Das goldene Ei

„Früher war mehr Lametta!“ sagt man ja oft im Bezug auf das Weihnachtsfest. „Weniger ist mehr!“ sage ich, wenn es um Ostern geht. Denn was die Kinder heutzutage alles zum Osterfest geschenkt bekommen, lässt mich dann dann doch oft stirnrunzelnd zurück. Früher war das irgendwie anders. Weniger. Schöner. Bedeutsamer.

Essig und Zwiebelschalensud

Mit meiner Mutter und meinem Bruder wohnte ich in einem kleinen Dorf. Unsere Wohnung befand sich in einer Sackgasse, wir kannten alle Nachbarn und diese kannten uns. Mit Sabine, die zwei Jahre älter war als ich und im gleichen Haus wie wir wohnte, pflegte ich eine intensive Freundschaft. Manchmal stritten wir wie die Kesselflicker und sprachen tagelang kein Wort miteinander. Die meiste Zeit aber waren wir feste Freundinnen. „Bald geht’s wieder los“, sagte sie eines Tages zu mir und ich wusste ganz genau, was sie meinte. Das Osterfest stand nämlich vor der Tür. Mehr als den biblischen Gedanken zum Fest interessierten uns die Eier der Nachbar:innen. Es war nämlich so, dass alle Erwachsenen aus unserer Nachbarschaft uns zum Fest ein hartgekochtes Ei schenkten. Darüber freuten wir uns immer wie wahnsinnig, denn jede Familie hatte ihre eigene Eierfärbemethode. Meine Mutter zum Beispiel färbte die Eier stets mithilfe der Natur. In einzelnen Kochtöpfen hatte sie Zwiebelschalen, rote Beete und Rotkohl erhitzt. Das Küchenfenster war dann meist von der Hitze beschlagen, es roch stark nach Essig und Zwiebelsud. Ich staunte immer wieder, wie aus diesem strengen Geruch so schöne Eier hervorkamen. Braun, rot und violett.Wie gesagt, hatte da jeder seine eigene Methode, und genau das war es, was Sabine und mich Jahr für Jahr so freute. Bei Familie Müller gab es selbstangemalte Eier. Bei Familie Meier waren sie mit Lack besprüht, Frau Weber hatte lustige Aufkleber auf die Eier geklebt und Frau Wagner hatte ihre mit Speck eingerieben, damit sie schön glänzten. Wir konnten es kaum erwarten, Eier geschenkt zu bekommen. Wenn wir unsere Körbe dann voll hatten, spielten wir im Garten Eiertitschen. Das erste Mal hatte Sabine das Spiel völlig falsch wiedergegeben. Sie sagte nämlich, man müsse sich mit fünf Metern Abstand gegenüber stehen und jeder ein Ei in die Richtung des anderen werfen. Die Eier würden sich dann in der Mitte treffen und das Ei welches weniger kaputt sei, habe gewonnen. Wir standen eine halbe Stunde auf dem Rasen im Garten und warfen die Eier überall hin. Eines landete in der Hecke, eines rollte die Kellertreppe hinunter und eines kam der Fensterscheibe der Waschküche gefährlich nahe. Das Problem war nämlich, dass ich nicht werfen und Sabine ohne Brille nicht gut gucken konnte. Von ihrem großen Bruder erfuhr sie, wie man Eiertitschen richtig spielt und so titschten wir die Eier, während wir uns ganz nah gegenüber standen. Meine Eier waren meist viel kaputter als ihre und so ging sie immer wieder als Gewinnerin hervor.

Auferstehung

Im Kindergarten erzählte uns die Erzieherin, dass Jesus gestorben und am dritten Tag wieder auferstanden wäre. Ich fragte mich, ob das auch für die Tiere gelte. In unserem Garten stand nämlich ein Baum, den wir den kranken Baum nannten, da er völlig krumm und schief gewachsen war. Darunter hatten wir unsere toten Haustiere begraben. Den Wellensittich Flori, die Meerschweinchen Pauline & Tarzan und den Marienkäfer mit dem gebrochenen Flügel. Leichte Panik ergriff mich, denn ich vermutete, dass sie alle gleichzeitig zum Osterfest aus ihren Schuhschachtelgräbern herausklettern würden. Dann hätte ich ja gar kein Futter für sie, oh Schreck. Hätte ich doch nur mal besser zugehört, aber meine Gedanken waren bei den tollen Eiern aus der Nachbarschaft. Ein weiteres Indiz dafür, dass das Osterfest nahte war die Tatsache, dass es beim Bäckerauto wieder tolle Schokolollis zu kaufen gab. Das Bäckerauto kam jeden Donnerstag zu uns in die Straße. Ein toller Service, den wir immer gerne annahmen. Meine Mutter gab mir dann Geld, damit ich ein frisches Brot für uns kaufen gehen konnte. Dazu durfte ich mir immer noch ein Einback kaufen oder eben den sogannten Schokolutscher. Es waren kleine Hasen am Stiel und ich lutschte nicht, ich biss hinein. Mmmh, war das lecker. Da wusste man wenigstens, was man hat, denn in so manchem Schokoei waren Füllungen, die mir überhaupt nicht behagten. „Bäh, da sind Krokusse drin!“ sagte ich mal zu meiner Mutter „Das heißt Krokant“, berichtigte sie mich und hielt mir ihre Hand hin, damit ich die unleckeren Schokostücke wieder los werden konnte. Gelee- oder Dragee-Eier mochte ich ebenfalls nicht. Am liebsten waren mir die kleinen, in bunte Alufolie verpackten Minieier, die so herrlich schokoladig schmeckten.

Das faule Ei

Normalerweise gingen wir am Ostersonntag nach dem Gottesdienst spazieren, um dann „ganz zufällig“ Ostereier zu finden. Doch es gab auch mal ein Ostern, an dem es stark regnete. Meine Mutter verlegte die Eiersuche also nach drinnen und versteckte Eier in der ganzen Wohnung. Sie war mit solch einem Eifer dabei, dass sie sich selten merkte, wieviele Eier sie für meinen Bruder und mich versteckt hatte. Wir suchten und fanden, pellten unsere Eier, aßen sie mit Salz und freuten uns über unsere Osternester, die mit Ostergras, einem großen Schokohasen und kleinen Süßigkeiten gefüllt waren. Mehr gab es nicht und das war völlig okay für uns. Tage und Wochen gingen ins Land. Der Frühling erblühte, die Sonne schien in unser Wohnzimmerfenster und da begann es plötzlich ganz fürchterlich zu riechen. „Es riecht nach Pups!“ beschwerte ich mich bei unserer Mutter. Die roch das auch, wusste aber nicht, wo es herkam. Wir sind alle fast verrückt geworden, weil es immer schlimmer stank und keiner ausmachen konnte, worin der Grund dafür lag. Dann kam der Tag, als unsere Mutter die Fenster der Wohung putzte. Sie stieg auf die Leiter, um die Wohnzimmergardinen abzuhängen. Wir standen neben ihr, um alles, was sie uns aus der Höhe gab, entgegenzunehmen. Da nahm sie die Blumenampel aus Makramee und reichte sie an meinen Bruder weiter, der im gleichen Moment so grün wie ein mit Spinat gefärbtes Ei wurde. „Da ist ein Ei drin“, rief er bevor er auf’s Gästeklo lief um sich dort zu übergeben. „Ach ja, in die Blumenampel hatte ich Ostern ein Ei versteckt“, rief unsere Mutter begeistert. Endlich wusste sie, wo der Gestank herkam. Ei versteckt und vergessen. Weil die Blumenampel in der Höhe hing, hatte sie das vergessene Ei nicht entdeckt, aber wöchentlich immer wieder schön gegossen. Was haben wir anschließend noch Jahre später darüber gelacht.

Knicks und Knacks

Doch ich wollte ja von den tollen Eiergeschenken der Nachbarn berichten. Es war das Osterfest 1983. Mit meiner Mutter, dem Mann, mit dem sie zwei wunderbare Kinder hat und meinem Bruder hatte ich einen Spaziergang mit Ostereiersuche unternommen. Ich war noch jünger als bei dem Ereignis mit dem vergessenen Ei in der Blumenampel und glaubte tatsächlich, dass der Osterhase die Eier versteckt. In meiner Hand hielt ich einen kleinen Weidenkorb. Über ihm war roter Stoff mit weißen Punkten, damit man nicht sehen konnte, was sich im Korb befand. Eigentlich wollte ich meinen Reisekoffer aus Rattan mitnehmen, aber meine Mutter sagte, soviele Eier würden wir wohl nicht finden. Das erste Ei, das ich fand, sah verdächtig nach einem aus der Küche meiner Muttter aus. „Die Eier hat der Hase vorher bei mir abgeholt“, sagte sie und wies mich weiter an, die Augen gut offen zu halten. Als ich das dritte Ei fand, sagte mein Bruder mir, ich solle ihm die Eier geben, denn er würde sie für mich tragen, damit mir mein Korb nicht zu schwer würde. Was ich erst Jahre später herausfand, war die Tatsache, dass er die gleichen Eier immer wieder neu versteckte. Als wir nach dem Spaziergang wieder zu Hause ankamen, riefen mich schon die Nachbarn zu sich. Ich klingelte bei Sabine, um sie abzuholen, denn auch sie wurde verlangt. Brav wie zwei Klosterschülerinnen klingelten wir bei den Nachbarn und bekamen überall ein bemaltes, gekochtes Ei geschenkt. Sabine sagte, man müsse einen Knicks machen, denn damit würde man seine Dankbarkeit ausdrücken. Doch mein erster Versuch eines Knicks ging beinahe schief: Auf der frisch gebohnerten Treppe vor der Tür zu Frau Weber rutschte mein linker Fuß weg und die bereits geschenkten Eier in meinem Körbchen bewegten sich gefährlich nahe dem Boden zu. Ab da beschloß ich es wie immer zu tun und sagte lächelnd „Danke!“. Nachdem wir die Nachbarschaft abgeklappert hatten, setzten wir uns auf die Kellertreppe, um unsere Schätze in Ruhe zu inspizieren. Belackte, beklebte und bemalte Eier. „Das ist ein tolles Ei, das werde ich niemals essen“, sagte ich zu Sabine, während ich das mir geschenkte Ei von Frau Wagner in meinen Händen drehte. Frau Wagner hatte es mit Goldfarbe versehen und – wie immer – mit einer Speckschwarte abgerieben, damit es glänzte. Verpackt hatte sie es in einem kleinen Rama-Margarine Becher der mit grünem Ostergras ausstaffiert war. „Niemals!“ wiederholte ich verträumt und sah zu Sabine rüber. Diese hatte ihr erstes Ei bereits gepellt und sagte schmatzend, dass sie noch nie ein solch leckeres Ei gegessen habe. „Glaub bloß nicht, dass du mein Ei kriegst!“ rief ich, als ich erschrocken beobachtete, wie sie das nächste Ei pellte. Ich würde mein Ei beschützen, es verteidigen und aufheben, das war mal klar. „Ich muss jetzt rein“, sagte ich, wischte mir den Kellertreppenstaub von der Hose und rannte die Treppen nach oben zu unserer Wohnung. Ich ging aber nicht hinein, sondern wartete, bis ich hörte, wie Sabine die Wohnung ihrer Eltern betrat. Als ihre Tür ins Schloss fiel, rannte ich schnell wieder hinunter in den Keller. Dort unten gab es nämlich eine Kammer, die wir das „Kabuff“ nannten. Darin war unser aller Altpapier gestapelt. Ich griff nach einem kleinen Schuhkarton, flitzte die Treppen wieder rauf und packte mein Ei hinein. Den Karton noch unter’s Bett verstaut und schon konnte das normale Leben weitergehen. Jeden Tag holte ich den Karton mit dem Ei hervor, um es mir anzusehen. Doch irgendwann begann mein Osterei, das Zeitliche zu segnen. Es roch schon fast wie das vergessene Blumenampelei und ich musste mich wohl oder übel von ihm verabschieden. Doch für den Mülleimer fand ich es viel zu schade. Ich nahm meine kleine Schaufel, ging zum kranken Baum und legte dort das goldene Ei in ein selbstgegrabenes Erdloch. Der Lebenskreis schloss sich. Ich wusste – anders als alle anderen – immer, wo mein Ei lag und das machte mich zufrieden.

Pappei

Meine Mutter arbeitet ehrenamtlich seit mehr als sieben Jahren für einen Second-Hand-Laden, der zum Verein Frauen helfen Frauen e.V. Lübeck gehört und akquiriert dafür immer wieder Sachspenden.

Neulich rief sie mich an und erzählte, dass sie in einer der Spendentüten ein großes Ei aus Pappe fand. „Genau so ein Pappei hatte ich als Kind auch. Unsere Eltern schenkten uns jedes Jahr eins. Es war gefüllt mit kleinen Dragee-Eiern und ich hab noch heute den Duft davon in meiner Nase“, erzählte sie mir am Telefon. Sie freue sich schon, dass Ei im Laden zu verkaufen, damit andere Menschen Kindern damit eine Freude machen könnten. Da kamen wir wieder darauf, wie schön unsere Osterfeste früher waren. Sie hatten einen biblischen Bezug, bereiteten das Gefühl der Hoffnung und außer einem Osternest mit Schokohasen, Süßigkeiten und Eiern gab es nichts und wir waren glücklich. Weniger ist halt eben doch mehr. Am 24. März las ich online bei HL-live.de : „Vor einem Jahr wurde in der Alfstraße in Lübeck eine ‚Nusstorte mit Krokant-Ummantelung‘ entdeckt. Sie lag dort sei dem Bombenangriff auf Lübeck im Jahr 1942 und sollte offenbar zu Palmarum genossen werden.“ Erinnerungen an mein goldenes Ei in der Erde wurden wach…

Ich wünsche euch eine schöne Woche vor dem Osterfest 2022.

Herzlichst eure Steph ❤

3 Kommentare zu „Das goldene Ei

  1. Moin Steph,
    Ich bin auch immer zum Bäcker geschickt worden um Brot zu kaufen, das hatte aber irgendwann ein Ende da ich immer den leckeren frischen Knust abgenibbelt habe.😆
    In der Vorosterzeit haben wir Eier ausgepustet und sie dann mit den Tuschkastenfarben angemalt. Die durften dann an den Forsytienstrauss der immer im Flur stand. Ich glaube, von den Eiern existieren heute noch einige.
    Ostern wurde erst gefrühstückt und dann durften wir unser Osternest suchen…meistens war es in einem Schrank versteckt. Nach dem Mittagessen ging es zum Spaziergang durch den Wald und …oh Wunder….hinter vielen Bäumen lagen kleine, in buntes Papier eingewickelte Schokoeier. Später, als wir größer wurden, wussten wir dann das unser Vater diese Eier,ganz unbemerkt von uns, fallen ließ. Toll, daß du dich an so vieles aus deiner Kinderzeit erinnern kannst und danke das du uns hier daran teilhaben lässt 😊
    Aber wie du geschrieben hast…früher war es schöner und Geschenke gab es zu Ostern nicht! Gibt es auch heute nicht!
    Dir/Euch schöne und entspannte Ostertage wünscht
    Claudia

    Gefällt 1 Person

    1. Moin Claudia,
      du hast auch immer den Knust abgenibbelt? Hahaha das habe ich auch so gerne getan. Früher gab es auf manchen Broten auch noch Aufkleber die auf der Rinde klebten. Ich weiß noch wie mein Bruder und ich uns darüber stritten, wer die Scheibe mit dem Stückchen Aufkleber auf dem Brot essen solle. Es ist so schön, dass es von euren selbstbemalten Eiern noch welche gibt. Deine Erinnerungen haben mich sehr gefreut. Ich wünsche dir ebenfalls schöne Ostertage. Liebe Grüße Steph 🙂

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