Zähne zeigen

Letzte Woche gab meine elektrische Zahnbürste nach zehn Jahren ihren Dienst auf. Während Ralf untersuchte, ob man sie noch irgendwie reparieren könnte, erinnerte ich mich an eine Geschichte, die ich vor Jahren aufgeschrieben hatte. Damals arbeitete ich noch aktiv im Kindergarten und schrieb mir meine Angst von der Seele.

Ich habe Angst vor der Zahnärztin. Große Angst.

An dem Tag, an dem wir uns jährlich treffen, will ich am liebsten krank sein, aber das klappt nie, weil ich oftmals nur am Wochenende oder im Urlaub krank werde. Arbeitgeberfreundliches Kranksein eben.

Aufklärend muss ich sagen, dass es nicht meine eigene Zahnärztin ist, vor der ich solchen Bammel habe. Es ist vielmehr die Zahnärztin, die uns jährlich im Kindergarten besucht, um die Zähne der Kinder auf ihre Gesundheit hin zu überprüfen. Ihr Name ist Frau Dr. Bolzenschneider.

Frau Dr. Bolzenschneider ist kein Kumpeltyp. Frau Dr. Bolzenschneider zeigt Zähne. Und das auf eine meist sehr unschöne Art. Wenn ich sie einem Tier zuordnen müsste, würde ich den Rottweiler nehmen.

Frau Dr. Bolzenschneider kommt nie alleine. Sie bringt stets ihre Assistentin Frau Bissig mit. Frau Dr. Bolzenschneider und Frau Bissig sind sich in ihrem Wesen sehr ähnlich. Sie mögen beide keine Widerworte, sind nicht Freund vieler Sätze und lachen äußerst ungern. Nur rein äußerlich sind sie grundverschieden. Frau Dr. Bolzenschneider trägt die Haare schwarz, ist klein und drahtig. Frau Bissig hingegen ist 1,80 m groß, hat blonde Haare und die Figur von Altkanzler Helmut Kohl.

Als ich das Duo vor drei Jahren das erste Mal sah, bekam ich gute Laune. Jemand, der so aussah, müsste ein fröhliches Naturell haben. Dachte ich.

Vorbereitungen

Der Besuch von dem Rottweiler und ihrem treuen Dackel sieht immer gleich aus und benötigt strenge Vorbereitung meinerseits.

Es ist, als hielten die Königs bei uns Einzug, um uns in unserer alten, maroden Hütte eine Audienz zu geben. Zu aller erst muss lange vor dem Eintreffen der Dentisten ein Stuhlkreis gestellt werden. Dazu darf ich niemals vergessen, einen extra-großen Stuhl für Frau Bissig hinzustellen, denn sonst macht sie ihrem Namen alle Ehre. Schnell muss ich dann noch eine Liste mit den anwesenden Kindernnamen (alphabetisch) ausfüllen. Daneben muss ich das genaue Alter der Kinder in Jahren und Monaten angeben. Nachdem ich die Tabelle ausgefüllt habe, greife ich gerne mal zum Yogitee statt zum Kaffee, denn ich muss mich beruhigen. Die Beruhigung zählt. Auch bei den Kindern. Nicht laut sein, nicht dazwischen reden und auf keinen Fall erzählen, dass man am morgen am liebsten ein Schokomüsli zum Frühstück isst, lautet die direkte Ansage.

Die Königin des Zahns erscheint

Dann ist es endlich soweit. Meine Hände sind schweißnass und zittern. Frau Bissig kommt zu uns in die Gruppe und lässt sich auf dem größten der Stühle nieder. Sie fragt die Kinder in einem gelangweilten Ton, ob sie denn wissen, wer sie sei und warum sie da ist.

Eines meiner Kinder hat vor Jahren mal jubelnd gerufen: „Du bist die Zahnfee!“ und begeistert in die Hände geklatscht. Die Ernüchterung folgte auf dem Fuß. Frau Bissig zeigte mit dem Finger auf sich selbst und fragte das Kind in geleiertem Ton: „Sieht so wohl eine Zahnfee aus?“ Das war das erste und letzte Mal, als ich sie witzig fand.

Nachdem die Altfee dann Platz genommen hat, holt sie aus ihrer Tasche ein Buch heraus. Sie hält es kurz hoch, blättert es auf und beginnt zu erzählen. Weil sie dieses Buch vermutlich schon 1000 Mal gezeigt hat, kennt sie den Inhalt schon lange auswendig und macht sich nicht die Mühe, den neugierigen Kindern die 20 Seiten des Buches Satz für Satz vorzulesen. Viel lieber leiert sie die Geschichte in sehr gekürzter Fassung herunter. Das hört sich dann im fränkischen Dialekt so an:

„Des is der Jürchen (Jürgen), der is sechs Johr old und butzt sich ned so gern die Zähn. Er isst gerne Marmeladenbrode ohne Rinde und nascht Süßichgeiden. Wenn er abends im Bett liecht, isst er noch gern an Stück Schogolad. Irchendwann hat der Jürchen dann große Zahnschmerzen und muss zum Zahnarzt. Der sacht ihm dann, dass sei Zähn‘ alle kapudd sinn und er sie hätt besser butzen solln. Unn weil der Jürchen nie wieder solche Zahnschmerzn haben will, putzt er sich nu immer drei mal am Doch die Zähn.“ Ende. Die Kinder sind still wie nie, weil sie denken, es geht noch weiter, aber da klappt Frau Bissig das Buch schon wieder zu und schiebt es unter ihren Stuhl. Dann beginnt der nächste unangenehme Teil. Frau Bissig leiert ihre Fragerunde runter.

„Wenn man beim Bägger ein Nusshörnle kauft, is denn da an Zugger drin?“

„Jaaaa!“ rufen die Kinder.

„Un wenn man a Schogobrödla kauft? Is da an Zugger drin?“

„Jaaaa!“

Ich bin stolz auf meine Kinder. Beim Thema „gesunde Ernährung“ macht ihnen so schnell keiner ein X für ein U vor.

Die Leierkasten-Fragerunde geht weiter. Während meine Kinder weiterhin alle Fragen schön richtig beantworten, schweife ich gedanklich ab. Frau Bissigs monotone Stimme veranlasst mich zu der Frage, wie lange sie diesen Job schon ausführt und ob sie überhaupt noch Freude daran empfindet. Aus Angst, sie könne meine Gedanken lesen, richte ich mich in meinem Stuhl wieder auf und übe mich im Aufmerksamsein. Dabei hätte ich mir das sparen können, denn wie jedes Jahr fragt sie die Auslegeware einer Bäckerei ab.

„Is in einem Krapfen an Zugger drin?“

„Jaaaa!“

„Un in einem Bambercher?“

„Jaaa“!

„Dürfen mir an Zugger essn“?

„Neeeeiiiiin!“ kreischen die Kinder im Chor und machen entsetzte Gesichter. Nun reicht es mir. Ich riskiere zwar meinen Hals, meine gute Laune und eventuell den Erhalt meines intakten Gebisses, aber so kann es nicht weiter gehen. Ich gebe Frau Bissig Widerworte. Ohne ihre Absprache und vermutlich ohne ihr Einverständnis wende ich mich an die Kinder und sage: „Man darf schon mal Zucker essen.“ Vorsichtig schaue ich zu Frau Bissig, deren Augen sich buchstäblich zu schmalen Schlitzen zusammen ziehen. Bevor mich der Mut verlässt, rede ich weiter: „Wenn ihr mal einen Schokoriegel oder ein Nusshörnchen esst, müsst ihr danach einfach gut die Zähne putzen, damit der Zucker nicht so lange auf den Zähnen sitzen bleibt.“ Unsicher schaue ich zu Frau Bissig. Was wird sie tun? Aufstehen und mir eine reinhauen? Mich rausschicken? Auf die stille Treppe etwa? Doch es tut sich… nichts. Frau Bissig hält die Fassung. Oder doch nicht?

Vielleicht ist es nur ihr fulminantes Gewicht, was sie schwerfällig macht und davon abhält, flink zu handeln.

Weil sie aber letzten Ende nichts tut (ihre bösen Blicke auf mich seien nicht dazugezählt), beruhige ich mich innerlich etwas. Aber auch nur etwas. Denn eigentlich rege ich mich ja doch immer wieder sehr auf. Ich mein‘, das muss man sich mal vorstellen: Da sitzt eine sehr dicke Frau auf einem sehr großen Stuhl und erzählt den Kindern, dass Zucker schlecht für die Zähne und der Konsum daran deswegen zu unterlassen sei. Und was ist mit dem Rest? Wie kam Frau Bissig denn zu ihrem Gewicht? Veranlagung oder der Glaube, eine Wildschweinhälfte sei immer noch besser als ein Nusshörnle? Man möge mir meine verbalen Entgleisungen verzeihen. Ich kann nur einfach schlecht mit Menschen, die Kindern Angst vor Lebensmitteln machen, statt Kompromisse zu finden.

Danke sagen

Nach dem Buch und der köstlichen Fragerunde folgt nun Teil drei des Besuches. Die Untersuchung. „Stellen Sie die Kinder der Reihe nach auf, damit Frau Dr. Bolzenschneider sie ansehen kann“, weist sie mich mit düsterem Ton an und verlässt das Zimmer. Ich nicke stumm und tue wie mir geheißen. Die Tür hat sich kaum geschlossen, da gab ich meinen Kindern auch schon die ersten Anweisungen. „Ich habe hier eine Liste und alle Kinder, die ich dann vorlese, stellen sich der Reihe nach vor der Gruppentür auf.“ Die Kinder nicken stumm, wie ich es eben bei Frau Bissig tat. Als die Kinder dem Alphabet nach aufgereiht an der Gruppentür stehen, lüfte ich den Raum nochmal kurz durch. Dann drehe ich mich um und bemerke, dass manche Kinder ihren Platz getauscht haben, um näher vor/hinter ihrer Freundin/ihrem Freund zu stehen. Wieder wischte ich mir den Schweiß von der Stirn. Frau Dr. Bolzenschneider duldete keine langen Verzögerungen und wartete bereits in der Küche. Die Kinder in der Reihe juchzten und quiekten. Natürlich… sie kennen Fr. Dr. Bolzenschneider nicht so gut wie ich. Mit großer Mühe versuchte ich die Tauschplätze der Kinder wieder in die alte Reihenfolge zu bringen und schwitze wie ein Umzugshelfer, der ein Klavier trägt. „Wir gehen jetzt IN DIESER REIHENFOLGE im Entenmarsch zur Küche. Dort wartet Frau Dr. Bolzenschneider und schaut sich eure Zähne an“, sage ich. Eher im Soldaten- statt im Entenschritt bewegen wir uns gesittet in Richtung Küche. „Haaalt!“ rufe ich plötzlich und die kleine Meute stoppt ihren Schritt. Mir ist noch etwas Wichtiges eingefallen. Ich weiß, dass sie jedem untersuchten Kind eine Zahnbürste schenkt. Ich weiß auch, dass sich ein Kind mal nicht bei ihr dafür bedankt hat und sie dem Kind daraufhin in lautem Ton sagte: „Mach’s gut und lass dir von deinen Eltern mal Dankbarkeit beibringen!“ Weil ich keine Lust auf negativen Stress habe, trichtere ich den Kindern deshalb vorher ein, sich bitte ja auch schön bei Frau Dr. Bolzenschneider zu bedanken.

„Wenn euch die Frau Doktor etwas schenkt, dann bedankt euch bitte dafür.“ Die Kinder nicken.

Normalerweise gebrauche ich solch blöde Erinnerungssätze nicht. Kinder sind nicht undankbar. Es ist vielmehr so, dass sie überrascht sind, wenn sie etwas geschenkt bekommen. Dazu kommt, dass sie gar nicht wissen, was sie nehmen sollen, wenn man ihnen einen prall gefüllten Korb mit Snickers, Mars, Bounty oder Kinder-Country-Riegel vor die Nase hält.

(Oh nein! Das darf die Bolzenschneiderfrau niemals nie erfahren!!)

Was ich sagen will: Das kindliche Gehirn hat ständig neue Eindrücke. Manche Kinder haben in ihrem fünfjährigen Leben erst einmal ein Bounty gegessen und überlegen nun, ob ihnen das damals geschmeckt hat. Sollen sie nun also das Bounty, das so eine tolle blaue Verpackung hat, nehmen oder doch lieber das Snickers, dessen Geschmack sie schon öfter mal haben geniessen dürfen? Oder doch lieber das schwarze Mars? Mmmmmhhh, ganz schön schwierig. Haben sie sich dann endlich entschieden, fragen sie sich, wann sie diese Köstlichkeit endlich essen dürfen. Jetzt gleich oder doch erst wenn sie zu Hause sind? Das alles sind schon Fragen genug, und dann steht auch noch eine Erzieherin da und schimpft laut darüber, dass sich keiner bedankt. Dabei wollten die Kinder ja gar nicht unhöflich sein, sie hatten nur gerade ganz andere Gedanken im Kopf. So sehe ich das jedenfalls.

Wenn ich mal was an die Kinder austeile und keiner etwas sagt, dann nehme ich es mit Humor und sage: „Ich höre so gar nichts, aber vielleicht muss ich meine Ohren auch mal wieder waschen.“ Dann lachen meine Kinder und sagen: „Danke!“ Frau Dr. Bolzenschneider hat hingegen keine Lust auf Pädagogik. Sie hat Lust auf Zähne.

Die Untersuchung

Es ist soweit. Die Untersuchung. „Ohne Befund“ war das häufigste Urteil, welches Frau Doktor an diesem Tag aussprach. Wenn man das nur auch von ihrer Person sagen könnte. Die Kinder bedanken sich für die geschenkte Zahnbürste und äußerten zu meinem Erstaunen keine Wünsche über die Farbe. Dann geht alles ganz schnell. Frau Bolzenschneider und Frau Bissig packen ihre Sachen zusammen, geben mir Elternbriefe mit Befunden in die Hand und verabschieden sich. Puhhh, das war wieder mal geschafft. „Kinder! Ihr dürft wieder lachen, Spass haben und toben!“ hätte ich den Meinigen gerne zugerufen. Allerdings taten sie das bereits.

Die 364 Tage bis zum nächsten Besuch des furchtbar netten Duos würden hoffentlich seeehr langsam ins Land gehen…

Habt alle eine schmerzfreie Zeit.

Herzlichst Eure Steph ❤

2 Kommentare zu „Zähne zeigen

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