Die Wanne ist voll

Bin ich die Einzige, die Schwierigkeiten hat, von Sonntag auf Montag in den Schlaf zu finden? Gefühlt war das bei mir schon immer so. Als ich noch zu Schule ging, in der Ausbildung, im Berufsleben… Am Sonntagabend, so scheint es, zieht mein Kopf ungefragt Bilanz. Was war am Wochenende alles geschehen, was steht nächste Woche an, und so weiter und sofort. Zum Glück habe ich ein Notfallmedikament, ein kleines, ärztlich verschriebenes Helferlein, wenn es am Sonntag mal wieder nicht so klappen will mit dem Schlafen. Doch letzte Woche ging dann einiges schief…

Zu hellhörig?

Sonntagabend. Es war der Tag nach meinem Geburtstag. In Gedanken war ich immer wieder bei den vielen Glückwünschen, tollen Geschenken und wunderbaren Erlebnissen, als ich zu Bett ging. Ich wusch mich, nahm meine Schlaftropfen, trank danach etwas Wasser, weil die Tropfen so eklig schmecken, suchte ein Hörspiel zum Einschlafen aus, bereitete mir eine Wärmflasche und freute mich darauf, im Bett noch ein wenig zu lesen. Sonntagsrituale am Abend. Dann löschten wir das Licht und lauschten dem Hörspiel zum Einschlafen. Als es nach 45 Minuten endete, war ich noch immer hellwach. Das hat mich genervt. Ich überlegte, warum die Tropfen nicht geholfen haben, denn normalerweise schlafe ich damit immer sehr gut ein. Ob es wohl am Wasser lag, das ich sofort danach getrunken hatte? Hatte es die Tropfen zu sehr verwässert? Hatte ich da eben ein Geräusch gehört? War ich vielleicht zu hellhörig? Ich überlegte. Der Blick auf die Uhr zeigte mittlerweile 1:30 Uhr. Ich wurde noch genervter. Was war denn nur los mit mir? Dann hörte ich plötzlich ein leises Zischen und einen Schwall Wasser. Das Geräusch war nur ganz kurz da und ich fragte mich, woher es rührte. Ob wohl der Pool unseres neuen Nachbarn aus dem Nebenhaus kaputt gegangen war? Oder noch schlimmer: Hatte einer der anderen Nachbarn dessen Pool vielleicht absichtlich beschädigt? Der neue Nachbar ist nämlich nicht beliebt in der Nachbarschaftshood. Er mäht sonntags den Rasen, feiert gerne Gartenpartys bis früh morgens und seine riesengroße HSV-Fahne macht bei Wind oft so Klong-Geräusche. Aber wer würde so böse sein und ihm dafür die Poolplane zerstechen? Während all diese Gedanken durch meinen Kopf kreisten, merkte ich, dass einer meiner am Tag zuvor frisch geschnittenen Fußnägel immer wieder an der Bettdecke kratzte. Nervig. Total nervig. Ich hätte es zu gerne ignoriert, aber es ging einfach nicht. Also stieg ich aus dem Bett. Es war 1:44 Uhr und ich hatte noch keine Sekunde geschlafen. Ich zog mir meinen grün schwarz gestreiften Grinsekatzenhausanzug an und öffnte die Schlafzimmertür um in den Flur zu gelangen.

Da tropft doch was…

Als ich durch den Flur ging und an unserem Esszimmer vorbei kam, hörte ich das gleiche Geräusch wie vorhin. Es war aber nicht im Garten, es war bei uns im Esszimmer! Da öffnete ich die Tür und kreischte sofort los.

Der gesamte Holzfussboden war klitschenass und glänzte. Dazu machte es unentwegt „Klong“. Auf dem Tisch eine Riesenpfütze. Die Pflanze, die darauf stand, ließ bereits vor lauter Gesättigtheit ihre Blätter hängen. Drei Rollen neu gekauftes Geschenkpapier wellten sich ebenso wie mein Bastelkarton, der überall verbreitet auf dem Tisch lag. Was war denn hier passiert? Dann schaute ich nach oben und dachte, mich trifft der Schlag. Die ganze Deckentapete sah aus wie einer meiner mamorierten Geburtstagsballons vom Wochenende. An einer Stelle löste sich bereits eine Tapetenbahn ab. Daraus kam immer mal wieder ein paar Wassertropfen. Diese nahmen immer mehr Dynamik auf. Erst so Tropf………Tropf……Tropf….. Dann plötzlich Tropf, Tropf, Tropf, und dann kam ein Schwall Wasser. Dann wurde es still. Ich stand da mit offenem Mund und starrte an die Decke. Da fing es wieder von vorne an. Erst nur langsam, dann immer schneller und dann der Schwall Wasser. Das Klonggeräusch entstand, weil ein paar Tropfen in eine kleine Marienkäferdose aus Blech fielen. Darin bewahren wir immer die Streudeko für Geburtstagstische auf. Ralf war inzwischen wegen meines Kreischens wach geworden und stand nun neben mir. Schnell holte er alle Putzeimer, die wir im Haus haben und stellte sie unter die tropfende Tapete. „Das kommt von oben!“ stellte ich fest (sehr klug, woher auch sonst?). Über uns wohnt unser 81-jähriger Nachbar. Ralf sprintete hoch zu ihm. Er klingelte und klopfte, aber der Nachbar öffnete nicht. Daraufhin griff ich zum Telefon und rief den Nachbarn an. Ich war so glücklich darüber, dass er sofort ranging, es war ihm also nichts passiert. Aufgeregt schilderte ich ihm, wie es bei uns aussah und sagte, dass das Wasser aus seiner Wohnung käme. Ob es ihm gut ging, fragte ich ihn. Nein, er habe seit einigen Tagen was am Ischias und habe keinen guten Stuhlgang, antwortete er. Mein Genervtlevel hatte die 100 auf einer Skala bis 100 erreicht. „Ich meine, ist irgendetwas nass in Ihrer Wohnung?“ fragte ich. Nein, im Gegenteil, er habe ja öfter kaum Wasserdruck in den Leitungen. „Tut mir leid, dass ich Ihnen nicht weiterhelfen kann“, sagte er und wir verabschiedeten uns am Telefon.

Treppensport in der Nacht

Im Esszimmer sah ich, wie Ralf alles, was im Weg stand, wegräumte. Es tropfte unverändert wie eh und je. Ich plagte mich mit dem Gedanken, unseren Vermieter mitten in der Nacht aus dem Bett zu klingeln. Aber was sollte ich machen? Es gab definitiv einen Schaden in seinem Haus und so wie das tropfte, konnte ich unmöglich bis zum nächsten Morgen warten. Also rief ich ihn an. Sachlich schilderte ich ihm das Problem und er sagte, er sei gleich da. Da habe ich mich erst mal kurz ins Arbeitszimmer gesetzt und eine Stresszigarette geraucht. Von dort aus sah ich, wie Ralf wie ein Storch durch das Esszimmer watete und den Boden trocken feudelte. Inzwischen war es 2:20 Uhr. Es klingelte. Unser Vermieter kam die Treppenstufen heraufgehetzt. „Heute habe ich keinen Kaffee für sie“, scherzte ich, als er unsere Etage erreichte. „Ich hab gerade eh schon genug Adrenalin“, sagte er und lächelte gequält. Dann sah er sich unseren Wasserschaden an und ging anschließend hoch zu unserem 81-jährigen Nachbarn, um sich die Sache genauer anzusehen. Unsere Wohnungtür hatte er extra aufgelassen, um zwischen den Wohnungen hin und her gehen zu können. Unentwegt tropfte es nach dem immer gleichen Muster weiter. Tropf, Tropf, Tropf, Schwall Wasser. Tropf, Tropf, Tropf, Schwall Wasser. Es hatte fast schon etwas meditatives. „Haben Sie einen Schlitzschraubenzieher?“ hörte ich unseren Vermieter den Nachbarn, der schlecht hört, fragen. Nein, hatte er nicht. Also kramte ich schnell in unserer Handwerksschublade, nahm den gefragten Schraubenzieher heraus, flitzte die Treppen hoch und überreichte das Schlitzdings unserem Vermieter. Mir war sehr daran gelegen, dieses nächtliche Tropfen schnell abzustellen. Als der 81-jährige Nachbar mich sah, freute er sich. Wiederholt berichtete er mir von seinen Ischiasschmerzen und sagte, dass er deswegen schon eine Woche lang nicht mehr einkaufen gewesen war. „Aber warum haben Sie uns denn nicht Bescheid gesagt? Wir kaufen gerne für Sie ein!“ sagte ich. „Haben Sie eine Wärmflasche und Salbe oder Schmerztabletten?“ fragte ich ihn. „Eine Wärmflasche hab ich da, brauchen Sie eine?“ fragte er mich. Da musste ich, trotz des nächtlichen Stresses, lächeln. Es ging ihm selbst nicht gut, aber er würde mir sofort seine Wärmflasche geben, die er selber so dringend brauchte. „Ich habe Kyttasalbe und Schmerztabletten da, wenn sie welche brauchen“, antwortete ich ihm. Aber nein, das hatte er selber da. Es mag ein wenig komisch klingen, wie wir uns da so unterhielten, während unser Vermieter auf allen Vieren knieend versuchte, das undichte Rohr zu finden. Tatsächlich war er froh, dass ich da war, erzählte er mir später. Denn der Nachbar kommt beim Reden manchmal vom Stöckchen auf’s Hölzchen und wenn man mitten in der Nacht unter der Spüle hängt und versucht, den Fehler zu finden, dann ist ein Mann, der einem von seinem Stuhlgang oder Hörgerätproblemen erzählt, nicht hilfreich. Ab und zu wurde ich in meine Wohnung geschickt, um nachzusehen, ob das Wasser nun immer noch durch die Decke käme. Ich gewann dieser Hin- und Her-Rennerei etwas Gutes ab. Die ganze Woche war ich zu erschöpft zum Sport gewesen, nun rannte ich Sonntagnacht in meinem Grinsekatzenhausanzug die Treppen rauf und wieder runter. Um 3:20 Uhr war der Fehler zwar nicht behoben, allerdings tropfte es nicht mehr. Der Vermieter hatte den Hauptwasserhahn unseres Nachbarn erst einmal abgedreht und sagte, er würde sich am nächsten Tag um acht Uhr die ganze Sache noch mal anschauen.

Tropfenfänger Ralf

Der arme Ralf hatte indes das ganze Esszimmer trocken gefeudelt, meine Bastelunterlagen an einen tropfsicheren Ort gebracht und war gerade im Begriff, eine kleine Pause einzulegen, als er schon wieder gefordert wurde. Er sollte auf die Leiter steigen und das Wasser aus den Wasserblasen der Deckentapete streichen, während unser Vermieter daneben stand und eine Wanne darunterhielt. Ich bewunderte die Qualität der Rauhfasertapete, die diesen Blasen standhielt, als ich sah, wieviel Wasser Ralf da aus ihr raus strich. Um 3:55 Uhr war dann endlich Wasserruhe. Unser Vermieter wünschte uns noch vier Stunden guten Schlaf, als er sich verabschiedete. Das hat Ralf mir erzählt, ich selbst war nämlich inzwischen von der ganzen Aufregung, den Schlaftropfen, die nicht hielfen und dem Gerenne endlich eingeschlafen. Um 8:00 Uhr hieß es wieder aufstehen, denn unser Vermieter wollte die Wand aufstemmen und der Nachbar hätte dann kein Wasser zum Tee oder Kaffee kochen. Von der Toilette mal ganz zu schweigen. Ich war also darauf eingestellt, unseren Nachbarn wassertechnisch auszuhelfen. Um 8:30 Uhr klingelte das Telefon. Unser Vermieter sagte, er habe den Wasserrohrbruch als Versicherungsfall angegeben und nun die Auskunft bekommen, dass er selbst nun nicht an dem Rohr herumbohren dürfe. Dies war einem Handwerker der Versicherung vorbehalten, sie würden einen „Leckbeauftragten“ schicken.

Tatsächlich holte sich unser Nachbar nur an einem Tag, dem Montag, Wasser bei uns. Er fragte, ob er den Wasserschaden mal sehen dürfe und als ich ihm das Ausmaß zeigte, hielt er sich erschrocken die Hände vor den Mund. „Es tut mir leid!“ sagte der alte Mann. „Es ist doch nicht Ihre Schuld, das ist ein altes Haus!“ versuchte ich ihn zu beruhigen. Doch als er seinen Blick gar nicht von der marmorierten Decke ließ, merkte ich, dass ich noch mal nachlegen müsste, um ihm den Schuldgedanken zu nehmen. „Wissen sie“, begann ich, „unser Vermieter ist bekannt dafür, sich bestens um alles zu kümmern. Sie können immer zu uns kommen und sich Wasser holen. Sie können auch bei uns duschen oder auf die Toilette gehen. Schauen sie mal in die Ukraine. Da fliegen Raketen in Häuser, Tausende von Menschen sind auf der Flucht. Bei uns hingegen uns ist es nur das Wasser, das von der Decke tropft und das lässt sich beseitigen.“ Da nickte er und erzählte, dass er selbst den Zweiten Weltkrieg miterlebt habe. Ralf und mir stockte der Atem als er berichtete wie Bomben auf Frankfurt am Main fielen und er zunächst dachte, es handele sich dabei um ein Feuerwerk. „Wir hatten solch einen Hunger, wir haben auf dem Feld das Gemüse ausgegraben. Als später die Amerikaner kamen, waren wir unglaublich froh. Sie brachten uns Bananen und Schokolade mit. Ich hatte damals noch nie eine Banane gegessen“, erzählte er. Diese Erlebnisse waren schlimm für ihn. Immer wieder begann er zu stottern, als er uns davon erzählte. Der Krieg in der Ukraine triggerte ihn gewaltig. Mal wieder wurde mir die völlige Sinnlosigkeit eines solchen Überfalls auf ein Land deutlich gemacht.

Am Dienstag kam er nicht. Ralf und ich vermuteten, dass es dem Nachbar unangenehm war, uns wieder um Wasser zu bitten, deswegen hatten wir einen Plan. Wir würden am nächsten Tag einkaufen gehen und ihm sechs 1,5 Liter-Flaschen mit stillem Wasser kaufen. Wir kamen gerade vom Einkaufen zurück, da sahen wir unseren Vermieter. Er wartete auf den Klempner und versicherte, dass unser Nachbar am Mittag wieder Wasser haben würde. Wir stellten ihm dennoch die Wasserflaschen heimlich vor die Tür. Ein Maler würde sich unsere Decke in ein paar Tagen ansehen und nach 14 Tagen des Trocknens sowohl die Wände als auch die Decke streichen.

Das Positive sehen

Ihr wisst, ich bin ein durch und durch optimistischer Mensch mit positiven Gedanken. Im Allerschlimmsten versuche ich noch das Gute zu sehen. Das war so, als wir unsere Tochter Nele beerdigen mussten, das war so, als mein Bruder Suizid begann. Ich habe diesem Wasserschaden, der nicht unser erster und vielleicht auch nicht der letzte war, etwas Gutes abgewonnen.

1. Hätten die Schlaftropfen gewirkt und mein Fussnagel nicht an der Bettdecke gekratzt, wäre ich nicht aufgestanden und hätte nicht gemerkt, dass da literweise Wasser unsere Tapete strapaziert. Ralf hat im Gegenteil zu mir nämlich einen festen Schlaf.

2. Durch das nächtliche Erlebnis wusste ich, dass ich unseren Vermieter immer anrufen kann und er sich sofort kümmert.

3. hatte ich die Gelegenheit zu merken, wie sehr die derzeitige Lage in der Ukraine unseren Nachbarn beschäftigt. Es ist gut, dass er mit uns darüber reden konnte und er weiß, dass wir für ihn da sind.

4. wird unsere Decke von einem Maler gestrichen. Wir haben drei Meter hohe stuckverzierte Decken, da habe ich wenig Lust auf eine Streichaktion, bei der ich den Pinsel halte.

5. Wenn der Maler kommt, müssen wir unser Esszimmer ausräumen. Das bietet uns Gelegenheit, mal wieder auszumisten und anschließend ist alles wieder ganz frisch.

6. weiß ich nun mehr denn je, wie Ralf und ich in solchen Momenten ein gutes Team sind. Ich könnte noch so ewig weiter schreiben. Es gibt Schlimmeres als einen Wasserschaden. Andere haben einen Dachschaden und wissen es nicht mal. 😉

In diesem Sinne wünsche ich euch ein ruhiges Wochenende.

Herzlichst, eure Steph ❤

6 Kommentare zu „Die Wanne ist voll

  1. Liebe Steph, ich bin gedanklich mit über die Stufen gerannt. Das war zwar schrecklich, aber alles wird gut. Wirklich schön, einen solchen Nachbarn zu haben. Hier wohnen zwei junge Männer, Anfang 30, die mich kaum grüßen. Von Hilfe ganz zu schweigen. Telefonnummern für den Notfall habe ich nicht. Du und Dein Mann habt eine große Hilfsbereitschaft. Ich ‚ziehe meinen Hut‘.
    Ich wünsche Dir und Deiner Familie ein angenehmes Wochenende. Liebe Grüße, Gisela

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  2. Eine gute Geschichte. Ich bin auch ein positiver Mensch. Alles hat 2 Seiten und warum nicht lieber die positive Seite sehen. Es hilft ja meistens nicht groß zu jammern, verbessert ja nicht die Situation.
    Ganz liebe Grüße

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  3. Andere haben einen Dachschaden und wissen es nicht mal 🤣 sehr schön beschrieben! Eigentlich noch zu nett..😉
    Bewundernswert wie gelassen Du das Ganze siehst und dann auch noch positive Seiten entdeckst. Diese Eigenschaft hätte ich auch gerne.
    Das mit dem nicht schlafen können und dann immer neue Geräusche zu hören oder immer wiederkehrende Lieder im Kopf kenne ich auch…Es kann einen schier zur Verzweiflung bringen. Ich hole mir dann ein Buch und lese bis mir die Augen zufallen.
    Einen sonnigen Tag ohne Wassertropfen an falschen Stellen!
    Claudia

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