Essgewohnheiten

Als mir eine Bekannte neulich ein Schmalzbrot anbot, schüttelte ich energisch den Kopf. „Ich esse das nicht!“ sagte ich und zeigte auf die Dose mit dem Schmalz. „Versteh‘ ich nicht, das ist doch lecker“, sagte sie und biss herzhaft in ihre Stulle hinein. Sofort musste ich an früher denken. Damals, als ich Kind war und mir kam die Frage, wann und warum sich die Essgewohnheiten irgendwann anders entwickeln. Es ist so schwer zu erklären. Ach, lest einfach selbst…

Die Leberwurstkönigin bittet zu Tisch

Ich hatte noch keine Zähne im Mund, als ich mich plötzlich dem Alete Babybrei verweigerte und meinen Mund immer wieder auf- und zuschnappen ließ, sobald mein großer Bruder ein Leberwurstbrot in der Hand hielt. „Maaama“, rief Michael, „die Steph macht schon wieder so komisch.“ „Sie will dein Brot“, antwortete unsere Mutter. „Aber sie hat doch noch gar keine Zähne!“ Tja, eine Frau will, was sie will und schreckt dabei vor fast nichts zurück. Wenn man keine Zähne hat, dann schnappt man halt wie ein Krokodil solange, bis man die ersehnte Stulle schnabulieren kann. Angesabbert und durchgeweicht landete das von mir anvisierte Brot in meinem Bauch und ich wollte lange nichts anderes mehr als Leberwurst essen. Fragte der Metzger, ob ich eine Wurst auf die Faust will, antwortete ich „Leberwurst“. War ich krank und meine Mutter wollte mich mit einem kleinen Snack überraschen, fragte ich nach Leberwurst. Ich war einfach hin und weg von diesem Geschmack. Bei uns daheim war ich die ungekrönte Leberwurstkönigin. Das hätte Ewigkeiten so weiter gehen können, wenn ich nicht eines Tages in einem Supermarkt gestanden hätte und die Inhaltsstoffe interessiert studiert hatte. „Kalbshirn?“ rief ich entsetzt und legte zum ersten Mal in meinem Leben eine Leberwurst zurück ins Regal. Traurig trotzig verabschiedete ich mich ab da an von meiner lieben Wursti und suchte nach Ersatz, der in Form einer Shiitake-Champignoncreme aus dem Reformhaus daher kam. Anders als Ralf, der seit 32 Jahren vegetarisch isst und keine Ersatzwürste braucht, war ich süchtig nach einer vergleichbaren Creme und esse diese bis heute gern. Ähnlich ging es mit den Schmalzbroten. Als Kinder waren wir verrückt nach frischem Brot mit Griebenschmalz, die wir gerne zum Abendbrot aßen. Wir stritten, wer die Brotscheibe mit dem Aufkleber drauf essen muss, denn keiner wollte sie haben. Weil sich der Aufkleber so schwer abpuhlen ließ und man kein Papier im Hals haben wollte. Dass ich mal aus Faulheit ein Maoam halb mit Papier aß, weil die Kindersendung so spannend und ich so ungeduldig war, sei mal hintenan gestellt. Beides, Schmalzbrote und Kochkäse wurden mir von anderen mies gemacht, so dass mir bis heute der Appetit verging. Bei den Schmalzbroten war es mein Bruder, der mir meine Stulle abschwätzen wollte, aber so klug war, mir das nicht direkt zu sagen. „Da ist Ohrenschmalz von Schweinen drin“, flüsterte er mir irgendwann zu, woraufhin ich die Scheibe Brot auf das runde Holzbrett fallen ließ und meinen Mund angeekelt erst fünf Minuten später wieder schließen konnte. Und bei dem Kochkäse mit Kümmel, den ich gerne mochte, war es das Nachbarmädchen Sabine, die mir im Scherz sagte, das gelbe Zeug würde aussehen wie Elefantenrotze. Bäh, igitt, ich mochte nicht mehr. Allerdings war ich sonst nicht schnüksch, was Essen anging. Ich liebte es, mit meiner Mama Rosenkohl zu putzen, denn ich mochte nicht nur die „warmen Bällchen“, sondern den Kohl auch roh. Wenn wir dreißig Rosenköhlchen putzten, verputzte ich mindestens zehn schon, bevor sie in den Kochtopf kamen, und das ist auch heute noch so.

Die Chemiekirsche

Ach, was war das früher schön. Wenn unsere Mutter einen großen Kohlkopf in Alufolie einwickelte, wussten wir, sie bereitet eine Käseigel vor. Wir fanden es toll, wenn wir Käse-Weintrauben-Spieße aus dem Kohl ziehen konnten und bei unseren Nachbarn freuten wir uns, wenn diese einen Mettigel zum gemeinsamen Fußball gucken mitbrachten. Ich liebte Schwarzwälder-Kirsch-Torte und hasste die blöde Kirsche, die aus einem Früchtecocktail stammte und so hellrot leuchtete wie mein Finger, wenn ich die Taschenlampe darunter hielt. Völlig chemisch schmeckte sie und jedes Mal wusste ich nicht, ob ich sie gleich zu Beginn des Tortenstücks essen sollte, oder danach. Aber das „danach“ war eine Belohnung und das wurde dieser ollen Kirsche nicht gerecht. Einmal ließ ich sie fallen, weil ich dachte, ich müsste sie dann nicht mehr essen. Aber eine eifrige Tante hob sie auf, pustete die Kirsche ab und steckte sie mir ungefragt in den Mund. Früher, also in den 80er Jahren, sah man das mit dem Kirschwasser in Torten für Kinder nicht so eng, die Mon Chérie, die meine Mutter für’s Blutspenden bekam, legte sie allerdings ganz oben ins Regal. Da fand ich sie. Meine Mutter kam gerade mit einem Berg Wäsche, die sie mangeln wollte, in die Küche, wo ich bereits vier Kirschen intus hatte und leicht angeheitert den Reklamespruch „Wer kann dazu schon nein sagen?“ lallte. Bei der anschließenden Mittagsruhe schlief ich wie ein Stein. After Eight, Mon Chérie, Erdbeerbonbons mit Füllung…Wie kommt es nur, dass ich diese Dinge damals gierig in meinen Rachen stopfte und heute nicht mehr sehen kann? Waren die Geschmacksknospen damals noch anders als heute?

Der rosa Milchreis

Oh je, da fällt mir die Sache mit dem Milchreis ein. Milchreis war ein tolles Mittagessen, was es bei uns selten gab, weil meine Mutter eher herzhaft und gesund kochte. Ich war dreizehn Jahre alt und wie viele Mädchen in meinem Alter total verknallt. Der Junge, den ich anhimmelte, der davon aber nichts wusste, hieß David und war so alt wie ich. Er und seine Gang hielten sich nach der Schule meist auf einem Kinderspielplatz bei den Tischtennisplatten auf, wo sie Musik aus Ghettoblastern hörten, Kaugummi kauten und cool daher sprachen. Tischtennis hat dort nie einer gespielt, wir saßen einfach auf der Platte und wollten ultracool wirken. Weil besagter Spielplatz sich vier Ortschaften weg von meinem Wohnort befand, fuhr ich in dieser Verliebtheitsphase sehr oft nach der Schule mit zu meiner Freundin Nora, die dort wohnte. Und dann kam der Tag, an dem ihre Mutter uns mit Milchreis und heißen Kirschen zum Mittag erfreute. Ich aß zwei volle Teller leer und als die Mutter mir den letzten Rest aus dem Topf zu tat, da sagte ich nicht nein. Eine halbe Stunde später gingen Nora und ich den steilen Berg zum Spielplatz hinauf. Aufgedreht und aufgeregt steigerten wir uns gegenseitig in die Tatsache hinein, das wir gleich tolle Jungs sehen würden. Da merkte ich plötzlich, wie mein Essen oben wieder hinaus wollte. Im Sekundentakt schluckte ich das Aufkommende immer wieder hinunter, doch irgendwann brach der Staudamm und ich erbrach mich hinter einer Ligusterhecke, die den Spielplatz einrahmte. Jedes Milchreiskorn, das sich rückwärts auf den Weg machte, das Sonnenlicht zu erblicken, spürte ich einzeln in meinem Rachen. War ich eben noch himmlisch aufgeregt, so war ich nun höllisch panisch. Was, wenn David und seine Gang mich nun sahen? „Deine Kotze ist ganz rosa“, kicherte Nora wenig hilfreich und ich überlegte, wo ich nun ein Kaugummi herbekommen sollte. Man will ja schließlich nicht neben seinem Schwarm sitzen und nach Erbrochenem riechen, auch wenn es rosa war. Zum Glück erschienen die Jungs an diesem Tag nicht, aber ich mag seitdem keinen Milchreis mehr essen.

Die heiße Hexe

Erinnert ihr euch an die Heiße Hexe? Das war ein Convenience Food-Unternehmen, das Kioske mit Mikrowellen-Essen belieferte. Meine Mutter arbeitete nach der Scheidung bei einem Imbiss, und weil sie vorerst keine geeignete Betreuung für mich hatte, ging ich als Zweitklässlerin nach der Schule immer zum Imbiss, wo ich auf einem hohen Stuhl an einem Bistrotisch saß, meine Hausaufgaben erledigte und Menschen beobachtete.

Da lernte ich dann auch die Heiße Hexe kennen. Man konnte zwischen einem Hamburger, einem Cheeseburger, einem Hotdog und einer Frikadelle wählen. Wenn ich durfte, nahm ich den Cheeseburger. Der war in einer Papiertüte, auf der das Logo der heißen Hexe aufgedruckt war und die Zubereitung war denkbar einfach, meine Mutter musste nur die Papiertüte für zwei Minuten in die eingeschaltete Mikrowelle legen, wo sich die Tüte ein paarmal im Kreis drehte. Das Essen, was dabei herauskam, war meist so heiß, dass mir einen Tag später noch der Gaumen in Fetzen hing. Einen Blick ins Internet zeigt, dass viele Heiße Hexe-Kunden die heiße Temperatur als Problem empfanden. Ich dachte, ich wäre schlau, als ich eine der weißen Papierservietten um den Burger herum wickelte, damit ich mir nicht die Finger verbrannte. Doch meine Idee hatte zur Folge, dass die Serviette mit dem Burgerpatty eine Verbindung einging. Kurz gesagt, sie verschmolz mit dem Fleisch und mein Appetit war dahin. Aber das war halb so wild, denn schon bald sollte ich die Backmischung für Spaghetti kennenlernen…

Mama Miracoli

Als Zehnjährige ging ich nach der Schule mal mit zu einer Klassenkameradin. „Sind deine Eltern gar nicht da?“ fragte ich irritiert, als ich sah, wie sie Töpfe aus dem Schrank nahm und den einen mit Wasser befüllte, bevor sie ihn auf den angeschalteten Herd stellte. „Nö, ich mach mir immer selbst Essen“, antwortete sie und lachte. Dann nahm sie eine Packung Miracoli, schmiss die Spaghetti ins heiße Wasser und zeigte mir, wie leicht man die Sauce zubereitet, in dem man das Tomatenmark aus dem Alubeutel herausdrückt, die Kräutermischung hineinrührt und den leeren Alubeutel nochmal mit Wasser aufschüttet und ebenfalls zu der angerührten Sauce gibt. Dazu gab es Parmesello-Käse. Völlig vom Miracoli-Fieber befallen hüpfte ich abends nach Hause und war mir sicher, ich würde nie wieder etwas Anderes essen wollen. Meine Mutter erfüllte mir meine Wünsche und ich freute mich, ihr beim Kochen helfen zu können. Miracoli war die fast fertige Backmischung der 80er Jahre. Als ich dann erwachsen war und alleine lebte, merkte ich, dass ich Miracoli nicht mehr so gerne essen mochte. Es schmeckte mir zu süß, zu zuckrig. Ein paar Jahre verzichtete ich freiwillig auf Mama Miracolis Spaghetti mit Würzmischung, doch als ich sie dann irgendwann wieder aß, war alles wieder wie früher. Manchmal braucht es halt eine kurze Pause.

Fazit:

Ich hatte tatsächlich manchmal einen komischen Geschmack. In meiner Jugend löffelte ich Nutella mit einem Teelöffel aus dem Glas und machte mir gerne eine Stulle mit Ketchup, Mayo, Käse, Salami und Salatblatt. Jagdwurst hieß bei uns nur Stephi-Wurst, denn ich war die Einzige, die sie so gerne aß. Wenn ich mir mit dem Löffel Marmelade auf mein mit einer Scheibe Käse belegtes Brötchen tröpfelte, schüttelte mein Bruder stets seinen Kopf. Um Kakaopulver zu genießen, brauchte ich keine Milch. Als ich neulich mal wieder Tic Tac mit Orangengeschmack probierte, brauchte ich einen ganzen Monat, um sie aufzuessen. Wie konnte ich das früher nur essen? Bei einer Übernachtung im Kindergarten saß ich morgens mit den Kindern beim Frühstück, als eines meiner Kinder sich Marmelade auf eine Scheibe Käse tat. „Du liebst das auch?“ fragte ich das Kind und sagte: „Na, dann sind wir ja schon Zwei.“ Allerdings bin ich mir sicher, dass es in meiner Leserschaft auch Menschen gibt, die Käse gerne mit einem Klecks Marmelade essen. Manche Dinge ändern sich eben nie.

Herzlichst Eure Steph ❤

5 Kommentare zu „Essgewohnheiten

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