Bunte Buchstaben

Wenn man Kind ist, denkt man, dass alles, was man selbst erlebt, auch andere erleben. Ich dachte, dass jedes Kind von seiner Mama abends am Bett Lieder vorgesungen bekommt. Und genauso dachte ich auch, dass jeder so wie ich Buchstaben in Farben sieht. Vierzig Jahre später weiß ich, dass ich Synästhetikerin bin und deswegen jeden Vornamen, den ich höre, sofort und automatisch mit einer Farbe verbinde. Das geht mir übrigens auch mit Wochentagen und Monaten so. Der Montag ist blau, der Dienstag gelb, der Mittwoch rot, der Donnerstag rosa, der Freitag lila, der Samstag braun und der Sonntag ist weiß. Über Synästhesie heißt es bei Scinexx, dem Wissensmagazin: „(…) Menschen unterscheiden sich erheblich in der Art, wie sie die Welt wahrnehmen und erleben. So gibt es Menschen, die schwarze Zahlen oder Buchstaben in Farbe wahrnehmen. Diese Ausprägung betrifft etwa ein Prozent der Bevölkerung und wird als Graphem-Farb-Synästhesie bezeichnet. Synästhetiker empfinden mehrere Sinneswahrnehmungen gleichzeitig: Gerüche, Töne, Geschmacksempfindungen und Farben können sich bei ihnen in beliebiger Weise verbinden. (…) Außerdem konnten die Psychologen belegen, dass Synästhetiker bei einem standardisierten Gedächtnistest bessere Leistungen als die Normstichprobe zeigten. Diese Ergebnisse untermauern die Hypothese, dass Synästhesie zu höherer Kreativität und zu besseren Gedächtnisleistungen führen kann. Die Forscher vermuten zudem, dass diese Vorteile auf einer reicheren Erlebniswelt beruhen, die durch die Synästhesie verursacht wird. Synästhesie ist oft mit Hochsensibilität verknüpft.“

Der weißgelbe Sven

„Kannst du auch Noten mit Farben verbinden?“ fragte mich ein Freund, als ich ihm davon berichtete, Synästhetikerin zu sein. Ich schüttelte den Kopf. „Hast du das absolute Gehör?“ fragte mich seine Frau. „Gott bewahre, mir reicht das schon, was ich habe“, antwortete ich lachend. Dabei ist das nichts Schlimmes, ich muss mich ja nicht einmal anstrengen, es passiert einfach. Zum Beispiel am Montag: Der Chef der Lübecker Flüchtlingshilfe (der ungern Chef genannt wird, obwohl er es ist) fragte in die Runde, wer ein Auto habe und bei einem Autohaus gespendete Verbandskästen abholen könnte. „Wir machen das!“ sicherten Ralf und ich zu und so kam es, dass wir am Nachmittag mit unserem 18 Jahre alten Autochen auf den Hof des Autozentrums rollten. Dort innen roch es nach neuen Autos, nach Leder und nach nasser Erde, weil jemand der Yuccapalme zuvor Wasser gegeben haben musste. Ja, auch der Geruchssinn ist bei Synäthetiker:innen sehr ausgeprägt, später dazu mehr. Wir stellten uns an den Tresen und warteten auf einen Ansprechpartner. Ich schaute nochmals auf die abfotografierte Visitenkarte, die mir unser „Chef“ geschickt hatte. Sven hieß der Verbandskästenspender mit Vornamen und sofort blitzte in meinem Kopf die Farbe Weißgelb auf. Den Nachnamen des edlen Spenders kann ich hier ohne seine Erlaubnis nicht nennen, aber er fing mit einem J an und verwandelte sich in meinem Kopf in die Farbe Jeansblau. Vornamen haben also andere Farben als Nachnamen, außer jemand heißt wie unser Navigationsgerät Tom Tom, aber wer heißt schon so? Während in der großen Halle des Autohauses Arbeiter:innen in Glaskästen Büros eifrig telefonierten, kam keiner zu uns. Wir sahen vermutlich einfach nicht aus wie Leute, die sich einen Neuwagen kaufen würden. Mein Blick wanderte durch die Halle, wo sich mir unbewusst alles einprägte. Die glänzenden weißen Fliesen mit den grauen Fugen, die fünf weißen Kugelschreiber, bei denen ich hoffte, einen geschenkt zu bekommen und der ältere Mann, der hinten in der Ecke saß. Kurzzeitig dachte ich daran, dass er womöglich schon länger dort saß und vielleicht sogar mal richtig jung war, als er hier reinkam. Ein junges Pärchen betrat das Autohaus. Sie hatte eine hellbeige Hose an, bei der man sehen konnte, dass sie darunter nur einen G-String trug. Ihre Hinterhälften wackelten abwechselnd wild hin und her, als sie an uns vorbei ging. Die Aufmerksamkeit der Mitarbeiter war ihr – anders als mir – sicher. Sie hatte Wimpern so dick und viel, das man denken konnte, sie hätte schwarze Staubwedel an den Augen kleben. Ihr Mund ging auf und zu, weil sie Kaugummi kaute. Der Mann an ihrer Seite hatte sehr viel Pomade auf seinem schwarzen Haar. So viel, dass ich erst dachte, er hätte sich Lakritzschnüre auf den Kopf geklebt. „Der sieht aus wie Barbies Ken mit Plastikhaar“, flüsterte mir der Ralf zu. Es tut gut einen Partner zu haben, der ähnlich verrückt denkt wie man selbst. Zu seinen gegelten Haaren trug er passend eine schwarze Lederjacke, die an den Ärmeln so weit hochgezogen war, dass man seine goldene Uhr funkeln sehen konnte. Die Staubwedelwimpern-Frau und der Lakritzschnüre-Mann warteten nicht wie der ältere Herr oder wir am Tresen, sie gingen einfach an uns allen vorbei, setzten sich in einen großen, protzigen SUV und machten am Steuer dieses teuren Autos ein paar Selfies von sich selbst. Dann verließen sie das Autohaus schneller, als sie gekommen waren. Vielleicht klebe ich mir das nächste mal ein paar Spielgeldscheinchen auf die Stirn, damit ich nicht mehr so lange warten muss, bis ich an die Reihe komme. Ich kann leichter über Erlebtes schreiben, weil meine sinne so viel aufgenommen haben. Gerüche, Farben, Zahlen und mehr.

Ich rieche was, was du nicht riechst

Was Synäthetiker:innen ebenfalls ausmacht, ist ihr guter Geruchssinn. Der arme Ralf kann ein Lied davon singen. Am Dienstagabend saß ich noch länger im Arbeitszimmer am PC, um ein Protokoll zu fertigen. Später ging ich dann zu ihm ins Wohnzimmer, wo ich sofort die Nase rümpfte. „Hier riecht’s nach fauligen Obst“, sagte ich und schnüffelte mich wie ein Hund durch den Raum. Doch da war nichts. Obwohl es nicht sein konnte, ging ich dann noch mal in die Küche ,um in der Obstschale nachzuschauen, ob dort nicht fauliges Obst lag. Nichts. Zurück im Wohnzimmer war der Gestank sofort wieder da. Weil die Tagesschau anfing, blieb ich erst einmal auf dem Sofa sitzen, jedoch ließ es mir einfach keine Ruhe, sodass ich von den Nachrichten im Fernsehen nicht wirklich inhaltlich etwas mitbekam.

Ich erinnerte mich, wie ich fast vor genau einem Jahr immer wieder einen leicht modrigen Geruch in unserem Badezimmer wahr nahm. Ich schüttete Backpulver und Essig in die Abflüsse und übergoss das Gemisch mit heißem Wasser, doch es half nichts. Ich schrubbte intensiv das Überlauf-Loch und goss auch dort hinein das Gebräu, doch wieder half es nichts. Komischerweise roch mal wieder nur ich das modrige, wie so oft. Ein paar Tage später war der Geruch plötzlich dann doch weg um einige Tage später wieder aufzutauchen. Mir reichte es, ich kaufte Chlor und versuchte den Geruch damit wegzubekommen. Danach roch es bei uns ein paar Tage wie in einem Schwimmbad, aber das machte mir nichts, da ich Schwimmbadgeruch mag. Zwischenzeitlich sprach ich mit unserem Vermieter, der mir achselzuckend sagte, man müsse vielleicht mal die Duschwanne auswechseln. Monatelang ertrug ich den Modergestank, der immer mal wieder auftauchte und dann wieder weg war. Dann platzte im März diesen Jahres ein Rohr in der Wohnung über uns und setzte unser Esszimmer unter Wasser. Als Folgeschaden riss der Hahn hinter unseren Badezimmerkacheln, was zur Folge hatte, dass unentwegt Wasser die Wand im Bad hinunter zu all unseren Nachbarn im zweiten und ersten Stock und dem Erdgeschoss floss. Nachfolgend hatten wir in den nächsten Tagen Trockenbauer, Gutachter und Maler in unserer Wohnung. Vierzehn Tage lang liefen in unserem Badezimmer Lüftungsgeräte und verwandelten den Raum in eine höllisch laute Sauna. Doch ein Gutes hatte es: Seitdem hatten wir nie wieder Modergeruch. Vielleicht sollte ich damit ins Fernsehen? Steph W. aus L. kann einen Wasserschaden erschnüffeln, bevor der Wasserschaden selbst weiß, dass er einer sein wird. Was den fauligen Geruch in unserem Wohnzimmer angeht, habe ich den Ralf nach der Tagesschau gebeten, mal mit der Taschenlampe unters Sofa zu gucken und schau an, schon hatten wir den Verursacher gefunden: Ich hatte neulich aus Kartonresten ein Mausehaus gebastelt und habe der süßem Maus eine Minikartoffel in ihr Regal stellen wollen. Die sehr kleine Kartoffel fiel mir aus Versehen aus der Hand und rollte unter das Sofa, wo ich sie vergaß. Nun haben wir sie zwar wieder, aber sie hat eine sehr eigenartige Farbe angenommen. Da wurde sogar dem Biomüll schlecht.

Das Matherätsel

Während der Ralf am Jahresende den Küchenkalender von seinem Haken nimmt um anhand dessen Geburtstage von Familie und Freunden in den neuen Kalender einzutragen, kann ich aus dem Gedächtnis heraus alle Daten nennen. Es ist ein Phänomen, das mich schon so lange ich lebe begleitet: Wurde mir von Freunden oder Bekannten jemals ein Geburtsdatum genannt, weicht es nicht mehr aus meinem Kopf, ich erinnere mich in Farben. Die Fünf ist blau, die drei ist rot, die sieben ist grün. Ihr denkt, dass das praktisch sei? Mitnichten, denn es gibt Tage, da denke ich, dass „heute“ etwas Wichtiges sei, bis ich registriere, dass eines meiner damaligen von mir betreuten Kindergartenkinder Geburtstag hat. Bei den Lübecker Stadtmüttern, die ich jahrelang fortgebildet habe, habe ich es mal auf ein Experiment ankommen lassen. Eine jede der vierzehn Frauen sollte mir ihr Geburtsdatum nennen. Als die vierzehnte Frau gerade ausgesprochen hatte, fing ich an, alle vierzehn Daten folgerichtig aufzusagen. Was ich persönlich an der ganzen Sache am witzigsten finde, ist die Tatsache, dass mir die Mathematik leider so überhaupt nicht liegt. Schon in der Grundschule bekam ich deswegen vergeblich Nachhilfe. Mathematik fühlt sich für mich in etwa so an: „Zwei Kamele gehen durch die Wüste, das eine ist rot, das andere blau. Frage: Was wiegt der Sand bei Dunkelheit?“ Doch mit diesem Makel habe ich mich längst abgefunden. Der liebe Gott schenkt eben nicht mit beiden Händen. 😉

Weißt du noch? Oh ja!

Das ausgeprägte Erinnerungsvermögen als Synästhetikerin kommt mir immer wieder zu gute, wenn ich über meine Kindheit in den 80er Jahren schreibe. Alles ist wieder da, wenn ich am PC sitze und euch von früher berichte. Die Düfte, die Erlebnisse, die Gefühle, alles kann ich abrufen, als wäre es gestern erst geschehen. Bei einer Geschichte über das große goldene M, die ich im August hier veröffentlichte, freute ich mich sehr darüber, dass eine Freundin aus Kindheitstagen als Kommentar schrieb, sie sei von meinem Bericht herrlich gebackflasht. Ich habe mich unglaublich über dieses Kompliment gefreut. Wie gesagt dachte ich als Kind, dass jeder Farben sieht, wenn er Buchstaben hört. So ähnlich waren auch die Farben in unserer Fernsehzeitschrift „Hörzu“. Meine Wochentags-Kinderunterwäsche trug ich als Kind nicht so, wie ich sollte und meine Mutter nannte mich ein Ferkel, weil ich die Unterhose mit dem aufgedruckten Montag am Donnerstag trug. Dachte sie, ich hätte seit Montag meine Unterwäsche nicht mehr gewechselt, war es so, dass die dortigen Farben für mich falsch aufgedruckt waren. Der Montag ist eben blau und nicht rosa. Wie das alles kam, dass ich zur Synästhetikerin wurde, weiß ich nicht. Vor Jahren habe ich beruflich mit dem Lübecker Professor Dr. Hans Arnold zusammengearbeitet. Er hat den Lübecker Stadtmüttern in meinem Auftrag erklärt, wie sich das Gehirn eines Kindes vom Säugling bis zum Kleinkindalter entwickelt und was diese Entwicklung fördern oder gar stören kann. Da berichtete er den interessierten Frauen auch darüber, wie wichtig das eigenständige Krabbeln für Babys sei, da es der Hirnentwicklung enorm dient. Beim Erlernen einer Bewegung wie dem Krabbeln wird ebenso Abstraktionsvermögen und logisches Denken als auch Kreativität und Vorstellungskraft benötigt. Das Gehirn besteht aus zwei Hälften, den Hemisphären, die über “Corpus callosum” miteinander verbunden sind und Informationen austauschen, die zu einem einheitlichen Ganzen werden. Dies ist insofern sehr wichtig, weil die beiden Gehirnhälften nicht die gleiche Funktion haben. Die linke Hemisphäre ist für Sprache, Zahlen, Mathematik, logisches Denken und das Abstraktionsvermögen zuständig, die rechte Hemisphäre für künstlerische Begabung, Kreativität, Vorstellungskraft und Einsicht. Ich konnte als Kind mit angeborener Skoliose allerdings nicht krabbeln und bewegte mich seitwärts schiebend durch die Wohnung. Ich habe als Laie nun wirklich nicht viel Ahnung von Neurologie, aber erkläre mir selbst, dass sich durch das Nicht-Krabbeln bei mir vielleicht andere Hirnstränge verbunden haben, die dazu führen, dass ich Farben sehe, wenn ich Namen höre. Egal, wie es dazu kam, ich habe noch nie darunter gelitten. Die Farben bleiben immer gleich, wobei sie sich durch Nuancen unterscheiden. Eine Sabine ist in meinem Kopf weiß. Das ist ein Oliver auch, aber eher Porzellan-weiß. Ursula und Eberhard sind dunkelrot, wobei Ursula heller leuchtet. Ich freue mich darüber, einen ausgeprägten Geruchssinn zu haben, meine Kreativität so oft es geht ausüben zu können und aus meinem Erinnerungsvermögen schöpfen zu können. Einzig die Hochsensibilität, die damit einhergeht, kann manchmal ein schweres Bündel sein, aber daran kann ich arbeiten. Vielleicht berichte ich euch auch darüber einmal, sofern ihr mögt.

Herzlichst eure Steph

5 Kommentare zu „Bunte Buchstaben

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