Satte Fische

oder: Wenn man plötzlich erfährt, was das Kindergartenkind von damals heute macht

Ich weiß nicht, wie es heute ist, aber als ich meine Ausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin absolvierte, umfasste diese fünf Lehrjahre: zwei Jahre Vorpraktikum in zwei verschiedenen Einrichtungen, zwei Jahre Fachakademie für Sozialpädagogik und ein Anerkennungsjahr.

An meinem ersten Tag im zweiten Ausbildungsjahr betrat ich die für mich noch neue Einrichtung, einen evangelischen Kindergarten auf dem Dorf und suchte meine neue Chefin Frau Bärlein. In der Mondgruppe (es gab die Sonnengruppe, die Sternengruppe und die Mondgruppe) stieß ich auf Laura. Sie war als Erzieherin Gruppenleitung und Mutter von einem fast erwachsenen und einem zweijährigen Sohn namens Wilson. Wilsons Papa kam aus Afrika, was Wilsons halbdunkle Hautfarbe erklärte. Ich kannte Laura schon länger, da sie bei dem Bäcker, bei dem meine Mutter arbeitete, Brot und Brötchen kaufte. Nun hockte sie in ihrem noch kinderlosen Gruppenraum und putzte die Blätter des Gummibaums mit einer Biermischung. „Die Chefin ist in der Küche“, antwortete sie mir auf meine Frage und so begab ich mich dorthin. Frau Bärlein saß auf einem Stuhl in der Küche und streckte den Zeigefinger hoch, als sie mich sah. Da sie einen Telefonhörer in der Hand hielt, sollte das wohl bedeuten, dass ich still sein sollte. Ich schmunzelte, als ich sah, dass Wilson auf ihrem Schoß saß und mit der Telefonschnur spielte. In seinem Mund wackelte ein leuchtend grüner Schnuller hin und her. Seine Augen lachten. Ich würde im Laufe meiner Zeit noch merken, dass Wilson stets ein gnadenlos entwaffnendes Lächeln mit sich trug. Nachdem Frau Bärlein fertig telefoniert hatte, begrüßte sie mich herzlich und brachte mich in die Sonnengruppe, in der ich als Vorpraktikantin mit der Gruppenleiterin Tilda arbeiten durfte. Es war ein so schönes Arbeiten in diesem Kindergarten. Anders als in meinem vorherigen Jahrespraktikum musste ich nicht das Auto der Chefin waschen oder Glasscherben aus dem Garten aufräumen. Ich wurde auch nicht mit drei anderen Praktikant:innen in einem Kabuff eingesperrt, um im Sommer Weihnachtsmänner zu nähen. Von morgens 8 Uhr an durfte ich bis zur Schließungszeit um 16:30 Uhr immer bei den Kindern sein und von meiner Anleiterin lernen. Ein halbes Jahr war vorbei, da wurde in der gemeinsamen Teamsitzung beschlossen, dass Wilson nun auch regulär zu uns in den Kindergarten kommen dürfe. Das wunderte mich zunächst, denn Wilson war erst zweieinhalb und noch keine drei Jahre alt, wie die anderen Kinder. Aber da seine Mutter bei uns arbeitete, wollte Frau Bärlein ihr das Berufsleben als Alleinerziehende erleichtern. Ich freute mich immens, als es hieß, dass Wilson zu uns in die Gruppe kommen würde. Was das für meine Nerven bedeuten würde, war mir damals in meiner noch jugendlichen Naivität nicht klar…

Hallo Japan, hier ist Deutschland

Wilson trug Schnuller und Windeln, als er zu uns kam. Sofort hatte er einen guten Kontakt zu all den anderen Kindern, auch wenn er gerne mal alleine auf Wanderschaft ging. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie er uns das erste Mal abgehauen ist. „Wilson geht Toilette“, sagte er und tippte sich selbst mit dem Zeigefinger auf die Brust. Ich ging ihm hinterher, denn auch wenn er Vieles selbstständig machen wollte, wollte ich wissen, ob seine Windel voll war. Auf dem Weg zum Waschraum sah ich seine Windel, die er sich selbst ausgezogen hatte, im Flur herumliegen. Im Waschraum selbst keine Spur von ihm. Panik überkam mich. Wo war er nur? Ich schaute im Turnraum, im Teamzimmer, dem Büro der Chefin und dem Materialraum nach ihm, doch er blieb verschwunden. Mir wurde schon ganz schlecht vor lauter Aufregung. Laut seinen Namen rufen wollte ich auch nicht, denn seine Mutter sollte ihn bei uns doch sicher wissen. Nun war er weg und ich wusste nicht weiter. Als letztes Zimmer, das ich noch nicht nach ihm durchsucht hatte, betrat ich die Küche und stieß einen erleichternden Schrei aus. Wilson saß auf einem der Stühle und spielte Telefonieren. Den Schnuller neben sich liegend, erzählte er seinem unsichtbaren Telefonfreund einen Schwank aus seinem Leben, während er die Telefonschnur dabei drehte, als wäre er ein Sekretär der Chefin. Als er dann noch das Lied „Er hat ein knallrotes Gummiboot“ von Wencke Myhre anstimmte, konnte ich mir ein Lachen nicht mehr verkneifen. Das verging mir allerdings schnell wieder, als ich hörte, dass da tatsächlich ein Mensch am anderen Ende der Leitung war. Entgeistert nahm ich Wilson den Hörer aus der Hand und hörte einen Mann „Please get an adult on the phone” (”hol bitte einen Erwachsenen an das Telefon”) sagen. Ich weiß nicht, wo auf der Welt er da angerufen hatte und wenn ich ehrlich bin, wollte ich das auch gar nicht wissen…

Die heiße Rutsche

Einmal war meine Anleiterin krank und da ich als Auszubildende im zweiten Lehrjahr zu recht nicht alleine mit den 25 Kindern meiner Gruppe sein durfte, kam unsere Chefin Frau Bärlein zur Vertretung. Ich mochte Frau Bärlein sehr, aber in der Gruppe war sie mir keine große Hilfe. Sie, die seit Jahren ausschließlich unsere Bürochefin war, machte mit den Kindern mehr Blödsinn, als sie sollte. Wenn sie mal nicht in ihrem Büro war und mit dem Pfarrer am Telefon zankte, saß sie in der Küche und rauchte Eve 120. Oft fragte ich mich, ob ihre raue Kneipenstimme von ihrem Zigarettenkonsum herrührte. Ich schätzte sie wirklich sehr, aber ich vermutete, dass sie in meiner Gruppe das 26 Kind sein würde. Sie war tatsächlich eher der Typ Büromensch. Der Mittwoch war der Kochtag in unserer Gruppe. Es gehörte zum Erziehungsauftrag, den Kindern beizubringen, wie man mit frischen Zutaten ein leckeres Essen zubereitet, bei dem alle Kinder helfen sollten. Die Kinder meiner Gruppe wurden bereits um 12 Uhr abgeholt und wenn nicht, dann kamen sie um 12:30 in die Gruppe der Nachmittagsbetreuung, wo sie warmes Essen von einem Essenzuliefer gereicht bekamen. “So, was haben wir denn hier?” sagte Frau Bärlein, als sie meine Gruppe betrat. Eher aus der Küchengewohnheit heraus wollte sie sich eine Kippe anzünden, was ich schnell unterband und worüber sie dankbar war. “Also heute ist Kochtag, was?” fragte sie mit ihrer rauen Stimme und schaute sich im Gruppenraum um. “Wir können das diese Woche auch gerne mal ausfallen lassen”, sagte ich schnell, denn mir stand in Anbetracht der Tatsache, gleich die kleinen elektrischen Kochplatten im Gruppenraum anzuschließen, die Haare zu Berge. Doch ich hatte noch ganz andere Sorgen, denn Wilson war schon wieder stiften gegangen. Im Flur fand ich seine Windel. Vor dem Eingangsbereich seine Hose und sein T-Shirt. Ich ging nach draußen und entdeckte hinter dem Gartenhaus ein Häufchen Kaka, das eigentlich ins Klo gehörte. Dann sah ich Wilson, der die Rutsche hochkletterte. Außer seinen Hausschuhen hatte er nichts an. “Was macht mein Kind denn da schon wieder?” hörte ich Laura hinter mir fragen. Sie kam mit ihrer Gruppe gerade von einem Ausflug wieder. “Er merkt gerade, wie heiß eine Rutsche im Sommer für den Popo werden kann”, seufzte ich und ging zu ihm. Sein Gesicht sprach Bände, als ich ihn von der Rutsche herunter holte. “Aua!” sagte er immer wieder und rieb sich seine Pobacken. Ich zog ihn wieder an und sagte ihm, dass wir nun zusammen kochen würden. Im Gruppenraum sagte Frau Bärlein, dass Wilson schon mal Karotten schneiden könne. Da ging er zum Maltisch, nahm sich eine Schere und begann vergebens die Möhre zu schneiden. Bis zum heutigen Tag muss ich immer dann, wenn ich Karotten schneide, über diese Anekdote lächeln.

Fischstäbchen

“Kinder kommt rein, es gibt Mittagessen!” rief meine Kollegin aus der Mittagsbetreuung. Hungrig vom Spielen kamen diese hereingerannt. Sie zogen sich ihre Jacken aus (Wilson seine Windel) und wuschen sich im Badezimmer die Hände, bevor sie sich im Gruppenraum an die Tische setzten. Weil noch Gabeln fehlten, ging ich diese holen. Im Flur traf ich auf Wilson, der vor dem Aquarium stand. “Merkwürdig, das hat ihn doch noch nie interessiert”, dachte ich. “Geh jetzt bitte rein, die Doris wartet mit dem Mittagessen auf euch”, sagte ich zu ihm und machte mich auf zur Küche, die Gabeln holen. Als ich wiederkam, sah es im Aquarium aus, als feierten die Fische Karneval. Im ganzen Bassin rieselten bunte Stäbchen umher. Wilson stand daneben und murmelte etwas mir Unverständliches. “Wenn du beim Sprechen den Schnuller rausnimmst, kann ich dich besser verstehen”, sagte ich. “Fische wollen Mittagessen”, sagte er und erst da begriff ich, was da im Becken umherschwamm: Fischfutter! Wilson war auf einen Stuhl geklettert, hatte die Dose mit dem Fischfutter aus dem Regal genommen und den gesamten Inhalt ins Aquarium gekippt. Na klar, wenn er nun Mittagessen bekam, dann sollte auch jemand an den Hunger der Fische denken. Schnellen Schrittes ging ich in den Gruppenraum und flüsterte Erzieherin Doris zu, was sich draußen im Flur gerade ereignet hatte. Keine zwei Minuten später standen drei Erzieherinnen und ich um das Aquarium herum und überlegten kurz, was nun zu tun war. Den Konfettiregen konnten wir nicht mehr aufhalten, das war klar. Also sammelten wir alle Eimer, die wir finden konnten, füllten diese mit Wasser und fischten mit einem kleinen Kescher die nun satten Fische aus dem Becken. Nach einer halben Stunde waren wir (fix und) fertig, aber wir hatten es geschafft. Naja, halbwegs zumindest, drei der insgesamt 12 Fische hatten es nicht überlebt. Zum Glück gab es an diesem Tag keine Fischstäbchen zu essen, ich trug Sorge um die geistige Unversehrtheit der Kinder. Von diesem Tag an rief Frau Bärlein immer Wilson zu sich, wenn sie den Fischen Futter gab und es wurde zu einem schönen Ritual, wie sie ihm dann stets zeigte, wieviel Futter Fische bekommen dürfen.

Wilson ist erwachsen

Neulich telefonierte ich mit meiner lieben Freundin Jule. Sie wohnt knapp 400 km von mir entfernt in einem Dorf. Es ist das Dorf, in dem wir uns in dieser Geschichte befinden. Jules Sohn ist nun Schüler der Grundschule, aber bevor er das wurde, ging er in den gleichen Kindergarten, in dem ich 1997 mein zweites Lehrjahr verbrachte. Sie kennt fast alle Menschen im Dorf. In unserem Telefonat kamen wir irgendwann zufälligerweise auf Wilson zu sprechen. “Du weißt schon, was er nun macht, oder?” fragte sie mich. “Nein”, hauchte ich aufgeregt in den Hörer. Ich bin jetzt tatsächlich schon so alt, dass einige meiner damaligen Kindergartenkinder mitten in den Zwanzigern sind und von keinem weiß ich, was sie heute so machen. Jule erzählte, dass er Fitnesstrainer geworden sei. Nach unserem Gespräch gab ich seinen richtigen und vollständigen Namen in eine Suchmaschine ein und sah einen Mittzwanziger, der sein Lächeln nicht verloren hatte. Er ist Zumbatrainer, gibt Workshops und ist dafür in der ganzen Welt unterwegs. Umtriebig war er ja schon immer. Meine Freude, ihn nun als Erwachsenen zu sehen, war unglaublich groß. Weil ich mir Geburtsdaten für ewig merken kann, weiß ich, dass er bald Geburtstag hat. Sicherheitshalber habe ich das allerdings nochmal überprüft. Ich habe ein Foto von ihm, in dem er zweieinhalbjährig mit einer afrikanischen Tracht in die Kamera grinst. Seine Mama Laura hat mir das Foto geschenkt, als ich meinen letzten Arbeitstag hatte. Ich glaube, ich werde ihn auf seinem Facebookprofil zu seinem Geburtstag anschreiben, ihm das Foto schicken und fragen, ob er noch weiß, wer ich bin. Heidewitzka, darauf freue ich mich schon jetzt. Wisst ihr eigentlich noch, wie eure damalige Erzieherin im Kindergarten hieß?

Habt alle eine gute Zeit. Bleibt gesund oder werdet es. Ich wünsche euch einen schönen Sonntag und guten Start in die neue Woche.

Herzlichst eure Steph

2 Kommentare zu „Satte Fische

  1. Wieder eine schöne Erzählung, liebe Steph. An meine Kindergartenzeit kann ich mich noch gut erinnern. Ob die damaligen Kindergärtnerinnen eine spezielle Ausbildung mitbringen mussten, weiß ich nicht. Ich glaube, sie mussten kinderlieb sein, sonst nichts. Nur durch ihre Berufserfahrung wurde sie später Rektorin auf einer Schule für Lernbehinderte. Meine Betreuerin heißt Ellen und lebt immer noch. Sie war Nachbarin meiner Eltern und mit ihnen befreundet. Ich war nur ein Jahr im Kindergarten und mit fünf Jahren bereits in der Schule. Heute ist alles viel komplizierter. Nicht nur die Ausbildung der Erzieher, sondern auch die Ausstattung des Kindergartens, die Sicherheitsvorschriften etc. Man sollte zur Einfachheit zurückkehren. Ich habe eine gute Erinnerung an „Tante Ellen“. Liebe Grüße und ein schönes Wochenende wünscht Gisela

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