Herr Schröder hat Ärger

Ich war gerade beim Blumen gießen, als sich urplötzlich der Raum verdunkelte. Den ganzen Tag hatte die Sonne geschienen und von Regen war überhaupt keine Rede, warum also war es von hier auf jetzt so dunkel? Als ich mich rumdrehte, fiel mir vor Schreck die Gießkanne aus der Hand. Gluckernd lief das Wasser aus der Kanne auf den Holzboden. Ich hatte keine Möglichkeit, mich darum zu kümmern, denn von draußen sah ich den Grund für die Verdunkelung: eine riesige Möwe im Landeanflug. Ihr Ziel: unser Balkon. Sie war mir nicht unbekannt, denn mindestens zweimal im Jahr kam sie zu uns geflogen. Es handelte sich um die Zeitungsmöwe. So haben wir sie genannt, da sie uns den Sommer über mit Neuigkeiten aus dem Zauberwald versorgt. Freundlich nickend kam sie nun also herbeigeflogen und machte keine Anstalten, abzubremsen. Sie wird doch wohl nicht…? Oh doch… Sie sah nicht, dass die Balkontür geschlossen war. Es machte einen kurzen RUMMS und schon war sie gegen die frisch geputzte Fensterscheibe geflogen. „Auuuua!“ jammerte sie. Seit ich fließend möwisch spreche, kann ich nämlich jedes ihrer Worte verstehen und mich gut mit ihr unterhalten. Schnell öffnete ich die Tür, hockte mich vor sie und fasste ihre Beule an. „Auuutsch!“ rief sie erneut und verdrehte die Augen. Wer wie ich jahrelang in einem Kindergarten gearbeitet hat, kennt sich mit Unfällen gut aus. So ging ich schnell zum Tiefkühlschrank, um einen gut gekühlten Löffel herauszuholen. Diesen legte ich auf die Beule und half der Zeitungsmöwe wieder auf die Beine. „Wasser!“ krächzte sie, als sie das ausgelaufene Wasser aus unserem Fußboden sah und schleckte es auf. Praktisch, denn so musste ich es nun nicht mehr weg wischen. Erschöpft vom weiten Flug und dem Unfall übergab sie mir einen Brief, bevor sie sich zu einem kleinen Nickerchen auf ein Kissen fallen ließ. An der krakeligen Schrift konnte ich erkennen, dass es sich bei dem Verfasser des Briefes um unseren Nissen Herrn Schröder handelte…

Darf ich vorstellen?

Herr Kalle Knispel Schröder ist unser Weihnachtsnisser. Er wohnt jedes Jahr vom 01. Dezember bis zum 04. Januar in unserer Hauswand des Esszimmers. Eine prächtige Wichteltür weist auf seine Wohnung hinter der Wand hin. Die Wohnung ist so klein wie er, deswegen waren wir noch nie dort drin. Vor seiner Wichteltür hat Herr Schröder eine kleine Terrasse, auf der eine Sitzbank, zu Weihnachten ein Weihnachtsbaum, ein Besen zum fegen und eine Laterne stehen. Vom 05. Januar an bis zum 30. November lebt Herr Schröder im Zauberwald, der sich auf der dänischen Insel Fanø befindet. Dort lebt er nicht alleine. Viele Nisser und Tiere leben dort miteinander in herrlichem Einklang. Kalle Knispel liebt Toffifee über alles. Im Zauberwald gibt es nette Touristen, die ihn dort besuchen und ihm die heißgeliebte Karamelltoffees mit Haselnuss vor sein Baumhaus stellen. Bei uns zu Hause gibt es ein Problem, denn wenn er da nicht jeden Tag ein Toffifee vor die Tür gestellt bekommt, beginnt er, uns Streiche zu spielen. Als wir noch nicht wußten, dass wir einen frechen Wichtel beherbergen, dachte der Ralf doch ernsthaft, dass ICH den Käse im Kühlschrank angebissen, den Salzstreuer nicht richtig zugedreht oder Glitzerpulver in Teelichtern verteilt hätte. So eine Frechheit! Nun aber sind wir seit Jahren klüger und wissen all die merkwürdigen Geschehnisse unserem Nissen zuzuschreiben. Jetzt also ein Brief. Was er wohl wollte? Herr Schröder schreibt nämlich äußerst ungern. Ich atmete hörbar aus, dann faltete ich den Brief auseinander und las ihn durch. Dort stand folgendes geschrieben: Hallo Leute, habe ein großes Problem. Muss mit euch telefonieren. Heute Abend um 19:00 Uhr. Rangehen! K.K. Schröder. Euer Liebling. Fast hätte ich vergessen, euch zu erzählen, dass Herr Schröder nicht immer der Freundlichste ist. Er wirkt oft schlecht gelaunt, kann aber auch entzückend lieb sein. Was er wohl für ein Problem hätte? Ob die Zeitungsmöwe mir mehr berichten könnte? Aber sie schlief noch immer und ich wollte sie nicht wecken, deswegen musste ich wohl oder übel bis zum Abend warten.

Das Zaubertelefon

Das Telefon, mit dem wir Herrn Schröder anrufen oder einen Anruf erhalten können, ist sehr alt. Es hat mal Ralfs Oma gehört. Senfgelb ist es und in der Mitte befindet sich eine Wähscheibe, die man drehen kann. Wir hatten es zur Deko in der Wohnung stehen, als wir durch Zufall bemerkten, dass wir damit direkt in den Zauberwald telefonieren können. Das ist allerdings nicht so einfach wie ihr denkt. Man kann nicht einfach den Hörer abnehmen und eine Nummer wählen, um mit Herrn Schröder zu sprechen. Man muss vorher Folgendes tun: Erst muss man einen Kaugummi kauen und eine große Kaugummiblase entstehen lassen. Dann muss man auf einem Bein im Kreis hüpfen, dreimal ‚Ding-Dong‘ sagen, mit Glitzerstaub am Zeigefinger die Nummer wählen und ein Küsschen auf die Hörmuschel drücken. Erst dann und auch nur dann, wenn der andere, Anzurufende das gleiche macht, kann man mit demjenigen sprechen. Deswegen müssen wir immer eine Uhrzeit ausmachen, wenn wir mal telefonieren wollen. Ich hauchte gerade ein Küsschen in den Hörer, da hörte ich nach dreimal Tuten auch schon Herrn Schröder.

Hanna Hagebutte und die kaputte Maschine

„Ahoi!“ sagte er. Ich weiß nicht, warum er das tut, aber immer, wenn wir telefonieren, ruft er ein lautes ‚Ahoi‘ in den Hörer. Er klang abgehetzt. „Was ist los, Herr Schröder, warum bist du so aus der Puste?“ fragte ich. „Ich war gerade noch mit Hanna Hagebutte in der ‚Austerschleckerei’“, pustete er mir atemlos in die Hörmuschel. „Du warst mit Hanna Hagebutte im teuersten Restaurant des Zauberwaldes?“ fragte ich ungläubig. „Joooa, ich hab sie eingeladen. Das musste sein nach dem Vorfall letzte Woche“, antwortete er. In meinem Kopf ratterte es. Hatte es etwas mit seinem Problem zu tun, über das er mit mir sprechen wollte? Wollte ich überhaupt davon wissen? Wieder atmete ich hörbar aus, dann nahm ich das Telefon in die Hand und ließ mich auf dem bequemen Sitzsack nieder. „Was war los, erzähl es mir bitte“, sagte ich, während ich dem Ralf durch Gesten verständlich zu machen versuchte, mir etwas zu Trinken zu bringen. „Letzte Woche“, begann Herr Schröder und holte tief Luft, „letzte Woche habe ich aus Versehen Hannas Marmeladenproduktion ein wenig durcheinandergebracht“, ergänzte er. (Anmerkung der Redaktion: Hanna Hagebutte ist eine Wichteline, die aus Hagebutten herrlich leckere Hagebuttenmarmelade herstellt.) „Und was ist da genau passiert?“ fragte ich genervt. Da erzählte er, dass er ihre Einkochmaschine gebraucht hätte, die sie ihm gerne für kurze Zeit überließ. Weil er aber nicht richtig zugehört hatte, als sie ihm die Bedienung des Gerätes erklärt hatte, hatte er die Maschine zu hoch eingestellt, was zur Folge hatte, „dass die Töpfe mit dem geschmolzenen Karamell durch das ganze Haus flogen. Es wäre mir auch lieber gewesen, wenn das nicht passiert wäre. Danach hatte ich von den umherfliegenden Topfdeckeln und Löffeln am ganzen Körper ein großes Aua und musste Sverre kommen lassen, damit er mich wieder heil macht.“

„Ja, es ist schon toll, dass Wichtel Sverre eine Sanitätersausbildung hat“, sagte ich und hatte immer noch hunderte Fragezeichen in meinem Kopf. „Wieso waren denn in Hanna Hagebuttes Töpfen Karamell drin?“ fragte ich leicht zögerlich. Immer noch wusste ich nicht, ob ich das alles wirklich hören wollte. Allerdings hatte Herr Schröder ja angekündigt, ein Problem zu haben und ich wollte ihm natürlich gerne helfen. „Also, was war denn da nun mit dem Karamell?“ fragte ich und Herr Schröder begann zu erzählen.

Auf der Suche nach Karamell

„Erst bin ich mit dem ‚Waiblinger‘ umher geschlichen und habe Karamell gesucht. Den Waiblinger habe ich mitgenommen, weil der eine so gute Schnüffelnase hat und bestimmt gut Leckerlis finden kann“, erzählte Kalle Knispel. „Na hör mal, der Waiblinger ist doch kein Hund!“ rief ich empört dazwischen. Der Waiblinger ist nämlich der Wichtel meiner Freundin Michi. Ich weiß, dass sie ihm oft schwäbische Kekse aus Waiblingen nach Fanø schickt. Wibele heißen die, glaube ich. „Is‘ doch völlig egal!“ rief Herr Schröder gereizt durchs Telefon. Wieder atmete ich tief aus und ließ ihn weiter berichten. „Drei Stunden lang haben wir gesucht und gesucht. Wir sind sogar heimlich auf den Rücken des Fuchses mitgeritten, weil uns irgendwann die Füße weh taten und der Schneckenzug mit Schnecke Stephinchen uns zu langsam war. Unter einem Fliegenpilz haben wir uns dann ausgeruht und als wir fast weggeratzt sind, kam dem Waiblinger eine gute Idee. Eine so fantastische super Idee, dass sie von mir hätte kommen können. Er meinte nämlich, dass Wichtel Stuart McLeod doch eine alte Whiskydestillerie betreibt und in seinen gut gefüllten Kammern bestimmt auch Karamellstangen hat. Und TAADAAA, er hatte wirklich welche. Er sagte, wenn ich ihm beim Auswaschen seiner Fässer helfe, würde ich Karamell vom ihm bekommen. Ich hab´ihm dann gesagt, dass ich das mit dem Waschen ein paar Tage später machen würde, weil ICH DAS KARAMELL JETZT WIRKLICH GANZ DRINGEND BRÄUCHTE! Damit war er einverstanden. Also sind der Waiblinger und ich zurück zu Hanna Hagebutte gelaufen und haben dort versucht, das Karamell zu erhitzen, was dann aber schief gelaufen ist. Das war ganz, ganz fürchterlich für mich, weil ich schon ein ganzes Jahr lang Haselnüsse gesammelt hatte. Unter meine Matratze hatte ich sie gelegt. Das war schön, denn auf den runden Haselnusskugeln konnte ich wunderbar schlafen. Doch jetzt ist alles hin!“ jammerte er. In meinem Kopf musste sich erst mal alles zusammenrücken. Haselnüsse, Karamell. „Du wolltest selber Toffifee herstellen?“ fragte ich schließlich laut durch den Hörer. „Na, du bist ja wohl mal eine von der ganz schnellen Truppe, wa?“ blaffte mich der Nisser an. Er war eindeutig unterzuckert.

Das große Aufräumen

„Und weil ich’s so schnell herstellen wollte, habe ich nicht richtig zugehört, als Hanna mir die Geräte erklärte. Naja, vielleicht hat sie’s auch einfach nicht gut erklärt“, fuhr er fort. Ich habe alle Knöpfe auf volle Pulle gestellt, damit’s ein bisschen schneller geht“. „Aber warum wolltest du denn selber Toffifee herstellen?“ unterbrach ich ihn. „Na, weil wir nüscht mehr haben!“ rief er aufgeregt. „Die Touristen kommen nicht mehr so oft in den Zauberwald, um mir Toffifee zu bringen. Vielleicht muss da mal eine neue Beschilderung hin. Hach, ist das eine gute Idee. Mal mir doch mal ein Schild und schreibe drauf: ‚Zauberwald‘. Eintritt aber nur mit einer vollen Schachtel Toffifee, sonst setzt’s was“, rief er begeistert und kicherte. „Ich glaube nicht, dass man mit einer Drohung etwas erreichen kann“, antwortete ich müde. Noch immer wusste ich nicht, wobei er denn nun Hilfe bräuchte. Das Schild war es doch wohl nicht? „Jetzt komm mal langsam zum Punkt, denn ich bin müde und will nun wissen, was da in Hannas Küche passiert ist“, drängelte ich ihn. „Die Töpfe wackelten plötzlich alle und der Waiblinger sagte, das sei ihm jetzt aber eindeutig zu gefährlich. Er wolle schon mal vorlaufen und dem Sanitäter Sverre Bescheid geben. Ich hab dann einen langen Besenstiel genommen und durch die Haken der Topfdeckel geschoben, damit die Deckel sich nicht öffnen. Doch dann ist durch die Hitze der Besenstiel durchgebrochen. Richtig durchgebrochen! Dann hat’s einmal laut ‚Peng‘ und ‚Risseldierassel‘ gemacht und schwappdiewapp ist die ganze leckere Karamellsauce quer durch Hannas Küche geflogen. Klatschdiewatsch ist es an ihre Wände, an die Gardinen und die Deckenlampe, an die Schränke und den Fussboden gekleckst. Das gute Karamell, ach, ich könnte jetzt noch heulen. Die Hanna saß beim Seerosenteich, weil sie da eine Mitternachtsbootfahrt auf der MS Blütentraum unternehmen wollte, als sie sah, wie es aus ihrem Hausschornstein heraus laut puffte. Dabei war das gar nicht sooo laut. Dann hat sie die Küche gesehen und geschrien. Also die Gardinen waren aber auch nicht so hübsch, da ist es jetzt nicht wirklich schade drum, habe ich ihr gesagt. Da hat sie plötzlich eine ganz komische Farbe in ihrem Gesicht bekommen. So hagebuttig irgendwie. Und dann hat sie gesagt, ich solle alles SOFORT aufräumen. Sogar die Wände streichen sollte ich! Man, man, man, war das eine Arbeit. Böden schrubben, Schränke sauber machen, Wände streichen und hässliche Gardinen waschen. Als ich dann fertig war, sagte sie, ich müsse sie jetzt aber auch noch in ein teures Restaurant einladen. Deswegen waren wir dann in der ‚Austerschleckerei‘. Ende!“ sagte er. In Gedanken jubelte ich Hanna zu. Man darf sich von Herrn Schröder nicht alles gefallen lassen. Vermutlich hätte ich genauso reagiert wie sie, außer dass ich nichts esse, was aus dem Meer kommt. Der Ralf zeigte auf die Uhr und ich nickte ihm schnell zu, bevor ich endlich zu dem Grund des Telefonates kam. Herr Schröder hatte doch noch ein Problem, hatte er gesagt, nur was für eines?

„Kalle, pass auf, wir wollen jetzt ins Bett. Was war das für ein Problem, bei dem du unsere Hilfe brauchst?“ fragte ich. „Ach, hatte ich das nicht erwähnt? Ihr sollt mir Toffifee schicken!“ sagte er und legte auf. So ein Schlingel! Ich glaube, das erste Toffifee werde ich nun erstmal mir und Ralf gönnen, denn nach all der Aufregung und dem Generve unseres Nisser in seinem Sommerdomizil können wir die Nervennahrung auch ganz dringend brauchen.

Habt alle eine gute Zeit. Bleibt gesund, oder werdet es.

Herzlichst Eure Steph ❤

2 Kommentare zu „Herr Schröder hat Ärger

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