern auf den Ohren gesellte sich zu uns. „Wartet ihr hier auch?“ fragte er. Oh, wie sehr mich solche Fragen nerven. „Nein, ich schaue mir in meiner Freizeit gerne die Architektur von Alstadthäusern an und stehe deswegen planlos in Treppenhäusern rum“, dachte ich mir, sagte aber nichts. „Ja, wir warten hier“, antwortete der Jogginghosenmann für mich mit. „Na, dann stelle ich mich mal hinten an“, sagte der andere und nahm seine riesigen Kopfhörer von seinen Ohren. Ein waschechter Norddeutscher konnte er nicht sein, so viel wie er redete. Ich dachte an Ralf, der im Auto wartete und wie ich ihm vorhin sagte, es würde schnell gehen. Wer denkt denn auch daran, dass es so lange dauerte, um ein Rezept abzuholen? Ich unterließ es, erneut auf die Uhr zu schauen, denn das hätte mich nur noch nervöser werden lassen. Wie lange die Silberhaarfrau wohl gewartet hatte, bevor sie halb hysterisch gegen die Tür getrommelt hatte? Wäre es nun bald auch bei mir soweit? Ich musste mich dringend ablenken. Doch womit? Ich begann das Warnschild vor dem Aufzug auswendig zu lernen. Wenn es brennen würde, wüsste ich, noch besser als eh schon, was zu tun sei. Die Silberhaarfrau diskutierte noch immer mit der Sprechstundenhilfe, die mir inzwischen schon richtig leid tat. Hoffentlich hatte Ralf nicht im Halteverbot geparkt.

Noch ein Neuer

Wieder ging die Tür unten auf und ein neuer Besucher kam die Treppe rauf. Ein Mann mit dicken Brillengläsern.Wieder wurden wir gefragt, ob wir hier auch warten und wieder dachte ich mir, wie unsinnig diese Frage sei. Da standen der Jogginghosenmann, der mit den Kopfhörern und ich in meinem senfgelben Pippi Langstrumpf-Kleid mit knallroten Lackstiefeln und Blumenrucksack im Flur und sahen so gar nicht aus, als wären wir Vertreter:innen für Medizinprodukte. „Ja, wir warten hier“, antwortete der Joggingmann für uns alle. Dankbar nickte ich ihm zu. In den Praxisräumen wurde es stiller. Hoffentlich ging es der Silberhaarfrau gut und sie war vor Entrüstung nicht kollabiert. Doch ich musste mich um mich selbst kümmern. Wenn jetzt noch jemand käme und fragte, ob wir hier warten würden, könnte mein Nervenkostüm langsam Risse bekommen. Aber hey, ich stand ja vor einer Arztpraxis, da könnte mir ja bestimmt geholfen werden. Statt Schaum vor dem Mund würde ich vermutlich Schaum vor den Ohren haben. Haben sie da auch was von Rathiopharm? Keine zwei Minuten nach dem Mann mit den dicken Brillengläsern kam eine junge Frau die Treppe hoch und stellte sich in unsere Reihe der Wartenden an. Fast hätte ich ihr aus verschiedenen Materialien aus meinem Rucksack einen Orden gebastelt, weil sie keine blöden Fragen stellte. Was das Basteln angeht, bin ich wie MacGyver. Neulich habe ich aus einem alten Milchkarton, Farbe und einem Jutesack einen Schneemann mit Mütze gestaltet. Eine Minute nach ihrer Ankunft stellte die junge Frau dann doch eine Frage, die da lautete „Darf ich bitte vor, ich muss was abgeben, das gekühlt werden muss!“ „Hahaha, was muss den gekühlt werden, etwa ihr Müsliriegel?“, fragte der Mann mit den dicken Brillengläsern und stellte sich extra breit in den Treppenhausaufgang, damit sie auf keinen Fall an ihm vorbeikam. „Wir warten hier alle“, sagte der Jogginghosenmann seinen Satz auf. Wir hätten hier längst ein Krippenspiel für die Kirche einstudieren können, so lange standen wir hier nun schon rum. Obwohl ich nur die Nummer Zwei in der Warteschlange war und Ralf unten im Auto wartete, wollte ich dem Gebaren der jungen Frau nachgeben und sie vorlassen. „Also von mir aus können sie…“ Weiter kam ich nicht, denn die anderen schauten mich tiefböse an. Ich hatte jetzt wirklich keinen Bock auf Stress, und das Rezept für meinen Blutdrucksenker lag da irgendwo auf dem Tisch der Rezeption, daher mischte ich die Gruppe nicht weiter auf.

Wir müssen hier raus!

Zu fünft standen wir nun also in dem Treppenhaus und warteten weiter.

Das Warnschild am Aufzug konnte ich nun sogar rückwärts aufsagen. Ich würde dem Ralf später im Auto eine Kostprobe meines Könnens vortragen. Bestimmt würde er sich freuen. Er freut sich nämlich immer, wenn ich, wie er sagt, komische Sachen mache, die ihn erheitern. „Also vielleicht sollten wir jetzt doch mal klingeln“, schlug ich vor. Seit die Silberhaarfrau in den Räumen verschwunden war, waren immerhin 20 Minuten vergangen. „NEIN!“ rief der Joggingmann. „Ich bin der Erste in der Reihe und dann denken die, ich wäre es gewesen“, jammerte er. „Dann sage ich, dass ich es war“, bot ich ihm an. Wie schnell doch eine Rollenverteilung innerhalb einer Gruppe passieren kann. Psycholog:innen hätten ihre wahre Freude an uns gehabt. DING DONG machte es da auch schon. Der Kopfhörermann, der hinter mir stand, hatte sich vorgebeugt und mutig auf den Klingelknopf gedrückt. „Keine Sorge, ich drängel mich nicht vor“, sagte er zu mir, die nichts gesagt hatte. Dem Jogginghosenmann war die Klingelei peinlich und er stellte sich hinter mich. „Mit dem gewinnt man bei einer Revolution auch keinen Blumentopf“, dachte ich mir und las nochmal das Warnschild des Aufzugs durch. Da ging wie in einem Wunder plötzlich die Tür der Praxis auf und ich sah in das Gesicht der oft nicht so freundlichen Sprechstundenkraft. „Ich war’s!“ nahm ich mir vor zu sagen, sollte sie fragen, wer da geklingelt habe. Das wäre meine Challenge für das neue, gerade frisch begonnene Jahr. Doch die Zeit war scheinbar noch nicht reif und außerdem wollte sie was anderes. Wie ein Adler, der seine Beute anpeilt, schaute sie in die Runde, dann zeigte sie auf mich und sagte: „Sie wollen ein Rezept abholen, sie kommen mal rein!“ Es ist wirklich überhaupt nicht meine Art, mich vorzudrängeln, aber dadurch, dass Jogginghose seinen Mut verlor, und ich Angst vor der Sprechstundenhelferin habe, passierte es und ich kam vor ihm rein. „Ist ja nur ein Rezept, geht ja schnell“, sagte ich hastig, bevor ich am Ärmel in die Praxis gezogen wurde und die Tür sich wieder schloss.

Auf der Zielgeraden

Drei Minuten später stand ich wieder draußen und fiel in Ralf’s Arme. „Ich war noch schnell bei Fielmann, um Kontaktlinsenpflegemittel zu kaufen und habe mich sehr beeilt, weil ich dachte, du bist längst fertig“, sagte er. „Das bin ich auch, das bin ich jetzt auf jeden Fall!“ antwortete ich und ließ mich auf den Autositz plumpsen. Dann erzählte ich ihm alles, was passiert war und zusammen lachten wir uns all den Stress weg. Ich glaube, der Satz „Ich muss nur ein Rezept holen, das geht schnell“ wird ab jetzt für uns zu einem lustigen Synonym für „Warte nicht auf mich, es wird bestimmt länger dauern“. Was man nicht alles so erleben kann, wenn man NUR ein Rezept abholen möchte. Sozialstudien führen könnte ich nach diesem „kurzen“ Termin. Ab jetzt packe ich mir ein Snickers in den Blumenrucksack. Falls es mal wieder länger dauert. 😉

Die Sprechstundehelferinnen habe ich bei all dem Trubel natürlich auch nicht vergessen. Noch am gleichen Tag setzte ich mich hin und bastelte aus Eierkartonzapfen, Draht und Holzperlen kleine Engel, die ich ihnen in der Praxis vorbeibringen werde. Was ist mein Stress gegen den ihren? Für kleine, nette Gesten sollten wir alle Zeit haben.

Herzlichst Steph ❤

5 Kommentare zu „Tratsch im Treppenhaus

  1. Sehr schön. Und die tatsächlich unsinnigsten Fragen. Schön finde ich auch, wenn man bei den Gastgebern pünktlich vor der Tür steht und sie fragen einen ob man gut hergefunden hätte. Oder man hatte lange Haare und plötzlich sind sie kurz, dann die Frage warst du beim Friseur ?
    Euch noch einen schönen Sonntag

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