Sockenfraß

„Wo sind all die Socken hin?“ fragte ich mich laut und wühlte in Bertas großem Maul herum. Es war schon wieder passiert, sie hatte eine Socke von mir gefressen. Zum Glück war es nur eine ganz normale schwarze Socke, denn ich trage ja auch gerne mal Flamingos oder Papayas oder Herzchensocken. „Wir sollten sie umbenennen in David Copperfield, denn sie zaubert die Socken einfach weg!“ sagte ich in jammerndem Ton zu Ralf. Dieser zeigte sich erschrocken. Wie konnte ich nur so von unserer Waschmaschine sprechen? „Das machen Waschmaschinen nun mal“, sagte er besänftigend. Würde er, der Diplom-Sozialpädagoge, mir nun einen Gesprächskreis mit Kinderkeksen, Schnittlauchtee und Gefühlsgarten anbieten? „Es liegt nicht an ihr, Becki hat das auch schon getan“ sagte er. Und ja, das stimmte. Da gab es schon mal was mit unser alten Waschmaschine namens Becki.

Das Unterhemd ist weg!

Damals arbeitete ich als Gruppenleiterin in einem Kindergarten. Frau Nobel-Reich brachte gerade ihren Sohn zu mir. „Ich vermisse ein Unterhemd von Valentinus-Friedrich“, stellte sie fest, als sie vor mir stand. Mit einem freundlich ehrlichen „Guten Morgen“ mühte sie sich erst gar nicht ab, sie kam gern schnell zur Sache. Ich schluckte meinen Ärger darüber hinunter. Der Tag war noch jung und ich brauchte meine Superlächelpower noch für die Kinder. „Oh, da ist beim Umziehen nach dem Turnen bestimmt wieder etwas durcheinander gekommen, ich mache gleich mal einen Aushang“, sagte ich. „Ich bitte darum, das Hemd war teuer!“ schnarrte sie schnippisch. „Das findet sich schon wieder an, so etwas passiert halt mal, wenn 25 Kinder sich nach dem Turnen selbst anziehen“, antwortete ich. Sie rollte sichtbar mit den Augen. Ich tat das auch, aber innerlich. Um die Stimmung doch noch zu retten, immerhin war ich eine feste Betreuungsperson ihres Kindes, sagte ich: „Jaja, das ist wie mit den Socken in der Waschmaschine!“ und lachte. Ich hörte erst wieder auf zu lachen, als ich merkte, dass sie nicht in mein Gelächter mit einstieg. Stattdessen blickte sie mich fragend an. „Na, die Socken… Waschmaschine!?…“ wiederholte ich und hörte mich dabei an, als sei ich eine Schulfreundin aus alten Tagen. (Ich bin’s die Steph, weisst du noch… 4. Klasse Grundschule… Klickt’s?) Aber bei Frau Nobel-Reich schien nichts zu klicken, und so fühlte ich mich gezwungen, sie aufzuklären. „Meine Waschmaschine frisst immer meine Socken“, gab ich kleinlaut zu. Die Pointe war weg, die Sympathien auch und die Heiterkeit des Gespräches sowieso. „So etwas ist mir noch nie passiert!“ sagte Frau Nobel-Reich und nun war ich es, die sie ernst anstarrte.

Zwei verscheidene Socken

Den ganzen Heimweg über ärgerte ich mich. Hatte nur ich eine solch gefräßige Waschmaschine oder lag das Problem nicht an ihr, sondern an mir? War ich zu blöd zum Wäsche waschen? Doch dann kam mir die Erleuchtung, und die Grübelei hatte ein jähes Ende.

Natürlich wusste Frau Nobel-Reich nichts über nimmersatte Waschmaschinen. Sie wäscht ja auch nie selbst! Sie gehört doch auch zu den neureichen Frauen des Vororts, die eine „Zugehfrau“ beschäftigen. Ich war glücklich darüber, kein Exot in der Haushaltsführung zu sein und hielt wieder daran fest, dass es bestimmt vielen Menschen so ergeht wie mir. Entspannt über diese Tatsache lehnte ich mich in den Sitzen der S-Bahn zurück und schlug lässig die Beine übereinander. Der Mann von gegenüber grinste mir freundlich zu. „Ach, es gibt Tage, da ist einfach alles schön!“, dachte ich mir und strich mit meinen Händen die Hosenbeine glatt. Doch was war das? Kreisch!!! Ich hatte zwei verschieden farbige Socken an. Schnell löste ich die Überschlagung der Beine und setzte mich schulmädchenartig hin. Nun war mir auch der Grund des Grinsens des Herrn von gegenüber klar. Solch ein Flegel. Schaut der mir zu erst auf die Strümpfe. Ein Strumpffetischist vielleicht? Zu Hause angekommen traute ich mich, mir die Misere genauer anzuschauen. Tatsächlich, ich hatte zwei verschiedene Socken an. Einen dunkelblauen und einen tiefschwarzen. Wie konnte das passieren?

Des Rätsels Lösung

Als ich am sehr frühen Morgen aufgestanden war, bemerkte ich im Badezimmer, dass ich zwar frische Kleidung wie Pulli, Hose und Unterwäsche aus dem Schlafzimmerschrank mitgenommen, die Strümpfe allerdings vergessen hatte. Weil Ralf, der später erst los musste, noch schlief und ich ihn nicht wecken wollte, griff ich schnell in die Flurkommode, wo Ralf seine Socken beherbergte. Meine hingegen waren in der Sockenschublade im Schlafzimmer. Soweit so gut. Was ich hingegen nicht wusste: Ralf bewahrte einzelne Socken, deren Partner:innen im Waschmaschinenbermudadreieck verschwunden gegangen waren, immer noch auf. So kam es, dass ich zwei einzelne Sockis unwissentlich miteinander verheiratet hatte, indem ich sie über meine Füße zog. Im trüben Licht des Badezimmers (ich mag es frühmorgens nicht so lampenhell) muss mir entgangen sein, dass ich einen blauen und einen schwarzen Strumpf an hatte….

„Danke, dass du mich an dieses lustige Erlebnis erinnert hast“, sagte ich nun zu Ralf. „Becki hat schon Socken gefressen und Berta macht das gleiche“, ergänzte ich. „Fast schon beruhigend, wie zuverlässig scheinbar alle Waschmaschinen mal eine Socke – und vor allem nur Socken – klauen“, redete ich weiter, während ich weiter in Bertas Maul rumwühlte, um den Partner meiner Socke zu finden. Statt Lochfraß eben Sockenfraß, damit muss man sich eben abfinden. „Oder einfach besser hinschauen“, hörte ich Ralfs Stimme plötzlich aus dem Badezimmer. Ich ging zu ihm und was sah ich da? Er hielt meinen verloren gegangenen Strumpf wedelnd in der Hand. Dieser war niemals von der Waschmaschine geschluckt worden, er hatte sich ganz einfach zwischen Wäschekorb und Badregal versteckt. „Wir wissen ja alle, wie das passiert ist, was?“ grinste der Ralf, was mich dazu veranlasste, verschämt zu lächeln. Denn abends werfe ich vor dem zu Bett gehen meine Socken von mir und schaue selten nach, wo sie denn landen. Wir brauchen wohl eine Zugehfrau. 😉

Zum Schluß möchte ich mit euch eine wunderschöne Geschichte teilen die ich vor Kurzem auf der Seite Zeitzuleben.de fand. Die Geschichte stammt im Original von Anna Egger, einer Motivationstrainerin und wurde zum Teil ein wenig verändert. An ihrem wundervollen Inhalt ändert sich daran allerdings nichts. Die Geschichte handelt von einem roten Strümpfchen und geht so:

Das rote Strümpfchen

Eines Tages schlenderte ich wie immer traurig durch den Park und setzte mich auf eine Parkbank. Ich dachte über alles nach: Was in meinem Leben schief läuft? Warum ich krank bin, warum die Situation ist, wie sie ist? Plötzlich und wie aus heiterem Himmel setzte sich ein fröhliches, kleines Mädchen zu mir.

Sie spürte meine Stimmung und fragte: „Warum bist du traurig?“

„Ach“, sagte ich, „ich habe keine Freude im Leben. Alle sind gegen mich. Alles läuft schief. Ich bin krank. Ich habe kein Glück und ich weiß nicht, wie es weitergeht.“

„Hmmm, nicht schön“, meinte das Mädchen. „Wo hast du dein rotes Strümpfchen? Zeig es mir bitte. Ich mag da hineinschauen.“

„Was für ein rotes Strümpfchen?“ fragte ich sie verwundert. „Ich habe nur ein schwarzes Strümpfchen.“ Wortlos reichte ich es ihr.

Vorsichtig öffnet sie mit ihren zarten kleinen Fingern den Verschluss und sah in mein schwarzes Strümpfchen hinein. Ich bemerkte, wie sie erschrak.
„Es ist ja voller Alpträume, voller Unglück und voller schlimmer Erlebnisse! Es ist voller Zukunftsangst, wie es mit der Krankheit weitergeht. Angst, ob du arbeitslos wirst, Angst, dass sich Familie und Freunde abwenden. Ich sehe nur noch Angst und Traurigkeit.“

„Was soll ich machen? Es ist ebenso. Daran kann ich doch nichts ändern.“

„Hier, nimm“, meinte das Mädchen und reichte mir ihr rotes Strümpfchen. „Sieh hinein!“

Mit zitternden Händen öffnete ich das rote Strümpfchen. Ich konnte sehen, dass es voll war mit Erinnerungen an schöne Momente des Lebens.

Und das, obwohl das Mädchen noch jung an Menschenjahren war!

„Wo ist dein schwarzes Strümpfchen?“, fragte ich neugierig.
„Das werfe ich jede Woche bewusst in den Müll und kümmere mich nicht weiter darum“, sagte sie. „Für mich besteht der Sinn des Lebens darin, mein rotes Strümpfchen im Laufe des Lebens voll zu bekommen. Da stopfe ich so viel wie möglich an schönen Momenten, Highlights und Konfetti aus meiner Zeit hier auf Erden hinein. Und immer, wenn ich Lust habe oder traurig bin, dann öffne ich mein rotes Strümpfchen und schaue hinein. Dann geht es mir sofort besser. Wenn ich einmal alt bin und mein Ende droht, dann habe ich immer noch mein rotes Strümpfchen. Es wird randvoll bis obenhin sein und ich kann sagen: Ja, ich hatte was vom Leben. Mein Leben hatte einen Sinn!“

Noch während ich verwundert über ihre Worte nachdachte, gab sie mir einen Kuss auf die Wange und war verschwunden.

Neben mir auf der Bank lag ein rotes Strümpfchen mit der Aufschrift:

Für Dich!

Ich öffnete es zaghaft und warf einen Blick hinein. Es war fast leer, bis auf einen kleinen zärtlichen Kuss, den ich von einem kleinen, fröhlichen Mädchen auf einer Parkbank bekam. Bei dem Gedanken daran musste ich schmunzeln und mir wurde warm ums Herz. Glücklich machte ich mich auf den Heimweg, nicht vergessend, mich am nächsten Papierkorb meines schwarzen Strümpfchens zu entledigen. (nach Anna Egger)

Bleibt mutig, bleibt gesund und entledigt euch eurer schwarzen Strümpfchen mit jeglichem Ballast, der euch nicht weiterbringt.

Herzlichst, eure Steph ❤

3 Kommentare zu „Sockenfraß

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