Schatzsuche

Ich liebe es so sehr, wenn man nach einem anstrengenden Tag (eher Tagen) vom Leben so wunderbar überrascht wird, wie wir in dieser Woche.

Der Mittwoch war ein anstrengender Arbeitstag. Viele Helfer:innen sind zur Zeit krank, die Anzahl der Menschen, die in der Kleiderkammer nach kostenlosen Decken, Handtüchern, Schuhen oder Anziehsachen fragen, werden stetig mehr. An der Rampe des Hafenschuppens mussten wir an diesem Tag vermehrt den ankommenden Sachspender:innen mitteilen, dass wir derzeit keine Frauenbekleidung mehr aufnehmen können. Zum einen fehlt uns das Personal zum Sortieren und zum anderen muss die Flüchtlingshilfe bis Ende diesen Jahres aus dem 2.000qm großen Hafenschuppen ausziehen, da dort hinein schicke Wohnungen gebaut werden sollen. Es steht also direkt zur kalten Jahreszeit Ende Dezember ein Umzug an. Ich schaute meiner lieben Kollegin, die mit einem gebrochenen Bein zur Arbeit erschien, beim Registrieren der geflüchteten Menschen zu, damit ich sie im Notfall auch mal vertreten könne. Das ging mir sehr nahe. Man lässt sich Pässe und Bescheide der Jobcenter oder Sozialämter zeigen und notiert die für uns ungewöhnlich klingenden Namen in einer Liste. Dabei schaut man den Menschen ins Gesicht und kann dadurch erahnen, was sie mitgemacht haben. Traumatisierte Kinder halten sich an ihren Müttern fest, die selbst tiefe Falten im Gesicht haben. Das Erlebte und den Ehemann und Vater noch an der Kriegsfront zu wissen, dazu die Müdigkeit und die noch völlig fremde Sprache, ich habe so viel Mitgefühl, dass ich es fast nicht aushalte. Es jammerte ihn mir. Als ich den Namen Wolodymyr notierte, sagte ich: „Oh, wie der Präsident“. Plötzlich lachten alle Geflüchteten, circa 20 Menschen und riefen im Chor laut „Präsidenta, Präsidenta“. Keine Frage, sie sind stolz auf ihr Ursprungsland und Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj. Endlich ein kleiner Moment zum Lächeln an diesem Tag. Dazu das tolle Helferteam der Flüchtlingshilfe, das mir an diesem Tag, wo der Chef nicht da war, erlaubte, mit ihnen eine kurze Teambesprechung abzuhalten. Abends ruhte ich mich aus, nicht ahnend, dass ich gleich noch eine super schöne Nachricht erhalten würde…

Lichtblick am Abend

Wer meinen Blog regelmäßig verfolgt, wird Eberhard schon kennen. Allen anderen stelle ich ihn gerne noch einmal vor. An einem Samstag im November war unsere kleine Tochter Nele Johanna gestorben, am Sonntag gingen Ralf und ich geschockt, aufgewühlt und verzweifelt in den Gottesdienst der Lorenzkirche in Nürnberg. Der Gottesdienst hatte bereits begonnen, wir betraten die Kirche just in dem Moment, als der Pfarrer von der Kanzel Psalm 126,5 sprach: „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.“ Es hätte passender nicht kommen können. Wir setzten uns in die Kirchenbank, hielten uns an den Händen und lauschten der beeindruckenden Stimme des Mannes, den wir nicht kannten. Er trug einen Federohrring im linken Ohr, seine freundlichen Augen strahlten hell. Am Ende seiner wohltuenden Predigt gingen wir zu ihm und sprachen das Unfassbare aus: „Sie müssen unser Kind beerdigen.“ Da steckte er sich seine selbstgedrehte Zigarette in die Hemdtasche, umarmte uns, schloss seinen VW Bulli auf und sagte, er werde uns jetzt erst einmal zu sich mit nach Hause nehmen. Auf der Beerdigung, die eine Woche später folgte, verneigte er sich minutenlang vor dem Sarg unserer Tochter, bevor er eine so rührend schöne Trauerrede hielt, dass die vielen Trauergäste aufhörten zu weinen und zaghaft lächelten. Auf dem Weg zu Neles Grab, das wir „ihr Gärtchen“ nennen, brach Ralf vor Trauer zusammen und wurde den ganzen weiten Weg von Eberhard gestützt. Monate später trat Ralf wieder in die evangelische Kirche ein und wurde von Eberhard in einem besonderen Gottesdienst gesegnet. „Dieser Mann hat euch der liebe Gott persönlich geschickt“, sagte meine Mutter und ja, so haben wir es auch empfunden, als wir Gottes besten Azubi kennenlernten. Früher war er für uns „Neles Pfarrer“ aber schon bald wurden er und seine wunderbare Frau unsere Freunde. 2020 haben sie uns hier in Lübeck an der Ostsee besucht und nun bekam ich am Abend des Donnerstags eine Nachricht von ihm…

Bratwurst oder Sülze?

Hi ihr zwei, wir haben euch ein kleines fränkisches Geschenk geschickt. Es steht zur Abholung bereit auf eure Namen im Lübecker Radisson Blu Senator Hotel, an der Rezeption. Einfach abholen…

Was dann folgte, war ein jubelnder Aufschrei meinerseits und ein breites Grinsen von Ralf. Oh man, das war ja vielleicht eine aufregend schöne Botschaft. Das Radisson Blu kannten wir, da wir immer daran vorbeifuhren, wenn wir zur ehrenamtlichen Arbeit zur Flüchtlingshilfe fuhren. Und dort sollte nun ein Geschenk für uns liegen? Ich konnte mich vor Freude gar nicht mehr beruhigen und las die Nachricht an diesem Abend noch ein paar mal durch. Ein Verwandter von Eberhards Frau war wohl gerade zu Besuch in der Stadt und hatte das Geschenk von Roth/Franken aus mit nach Lübeck genommen, wo wir es nur noch abholen brauchten. Es sei nichts Großes, aber mit Liebe geschenktes, schrieb Eberhard außerdem. Ganz egal, wie klein oder groß, wenn jemand an uns denkt, freuen wir uns immer sehr. Abends konnte ich vor Vorfreude nicht einschlafen und versuchte mit detektivischem Gespür schon jetzt das Geschenk zu erraten. Ob es wohl mit einer kryptischen Nachricht zu tun hatte, die Eberhard mir bereits vor einer Woche geschickt hatte? Da fragte er mich via Whatsapp, ob wir Vegetarier oder Veganer seien. „Ralf ist seit 34 Jahren Vegetarier, ich esse kein Fisch oder Huhn“, schrieb ich zurück. „Geräucherte Bratwurst oder Sülze?“ fragte Eberhard anschließend. „Bratwurst“ schrieb ich und sendet einen leckerschmecker Smiley hinterher. Dann schlief ich ein und träumte von einem Eberhard, der in der Lobby des Radisson Blu Senator Hotels eine Andacht hielt und Abendmahl mit uns feierte. Statt roten Traubensaft gab es fränkisches Bier und die üblichen Oblaten wurden durch „Drei im Weggla“, drei kleinen Nürnberger Rostbratwürstchen im Brötchen, ersetzt. Mit großem Appetit wachte ich um 5:30 Uhr auf und klopfte dem schlafenden Ralf auf den Rücken. „Wir müssen jetzt ins Radisson“, rief ich wiederholend so lange, bis er sich regte. „Die machen erst später auf, schlaf noch ein bisschen“, murmelte er. Na gut, dann tagträumte ich halt noch ein bisschen von der Überraschung, die wir in ein paar Stunden erhalten würden.

Klebesaft

Unser Auto, ein 18 Jahre alter Golf 5, parkt bei uns vor der Tür stets unter einer Linde, wenn es nicht in Gebrauch ist. Wir lieben die hochgewachsenen Bäume der Allee, in der wir wohnen, auch wenn die Linden im Sommer einen Saft abgeben, der unser Auto völlig verklebt. Die Scheiben vorne und hinten bekommt man durch die Fensterputzanlage ja stets gut frei, aber als Beifahrerin, die ich meist bin, kann ich aus meinem Fenster schon lange nicht mehr durchgucken. Das Dach unseres Autos ist mit einer dicken Schicht Lindenklebesaft bedeckt. Es ist Herbst und die Blätter fallen von den Bäumen. Neulich schaute ich bei einem Herbststurm aus dem Fenster. So etwas liebe ich und ich könnte es stundenlang tun. Die parkenden Auto in unserer Straße sahen aus, als wären sie mit Gold überzogen, so viele Blätter fielen auf sie herab. Dann kam der Sturm und blies die Blätter von den Autos wieder herunter. Von allen Autos? Nein, von unserem nicht. Da blieben die vom Baum herabgefallenen Blätter direkt auf dem Autodach kleben. Man, sah das komisch aus. Erst Mittwoch wollte sich ein Helferkollege bei der Flüchtlingshilfe von uns verabschieden und klopfte mit freundschaftlichem Gruß auf unser Autodach, wo er doch glatt mit der Hand kleben blieb. Eine Autowäsche ist teuer und wenn man durch Krankheit und als Sozialarbeiter:in eh nicht über viel Geld verfügt, dann überlegt man sich schon mal Alternativen. „Wir könnten Spülmittel aufs Dach spritzen und auf Regen warten“, schlug ich dem Ralf vor, der daraufhin lachte. Wir erinnerten uns an einen Sommerurlaub auf Fanø/Dänemark, wo die Fenster unser angemieteten Behausung trotz Endreinigung derart dreckig waren, dass wir zwei Möglichkeiten sahen: Entweder ärgerten wir uns im Urlaub oder wir würden uns selbst helfen. Gesagt getan, spritzten wir damals tatsächlich Spülmittel auf die Fenster und schauten gespannt zu, wie der große Wolkenbruch kam und uns die Fenster selbstständig vom Dreck befreite. Mit dem Ralf kann man einfach jeden Quatsch machen. Nun war der Donnerstag gekommen und wir stiegen in unser dreckig-klebriges Auto, um zum Radisson Blu zu fahren. Außen sah es aus wie eine Dreckskarre, innen roch es komisch. Denn weil Ralf neulich aus Versehen in Hundekot trat, als er über eine belaubte Wiese ging, säuberte er anschließend seine Schuhe und hängte kleine Geruchsstopper aus dem Ein Euro-Markt in unserem Auto auf. Die sind zwar günstig, riechen aber, als wenn man ein Hubba-Bubba Kaugummi angezündet hätte. Egal, das Geschenk wartete und so fuhren wir in unserem verklebten Hubba-Bubba-Mobil endlich Richtung Innenstadt. „Aber nicht zur Arbeit fahren, gell?“ ermahnte ich den Ralf während der Fahrt, da dies auch in etwa unser Arbeitsweg ist. So gerne wir wöchentlich zehn bis zwölf Stunden Ehrenamt leisten, achten wir nach einem Burnout im Berufsleben auch auf Ruhepausen zwischen den Einsätzen.

Wir nähern uns dem Ziel

Geschmeidig rollte unser Auto von Ralf gelenkt auf das Hotel zu. Ralf witzelte, wo denn der Parkservice bliebe. Diesem würde er lässig den Schlüssel unseres Vehikels zuwerfen. „Bei unserem Auto glauben die wohl eher, wir sind das Team, das die Zimmer sauber macht“, schätzte ich die Lage korrekt ein. „Bestimmt sind jetzt alle Überwachungskameras auf uns gestellt“, lachte der Ralf, bevor wir eigenständig einen Parkplatz fanden. Statt über den gepflasterten Weg zu gehen stiefelte Ralf der Rebell über die sattgrüne Rasenfläche. Bestimmt würde uns gleich die Security abführen. Doch nichts passierte und wir konnten die geräumige Lobbyhalle betreten. Wie das funkelte und glänzte. Ich zückte mein Handy und machte Fotos. Glaubt einem ja sonst keiner. Hinter der Rezeption stand erst nur eine Frau. Dann noch eine und als sie Ralf mit seiner Jeansjacke und dem „Kein Mensch ist illegal“-Shirt sahen, da waren es plötzlich vier Mitarbeiter:innen, die sich da versammelten. Bestimmt hatte die Security schon durchgefunkt, dass sich da zwei komische Vögel in einem dreckigen Auto genähert hatten. „Gleich vier Mitarbeiter. Das ist ja mal ein Empfang“, witzelte Ralf. Sofort zogen sich drei Mitarbeiter.innen lachend wieder zurück. Dann sagte er das Codewort und die freundliche Frau holte das Geschenk „für Steph und Ralf“. Es handelte sich um eine braune Papiertüte die mit einem gelben Schleifenband versehen war. „Viel Spaß damit!“ wünschte uns die Rezeptionsfrau und sie lachte, als wir ihr antworteten, dass wir noch nicht wissen, was sich darin befände. Dabei stimmte das nicht. In dem Moment, als ich die Tüte in den Händen hielt, roch ich Wurst. Was so was angeht, bin ich wie ein Drogenspürhund. Ich bin zur Hälfte Norddeutsche und zur Hälfte Nordhessin. In letzterem Gebiet gibt es die bekannte „Ahle Wurscht“, die ich schon als Kind sehr gerne aß. Doch nun verließen wir erst einmal das Hotel und begaben uns wieder zu unserem klebrigen Auto. „Na mach schon auf, du hältst es doch nicht aus bis nach Hause“, sagte mein mich gut kennender Mann. Ich öffnete die Tüte und in dem Moment breitete sich eine riesige Wurstduftwolke in unserem Hubba-Bubba-Wurst-Mobil aus. Der arme Ralf öffnete das Fenster nicht nur einen Spalt. Noch schlimmer wurde es, als ich herzhaft in die geräucherte Wurst, einem Pfefferbeisser ähnlich, rein biss. Mmmh, war das lecker. Dann sah ich einen runden Bierdeckel, auf dem ein total lieber Gruß von unseren fränkischen Freunden stand und las ihn dem Ralf vor. „Da ist noch was drinnen“, sagte ich und holte zwei Gläser hervor. Auf dem einen stand „Lebkuchengelee mit Birne“ und auf dem anderen „Biergelee“. „Für dich ist auch was dabei“, freute ich mich.

Erst als wir wieder zu Hause waren, realisierten wir, wie schön dieses tolle Geschenk ist. Weil es Menschen gibt, die einfach so an dich denken. Ich mein‘, da schlendern die beiden über den Zwiebelmarkt in Beilngries und denken sich, dass sie uns etwas Gutes tun wollen. Mich rührt so etwas Schönes immer sehr. Es jammerte nicht mehr in mir, es rührte. Und wie. Abends nahmen wir eine Sprachnachricht für die beiden auf, in der wir in etwa das erzählten, was ich hier eben aufschrieb. Was ich damit ebenfalls auch ausdrücken möchte, ist die Tatsache, dass es Momente gibt, in denen man sich vom Leid müde und erschöpft fühlt. Und genau dann bekommt man ein Geschenk, das man sich in einem Hotel, in dem man noch nie war, abholen darf. Das war wirklich wie eine Schatzsuche und die Bestätigung, dass wirklich immer irgendwo ein Lichtlein herkommt, man muss es nur sehen können.

Ich wünsche euch von Herzen, dass ihr auch kleine Lichtblicke in eurem Alltag erkennen könnt und wünsche euch einen angenehmen Sonntag und einen guten Start in die neue Woche. Wir frühstücken am Sonntag Lebkuchen/Birne- und Biergelee auf Brötchen.

Herzlichst, eure Steph ❤

6 Kommentare zu „Schatzsuche

  1. Liebe Steph guten Appetit euch :-). Schön, dass man so an euch denkt.
    Deine Geschichte über das Auto hat viele Parallelen zu unserem. Wir fahren auch einen alten Golf und der sieht von innen und von außen auch immer übel aus. Mein Mann ist leider oder Gott sei Dank kein typischer deutscher IchliebemeinAutoüberallesundputzeesSonntagsimmerMann. Auch der Duft innen ist gerade ganz übel, da unser Hund sich im Wald in irgendwas gesuhlt hat, was ich hier lieber nicht aufschreibe :-). Außerdem nehmen wir jetzt auch oft die Hündin der Nachbarin mit, weil die in Urlaub sind und da gibts jetzt so viel herumfliegende Hundehaare, dass ich keine Jacke anziehen brauche. Kein Mensch kann dieses Auto jemals wieder richtig sauber machen :-). Aber es fährt und brummt wie eine Biene. Liebe Grüße in den Norden und eine dicke und liebe Umarmung, Monika

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