Toffifee im Blumenbeet

Montag

Am Montag wollte wir unseren Nachbarn überraschen. Dieser hatte nämlich seinen 82. Geburtstag und da er in einer kleinen 1-Zimmer-Wohnung über uns wohnt, wo er wenig Platz hat, wollten wir ihn zum Kaffeetrinken zu uns einladen. Auf einem kleinen Teller hatten wir einen frischen Schokomuffin schön drapiert. Mit Kerze in der Mitte und Fruchtbonbons drumherum. Zwei an eine Schnur geknoteten Luftballons sollten das Geburtstagsbesuchbild abrunden. Mit Kuchen und Ballons standen wir vor seiner Tür, wo wir erst klingelten, dann klopften und dann nochmals klingelten. Es tat sich hinter der Tür nichts. Weil er öfter mit Kopfhörern durch die Wohnung tigert und deswegen nichts hört, machten wir uns keine Sorgen um ihn. Wir stellten ihm den Muffin vor die Tür und klebten die Ballons an die selbige. Es war uns wichtig, dass er sah, dass wir an ihn gedacht hatten. Als wir wieder in unserer Wohnung waren, hatte ich plötzlich große Lust auf warmen Apfelkuchen, aber weil ich zu faul zum Backen und noch fauler zum Einkaufen war, musste das eben so bleiben. Ein Schokomuffin täte es allerdings auch. Durfte der Nachbar überhaupt einen Schokomuffin essen oder war er Diabetiker, der auf seine Zuckerwerte achten musste? Um nicht auf blöde Gedanken zu kommen, setzte ich mich an meinen Basteltisch und holte das Bastelmaterial hervor. Da klingelte auch schon das Telefon und der Geburtstagsnachbar bedankte sich für die Glückwünsche. Das freute uns sehr. Zurück am Basteltisch gestaltete ich aus selbsttrocknender Modelliermasse ein paar Muschelreliefs. Und weil ich als sehr ungeduldiger Mensch nicht abwarten konnte, dass sie von selbst trockneten, stellte ich den Ofen an und legte sie auf ein Backblech…

Dienstag

Am Dienstag wollte ich gerade den Herd anschalten, da ging er sofort von selber wieder aus. Hatte Putin seine Drohung wahr gemacht und uns das Gas abgedreht? Verdutzt probierte ich es erneut, allerdings ging da nichts, denn die Sicherung war rausgeflogen. Auch als Ralf sie wieder reindrückte, flog sie, sobald wir den Herd anschalteten, sofort wieder raus. Oh nein, war meine selbsttrocknende Modelliermasse daran Schuld? Hatte sie den Ofen ruiniert? Die im Bastelladen könnten sich aber warm anziehen, wenn dem so war. In Gedanken war ich kurz vor’m Heulen. Wie sollten wir denn nun einen neuen Herd bezahlen? Zum Glück habe ich einen schlauen Ehemann. Während ich wie ein aufgescheuchtes Huhn durch die Küche lief, erkannte er, dass die Ringheizung im Ofenrohr defekt war. Als er das Gehäuse abschraubte, kam ihm ein völlig zerbröselter Halbring entgegen. „Wir kommt man nur auf so eine geniale Idee, das Gehäuse abzuschrauben?“ staunte ich. Wir bräuchten also keinen neuen Herd, sondern nur diesen Ring und der kostete im Internet nur circa 20 Euro. Erleichterung machte sich breit. Wenn der Herd wieder gehen würde, würde ich als Opfergabe einen warmen Apfelkuchen backen, das war gewiss.

Mittwoch

Vor vierzehn Tagen ist meine Brille kaputt gegangen. Der Bügel war plötzlich und unerwartet abgebrochen. Ich ärgerte mich grün, denn in Zeiten, wo man an allen Ecken sparen muss, ist so etwas doch wirklich blöd. Aber nun, es half nichts. Ich musste zum Optiker. Zunächst musste ich dort in den Keller, denn dort wollte man einen Sehtest mit mir machen. Der Mitarbeiter fragte mich, ob ich schon mal da war, und als ich das bejahte, schaute er in seinem PC nach meinem Namen. „Ach herrjeh, ihre Brille ist ja von 2013!“ rief er entgeistert und das empörte mich leicht. Was war denn daran falsch? Sollte er sich doch freuen, dass eine Brille aus seinem Haus neun Jahre lang hielt. Doch dann ahnte ich, was er meinte, denn als ich ihm Zahlen aus der Ferne vorlesen sollte, fragte ich ihn, ob das Buchstaben wären. „Sind sie mit dem Auto hergefahren?“ japste er kurz vor dem Kollaps. „Nee, ich fahre nur 40-Tonner auf der Autobahn!“ wollte ich ihm antworten, aber ich merkte schon, dass er nicht zu Scherzen aufgelegt war. Ich fahr ja wirklich selten Auto, denn Ralf sagt, ich rege mich dabei immer so auf und das täte meinem Blutdruck nicht gut. Wenn ich hinter dem Lenkrad sitze, sehe ich nämlich allerhand Tiere. Schweine, blinde Kühe, blöde Rindviecher und langsame Schnecken, weswegen Ralf gerne das Steuer übernimmt. Der Sehtest ergab, dass sich meine Augen tatsächlich verschlechtert hatten. Auch erfuhr ich, dass ich seit neun Jahren in eine Brillenversicherung einzahlte, die nur drei Jahre lang galt. Anschließend durfte ich mir eine neue Brille aussuchen, was ein bisschen schwierig war, denn die nette Mitarbeiterin zeigte mir die teuren, während ich – schlecht sehend – nach einem kostenlosen Kassengestell suchte. Bei der Anprobe bemerkte ich mal wieder, wie sehr einen eine Brille verändern kann. Erst sah ich aus wie Eduard Zimmermann, dann wie Ilona Christen, dann endlich wie ich. Diesen Mittwoch war sie nun fertig, meine Brille mit den neuen Gläsern. Zum Abholen musste ich einen Termin ausmachen, denn wir leben immer noch in einer Pandemie. Ralf fuhr mich mit dem Auto in die Stadt und fand keinen Parkplatz. „Halt hier kurz, ich steige aus!“ sagte ich. Ein Halteverbotsschild zeigte an, dass man dort nicht stehen durfte und der Mann vom Ordnungsamt war auch schon zu sehen. Egal, Ralf würde das Problem schon lösen, ich musste schnell zu meinem Termin. Völlig abgehetzt erschien ich pünktlich beim Optiker, wo eine Mitarbeiterin mit runder Goldbrille sich meiner annahm. „Passt alles, drückt was?“ fragte sie mich beim Anpassen und tänzelte um mich herum. „Nee, alles okay!“ antwortete ich. In Wahrheit dachte ich an Ralf und das Halteverbotsschild und ungeplante Ausgaben durch Knöllchen. Als sie mich fragte, ob ich noch Fragen hätte, war ich schon mit einem Bein wieder aus dem Laden raus. Dann eilte ich zu der Stelle, an der ich Ralf zuletzt gesehen hatte, doch er war nicht mehr da. Ich schaute auf mein Handy. Hatte er angerufen, hatte er eine WhatsApp-Nachricht geschickt? Beides mal Nein. Als ich mich gerade fragte, was ich nun tun sollte, kam er um die Ecke gebraust. Er war die ganze Zeit im Kreis um’s Carrée gefahren und freute sich, dass er das nur sieben Minuten lang machen musste, da ich so schnell wieder da war. Erst zu Hause angekommen konnte ich meine neue Brille in Ruhe genießen. Die Farben waren viel intensiver. Ich bekam mehr von meinem Umfeld mit. Ich sah, dass der Nachbar von gegenüber gar keine neuen Gardinen hatte, sondern eine Wolldecke vor seinem Fenster hing. Der große „Hase“ im Garten der Spießer war in Wirklichkeit ein Kugelgrill und die vermeintliche Taube eine Elster.

Donnerstag

Schon wieder musste ich an warmen Apfelkuchen denken, das war doch nicht mehr normal. Ralf hat alle unseren braunen Balkonkästen mit weißem Lack angestrichen, denn so passen sie besser zu der Außenfassade des Hauses in dem wir wohnen. Flieder und weiß. Nachdem wir in den letzten beiden Jahren eine große Dose mit Wildblumensaat in die Kästen geschüttet und uns geärgert hatten, dass da mehr Klee als Blumen drin waren, haben wir dieses Jahr mal eine andere Bienenblumenmischung gekauft. Ralf sagte, es wäre doch toll, wenn die Blumen so hoch wachsen, dass wir den Griller von nebenan nicht mehr so oft sehen müssen. Der bratwurstbrutzelnde Dauergriller ist nämlich ein Muffelkopp. Grüßt nie, lacht nie und ist mit der Erziehung seiner Kinder überfordert. Beim Griller dürfen die Kinder nicht mitsäen. Beim Griller blühen allerdings auch keine Blumen. In seinen Kästen stehen nur Kräuter, die man braucht, wenn man sich ein Steak auf den Grill schmeißt. Letzte Woche, es war der erste schöne Frühlingstag, da hat sein zweijähriger Junge den Rosmarin aus dem Blumenkasten gepflückt und ihn seiner vierjährigen Schwester geschenkt. Ich musste schnunzeln. Sie hat sich gefreut, ihr Vater nicht. „Würdest Du das bitte lassen?“ hörte ich ihn unentwegt fragen. „Nöö!“ hat der Zweijährige gerufen und gelacht. Richtig so. Auf eine so blöde Frage muss man auch gescheit und ehrlich antworten. Vermutlich fragt er seine Kinder auch, ob sie ihr Zimmer bitte aufräumen würden? Würdest du bitte nicht auf die Straße laufen, wenn da Autos fahren? Würdest du bitte aufhören, deinen Kopf durch die Gitterstäbe des Balkons zu stecken? Würdest du bitte die Hände vom Grill lassen? Kinder brauchen klare Ansagen und Erklärungen – keine Fragestunde! Inzwischen hatte Ralf alle Kästen nicht nur weiß gestrichen, sondern auch schon Erde und Saat darin verteilt. Mir war eine lustige Idee gekommen. Wie wäre es, wenn ich ein Toffifee auf einen Holzstab kleben und diesen in eine der Blumenkästen stecken würde? Ich liebe Toffifee doch so sehr und es wäre ein lustiger Gag, dachte ich. Schon stand ich – mit einem Toffifee und einem Eisstiel in der Hand – vor Ralfs Werkzeugschublade, um den Spezialkleber zu suchen, um das Toffifee an den Stiel zu kleben. Doch wo war der denn in all den ganzen Sachen? Ich wühlte mich durch die Schublade, da plumpste mir das Toffifee in die selbige. „So ein Mist!“ fluchte ich leise und machte das große Licht an, um besser den Inhalt der Schublade durchforsten zu können. Schon blöd, dass Toffifees so dunkel aussehen. Die Suche wäre leichter gewesen, wenn sie neonfarben wären. „Was suchst du denn, ich kann dir bestimmt helfen“, hörte ich da plötzlich den Ralf aus dem Wohnzimmer rufen, doch da hatte ich es endlich entdeckt. Vor lauter Freude wollte ich es mir beinahe in den Mund stecken, doch zum Glück merkte ich vorher, das das keine gute Idee war.

Freitag

Am Freitag mussten wir noch für’s Wochenende einkaufen. Die ganze Woche hatte ich immer wieder an warmen Apfelkuchen denken müssen, aber nun, wo ich in einem Einkaufscenter stand, war die Liste in meinem Kopf leer. Zum Glück schreibt der Ralf sich alle Angebote immer auf kleine Zettel, denn auf mich ist bei sowas wenig Verlass. Ich sehe, höre und bemerke viel und bin dadurch oft abgelenkt. In der Spielzeugabteilung hatte ein „kackender Flamingo auf dem Klo“ meine ganze Aufmerksamkeit und auch die Schweinchen aus Knete, die sich in einem Matschkübel suhlten, mussten von mir genauer begutachtet werden. Ein Kind rief seiner Mutter zu, dass es einen Globus haben wollte. Das freute mich. „Globus? Watt willste dann mit ’nem Globus?! Komm bei mich her!“ antwortete die Mutter und ich war schlagartig traurig. Wie gut, dass Ralf gleich um die Ecke kam. Er hatte Aufbackbrötchen für das Sonntagsfrühstück geholt und sagte, er habe gesehen, dass meine Lieblingsbonbons wieder zu haben wären. Zuhause musste ich dann schlagartig wieder an warmen Apfelkuchen denken, dessen Zutaten ich natürlich mal wieder vergessen hatte einzukaufen.

Samstag

Unser wöchentlicher Putztag. Es wird gesaugt, gewischt, das Bad geputzt und aufgeräumt. Es ist wie ein Routinegang durch die ganze Wohnung. Braune Blätter der Pflanzen werden entsorgt, Regale werden vom Staub befreit, Spiegel werden poliert und der Snack für den Fernsehabend vorbereitet. Ich liebe es, denn jeder von uns hat so seine Aufgaben und wenn wir fertig sind, kann das Wochenende so richtig beginnen. Ralf korrigiert dann noch meine Geschichte, kümmert sich um ein schönes Blogbild und stellt beides anschließend ins Netz. Pünktlich um 20:15 Uhr sitzen wir dann auf dem Sofa bei schönem Licht und lassen uns Spaß durch den Fernseher ins Haus bringen. Der wöchentlichen Putzaktion habe ich es auch zu verdanken, dass ich nun endlich weiß, woher meine große Lust auf warmen Apfelkuchen kam. Ich wollte nämlich gerade die Steckdosenleiste vom Staub befreien, da blinkte unsere Duftlampe auf. Diese ist ein Duftstecker, den man in die Steckdose steckt, um schönen Duft in der Wohnung zu haben. Ich hatte ihn neulich gekauft, um den Geruch nach nasser Wand und Tapete des Wasserschadens zu vertreiben. Und wisst ihr, wie der Duft aus dem Stecker heißt? Warmer Apfelkuchen!

Ich wünsche euch ein erholsames Wochenende und uns allen Frieden. Nächste Woche werden wir die Wohnung für Ostern schmücken und da ist mir schon die nächste Geschichte passend zum Thema eingefallen. 😉

PS: Wenn jemand ein tolles Rezept für einen leckeren Apfelkuchen hat, immer her damit.

Herzlichst, eure Steph

4 Kommentare zu „Toffifee im Blumenbeet

  1. Moin Steph🙋‍♀️
    Magst du Eierlikör? Wenn ja, dann backe den „Eierlikör-Apfelkuchen mit Eierlikörguss“ von der Internetseite von Verpoorten. Geht schnell und schmeckt lauwarm einfach nur göttlich!!!
    Ansonsten hattest du ja wieder mal eine ereignisreiche Woche. So eine neue Brille ist doch wirklich eine Offenbarung*lach*. Zum einkaufen nehme ich immer einen Zettel der die ganze Woche über in der Küche liegt und auf den ich alles schreibe was mir gerade einfällt und was im Angebot ist. Sonst würde auch bei uns die Hälfte fehlen😉
    Ich wünsche dir eine schöne Woche (auch wenns heute echt usselig draußen ist) und guten Appetit wenn es dann endlich Kuchen gibt🥧
    Liebe Grüße, Claudia

    Gefällt 1 Person

    1. Moin Claudia, ich hab gerade mal auf der Seite von Verpoorten nachgeschaut. Da gibt es ja ganz viele Apfelkuchenrezepte mit Eierlikör. Die Apple Pie mit Vanilleeis… mmmmhh. Ja, die neue Brille mit optimaler Sehstärke ist´ne Wucht. Mir blieb zuvor ja einiges verborgen. 😉 Ich wünsche dir auch einen guten Start in die Woche. Es ist gut, dass es mall regnet, denn unser Rasen war schon am verdursten. In diesem Sinne.. .Prost. Steph 🙂

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