Sara und die Pfütze

Sara, die erst im nächsten Monat drei Jahre alt werden würde, war eines unserer „neuen“ Kinder. Ihre Familie kannte ich schon sehr lange. Sowohl die große Schwester als auch den fünfjährigen Bruder habe ich mit erzogen. Dieser war derzeit sogar noch in meiner Obhut und deswegen nun mit seiner kleinen Schwester in meiner Gruppe. Sie sollte die Gruppe eigentlich schon seit letzten Montag durch ihre Anwesenheit bereichern, aber das ging leider noch nicht.

Wäre sie ein Auto, würde man von „auslaufendem Kühlwasser“ und „Abgaswerten über der Norm“ reden. Auf gut Deutsch: Sie machte noch immer in die Hose.

Saras Mutter war dieser Umstand sehr unangenehm. Als erfahrene Kindergartenmutter wusste sie um die Klausel des Betreuungsvertrages, in dem geschrieben steht, dass „…ein Kind, das die Einrichtung besucht, „trocken“ sein sollte…“.

Dabei war dies mehr Wunsch als Bedingung.

Als sie letzte Woche ihren Sohn Franz vom Kindergarten abholte, fragte ich sie, wann denn nun Saras erster Kindergartentag stattfinden sollte. Schließlich zahlte sie seit September den Kindergartenbeitrag für zwei Kinder, hatte aber nur ein Kind in unserer Einrichtung. Sie zögerte leicht und erwähnte wieder Saras Leckstelle und die Folgen für uns. „Um die Folgen machen sie sich jetzt mal keine Gedanken. Ich wechsele täglich so viel vollgepipite Wäsche, da kommt es auf den einen oder anderen nun auch nicht mehr an!“ Und das stimmte sogar. Auch ein Vorschulkind pieschte sich ab und an mal in die „Bob, der Baumeister“- oder „Prinzessin Lillifee“-Unterhose, weil es im Spiel so versunken war und den

Blasenentleerungsdrang einfach zu ignorieren versuchte. „Meinen sie wirklich?“, fragte Frau Fröhlich und zog ihre Stirn in Falten.

„Aber klar!“ sagte ich und erwähnte auch, dass Sara das „Trockensein“ im Kindergarten-Alltag bestimmt schnell erlernen würde.

Wir machten also Saras ersten Kindergartentag den Freitag aus und verabschiedeten uns.

Erbsentee und Zwiebeln zum Frühstück

Dieser Freitag fand dann statt und sah so aus: Franz und Sara wurden von ihrer Mutter gebracht. Sara war total erfreut, nun endlich auch in den Kindergarten gehen zu dürfen. Sie wusste, dass sie nun auch endlich in den Genuss von Kuschel-, Bau- und Puppenecke kommen durfte und der Kindergarten auch sonst ein wahres Paradies sein musste, schenkte sie den Erzählungen ihres großen Bruders Glauben: Denn demnach müsste man bei uns niemals aufräumen, würde es jeden Tag nach dem Mittagessen Eis geben und die Erzieherinnen wären fabelhafte Wesen, die nie schimpfen würden.

Woher Franz diese Erkenntnis hatte, war mir schleierhaft. Sara war jedenfalls so voller Vorfreude, dass sie scheinbar gar nicht mehr wusste, was sie zu erst tun sollte. Als ihre Mutter sie aus den Straßenschuhen befreite und ihr die Hausschuhe anzog, hatte Sara bereits ihr Frühstücksbrot aufgegessen. Der Mutter entfuhr ein lautes: „Oh nein!“ und Sara lachte. Ohne Trennungsschmerz huschte sie gleich die Treppenstufen zur Puppenecke rauf und setzte sich an den gedeckten Puppentisch. Die dort spielenden Kinder schauten verdutzt. Sie versuchten zwar anfangs, Sara aus ihrem Vater-Mutter-Kind-Spiel zu vertreiben, aber als ihnen dies nicht gelingen wollte, beschlossen sie, die Familie um ein Kind zu erweitern. Es gab Erbsentee und Zwiebeln zum Frühstück. Im Laufe des Vormittags schaute ich immer wieder zu Sara. Sie war nun schließlich windellos und konnte jederzeit eine Überschwemmung auslösen. Die Tatsache, dass die Puppenecke mit Teppich ausgelegt war, bereitete mir ernsthafte Sorgen. Ich ernannte mich selbst zur Pipi-Polizei und räumte alle störenden Gegenstände aus dem Fluchtweg in Richtung Klo. Denn eines wusste ich: Wenn eine fast Dreijährige mal muss, dann muss sie – und zwar sofort! In ewiger Bereitschaft saß ich also auf meinem Stühlchen und versuchte eine Liste zu erstellen. Nervös wippte ich mit den Beinen und richtete meinen Blick immer wieder auf Sara. Lange saß ich da und schrieb an meiner Liste und lange tat sich auch nichts. Ich wurde ruhiger und auch ein bisschen entspannter. Ich hegte einen kurzen Gedanken daran, den Gruppenraum mal schnell zu verlassen, um mir einen Kaffee zu holen, als es losging.

Franz rief: „ Meine Schwester muss mal!“ und setzte damit bei mir alles in Bewegung. Alarm, Alarm!!! schrillte es in meinem Kopf. Ich schob den Stuhl, auf dem ich saß, so schnell zur Seite, dass er umkippte und rannte, was das Zeug hielt, zur Tür. Im Vorbeigehen schnappte ich mir Sara unter den Arm und kannte nur noch ein Ziel: die Toilette. Dort angekommen, stellte ich sie auf ihre kleinen Füßchen und lüpfte ihren Rock. „Zuuu spät!“ kommentierte Franz, der mitgekommen war, das Szenario. Er hatte recht. Die Unterhose war nasser als nass und hatte einen leichten Gelbstich. „Na, dann ziehen wir dich halt um“, sprach ich und klang noch hoffnungsvoll. Saras Mutter hatte in einer Tüte Wechselwäsche für ihre Tochter deponiert und an ihren Garderobenhaken gehängt. Als ich die Tüte aufmachte, stockte mir für einen Moment der Atem. Es war nicht nur eine Wäschegarnitur darinnen, sondern gleich drei! Außerdem noch fünf Windeln, über deren Dasein ich nur müde lächelte. Noch…

Die Umzieh-Aktion ging schnell von statten. Ich war beim Umziehen von Kindern inzwischen so schnell, dass ich damit die Boxenstopps der Formel-Eins-Fahrer um zwei Sekunden unterbieten könnte.

Hängematte in der Hose

Sara war also frisch umgezogen und spielte wieder im Gruppenraum. Ihre nass-gelbe Wäsche stopfte ich in eine Plastiktüte und hängte diese an ihren Garderobenhaken. Den Kaffee hatte ich mir nach all der Aufregung nun reichlich verdient und so ging ich leichten Schrittes Richtung Küche. Es geht doch wirklich nichts über einen frischen Kaffee. Mit der Tasse in der Hand steuerte ich wieder auf meinen Gruppenraum zu, als ich hörte, wie Franz erneut rief: „ Meine Schwester muss mal!“ Och neee. Schnell stellte ich die Kaffeetasse ab und schnappte mir Sara. Diese grinste wie immer nett und ließ sich bereitwillig zum Klo tragen. Dort abgestellt zog ich ihr die Hose runter und starrte fassungslos auf das „Ergebnis“. Ein dickes Häufchen lag da gemütlich in ihrer Unterhose und brachte diese dazu, sich nach unten hin wie eine Hängematte auszubeulen. Hätte es sich bei dem kleinen braunen Freund nur um einen Stinker fester Konsistenz gehandelt, wäre ich weniger erschrocken. Aber nein, er war cremig wie eine Sahneschnittchen und hinterließ dementsprechend in jedem Fleckchen der ehemals weißen Unterhose seine Spur. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass dieser Boxenstopp ein wenig länger als gewöhnlich dauerte. Sara musste von Grund auf sauber gemacht werden. Ich holte einen Waschlappen und stellte sie in die Duschkabine. Mithand des Waschlappens, Seife und viel Wasser befreite ich ihren Pöter, ihre Beine und die Füße (!) von den braunen Resten. Derweil sang Sara mir alle Strophen des Rolf Zuckowski-Liedes „ Stups, der kleine Osterhasen“ vor. Wir hatten es fast geschafft, als Sara mir ihren Zeigefinger präsentierte und „Guck ma!“ sagte. Ich starrte konsterniert auf den braunen Kringel und konnte es nicht fassen. Wo hatte sie den nun her? Die Antwort sah ich in der Duschkabine. Ich hatte vorher den Großteil des braunen Elends im Klo versenkt und ihre Unterhose mit heißem Wasser ausgespült. Ein winziger Rest ihres kleinen Freundes verharrte noch über dem Sieb des Abflusses und sie musste wohl da hin gelangt haben. Als hätte dies nicht schon gereicht, hatte Sara mit ihrem „Kringel“ auf dem Zeigefinger die weißen Fliesen um sie herum verschönert. Kleine braune Punkte prangerten nun da, wo es sonst so schön steril glänzte.

Ich schickte die frisch umgezogene Sara wieder in die Gruppe und beseitigte ihr Kunstwerk an den Fliesen.

Pipi-Tsunami

Der Vormittag war schon einige Stunden alt, als ich beobachtete, wie Sara sich immer wieder an der Hose rumzupfte. „Musst du mal Pipi machen?“ fragte ich und wartete ihre Antwort erst gar nicht ab. Dieses mal würde es klappen und ICH, die Pipi-Polizei wäre schneller als ihre Blase. Ach, ist ja dieses mal gar nicht so schlimm, befand ich nach Begutachtung Saras Unterhose. Ein bisschen klamm war sie – sonst nichts. „Warte bitte hier, ich hol dir neue Wäsche“, sagte ich. „Wenn du die erste Strophe von Stups gesungen hast, bin ich wieder da“, ergänzte ich und begang einen großen Fehler. Die klamme Hose war nämlich nur der Anfang. Wie eine harmlose Unwetterwarnung, die sich plötzlich in einen Tsunami verwandelte, rauschte das Bächchen anschließend aus ihr heraus. Als ich wiederkam, sah ich eine dicke große Pfütze um sie herum. Lachend patschte sie mit ihren Hausschuhen(!) darin herum und freute sich. Ich war am Ende. Immer wieder schlich sich der Satz „Ich wechsele jeden Tag so viel Wäsche, da kommt es auf den einen oder anderen auch nicht mehr an!“ höhnisch in meinen Kopf. Ich kapitulierte. In der großen Tüte von Saras Mutter wühlte ich nun die Windel raus und zog sie Sara an. Da wir keinen Wickeltisch in der Einrichtung haben, verwandelte ich den Tisch im Teamzimmer in eben einen solchen.

Frisch „gepampert“ entließ ich sie wieder in den Gruppenraum.

Die Mittagessenszeit stand an und so schickte ich alle Kinder vorab noch mal auf die Toilette und zum Händewaschen.

Es gab Spätzle mit Rahmsauce, ein Lieblingsessen „meiner“ Kinder. Ungewohnt schnell wurde es ruhiger im Raum und wir konnten unser Tischgebet sprechen. Alles erschien wieder ruhig und harmonisch. So hätte es meiner Meinung nach auch locker bleiben können. Aber wie sagt meine Mutter immer? „Vor die Arbeit hat der liebe Gott die Mühe gesetzt!“ Und so sollte ich in den nächsten Minuten schnell feststellen, wie recht sie hat. Die Kinder aßen bereits, als die Gruppentür aufging und eine meiner Kolleginnen hereintrat.

„Du hast doch ein Windelkind in deiner Gruppe, oder?“

„Jaaaa?“ sagte ich erstaunt und war gespannt, was sie mir damit wohl sagen wollte. „Im Waschraum der Kinder liegt eine Windel“, erklärte sie mir lapidar und verschwand wieder.

„Sara !?“ fragte ich und schaute sie erstaunt an.

„Ich brauch‘ keine Pampers mehr!“ strahlte sie mich daraufhin an und lächelte ihr Milchzahnlächeln. „Weil, ich bin jetzt schon groß!“

Na denn! 😉

Diese Geschichte habe ich 2008 geschrieben. Sara müsste nun 16 Jahre alt und inzwischen tatsächlich gänzlich windellos sein. 😉

Damals war es für mich oft nicht einfach, mit Kolleginnen zu arbeiten, die zwanzig Jahre älter als ich waren, keine Fortbildungen besuchten und in der Erziehung andere Ansichten als ich vertraten. So sagten sie zum Beispiel, man müsse Kinder „sauber“ machen, statt „Wir müssen dem Kind etwas Trockenes anziehen“ und immer noch gilt in vielen Einrichtungen der Begriff „Sauberkeitserziehung“. Das impliziert, dass ein Kind dreckig ist, wenn es in die Hose gemacht hat, was sich mit der Sexualerziehung „beißt“, denn einem Kind soll beigebracht werden, dass der eigene Körper ein Wunderwerk ist und nicht von jedem angefasst werden darf. Das eigene Körperempfinden sollte etwas Positives sein. Ich war genervt von der Mutter, die ihren Dreijährigen zum Psychologen schickte, weil das Kind nur dann einen Stinker loslassen konnte, wenn es eine Windel trug. Genauso erging es mir mit Eltern, die im Kontrollwahn ihren Kindern ständig zwischen die Beine fassten und drohten, das Kind dürfe nicht in den Kindergarten, wenn es nicht trocken sei, denn das übt noch mehr Druck auf das Kind auf. Sara hat’s geschafft und viele andere auch.

Herzlichst Steph ❤

Ein Kommentar zu „Sara und die Pfütze

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