Der Babysitterjob

Dänisches Verkehrsschild

Ich habe immer gerne auf Kinder aufgepasst. Immer. Doch manchmal kommt auch eine angehende Erzieherin an ihre Grenzen…

Als ich 18 Jahre alt wurde, bin ich von zu Hause ausgezogen. Ich wollte auf eigenen Beinen stehen, meine eigenen Erfahrungen machen und noch selbstständiger werden. Die neue Wohnung war in einem großen alten Schulgebäude eines Dorfes und begeisterte mich sofort. Küche, Bad und ein Zimmer durfte ich bewohnen, die anderen beiden Räume der Wohnung wurden von meiner Vermieterin genutzt. Die Vermieterin hieß Silke und war mit Martin verheiratet. Zusammen hatten sie drei Kinder namens Torben (10), Agna (9) und Sören (8). Martin war Archtitekt und handwerklich sehr begabt. In seiner Freizeit sägte, hämmerte und bohrte er auf dem Hinterhof und es entstanden immer mehr Skulpturen, die er ausstellte. Silke selbst war Künstlerin, die große Leinwände gestaltete. Zudem gab sie an den Wochenenden Seminare für gestresste Frauen. „Aus diesem Grund brauche ich die beiden anderen Räume, das eine ist mein Büro und in dem anderen finden die Seminare statt“, sagte sie, als ich die Wohnung zur Besichtigung betrat. „Ansonsten wohne ich direkt nebenan mit meiner Bande“, ergänzte sie. „Oh schön. Ich bin angehende Erzieherin im dritten Ausbildungsjahr. Es passt so gut, dass diese schöne Wohnung so nah am Bahnhof ist, denn ich muss werktags mit dem Zug zur Fachakademie fahren“, erklärte ich. „Wenn du einmal in der Woche auf meine Kinder aufpasst, kannst du sofort einziehen“, sagte sie und schon war alles besiegelt. Ich zog mit Sack und Pack ein und freute mich sehr, dass sie mir ihre Kinder anvertraute.

Der erste Abend

Hoch motiviert stand ich eines Abends um 18:30 Uhr vor Silkes Tür, um meinen Babysitterjob anzutreten. Eine der neuen Nachbarn hatten mich beim Einkaufen vor der Familie gewarnt. Die seien alle „gaga“ im Kopf und würden sich nicht an Regeln halten, hieß es. Da ich ein junger Mensch ohne Vorverurteilung war und selbst mal bei Rot über die Ampel ging, tat ich das Gerede als „Dorfgetratsche“ ab. Der Schlüssel steckte von außen an der Wohnungstür. „Komm rein!“ hieß es von innen. Das fand ich schon ein bisschen ernüchternd. Wer möchte als Gast nicht gerne an der Tür abgeholt und begrüßt werden? Zögerlich drehte ich den Schlüssel im Schloß um und betrat die Wohnung. Wow, war das ein Palast. „Wir sind in der Küche!“ rief Silke. Ich ging vorbei an einem komplett in schwarz gehaltenen Badezimmer aus Marmor, lächelte über ein unaufgeräumtes Kinderzimmer, sah einen Raum mit vielen Matratzen und stand dann endlich in der Küche. „Früher war das hier ein Klassenzimmer und dort stand die Tafel“, sagte Silke, als sie meinen staunenden Blick bemerkte. „Martin hat hier alles selbst gebaut. Die Küchenschränke, den Tisch und die Türen.“ Bei dem Wort Tisch zeigte sie mit ihrem Finger auf den Esszimmertisch, an dem ihr Sohn Sören saß und zu Abend aß. Es gab Erbspüree mit Pastinaken. Ich wollte gerade fragen, wo die anderen beiden Kinder seien, da entdeckte ich sie schon selbst. Agna saß auf der Fensterbank und hatte ihren Teller auf den Knien positioniert, ihr älterer Bruder Torben lag unter dem Tisch und schmierte Erbspüree auf den Stuhl, auf dem ich, seiner Mutter nach, Platz nehmen sollte. „Nimm einfach einen anderen Stuhl“, sagte Silke und schien völlig unbeeindruckt davon, dass ihr zehnjähriger Sohn lachend sein Essen an die Möbel klatschte. Dann zeigte sie mir den Rest der geräumigen Wohnung. Jedes Kind hatte ein eigenes Zimmer, es gab drei Badezimmer, einen Wohnraum, Martins Musikzimmer, eine geräumige Wohnküche und das Schlafzimmer der Eltern. Dort lagen fünf Matratzen auf dem Boden neben dem Ehebett. „Wir schlafen da alle zusammen nebeneinander“, beantwortete Silke meine nicht gestellte Frage. Vermutlich hat sie in meinem Blick gesehen, dass ich das ein bisschen ungewöhnlich fand. Silke hatte sich gerade von uns verabschiedet und war in ihr Auto gestiegen, da fand Agna Worte, um mich zu begrüßen. „Du bist also die Ar…lochfrau, die heute auf uns aufpassen soll!“ Wumms. Ich schluckte. Dann besann ich mich und sagte: „Ich bin die Steph und tatsächlich habe ich einen zusätzlichen Geheimnamen, aber Ar…lochfrau ist es nicht. Vielleicht findet ihr ihn ja irgendwann raus, denn ich passe ab jetzt öfter auf euch auf.“ Das Eis zwischen uns knisterte leicht. Würde ich es noch zum Brechen bringen können? Den ersten Abend haben wir uns tatsächlich ein klein wenig angenähert. Nachdem sie weder puzzeln noch malen oder ein Buch vorgelesen bekommen haben wollten, griff ich zu meiner Geheimwaffe: Wir spielten Verstecken und ich suchte. 😉

Schäumendes Schaumbad

Die nächsten Tage waren anstrengend. In der Fachakademie standen Klausuren an, ich musste noch Umzugskartons auspacken und hatte mit einer Erkältung zu kämpfen. Erschöpft saß ich im Psychologieunterricht und versuchte, den Ausführungen meiner Lehrerin zu folgen. Dabei waren meine Gedanken längst woanders. Ich malte mir in den schönsten Farben aus, wie ich nach Hause kommen und mir heißes Wasser in meine Badewanne einlassen würde. Krank zu sein ist immer blöd. Dann noch alleine zu wohnen und sich selbst um alles kümmern zu müssen, war noch viel blöder. Das erste Mal wurde mir bewusst, dass es nicht nur Vorteile hatte, nun alleine zu wohnen. Die Landschaft zog zuckelnd ruckelnd an mir vorbei, während ich im Zug saß und meine heiße Stirn an die kalte Fensterscheibe lehnte. Ich konnte nur noch daran denken, wie schön es wäre, gleich in eine heiße Wanne zu steigen. Als ich nach Hause kam, steckte mal wieder der Schlüssel von außen. „Wir halten das im ganzen Haus alle so, denn wir vertrauen einander und teilen Eigentum“, hatte Silke mir erklärt. Nun steckte ihr Schlüssel in meiner Wohnungstür was bedeutete, dass sie in meiner Wohnung war. „Die Frauen und ich untersuchen heute unsere Sexualität und schauen uns im Spiegel an“, berichtete sie, als ich im Flur auf sie traf. „Ist gut, ich bin krank und muss dringend ein heißes Bad nehmen“, sagte ich verschnupft. Im Badezimmer nahm ich die große Flasche Badesalz, die mir eine Freundin zum Einzug geschenkt hatte und ließ es in die Wanne voller Wasser rieseln. Hmmm, das sah ein bisschen komisch aus. War es normal, dass das so schäumte? Ich könnte doch wegen so einer Kleinigkeit nun nicht meine Mutter anrufen und sie um Rat fragen. Schließlich wollte ich alleine wohnen. Ich fasste mit der Hand ins Wasser, um es umzurühren, da merkte ich, wie meine Hand sich komisch anfühlte. „Das ist doch…Waschmittel!“ rief ich und nahm meine Hand rasch wieder aus dem Wasser heraus. „Die A…lochfrau badet in Waschmittel“ hörte ich es draußen im Hof tönen, als ich ohne Anklopfen Silkes Seminarzimmer betrat. Die Frauen, die dort saßen, hatten weniger als ich mit meinem Badetuch umwickelt an und schauten erschrocken auf, als ich lospolterte. „Silke, das geht zu weit! Deine Kinder haben das Badesalz gegen Waschmittel ausgetauscht, ich bin so krank dass ich auf dem Zahnfleisch laufe und kann jetzt nicht baden!“ Sie werde beim Abendessen mit den Kindern reden, sicherte sie mir zu, bevor sie sagte, sie und die Frauen bräuchten nun Ruhe.

Nudelklau aus dem Topf

Die Babysitterabende wurden langsam besser. Am liebsten wollten die Kinder alleine draußen spielen gehen, aber ich fand, dass die Nachbarn mal verschont bleiben müssten von umgeworfenen Mülltonnen, angemalten Fensterscheiben und Knallfröschen in Briefkästen. Weil Sören mich immer wieder fragte, wie mein Geheimname lautete, hatte ich für die Kinder ein Rätsel entworfen. Ganz uneigennützig war das nicht, für das Ausräumen der Spülmaschine in ihrer elterlichen Wohnung gab es einen Hinweis, für das Rausbringen des Biomülls zwei und für „Wir sitzen im Bett und hören Steph zu, wie sie uns etwas vorliest“ gab es gleich drei. Zeitgleich musste ich erfahren, dass ihre Mutter ähnlich merkwürdig war wie ihre Laissez-faire-verzogenen Kinder. Weil der Wohnungsschlüssel immer in der Tür stecken musste, kam und ging sie, wie sie wollte. Ich saß eines Tages mit einem Bekannten in meiner Küche. Er wollte sich Umzugskartons bei mir leihen, und da ich gerade beim Spaghetti kochen war, lud ich ihn ein, mitzuessen. Unverhofft betrat Silke die Küche, sagte „Mmmmh“ und fasste in den Topf mit den abgekühlten Nudeln. „Der Martin ist ausgezogen“, sagte sie fast beiläufig und griff noch mal in den Topf, um Spaghetti zu klauen. „Möchtest du einen Teller haben und dich zu uns setzen?“ fragte ich, doch sie winkte ab und verschwand wieder. Später erfuhr ich, dass Martin sich in eine kinderlose Nadelholzexpertin verliebt habe und nun bei ihr im Bett nächtigte statt auf einer von vielen Matratzen. Die Kinder wurden anhänglicher und waren bei mir nicht mehr ganz so frech. Einmal spielte ich mit Agna auf der Terrasse Federball, da flog dieser durch das offene Fenster ins Büro ihrer Mutter. „Ich hol‘ ihn schon“, sagte Agna, setzte sich auf die Fensterbank und hangelte sich durch’s Fenster in das Büro. Ungwöhnlich lange blieb sie da drin. Zweimal musste ich sie rufen. Dann spazierte sie durch die Terrassentür des Büros wieder heraus und hielt mehrere Fotos wie einen Fächer in der Hand. „Hahaha, die Mama ist nackt!“ rief sie und prustete los, als hätte sie ihren ersten Häschenwitz gehört. „Wo hast du die Bilder her?“ fragte ich. „Die lagen da auf dem Tisch verteilt“, antwortete sie. „Bring sie bitte zurück, das geht nur deine Mama was an“, sagte ich. Ich hätte erstaunt sein sollen, dass Agna sofort auf mich hörte, aber ich war noch verstört von den Bildern, auf denen Silke nackt wie Gott sie schuf in ordinären Stellungen zu sehen war.

Nächtlicher Besuch

Dann kam der Tag, an dem ich merkte, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. Ich hatte gerade eine sehr wichtige Klausur mit einer guten Note abgeschlossen und wollte dies mit einer Schulfreundin bei mir daheim feiern. Erste eigene Bude und so. Maja, meine Klassenkameradin, hatte ihren Schlafsack dabei, denn sie würde die Nacht bei mir verbringen. Wir kochten uns was, tranken Wein und sangen englische Kinderlieder, die wir gerade auf der Fachakademie gelernt hatten. Silkes Kinder hüpften derweil auf dem Garagendach herum, um durch mein Fenster zu schauen. Sie wollten noch einen Buchstaben bekommen, um meinen Geheimnamen herauszukriegen. „Übermorgen, wenn ich wieder auf euch aufpasse“, sagte ich und zog die Gardinen zu. „Tja, so ist es“, sagte ich zu Maja. „Ich dachte, ich hab meine erste eigene Wohnung, kann ein bisschen feiern und machen was ich will, aber alleine bin ich hier nie. Irgendwas ist immer los und Privatsphäre wird hier nicht besonders groß geschrieben“, beklagte ich mich. „Ich hol uns noch ’ne Flasche Wein“, sprach Maja und so kam es, dass wir später ordentlich betüddelt einschliefen. Ich in meinem Bett und Maja auf der Matratze auf dem Fussboden. Wir hatten circa vier Stunden geschlafen, da spürte ich, wie neben mir jemand atmete. Völlig geschockt setzte ich mich im Bett auf und machte das Licht an. „Was machst du denn hier?“ schrie ich plötzlich auf, als ich Felix neben mir entdeckte. Felix war mein Exfreund, und das schon seit langer Zeit. „Ich hab‘ dich vermisst und draussen steckte der Schlüssel, also bin ich reingekommen“, säuselte er, bevor ich ihn wieder vor die Tür setzte. Nach diesem Schock versuchten Maja und ich noch ein bisschen zu schlafen. Es war die Nacht von Freitag auf Samstag und wir müssten nicht zur Fachakademie, deswegen freuten wir uns, nochmal die Augen zumachen zu können. Doch die Ruhe hielt nicht lang. Wir wurden von anhaltendem Schreien geweckt. „Was ist denn hier los?“ hörte ich eine erschrockene Maja fragen, da jaulte es schon wieder. „Was ist das?“ fragte sie. „Das ist Silkes Schreikurs für gestresste Frauen“, erklärte ich ihr und legte mir das Kissen auf’s Gesicht, um dieses Geschreie weniger laut zu hören. Bei mir war ab da tatsächlich eine Grenze überschritten. Die ganze Werktagwoche der Lernstress an der Fachakademie, daheim völlig übergriffige Leute um mich herum und nicht mal am Wochenende ausschlafen können. Nein, das war alles nichts für mich. Ich würde mich von dieser schönen Wohnung trennen müssen…

Ich ziehe aus

„Wie konnte ich Silke erklären, dass ich hier nicht mehr wohnen wollte?“ fragte ich mich den ganzen Tag über. Ich wusste, dass ich für mich selber einstehen musste und quälte mich dennoch damit, wie ich ihr das beibringen könne. Da kam mir Gott sei Dank das Schicksal auf positive Art entgegen. „Weißt du, der Martin liebt mich jetzt wieder“, sagte sie, während sie (schon wieder übergriffig) an meinen Haaren herumspielte. Ich stellte keine Fragen, weil mein Gehirn damit beschäftigt war, die Frage durchzugehen, was sie mit lieben meinte. „Und deswegen will der Martin jetzt hier einziehen, aber wir brauchen noch Abstand von einander, wenn wir wieder zueinander finden wollen“, erklärte sie. Ich nickte. Abstand. Als ob man hier Abstand voneinander finden würde. „Du weißt, was das bedeutet?“ fragte sie und lächelte mild. Ehrlich gesagt wusste ich keineswegs, was das bedeuten sollte. Mein Hirn kramte gerade ihre Nacktfotos wieder hervor. „Äääähmm“, stotterte ich, da sagte sie, wie es ist: „Du musst ausziehen, denn wir brauchen die Wohnung!“ Statt geschockt zu sein, fielen mir viele Steine vom Herzen. „Ich finde schon was Neues und freue mich für euch“, sagte ich und meinte es völlig ehrlich. Tatsächlich hatte ich bereits eine neue Wohnung gefunden, in die ich in wenigen Wochen einziehen könnte. Diese Begegnung mit Silke war die einfachste und schönste. Ich war gescheitert. Alternativ und offen und künstlerisch aktiv, wie all diese Leute aus dem Haus, wollte ich sein, aber mir wurde sehr vieles zu viel. Vielleicht würde ich später noch mal in solch einem Haushalt leben wollen, vielleicht aber auch nicht. Für’s Erste war es jedenfalls nichts für mich. An dem Tag, als ich auszog, stand schon Martins Umzugslaster vor der Tür. Wir wechselten die Räume. Der Abschied von den Kindern, die mich zu Beginn stets die Ar…lochfrau nannten, fiel mir sehr schwer. Bevor ich ging, gab ich ihnen meine neue Adresse und die letzten Buchstaben des Geheimnamenrätsels. Nach einem Monat bekam ich Post von Torben, Agna und Sören. Sie hatten meinen geheimen Zweitnamen aus den Buchstaben SPTSEPRHEU entschlüsselt. Ich lachte vor Freude, als ich ihre lieben Zeilen las, in denen sie mir mitteilten, dass es ihnen gut ginge und was sie so machten. Es war eine wirklich merkwürdige Zeit damals, aber ohne sie hätte ich euch heute nicht diese Erinnerungen aufschreiben können…

Herzlichst, Eure SUPERSTEPH ❤

5 Kommentare zu „Der Babysitterjob

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