Freude im Herzen

Neulich stand in der Online-Ausgabe unserer Regionalzeitung bei Facebook, dass die Eisbahn auf dem Rathausmarkt in diesem Jahr wegen zu hoher Energiekosten nicht stattfinden wird. Binnen Minuten schrieben sich in den Kommentaren erzürnte Muttis ihren Frust von der Seele. „Was will man unseren Kindern noch alles nehmen?“ und „Es wird alles immer schlimmer!“ teilten sie mit drei oder mehreren wütenden Smileys mit. „Erst macht das Schwimmbad dicht und jetzt noch die Eislaufbahn“, schrieb eine Mutter mit AfD-Logo im Profil. Der Bürgermeister fühlte sich berufen, da mal einzuschreiten. Doch als er schrieb, die Schwimmbäder seien gar nicht geschlossen, es sei nur die Badetemperatur auf 26 Grad gesenkt worden, da gingen die Pferde mit den Mamas durch. Facebook bestrafte sie wegen ihrer vulgären Ausdrucksweise und sperrte sie für ein paar Tage. Ich nahm das nicht ohne Schmunzeln zur Kenntnis, denn als es vor kurzem hieß, dass ein Kinderfest nur mit Eintritt zu betreten sei, da waren es die gleichen Mütter, die wetterten, man könne sich das Ganze ja nicht mehr leisten. Die Eislaufbahn hätte, wenn sie stattgefunden hätte, auch Eintritt gekostet, aber ich merkte schnell, es geht ihnen nicht darum. Es geht ihnen im Wesentlichen darum, Stimmung zu verbreiten. Sich aufregen, schimpfen, hetzen. Wie schlimm muss es sein, wenn man morgens schon mit dem Gedanken daran, wie man sich mal wieder total aufregt, zum Gefangenen seiner selbst macht?

Um eines gleich vorweg klarzustellen: Wir haben auch Sorgen. Es ist alles teurer geworden und die Preise werden weiterhin steigen. Ich weiß nicht, was uns der Strom kosten wird. Wir haben keine Ersparnisse, von denen wir leben können, weil wir aus ideologischen Gründen einen sozialen Beruf erlernt haben, der nun immer mehr benötigt, aber auch in der Zukunft nicht ausreichend vergütet wird. Im Urlaub waren wir zuletzt 2018, und als unser 18 Jahre altes Auto neulich eine neue Zündspule brauchte, um intakt und wieder fahrbereit zu sein, da mussten wir auch schlucken und noch mehr sparen als eh schon. Wir waren seit Jahren nicht mehr in einem Restaurant essen und wenn unsere Freundin Clara uns dieses Jahr nicht wieder in den Hansapark eingeladen hätte, dann hätten wir uns das nicht leisten können.

Hilft es, sich darüber bei Facebook in der Kommentarspalte wütend auszulassen? Nein. Hilft es, in dieser Zeit für andere da zu sein? Ja. Als wir am 24. Februar vom Angriffskrieg Putins gegen die Ukraine erfuhren, verbrachten wir die nächsten 14 Tage damit, ständig die Nachrichten zu verfolgen. Morgens, mittags, abends schauten oder hörten wir aufgeregt die neuesten Entwicklungen. Unsere Gesichter wurden immer grauer, unsere Stimmung war unbeschreiblich schlecht. „Wir müssen etwas dagegen tun“, sagte ich zu Ralf und so kam es, dass wir als Ehrenamtliche bei der Lübecker Flüchtlingshilfe anfingen, wo wir noch heute regelmäßig zweimal die Woche mithelfen.

Es fehlt so viel

Lange saßen sie da und hatten es schwer. Aber sie hatten es gemeinsam schwer und das war ein Trost. Leicht war es trotzdem nicht. (aus Ronja Räubertocher) Dieses Zitat der wundervollen Astrid Lindgren beschreibt am ehesten das, was ich fühle, wenn ich meine Arbeitskraft der Flüchtlingshilfe wöchentlich zur Verfügung stelle. In der Kleiderkammer, in der ich aushelfen muss, wenn eine dortige Kollegin krank oder im Urlaub ist, gehört nicht zu meinen liebsten Aufgabengebieten. Ich habe für mich selbst vor langer Zeit analysiert, woran das liegen könnte und kam zu dem Schluß, dass es mich frustriert, wenn ich den Menschen nicht die Dinge geben kann, die sie gerade, nachdem sie eine Flucht hinter sich haben, nun benötigen. Wir haben zu wenig Töpfe, wir haben zu wenig Bügeleisen und wenn ich in unserer großen Lagerhalle mal einen Bademantel finde, weil dieser gerade gespendet wurde, dann freut mich das. Aber dann wollen alle anderen Geflüchteten auch einen und ich habe ja nur den einen. Das frustriert mich. Nein, die Arbeit in der Kleiderkammer ist nichts für mich und ich zolle allen meinen helfenden Kolleg:innen großen Respekt dafür, dass sie in diesem Bereich arbeiten. Ich hingegen habe damals an der Sortierstrasse für Frauenkleidung angefangen, habe Spenden angenommen, als der Chef mal nicht da war und habe mit Ralf zusammen das Hygieneregal mit Shampoo, Duschgel, fester Seife und Zahnbürsten bestückt. Inzwischen habe ich den Schlüssel für die Tür und die Lagerleitung inne. Man kann sagen, dass ich vieles mache: Immer noch nehme ich Sachspenden entgegen, verteile sie auf den einzelnen Sortierstrassen (Frauen, Kinder, Männer) und frage die Mitarbeiter:innen, ob sie etwas brauchen. Ich führe Anwesenheitslisten und schicke Grüße an erkrankte Helfer:innen raus. Wenn die Anfrage für einen Hilfskonvoi ansteht, halte ich den Chef (der hauptberuflich Inhaber eines Fotoateliers ist und manchmal nicht bei uns sein kann) über jeden Fortschritt bei der Abarbeitung der Bestellliste auf dem Laufenden. Neulich erst brauchten wir Hilfe bei der Übersetzung einer Rechtfertigung, die wir benötigen, um Hilfstransporte über die Grenze zu bringen. Da habe ich schnell meine Bekannte Mascha um Hilfe gebeten. Sie arbeitet nicht bei der Flüchtlingshilfe, ist mir allerdings freundschaftlich verbunden, da ich sie vor langer Zeit zur Lübecker Stadtmutter fortbildete. Sie hat gerade selbst genug Stress, denn als der schreckliche Krieg begann, ist sie mit ihrem Ehemann in die Ukraine gereist, um seine Kinder aus erster Ehe nach Deutschland zu holen. Sie hat ein Baby, das gerade zahnt und setzte sich dennoch mitten in der Nacht hin, um uns die Rechtfertigung vom Deutschen ins Ukrainische zu übersetzen. Und das ist das, was mich so glücklich macht: Wir haben es alle schwer und helfen uns dennoch gegenseitig. Das macht das Ganze viel viel leichter.

Besuch aus der Ukraine

„Du sollst an jeden Tag, an dem du mit sehenden Augen, hörenden Ohren und einem liebenden Herz aufwachst, dem lieben Gott dankbar sein“, sagte meine Mutter mir, als ich noch Kind war, und ab und zu sagt sie das auch jetzt noch. Und ja, ich bin dankbar. Vor allem aber für sie. Denn ich bin als Kind der 80er Jahre selbst in Armut aufgewachsen, als meine Mutter den Mann, mit dem sie zwei wunderbare Kinder hat, endgültig vor die Tür gesetzt hat. Mit drei Jobs, die sie gleichzeitig ausführte, hat sie die fehlenden Unterhaltsleistungen ihres Ex-Mannes versucht auszugleichen und das ist ihr immer besser gelungen. „Manchmal möchte ich heulen“, sagte ich bei der Flüchtlingshilfe mal zu Helfer Peter (alle Namen geändert), als ich von der Erschießung eines neunjährigen Kindes hörte. Gerade als verwaiste Mama, die ich bin, kann ich so etwas nur ganz schwer ertragen. Dann bin ich mit Peter kurz mal vor die Tür gegangen. Das Wasser schwappte an die Kaimauer, Möwen schrien und wir hörten das Glockenspiel von Sankt Marien aus der Ferne. Peter hat gar nicht erst versucht, mich abzulenken, aber mit jemanden zusammen schweigend auf das Wasser zu schauen, kann auch sehr hilfreich sein. Dann hörten wir den Chef rufen und wir beeilten uns, wieder an unserer Arbeit zu sein. Der Grund seines Rufens war folgender: Wir hatten völlig überraschend Besuch von Danylo und Daria bekommen. Danylo ist ein Pfarrer aus der Ukraine, Daria lebt in Deutschland und übersetzt regelmäßig für ihn. So war es auch an diesem Tag. Danylo sagte, sie bräuchten dringend Nahrung und alles, was wir an Unterstützung für Mütter mit kleinen Babys da hätten. Außerdem noch Hygieneartikel, Kleidung und Bettwäsche. Sofort wuselten alle Helfer:innen durch die Gänge, bewegten Europaletten durch die Gänge und beluden den Transporter. Darias Augen waren voller Tränen. Sie war so dankbar mitzuerleben, wie schnell wir das Auto mit ukrainischem Kennzeichen voll luden und ihnen Hilfe gaben. Als wir nach anderthalb Stunden fertig waren, fragte Danylo, ob er ein kurzes Video von uns drehen dürfe. Seine Landsleute würden sich sehr freuen, wenn sie sähen, dass man in Deutschland voller Eifer und ohne dafür Geld zu bekommen, Hilfspakete schicken würden. Wir lachten und winkten alle fröhlich in die Kamera, „Lübeck hilft euch“ war die Botschaft, die wir verbreiten wollten. Anschließend fragte Pfarrer Danylo uns, ob er mit uns beten dürfe. Und so kam es, dass wir alle in einem Kreis auf der Rampe unseres riesigen Schuppens standen. Die Hände gefaltet, den Kopf geneigt, hörten wir Darias Übersetzung zu. Danylo bat nicht nur um Segen für uns, er sagte, der liebe Gott möge auch unsere Familien segnen. Ich bin selbst evangelisch-lutherischen Glaubens. Die Tränen, die ich bei diesem schönen Gebet vor Rührung vergoss, landeten auf dem grauen Zementboden. Es sollten nicht die letzten gewesen sein…

Steph wird mobiler

Sechs Monate Flüchtlingshilfe zollten ihren Tribut. Durch das ewige Hin- und Herlaufen auf Zementboden in der 2000qm großen Halle konnte ich, die seit Geburt an einer Skoliose und seit Jahren an Arthrose in den Füßen leidet, abends nach der Arbeit vor Schmerzen kaum noch laufen. Meine Ärztin wollte das durch einen Orthopäden abgeklärt wissen, allerdings muss ich bis Dezember auf einen Termin warten. Wie groß war dann meine Freude, als ich einen Roller entdeckte, von dem mein Chef sagte, dass dieser hier bei uns in der Flüchtlingshilfe bleibt. Der Roller wurde zu meinem Roller. Ralf hat ihn das Stephmobil getauft und mir ein eigenes Parkplatzschild gestaltet. Gertrud aus der Grobsortierung hat mir ein Kuscheltier an den Lenker gehängt, Dieter als Mann für alles hat mir eine Ballonhupe an mein Gefährt angebracht und Ralf hat mir einen kleinen Korb an den Lenker gehängt, damit ich kleinere Dinge bei meinen Fahrten durch die Halle transportieren kann. Seit vorgestern habe ich auch ein blinkendes Licht, damit man mich sieht, wenn ich durch die Halle düse. Seit ich mehr rolle als laufe, sind meine Schmerzen viel erträglicher geworden, bis ich endlich den Termin beim Orthopäden wahrnehmen kann.

Helfer:innen gesucht

Die jährlich stattfindende Ehrenamtsmesse stand an und wir, die so viel Arbeit mit dem Sortieren von Kleidung, dem Überprüfen von Elektrogeräten, der Ausgabe in der Kleiderkammer und der Logistik in der Halle hatten, stuften diese Messe als sehr wichtig ein, denn wir können jegliche Hilfe gebrauchen. Wir gestalteten Plakate, bauten den Stand auf und berieten am Tag der Messe viele Gäste. Dafür arbeiteten wir alle mehr als sonst schon. „Sie sehen erschöpft aus, ist das so?“ fragte mich mein Psychologe, als ich zwei Tage nach der Messe bei ihm in der Praxis war. „Ja, allerdings positiv erschöpft“, antwortete ich ihm und erzählte von meinem Arbeitsalltag. Weil ich damals durch ein Burnout krank wurde und lange Zeit nicht arbeitsfähig war, ist es nun umso wichtiger, dass ich mich erstens dort erproben kann und zweitens er mich als Verhaltenspsychologe dabei begleitet. Er erfuhr, dass ich inzwischen Arbeiten delegieren kann, auf meine Pausen achte und auch mal NEIN sagen kann. Zufrieden und aufgeräumt im Kopf fuhr ich nach Hause und holte dort alte Kartons aus dem Altpapier. Daraus schnitt ich Herzen, malte sie mit brauner Farbe an und tupfte einen weiß blauen Rand rundherum. Mit einem Kreidestift schrieb ich auf jedes Herz den Namen der Helfer:innen, sodass jede(r) ein eigenes „Oktoberfestherz“ bekam. Am nächsten Tag fuhren Ralf und ich früher zur Arbeit, um die Herzen an den jeweiligen Arbeitsorten der Helfer:innen halb sichtbar zu verstecken. Dann schrieb ich allen von der heutigen Schatzsuche und wartete gespannt ab, bis alle ihr Herz gefunden hatten. Es war so schön, wie plötzlich alle ihr Herz um den Hals trugen und präsentierten. Eine liebe Bekannte schrieb mir neulich: „Freude, die man gibt, kehrt ins eigene Herz zurück“, und ja, sie hat so recht. Mir geht es gut, wenn ich andere Menschen erfreuen kann. Ralf kann davon auch ein Lied singen. Er hat neulich aus drei Fahrrädern, die alle kaputt waren, ein neues für Yulia erbaut. Yulia ist eine junge Mutter von zwei Kindern und kommt aus der Ukraine. Als Ralf ihr das neue Rad präsentierte, hat sie so laut gejubelt, dass die Halle bebte. Sie hat ihn umarmt und als er ihr anschließend noch einen Kindersitz hinten auf’s Rad festmachte, da tropften ihre Freudentränen auf den Zementboden. In solchen Momenten weiß man mehr denn je, warum man tut, was man tut.

Gekommen um zu helfen

Darf man darüber reden, was man Gutes tut, oder sollte man es für sich behalten und dadurch Bescheidenheit ausdrücken? Ich habe nach dem Vorbild meiner Mutter immer schon Gutes getan und nichts darüber mitgeteilt. Hier aber will ich nicht still Hilfe leisten, denn ich habe durch meine eigenes Engagement gespürt, wie ich meine Freunde unbewusst mobilisieren konnte, mir zu helfen. Als wir einen Aufruf machten, weil wir dringend Cuttermesser zum Aufschneiden von Kartons benötigten, da war es meine Freundin Geli, die mir sofort ein Paket aus Hamburg zukommen ließ. Die darin enthaltenen Cuttermesser sind so begehrt, dass ich wie der Gollum beim Herr der Ringe an jedem Arbeitstagsende darauf bestehe, dass die Messer wieder in die Kiste mit der Aufschrift Cuttermesser kommen. Die wunderbare Anja, auch eine Freundin von mir, liest meinen Whatsapp-Status regelmäßig und bat mich neulich, ihr mitzuteilen, was wir noch brauchen würden. „Meine Mutter strickt wie eine Weltmeisterin und so könnten wir euch selbstgestrickte Socken spenden“, schrieb sie mir. Oh man, ich wünschte, sie könnte sehen, wie sehr sich die Menschen darüber freuen. Meine eigene Mutter will ich an dieser Stelle auf keinen Fall vergessen. Sie, die mit ihren 73 Jahren selbst seit Jahren im Ehrenamt tätig ist, hat längst ihre Nachbarschaft mobilisiert, Spenden für die Flüchtlingshilfe zu geben. Wenn sie Bügeleisen, Koffer und Wasserkocher gesammelt hat, meldet sie sich bei mir, damit ich alles bei ihr abholen und zum Schuppen F bringen kann. Aktuell sind wir auf der Suche nach Verbandskästen, die auch abgelaufen sein können, denn anders als Putins Militär unterstützen wir die Ukraine mit allem was sie benötigen.

Wenn die maulenden Muttis ihre ganze Aktivität mal der Flüchtlingshilfe bereitstellen würden, statt diese damit zu verschwenden, auf Facebook rumzukrakelen, dann wäre uns allen schon geholfen. Wer einmal in die Augen eines vom Krieg traumatisierten Kindes geschaut hat, der wird seinem eigenen Kind wohl erklären können, dass es nun mal halt so ist, dass die Eislaufbahn mal pausiert. Resilienz kann man einem Kind auch dadurch beibringen. Bei der Flüchtlingshilfe würden die Mamas ein Herz bekommen und sie würden merken, dass es gut tut, anderen Menschen zu helfen. Denn wenn das eigene Herz ständig neu mit Liebe aufgefüllt wird, dann kann das ja nur gut sein, in einer Welt, die soviel Schlimmes erleben muss.

Herzlichst Steph ❤

5 Kommentare zu „Freude im Herzen

  1. Hallo Stepf.danke für diese ,meine,Sonntagsfrühstücksgedchichte,wiedermal so schön geschrieben,ich wünsche mir,mehr tun zu können,wenn Alle,nur ein bisschen tun würden,wäre es mehr als genug,wäre es viel,du bist toll und Ralf auch😘👍

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