Was bin ich?

oder: Welches Schweinderl hätten’s denn gern?

Es herrschte eine wunderschöne Stimmung in unserem Gruppenraum. Die kam nicht von ungefähr. Ich hatte eigens dafür gesorgt. Hatte die Duftlampe befüllt und das Teelicht darunter angezündet, hatte die CD mit Rolf Zuckowskis Frühlingsliedern angestellt und Miro (6) verboten, das Wort Sch…. zu sagen. Alles war schön. Der Gruppenraum duftete ausnahmsweise mal nicht nach voller Windel, die Kinder waren weniger quirlig als sonst, was wohl an der CD lag, deren Lieder sie unbewusst mitsummten, während sie sich am Maltisch künstlerisch verausgabten. Ruhe und Besinnlichkeit beherrschte den Raum. Eine wunderbare Atmosphäre, die man eigentlich gerne „einwecken“ und daran schnüffeln möchte, wenn man nervlich auf dem Zahnfleisch kriecht.

Alles war schön. Das einzige Problem an diesem Morgen bestand darin, dass Sofia das aufgenähte Herz aus Pailletten vom Revers ihres Pullovers gefallen war. „Das ist doch nicht schlimm, das näht die Mutti dir zu Hause wieder an!“ sagte ich und trocknete ihre Tränen. Wir kehrten wieder zu unserer anfänglichen Ruhe zurück. Rolf Zuckowski sang von Krokussen und kleinen Häschen und ich machte mich daran, die von den Eltern gewünschten Fotos unserer Faschingsfeier nachzubestellen.

Dann kam der Spielverderber. ER ist der Vater von Pina, und wenn ich ihn mal sehe, habe ich gleich das Gefühl, der Bundeskanzler in spe steht vor mir. Immer adrett mit Anzug, Krawatte und Manschettenknöpfen bekleidet, die Limousine vor der Tür. Durch die Akten weiß ich, dass er Manager einer großen Firma ist und es sich durchaus leisten kann, den Motor seiner Luxus-Limo vor der Tür schnurren zu lassen, während er sein Kind in die Gruppe bringt. Die aktuellen Benzinpreise mögen ihn ebenso wenig interessieren wie mich die Börsenkurse. Wie so oft brachte er sein Kind bis zur Gruppentürschwelle, wünschte mir einen guten Morgen und hauchte sein Küsschen links und rechts auf die Wange seiner Tochter.

Alles noch schön. Doch dann tat er etwas, was er sonst noch nie getan hat: Er nahm mal bewusst den Gruppenraum und die momentane Stimmung (die in Harmonie getränkt war) wahr und sagte an mich gewandt folgendes: „So gut wie sie hätte ich es auch gerne!“

Ich freute mich. Schließlich hieß das doch, dass er die schöne Stimmung erkannt und wohl selbst gerne geblieben wäre, oder? Ein Kompliment zu so früher Stunde. Fast wäre ich errötet. Aber eben auch nur fast, denn anstatt den Satz einfach mal so stehen zu lassen, setzte er noch was hinterher, indem er sagte: „Den ganzen Tag den Kindern beim Spielen zuschauen muss schön sein.“

BAFF! Das war’s. Mein Herz, dass gerade eine Spur von Sympathie aufgesogen hatte, schnürte sich nun stracks zu wie ein Sack. Oben zugebunden mit Doppelknoten. Während ich noch überlegte, was ich ihm gerne entgegnen würde, redete er unermüdlich weiter und zerstörte so den Restfunken Verbundenheit, die ich vielleicht noch hätte aufbringen können, hätte ich mein Herz & Hirn ausgewrungen wie einen alten Wischmopp.

„Ich selbst habe ja leider wenig Gelegenheit dazu, meinen eigenen Kindern dabei zu zusehen, wie sie aufwachsen, weil ich geschäftlich immer unterwegs sein muss. Gerade heute muss ich wieder auf Geschäftsreise in die USA.“ Was sollte ich tun? Ihn bemitleiden? Ihm Trost spenden? Ihm ein Taschentuch reichen, zum Bleiben überreden?

Gärtnerin & Krankenschwester

Ich machte nichts von alledem, außer dass ich mir nach Feierabend mal wieder um den Ruf der Erzieherin Gedanken machte. Was hatte ich heute alles gemacht? Den Kindern öde beim Spielen zugesehen? Mitnichten. Ich ging in mich und überlegte….

Ich hatte die Duftlampe angemacht und die CD auf >PLAY< gedrückt, dann kam der Vater mit den goldglänzenden Manschettenknöpfen. Und so ging mein Tag weiter, nachdem er in seiner Limosine abgerauscht war…

Cora (3) hatte die Hose wieder einmal gestrichen voll. Ein Zustand, den sie selbst nicht erkannte, der aber von allen anderen Kindern (einschließlich mir) geruchsmäßig auffiel. Da konnte auch die Duftlampe nicht mehr gegen an stinken. Mit Cora an der Hand und einer frischen Windel unter’m Arm zogen wir uns in den Waschraum zurück. Ich hatte Cora gerade komplett neu eingewindelt und wollte ihr den Jeansrock wieder anziehen, als Maja (5) heulend neben mir erschien. „Der Jannis hat mich in den Arm gebissen!“

Trösten, Wunde kühlen und mit Jannis schimpfen!, ratterte durch meinen Kopf.

Gesagt, getan. Jannis bereute für einen Bruchteil einer Sekunde seine Tat und versprach Besserung. Vielleicht könnte ich mich nun endlich mal um die Frühlingsdeko für unseren Gruppenraum kümmern? Ich musste für den Gottesdienst einen Kranz binden. Eine Arbeit, die eigentlich einer Gärtnerin zuteil werden sollte. Toni (6) wollte mir unbedingt beim Schmücken helfen, scheidete allerdings schnell wieder aus, weil er sich am Draht eines künstlichen Schmetterlings stach und anschließend Niagarafall-ähnlich Tränen von sich gab.

„Rettungshubschrauber oder Pflaster?“, fragte ich gelassen, wobei er sich für letzteres entschied. „Für alle Fälle Stephanie“ schoss es mir durch den Kopf. Wer kennt sie nicht, die Krankenhausserie, in der Schwester Stephanie die ganze Zeit Patienten pflegte?

Klempnerin & Hausmeisterin

Toni und mir blieben gerade mal 20 Sekunden, um die stecknadelgroße Wunde zu versorgen, denn schon krähten die vierjährigen Chiara, Martin und Sara neben uns. „Toilette….Klopapierrolle… kaputt“ waren die Wortfetzen, die ich aus den aufgeregten Mündern vernahm. Alle drei riefen wild durcheinander und es brauchte meine völlige Konzentration, um aus diesem Kauderwelsch einen ernsthaften Sinn zu erstellen. „Jetzt hört ihr erst einmal auf zu hüpfen und dann sagt mir einer nach dem anderen, was passiert ist!“ befahl ich. Es ist ein Phänomen, dass viele Kinder oft auf der Stelle auf und ab hüpfen wie ein Flummi, wenn sie einem etwas Aufregendes zu erzählen haben.

Die Klogeschichte war schnell geklärt: Irgendeiner (vielleicht auch das „Ich-war’s-nicht-Kind“) hatte eine Rolle Klopapier ins Klo geschmissen und anschließend versucht, die ganze Rolle herunterzuspülen. Was ihm offensichtlich misslungen war und nun das Klo verstopfte. Ich holte den Pümpel aus dem Keller und hatte mit ein, zwei <plopps> den reibungslosen Ablauf für Stinker & Co wieder freigemacht. Das war allerdings noch lange nicht alles. Die nächste Schreckensnachricht ereilte mich noch mitten beim „Pümpeln“, denn einem meiner aufmerksamen Kindern war aufgefallen, dass die Klospülung der Nachbartoilette immerzu rauschte. Weil es sich dabei um ein Problem handelte, dass sich im gleichen Rhythmus alle zwei Monate ereignete, wusste ich sofort, was zu tun war: Schraubenzieher holen, den Spülkasten damit aufhebeln, das Häkchen, welches für den Wasserlauf zuständig ist, wieder aufrichten, Spülkastenverkleidung wieder zuschrauben und fertig! Jeder Hausmeister hätte mir dafür kumpelhaft auf die Schulter geklopft und mich zum wöchentlichen Stammtisch mit seinen Kollegen eingeladen.

Reparaturdienst

Dann ging es endlich wieder zurück in den Gruppenraum. Ich lobte „meine“ Kinder, weil sie meine längere Abwesenheit nicht genutzt hatten, um Blödsinn zu veranstalten. Im Gegenteil. Sie hatten versucht, sich selbst zu helfen. So war es Lara (6), die sofort zur Stelle eilte, als Sofia einsam vor sich hin weinte. „Die Steph kommt gleich wieder“, hatte sie ihr zugesichert. Als sich meine Rückkehr zeitlich noch ein bisschen hinzog (das Klo-Spülung-Problem), fand Lara dann doch, dass es mal an der Zeit war, Sofia zu fragen, warum sie überhaupt weinte. „Mein….Herz… is…putt!“ schluchzte diese. Dabei öffnete sie ihre Faust und zeigte Lara ihr über und über mit Pailletten überzogenes kleines Stoffherz. Ich weiß nicht, was Lara daraufhin erwiderte, aber wie ich sie kenne, wird sie Sofia das Herz mit den Worten „Deswegen flennst du? Das machen wir schon!“ aus der Hand gerissen haben, um mit eigenen Mitteln die Sache zu bereinigen. Sie hatte sich an unserem Tesafilmabroller bedient und mit mindestens zwanzig Klebestreifen versucht, Sofias Pailettenherz wieder an deren Pulli zu kleben. Nach all dieser Aufregung brauchten wir alle dringend frische Luft und so sagte ich den Kindern, dass wir aufräumen und dann zum Toben in den Garten gehen würden. Vorher mussten wir und natürlich anziehen und saßen alle in der Garderobe. Wie immer bei solchem Vorhaben prasselten auch dieses mal wieder alle Fragen auf mich ein: „Sind die Schuhe richtig rum so?“, „Kannst du mir in die Matschhose helfen?“, „Muss ich überhaupt eine Jacke anziehen?“

Dann streikte der Reißverschluss von Paulines Jacke. Er wollte mal wieder nicht hochgehen. Mit einem Stück Seife schmierte ich ihn ein und schon flutschte er wie ein Stück Butter in der Hand hoch zu ihrem Kinn. Das hätten wir also auch geschafft.

Konfliktmanagement & Leistungssportlerin

Endlich ging es hinaus zum Spielen in den Garten. Diesen kaum betreten, rutschte Jannis auf dem nassen Laub aus und verletzte sich am Po. Fürsorge war mal wieder gefragt und so rieb ich ihm seinen heißen Pöter, bis er befand, dass nun alles wieder gut war. Gleich danach machte ich mich auf, das nasse Laub wegzufegen, damit es nicht noch mal zur Stolperfalle für die tobenden Kinder werden konnte. Schon mal dabei, holte ich auch noch die Gartenschere, um die herausragenden Zweige des Rosenbuschs ein wenig zu kürzen. Schließlich lag der Rosenstrauch in der Einfahrtschneise der heranrasenden Bobbycar-/Dreirad-Fahrer:innen.

Einige Kinder maulten. Sie wollten auch mal mit den Fahrzeugen fahren. Wir haben aber nur vier Fahrzeuge für 25 muntere Kinder. Was tun?

Ich überlegte kurz, dann bildete ich mit meinen Händen einen Kelch vor dem Mund und rief ganz laut und übermütig zu: „Ihr wollt ein Fahrzeug? Erst mal müsst ihr mich kriegen!“ Dann rannte ich quer durch den Garten. Quiekend wie kleine junge Ferkelchen rannten sie mir hinterher und wollten mich unbedingt fangen. Mein Plan hat funktioniert, sie sind abgelenkt und wollen momentan keine Fahrzeuge mehr, dachte ich schlau in mich hinein und freute mich. Komischerweise wurde die Schlange der Kinder, die mich fangen, wollten immer länger. Und mein Atem immer kürzer.

Ich hüpfte über den Balancierbaumstamm, kreiste dreimal um die große Kastanie herum, lief quer durch den Sandkasten und keuchte bereits, als ich plötzlich bemerkte, dass alle Dreiräder und Bobbycars keine Benutzer:innen mehr fanden, denn inzwischen rannten alle Kinder mir hinterher, um den Spaß „Fang deine Erzieherin“ mitzuspielen. Da fand ich, dass es Zeit war, um wieder hinein zu gehen. Wir aßen zu Mittag und waren allesamt ein wenig geschafft. Nach dem Essen las ich den Kindern noch ein Märchen vor und nähte Sofia nebenbei noch ihr Paillettenherz wieder an, welches sich auch mit der ganzen Masse von Tesastreifen nicht am Pulli festhalten lassen wollte. Erschöpft aber zufrieden verabschiedete ich die Kinder um 14:00 Uhr. Da musste ich plötzlich wieder an den Manschettenknopf-Vater denken. Was hatte ich heute alles so getan? Den Kindern schön beim Spielen zugesehen, während ich den Teebeutel aus meiner Tasse nahm? Mitnichten! Und dieser eine Tag steht nicht mal für alle, denn in unserem Berufsalltag stehen noch ganz andere Dinge an: Geburtstagsfeiern, Turnstunden, Vorschulunterricht, Experimente nach dem Bildungs- und Betreuungsplan, Beobachtungsbögen, Elterngespräche, Festvorbereitungen, Geschenke basteln, Ausflüge, Sprachunterricht für Kinder mit Migrationsgeschichte und, und, und. Eine Stellenbeschreibung für eine Erzieherin müsste eigentlich so aussehen:

Eine Erzieherin ist eine einen Plan schreibende, stets freundlich bleibende, Fenster putzende, Höschen entschmutzende, Hausmeister ersetzende, niemand verletzende, Toiletten reparierende, Gesundheit kontrollierende, Zimmer aufräumende, Freundschaft leimende, Natur liebende, Selbstkritik übende, Persönlichkeiten analysierende, Wäsche sortierende, Aufsichtspflicht ausübende, Unfall verhütende, Wortschatz erweiternde, an gar nichts scheiternde, sportlich sich stählende, Märchen erzählende, Bilder erklärende, Krümel aufkehrende, sich stets qualifizierende, den Humor nicht verlierende, keine Pflicht scheuende, den Haushalt betreuende, Eltern besuchende, niemals laut fluchende, Lob verteilende, Kinderschmerz heilende, Essen auftischende, modisch aussehende, Knöpfe annähende, stets mit der Zeit gehende, Kinder liebende….Frau.

PS: Werde heute noch einen Beschwerdebrief an die Tesafilm-Firma schreiben. Von wegen, Tesa klebt alles, phh!

Herzlichst, Eure Steph ❤

2 Kommentare zu „Was bin ich?

  1. Moin Steph, das ist ja mal starker Tobak was der so überaus wichtige Herr von sich gegeben hat. Warum haben solche Menschen eigentlich Kinder wenn sie für die Lütten keine Zeit haben? Geld und Ansehen ist für manche wohl wichtiger als Familie. Sorry, aber auch mir bleibt bei Sprüchen wie diesen alles im Hals stecken.🤷‍♀️
    Ich jedenfalls habe erstmal imaginär Beifall geklatscht für das was du an diesem Tag geleistet hast, und es war ja nur EIN Tag!👏👏👏 Allen Kindern gerecht zu werden ist sicherlich nicht leicht.
    Trotzdem musste ich an einigen Stellen wieder herzhaft lachen…Danke dafür 💐
    Viele Grüße, Claudia

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    1. Moin Claudia,
      bei manchen Menschen gehört es zum Lebensplan zwei Kinder, einen Hund und ein Reihenhäuschen zu besitzen. Ich hatte mal eine Kindergartenmutter deren Mann ebenfalls immer wichtig popichtig arbeitend in der Welt umher pendelte und dessen Frau den fünfjährigen Sohn fast schon als Ersatz für den abwesenden Vater ansah. Da war auf alle Fälle mal ein dringendes Elterngespräch fällig. 😉 Vielleicht schriebe ich darüber auch einmal. Hab vielen Dank für deinen Kommentar. Ich las ihn heute im Auto, (Beifahrerin) als ich gerade meine neue Brille vom Optiker holte und habe mich sehr gefreut, deine Zeilen zu lesen. Herzliche Grüße Steph 🙂

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