Helfen helfen

Was tun, wenn man sich so hilflos fühlt? Vier Wochen waren nach Putins Krieg gegen die Ukraine vergangen, da beschloss ich, meine Hilflosigkeit in Hilfe umzuwandeln. Denn helfen, dass wusste ich, konnte ich schon immer gut. Ich wandte mich an die Lübecker Flüchtlingshilfe, schickte mir Nachrichten mit einer netten jungen Frau und schon war es besiegelt. Einmal in der Woche würde ich für 2-3 Stunden ehrenamtlich helfen kommen.

An Bord

Die Frühlingssonne schien, als ich die Wallhalbinsel, von den Lübecker:innen liebevoll „die Walli“ genannt, betrat. Die Walli ist eine künstlich angelegte Insel mit mehreren Hafenschuppen, die früher als Umschlagfläche für Massengüter wie Holz, Steine und Teer dienten. In einem der riesigen Schuppen, dem Schuppen F, ist seit 2015 die Spendenkammer und -annahme für geflüchtete Menschen untergebracht. „Moin, ich suche Stefan!“ rief ich zu ein paar Männern, die oben auf der Rampe des Schuppens standen und sich unterhielten. „Ich bin Stefan, was gibt’s?“ sagte ein Mann, der sich aus der Gruppe löste und in meine Richtung kam. „Ich will helfen“, sagte ich. „Bist du fit, bist du stark?“ fragte er mich. „Na klar!“ antwortete ich. „Na dann komm mal hoch!“ sagte er lächelnd und zeigte auf einen Containerm an dem eine Leiter angebracht war. Schnell erklomm ich die Sprossen aus Metall und schon stand ich oben. Nun bin ich also an Bord, freute ich mich. Als ich die Halle betrat, stockte mir kurz der Atem. Meterhohe Regale waren gefüllt mit Kartons. Hygieneartikel, Verbandsmaterial, Kleidung, Windeln stand darauf geschrieben. An meterlangen Tapeziertischen standen Menschen und sortierten Kleiderspenden. Europaletten wurden mit sogenannten Ameisen hin und her bewegt. Man hörte Kartons über den staubigen Betonboden rutschen, Paketabroller ratschen und Menschen klatschen. Immer dann, wenn wieder eine Palette für den Lkw fertig gepackt war. Stefan führte mich zu einer Bühne und erklärte mir meine Aufgabe. Ich solle jeden Karton, der auf der Bühne stand, öffnen und schauen, ob die Beschriftung außen mit dem Inhalt übereinstimmte. War dem so, kam der Karton auf eine Europalette. War dem nicht so, wurde der Karton für die Sortierstrasse bereitgestellt. Mein Kartonberg war meterhoch und ich brauchte als kleine Person am Anfang Hilfe, um daran zu gelangen. Doch dann ging alles ganz fix und ich hatte den Kartonageberg nach anderthalb Stunden abgebaut. „Stefan, ich bin fertig!“ sagte ich, als ihn durch die Gänge flitzen sah. Er blieb kurz stehen. „Du hast was?“ fragte er. „Die Kisten, sie sind alle ferig“, wiederholte ich. „Alle? Wirklich? Wow, das ist ja… Da muss ich kurz mal meine Maske abnehmen, damit ich dir ein großes Lächeln schenken kann“, sagte er und nahm tatsächlich kurz seine Maske vom Gesicht. Ich freute mich unglaublich über das Lob und seine unkomplizierte und wertschätzende Art. Zufrieden verabschiedete ich mich und sagte, ich würde nächste Woche wiederkommen.

Niesender Kleiderschrank

Voller Tatendrang kam ich eine Woche später wieder am Hafenschuppen an. „Heute brauche ich deine Hilfe in der Sortierstrasse, die Ulla wird dich einarbeiten“, sagte Stefan, als wir uns begrüßt hatten. Ich nickte, ging in die Sortierstrasse und lernte Ulla kennen. „Hier sortiert keiner, den ich nicht eingearbeitet habe!“ machte sie von Anbeginn an klar. Ich fragte mich, was am Kleider sortieren so schwer sein könne. Doch dann dachte ich kurz an meinen Kleiderschrank zuhause und das Chaos darin, dass Ralf unermüdlich jede Woche wieder zu beseitigen versucht. Schon witzig: Daheim sah es stets aus, als hätte mein Kleiderschrank einen Niesanfall gehabt, und nun stand ich freiwillig vor kistenweiser Kleidung, die ich ordentlich zusammenlegen sollte. „Wenn ein Knopf fehlt, kommt die Kleidung weg!“ sagte Ulla bei meiner Einarbeitung. „Wirklich weg?“ fragte ich ungläubig. „Ja, haste etwa ’n Nähset dabei?“ fauchte sie mich an. Oh je, mit ihr war wohl nicht gut Kirschen essen. „So nicht!“ rief sie, als ich die erste Jacke zusammenlegte. Ich zuckte, weil ich natürlich nichts falsch machen, aber vor allen Dingen nicht so unfreundlich angeblafft werden wollte. „Wenn man die Sachen so zusammenlegt, wie man das zuhause macht, zerknittert das alles und die Frauen aus der Ukraine haben keene Zeit, noch wat zu bügeln, es is‘ nämlich Krieg!“ erklärte sie mir barsch. Ich fragte mich ernsthaft, welche Laus ihr über die Leber gelaufen war. Was beim Sortieren wirklich schwer ist, ist die Tatsache, dass an manchen Kleidungsstücken keine Größe angegeben ist, weil jemand das kratzige Schild heraus geschnitten hatte. Dann galt es, die Größe zu schätzen, bevor man das Stück dem richtigen Karton zuordnete. Wir standen uns zu viert an den Tapeziertischen gegenüber, Merle, Lukas, Brigitte und ich. Hinter Merle & Lukas standen reihenweise Kartons und hinter Brigitte und mir auch. Jedes Kleidungsstück, das wir überprüften und dann ordentlich zusammenlegten, packten wir anschließend in die beschrifteten Kartons. Es gab einen für T-Shirts, einen für Kleider, einen für Pullover, für Westen, Jacken, Hosen und so weiter. Kleidung, die Flecken aufwies, an denen Knöpfe fehlten oder Reißverschlüsse kaputt waren, kamen sofort weg. Obwohl unsere heutige Sortierstrasse nur für Frauenkleidung war, kam es hin und wieder vor, dass wir Kinderkleidung vorfanden. Nachdem ich kleine Strampler, Babyschlafsäcke und -bodys gesehen hatte, brauchte ich eine kurze Pause. Zum Verschnaufen setzte ich mich auf einen Palettenwagen. Kurzzeitig war mir zum Heulen zumute. Babysachen. Kleine Kinder, die zwischen Bombenhagel und Raketenbeschuß aufwachsen müssen, kamen mir in den Sinn, bis mir die erste Träne über’s Gesicht lief. Da fiel mein Blick auf einen Kindersitz, der zwischen den Regalen herumstand. In diesem Sitz saßen Ernie und ein Kuschelhase. Sie lachten beide. Wer meinen Blog schon länger liest, der weiß, dass ich als Kind einen Ernie hatte und diesen immer mit mir herumschleppte. Seine Haare waren irgendwann nicht mehr schwarz, sondern blau, weil die Sonne die Farbe ausgeblichen hatte. Sein linker Arm musste irgendwann wieder angenäht werden und war deshalb ein bißchen kürzer als der rechte. Er sah so wunderschön abgeliebt aus. Dieser Ernie aus dem Kindersitz wird nun auch einen neuen Besitzer finden. Ein Kind, das glücklich sein wird, ihn zu haben. Der Gedanke stärkte mich ein wenig und ich ging wieder an meine Arbeit am Sortiertisch. Was die Leute alles spenden. Manche wollen wirklich nur ihren Mist loswerden. Mir würde es nicht im Traum einfallen, befleckte, stinkige oder kaputte Kleidung in einen Karton zu packen und zur Flüchtlingshilfe zu bringen. Das meiste war allerdings völlig in Ordnung. Anders als Stefan besaß Ulla nicht das Potenzial, uns für unsere Arbeit zu loben oder uns zu motivieren. „Die Kiste is‘ schlecht gepackt, die könnt ihr sofort neu sortieren!“ blaffte sie und leerte vor unseren Augen einen gesamten Karton „Oberteile Kurzarm Frauen“ wieder aus. Ich kam mir vor wie Aschenputtel, das von der bösen Stiefmutter dazu verdonnert wurde, Linsen zu sortieren, schluckte meinen Ärger aber runter. Nach zwei Stunden hatten wir 30 Kartonklamotten zusammengelegt und sortiert. Ich verabschiedete mich und sagte, dass ich nächste Woche wiederkommen würde.

Es gibt auch fiese Menschen

Voller Tatendrang betrat ich das Gelände, das dieses mal mit einem rot-weißen Band großzügig abgesperrt war. Vor der Rampe am Hafenschuppen stand ein Lkw mit ausländischem Kennzeichen. Ab und zu ruckelte der Sattelauflieger, was bedeutete, dass er gerade beladen wurde. Wie eine Tatortkomissarin schlüpfte ich unter dem rot-weißen Flatterband hindurch, ging zur Containerleiter und erklomm „Mein Schiff“. „Aaaah, da ist die Steph. Prima, dass du da bist. Du kannst ein Foto von uns machen“, sagte Stefan, als er mich sah und drückte mir eine professionelle Fotokamera in die Hand. Dann stellte er sich mit dem Lkw-Fahrer und anderen Helfer:innen vor den voll beladenen Laderaum des Lkw’s und sagte „Cheese“. Es klickte mehrmals mechanisch nacheinander, als ich auf den Auslöser drückte, dann ging wieder jeder seiner ehrenamtlichen Arbeit nach. „Geht der Lkw heute noch in die Ukraine?“ fragte ich Stefan, als ich ihm die Kamera wiedergab. „Ja, über Polen“, antwortete er. „Wir überprüfen ihn über GPS, damit wir wissen, wann er die Grenze überquert“, ergänzte er. Ich fragte mich, ob und wofür das nötig war und es schien, als hätte Stefan meine Gedanken gehört, als er sagte: „In Zeiten der Not wird mitunter auch Schindluder getrieben. Wenn wir sehen, dass der Lkw irgendwo in der Pampa steht und dort innerhalb einer Stunde entladen wird, wissen wir, dass da Profis am Werk sind, die sich das Ganze unter den Nagel reißen und es nicht dort ankommt, wo es ankommen soll.“ Ganz so fremd war mir das Ganze nicht, denn der Mann, mit dem meine Mutter zwei wunderbare Kinder hat, war von Beruf Fernfahrer und hatte mich als Kind mehrmals auf seinen Touren mitgenommen. Ich hatte unter anderem erlebt, wie Benzindiebe den Tank unseres Lkw’s leerten, als wir an einem Rasthof Currywurst mit Pommes aßen. Im Alter von zehn Jahren wusste ich bereits, an welchem Rasthof man ohne Probleme eine Ruhepause abhalten konnte und an welchem man sich beim Schlafen selber mit Spanngurten ans Bett fesselt, um einen Lkw-Diebstahl zu verhindern. Stefan erzählte weiterhin, dass er manche Lkw-Fahrer bittet, ihm zwischendurch ein Selfie mit einer aktuellen Tageszeitung vor einem Ortsschild zu schicken, damit er weiß, dass alles okay ist. Der Lkw, der nun an der Rampe der Flüchtlingshilfe stand, war bis unter’s Dach mit Sachspenden für die Ukraine beladen. Da passte kein Blatt Papier mehr rein, so voll beladen war er. „Gute Fahrt!“ riefen wir, als der Fahrer sich auf seinen Sitz schwang. Wo wir gerade so zusammen standen, wollte Stefan uns noch auf eine wichtige Sache hinweisen. „Es kommt immer mal wieder vor, dass uns am Wochenende Kisten und Säcke vor die Tür gestellt werden, obwohl wir zur Zeit keine Kleidungsspenden mehr annehmen und obwohl es feste Zeiten für die Spendenannahme gibt. Das ist ärgerlich, weil die Sachen dann hier im Regen stehen und Stockflecken bekommen können. Sagt bitte allen, die ihr kennt, dass wir Spenden wie Schlafsäcke, Hygieneprodukte oder Isomatten nur montags, mittwochs und donnerstags annehmen. Und wenn ihr selber mal eine Tüte vor der Tür seht: Seid vorsichtig! Es gibt einige Nazis, die Rasierklingen oder anderes Verletzendes in die Säcke geben, weil ihnen unsere Arbeit nicht gefällt.“ Ich war erstaunt darüber, zu welch widerlichen Aktionen sich manche Menschen hinreißen lassen. Ich verabschiedete mich und sagte, dass ich nächste Woche wiederkommen würde.

Von Apfelshampoo bis Zahnpasta

Voller Tatendrang kam ich eine Woche später wieder am Hafenschuppen an. Stefan fragte mich, ob ich zwei neue Frauen in der Sortierstrasse einarbeiten könne, was ich sofort bejahte. In der Sortierstrasse wurden wieder Kleidungsstücke für Frauen sortiert. Warme Wintermäntel, modische Pullover, Sommerkleider und Hosen wurden von uns zusammengelegt und somit für die Hilfsgüterkisten vorbereitet. „Vorhin war hier eine Frau, die hat nur rumgemeckert“, sagte eine der beiden Frauen. „Ja, das ist Ulla“ sagte ich und blickte mich schnell um. Nicht dass sie just in diesem Moment plötzlich hinter mir stand. Als ich nach einer Stunde nach draußen ging, um eine kurze Pause zu machen, traf ich auf Helfer Thomas, der mit einem großen Karton kämpfte. „Kann ich dir helfen?“ fragte ich. „Das wäre klasse“, bekam ich zur Antwort. „Die Frauen an der Sortierstrasse sind eingearbeitet, da kann ich auch länger helfen“, sagte ich lachend. Thomas erklärte mir, was er vorhabe. „Stefan sagt, die Windeln in Größe vier bis sechs werden derzeit am meisten gebraucht, deswegen will ich einen Karton nur für diese Größen packen und einen weiteren mit den anderen Größen.“ „Alles klar!“ sagte ich nickend. Und so kam es, dass wir uns an einem warmen Frühlingstag draußen auf der Rampe Windeln zuwarfen, die wir neu sortierten. Wir waren sofort ein Super-Team. Als später Ralf zu uns stieß, half auch er beim Windelwerfen und Packen. Danach sortierten wir Zahnpastatuben, Desinfektionsmittel und Shampoo für Kinder. Ralf, der die schönste Schrift von uns allen hatte, beschriftete anschließend die fertig gepackten Kisten, die sich immer höher auf der Europalette stapelten. Immer wieder kam in mir der Gedanke auf, wie traurrig es doch sei, diese Arbeit überhaupt machen zu müssen. Kleine Kinder im Krieg. Vermutlich traumatisierte Mütter, Omas, Tanten. Doch wenn so ein Moment in mir aufkam, passierte komischwerweise immer etwas Schönes. So sah ich zum Beispiel schon wieder einen Ernie. Dieses Mal war er auf einen Kinderrucksack genäht. „Danke, Nele!“ sagte ich gen Himmel, bevor ich mich wieder an die Arbeit machte. Auch wenn der Grund ein trauriger war, so war es unglaublich, wie solidarisch sich die Menschen mit den Ukrainer:innen zeigten. Die Spendenbereitschaft ist einfach enorm. An diesem Tag arbeiteten wir nicht nur zwei Stunden. Weil wir unsere angefangene Arbeit gerne ordentlich beenden wollten, waren Thomas, Stefan, Ralf und ich noch anderthalb Stunden länger da. Kaputt, aber zufrieden verabschiedeten wir uns und sagten, dass wir nächste Woche wiederkommen würden.

Am heutigen Samstag erfuhr ich über Facebook, dass der LKW, den wir am Mittwoch verabschiedeten sicher in Odessa angekommen ist.

Ich wünsche euch allen ein gesegnetes Osterfest.

Herzlichst eure Steph ❤

5 Kommentare zu „Helfen helfen

  1. Toll wie hilfsbereit du bist und das du dich nicht von den Miesepetern vergraulen lässt( ich hätte da meinen Mund nicht halten können).Schade das diese Menschen ihre Launen an denen ablassen die eigentlich nur helfen wollen.
    Ein sonniges Wochenende, Claudia 🙋‍♀️🌞

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