Die Gelassenheit der Dänen

„Sie sind eine temperamentvolle, impulsive Persönlichkeit“, stellte mein Therapeut fest. Er ist mein Verhaltenstherapeut und soll mir dabei helfen, nicht wieder so krank zu werden wie damals, als mich ein Burnout ereilte und Schach matt setzte. Wir haben zusammen festgelegt was ich an mir ändern will und was nicht. „Das Impulsive soll nicht weg, dass gehört zu mir“, sagte ich vor langer Zeit und er nickte mir zustimmend zu. Eigentlich soll gar nichts von mir weg, sondern etwas dazu kommen. Das „Nein sagen“ zum Beispiel, oder das ständig in mir pochende Helfersyndrom. Und ich will gelassener werden, denn im Grunde bin ich selbst ein harmonieliebender, humanistisch denkender Mensch. „Am liebsten“ begann ich, „wäre ich so gerne wie viele meiner dänischen Freunde“. Fragend schaute er mich an und ich erzählte ihm was ich damit meinte…

Wasser da, Wasser weg

2013. Nach einer dreistündigen Autofahrt kamen wir in unserer Ferienunterkunft in Dänemark an. Es handelte sich dabei um einen umgebauten Bauernhof mit mehreren Ferienzimmern. Der Schlüssel steckte von außen und dennoch wollten wir nicht einfach so hineinstampfen. Wir gingen ums Haus herum und sahen Mads, unseren Vermieter. Er baute gerade an einem neuen Unterstand aus Holz. In einer Hängematte lag seine Frau Lisa. Als sie uns sah, nahm sie mit der Hängematte soviel Schwung, als dass sie in Mads Nähe kam und trat ihm mit einem ihrer Füße in den Hintern. Dabei zeigte sie auf uns. Mads sah uns, begrüßte uns freudig und fragte, ob es Probleme gäbe? „Nein, keine Probleme, aber an der Haustür steckt der Schlüssel und wir wussten nicht…“ begannen wir. „Ja, geh rein und macht es euch gemütlich“, sagte Mads und widmete sich wieder dem Unterstandbau. Später würden wir erfahren, dass es auf der Insel völlig normal ist, den Schlüssel von außen stecken zu lassen. Man vertraut sich gegenseitig. Nachdem wir unsere Sachen ausgepackt hatten, verbrachten wir den ersten Tag unserer Ankunft ausgiebig im Wattenmeer. Bernstein suchen, Muscheln sammeln und die Nordseeluft genießen. Auf dem Nachhauseweg aßen wir Pølsemix und vegetarische Burger in einem Diner, bevor wir gegen 19 Uhr wieder an unserer Unterkunft ankamen. Weil ich mit dem ganzen Sand zwischen den Zehen, an den Beinen und den Armen aussah wie ein paniertes Schnitzel auf zwei Beinen, sprang ich sogleich unter die Dusche. Ralf saß mit dem Laptop auf den Knien am Tisch und sortierte erste Urlaubsaufnahmen. Ich hatte mich unter der Dusche gerade so richtig schön eingeseift, als das Wasser weg war. „Sche…. das gibt doch gar nicht!“ rief ich und drehte an den Knöpfen der Armatur, doch es kam nichts heraus. In ein großes Handtuch gewickelt ging ich zur Küche und drehte am dortigen Wasserhahn. Nichts. „Die anderen haben auch kein Wasser“, sagte Ralf. Er war im Internet im Austausch mit anderen Urlaubern, die ebenfalls auf der Insel weilten. „Ich geh jetzt zu Mads“, sagte ich und zog mich an. Einmal ums Haus herum, drei mal klopfen und schon stand er vor mir. „Wir haben ein Problem, denn wir haben kein Wasser“, erzählte ich Mads. „Oh und du hast Durst?“ fragte er. „Ähm, nein. Wir haben nur kein Wasser“, erklärte ich erneut. „Aaaah, das ist nicht so slimm. Jetzt ist das Wasser weg, aber bald wird es wieder da sein“, sagte er und lächelte. Ehrlich gesagt dachte ich im ersten Moment, dass er mich veräppeln wollte. Hatte er mich und mein Problem überhaupt richtig verstanden? Es war ja nun nicht so, dass dies mein erster Urlaub an der Nordsee war und ich mich wie ein kleines Kind darüber wunderte, wo das Meer alle sieben Stunden hingeht, wenn Ebbe ist. Tatsächlich aber wusste er genau, worüber ich sprach. Es war nun mal eben so, wie es ist und momentan nicht zu ändern. Ich unterhielt mich noch etwas länger mit ihm und war von der optimistischen Art so angefunkt, dass ich sie übernahm. „Alles nicht so slimm!“ schrieb ich ins Forum der deutschen Urlauber und lehnte mich entspannt zurück. Das Wasser war circa zwei Stunden später wieder da und ich konnte in aller Ruhe zu Ende duschen.

Dachschaden

2014. Nach einer dreistündigen Autofahrt kamen wir in unserer Ferienunterkunft in Süddänemark an. Meine Mutter würde mich bestimmt am Telefon fragen, ob ich mich gut genug mit Sonnenmilch eingecremt habe. Hatten wir überhaupt Fliegenfänger eingepackt? Im Radio war von krankmachender Salami die Rede, und das, wo ich die dänische Salami so gerne esse. In meinem Kopf war sehr viel durcheinander. Doch als Ralf unser Auto auf das Gelände des alten Bauernhofs lenkte, merkte ich, dass wir hier ganz andere Probleme hatten, denn wir hatten kein Dach! Über unserer Unterkunft blähte sich eine große blaue Folie über das Gerüst, auf dem eigentlich Dachziegeln liegen sollten. „Äääähm…“ sagte ich langsam und ließ meinen Mund danach wie eine Schublade offen stehen. Wie um alles in der Welt sollte ich DAS später meiner sich sorgenden Mutter erklären? „Joa, alles gut hier, wir haben zwar kein Dach über dem Kopf aber naja, es gibt Slimmeres.“ Im Endeffekt war es genau so. Mads kam um die Ecke, begrüßte uns und erklärte, er habe diesen Dachschaden schon länger. Ich lachte. Das Wetter sei die ganze Zeit so schlecht gewesen, und nun, wo es endlich anhaltend sonnig und warm sei, habe er die Chance genutzt, um das Dachproblem lösen zu können. Alles nicht so slimm. Ob wir abends für ein Bier Zeit hätten? Das hatten wir. Mads schenkte uns nicht nur eine Flasche Rotwein, sondern auch drei Tage kostenlose Verlängerung unseres 14-tägigen Urlaubs. Und nicht nur das: Die nächsten Tage wurden abenteuerlich schön. Wenn wir nicht am Strand waren, half Ralf freiwillig bei den Dacharbeiten, an denen drei Leute beschäftigt waren. Leitender Arbeiter war Zibby, ein fleißiger Mann, der ursprünglich aus Polen kommt und seit Jahren mit seiner kleinen Familie auf der Insel lebt. Zweiter Arbeiter war Hans, ein Knecht, der auf dem Bauernhof arbeitete und Paul, einen Bruder von Mads Frau Lisa. Ankommende Urlauber hielten Ralf irgendwann für den Hausmeister, so sehr kniete er sich in die Arbeiten hinein. Alle hatten Spaß, es wurde viel gescherzt und gelacht. Daraus enstanden wunderbare Freundschaften. Zibby und Hans wurden im nächsten Jahr Trauzeugen, als Ralf und ich uns im Sommer 2015 auf der Insel nochmal das JA-Wort nach 15 Jahren Ehe gaben. Alles nicht so slimm.

Dänische Medizin

Die Dänen faszinieren mich einfach immer wieder mit ihrer Gelassenheit.

Es scheint, als rege nichts sie auf, und gibt es Kritik, dann sagen sie fast schon niedlich „Oh, das ist nicht so gut“, wie der Komiker Benni Stark in seinem Youtube-Video „Dänisch für Anfänger“

wunderbar lustig aufzeigt.

Die Dänen sind für mich Medizin, staunend schaue ich mir ihr Verhalten jeden Urlaub wieder an und werde von ihrer positiven Art angesteckt. Es scheint, als wäre alles nicht so slimm, was man eh nicht ändern kann. Sie bleiben stets freundlich, lächeln und warten ab, bis nach dem Regen die Sonne wieder scheint. Schlechten Nachrichten geben sie nicht viel Raum, da es einfach besser ist sich mit einem Lächeln gegenseitig zu vergewissern, dass alles wieder gut werden wird.

Ich brauche Medizin

Aktuell könnte ich dringend mal wieder ein bißchen dänische Gelassenheit tanken, denn hier in Deutschland ticken viele Menschen ganz anders. Momentan habe ich das Gefühl, es wird um mich herum gemotzt, genörgelt und sich beschwert. Es wird gekeift, beleidigt und geätzt. Sogar wenn man jemandem ein Lächeln schenkt, ist das nichts mehr wert. Was ist nur passiert? Na klar, wir leben aufgrund der Pandemie in derzeit schwierigen Situationen, aber müssen wir uns da noch gegenseitig das Leben schwer machen? „Nie kommt der Bus pünktlich, einfach nie!“ schimpfte die Frau gestern neben mir, als wir zusammen an der Bushaltestelle standen. Ich lächelte ihr zu. „Sie finden das wohl auch noch lustig?“ keifte sie mich an. „Nein“, sagte ich und steckte mein Lächeln eilig weg. „Aber sie haben doch eben gelacht!“ ätzte sie weiter. „Ich wollte ihnen ein freundliches Lächeln schenken“, sagte ich ihr wahrheitsgemäß und mittlerweile leicht trotzig. Dann kam der Bus und wir stiegen ein. Während der Fahrt überlegte ich, wie es soweit kommen konnte, dass man jetzt sogar wegen eines zaghaften Lächelns zurechtgewiesen wird.

Best Practise

Dabei war ich ja gewarnt. Als Mitglied einer Nachbarschaftsgruppe auf Facebook lese ich regelmäßig, wie andere sich über Fragestellende lustig machen oder sie sogar aufziehen, statt zu helfen. Regelmäßig kommt der nicht hilfreiche Kommentar, ob man zu blöd sei, bei Google zu suchen, wenn jemand eine Frage hat. Es werden „Deppensmileys“ (lachende Emoticons) verwendet, wenn jemand fragt, wo man die Asche eines verstorbenen zu Schmuck verarbeiten kann und rumgemotzt, wenn jemand eine Frage hat, die schon einmal im Forum auftauchte. Alle Nerven aufgebraucht, so scheint es. Wie gerne schaue ich da bewundernd in mein Herzensland Dänemark hinüber. Ja, da wütet das Virus auch gewaltig, aber die Menschen fangen nicht an, sich gegenseitig zu zerfleischen. Sie bleiben gelassen, helfen und unterstützen sich gegenseitig. In einer dänischen Gruppe in den sozialen Medien schilderte eine Dänin neulich ein Problem: Ihr Kind im Kindergartenalter sei positiv auf Corona getestet worden und nun müsse sie mit ihrem älteren Sohn zum Testcenter, um sich auch testen zu lassen. Sie könne den Kleinen nicht mit ins Testzentrum nehmen, hätte aber auch keine andere Möglichkeit außer der, ihn im Auto zu lassen. Nun fragte sie, wie lange die Warteschlange vor dem Testzentrum sei, damit ihr Sohn nicht so lange alleine im Auto warten müsse. Als ich das las, hielt ich die Luft an. Würde man eine solche Frage in anderen deutschen Foren stellen, wüsste ich schon, was dabei herauskäme. Da wäre ganz schnell von Unverantwortlichkeit, Ansteckungsgefahr und Jugendamt die Rede. Aufgeregt wartete ich auf die ersten Kommentare und wünschte, die junge Dänin würde es nicht so hart treffen. Darüber vergass ich, dass es eine dänische Gruppe war, denn es gab nur wohlwollende und unterstützende Kommentare. „Wo steht dein Auto, ich könnte deinen Jungen durch das geschlossene Fenster ein wenig ablenken“, schrieb die Erste. „Ich stehe jetzt in der Warteschlange und lasse dich gerne vor“, schrieb ein Anderer. „Ich lasse dich auch gern vor“, „Ich auch“, pflichteten andere ihm bei. Innerhalb von wenigen Minuten ward der Frau geholfen und keiner machte sie wegen irgendwas blöd an. Alles nicht so slimm.

Viel schönes Gepäck im Seelenrucksack

Auf keinen Fall möchte ich Probleme wegreden oder mich darüber lustig machen. Es gibt Sachen, die sind nicht komisch. Wenn eine junge Frau berichtet, dass der Regen durch ihr Dach tropft, sie schon mitten in einer großen Pfütze steht und der Ferienhausanbieter da nicht sofort hilft, vergeht auch mir das Lachen. Ein Dänemarkurlaub kostet viel Geld und da kann man schon verlangen, dass man in dieser Zeit nicht auf Probleme trifft, die man auch zu Hause nicht gerne hätte. Letzteres ist uns sogar selbst geschehen nur umgekehrt. Ein traumhafter Urlaub auf Fanø lag hinter uns. Als Mensch, der Dänemark sein Herzensland nennt, brauchte es nur zwei Tage und ich hatte mich mit der sorglosen Mentalität der Dänen assimiliert. Barfuss schritt ich durch das Wattenmeer und packte mir ganz viel in meinen Seelenrucksack ein: Die kleinen Strandläufer, die mich mit ihren trippelnden Füßen zum Lachen brachten, die tobende See, die immer wieder verschwand, um neu gestärkt heranzurauschen, die entspannten Menschen um mich herum und der Mann meines Lebens an meiner Seite. Unbeschreiblich wunderbar. Zurück in Deutschland dachte ich, ich könnte Bäume ausreissen, so erholt fühlte ich mich. Doch beim Muscheln sortieren auf dem Esszimmertisch entdeckte ich einen Wasserfleck, der nicht vom Waschen der Muscheln herrührte. Mein Blick ging hoch an die Decke wo sich eine große Wasserblase abzeichnete. Beim Nachbarn über uns war mal wieder irgendetwas ziemlich falsch gelaufen. Ehrlich gesagt hätte ich heulen können. Ich spürte, wie meine Erholung schwand und der Trübsinn sich ein Nest in meinem Kopf bauen wollte. Wollte ich das zulassen? Ein klares Nein. Ich erinnerte mich an die Dänen und an meinen Therapeuten. Wollte ich jetzt hier rumsitzen und mich selbst beklagen? Wieviel Zeit wollte ich meinem Ärger einräumen, fünf Minuten oder fünf Stunden? Ich griff zum Telefon, rief unseren Vermieter an und war erleichtert, dass er sich sofort kümmerte. Mehr konnte ich nicht tun und dabei beließ ich es dann auch. „Alles nicht so slimm“ murmelte ich als ich meine schönen Muschelschätze bewunderte und mich wieder der Freude statt dem Ärger widmete.

Vertrauen ist so wichtig

Ich weiß nicht woher die Dän:innen ihre Portion Gelassenheit hernehmen, aber sie gefällt mir. Sobald ich die Grenze nach Dänemark überquert und die ersten Dänen getroffen habe, bin ich angesteckt mit Lebensfreude, Gelassenheit und fühle mich glücklich. Ob es an dem Vertrauen liegt, das sie füreinander haben? Wir sahen neulich eine Reportage, in der eben diese Frage gestellt wurde: Warum sind die Dänen so ein glückliches Volk? Es wurde ein Experiment gestartet. Dazu nahm das deutsche Drehteam ein Portemonnaie voller Geld und legte es sichtbar auf den Boden eines Marktplatzes. Wer würde die Geldbörse einstecken und wer würde es bei der Polizei abgeben? Das Ergebnis: Alle Menschen, die das Portemonnaie fanden, gaben es sofort bei der Polizei ab. Alle. Vertrauen schafft Nähe und ist auf jeden Fall ein wichtiger Indikator zum Glücklichsein. Das ist wie mit dem Schlüssel, der außen an der Tür steckt. In Deutschland hatten wir jahrelang ein DDR-Regime, welches seine eigenen Mitbürger bespitzelte, aushorchte und an den Staat verpfiff. Da ist das Vertrauen verloren gegangen und hat der Unzufriedenheit, Bitterkeit und Wut Tor und Türen geöffnet.

In Dänemark hingegen haben sogar die Steckdosen lustige Gesichter, es sieht aus, als würden sie lachen. Ich bedanke mich herzlich bei Simon Bocki und Mette Berg-Jensen, die mir ihre Steckdosenbilder auf Anfrage zur Verfügung stellten.

PS: Natürlich weiß ich, dass nicht alle Dän:innen so sind, wie von mir beschrieben. Auch hier gibt es Ausnahmen. Das wollte ich in meiner deutschen Gründlichkeit auf keinen Fall vergessen haben, nicht dass es später kritische Kommentare hagelt.

Herzlichst Steph

3 Kommentare zu „Die Gelassenheit der Dänen

  1. Liebe Steph, herzlichen Dank für dein heutiges Geschreibsel – du sprichst mir Spass von aus der Seele 😘 Mir geht es genauso, lasse mich auch gern von der dänischen Mentalität anstecken 😊 Liebe Grüße, mach bitte weiter so !!!

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