Herr Schröder dampft ab

Vergangenen Mittwoch war es wieder soweit: Herr Schröder trat seinen Rückflug nach Dänemark auf die Insel Fanø an. Herr Schröder heißt mit ganzem Namen Kalle Knispel Schröder. Er ist ein kleiner Nisser, der eine große Zipfelmütze auf seinem Kopf trägt. Sie ragt ihm so sehr ins Gesicht, dass man seine Augen nicht sehen kann. Herr Schröder ist kein einfacher Geselle. Er ist oft frech, faul und futtert gerne Toffifee. Vom 1. Dezember bis zum 4.Januar lebt er bei uns hinter einer Nissedør/Nissertür in unserer Esszimmerwand. Den Rest des Jahres verbringt er im Zauberwald auf Fanø, wo er an einem Baum sein kleines Häuschen hat. Es ist ein Pilzhaus mit kleiner Tür, einer Terrasse und runden Fenstern, vor denen Gardinen mit Gänseblümchen-Muster hängen. Er lebt dort nicht allein. Der Waiblinger aus der Nähe von Stuttgart wohnt dort und Sverre aus Braunschweig. Sie haben dort im Zauberwald alles was sie brauchen: eine gute Nachbarschaft, eine Kneipe namens „Øl Inn“, eine Schneiderei mit dem Namen „Spinnerei“, einen Tante Emma-Laden, eine Werkstatt und vieles mehr. Manchmal, wenn Sverre, Kalle und der Waiblinger allesamt nicht gut schlafen können, verabreden sie sich und treffen sich am Strand. Dann verteilen sie dort im Sand goldenes Harz, auch Bernstein genannt. Das machen sie, um die Touristen und Einheimischen zu erfreuen, denn viele von ihnen sind wahre Bernsteinjäger:innen. Manche haben sogar UV-Lampen dabei, um den Bernstein in der Nacht besser leuchten zu sehen. Wenn man also Bernstein am Strand findet, dann ist dem vorausgegangen, dass die kleinen Nisser mal wieder nicht schlafen konnten. Nun war also der Tag gekommen, an dem Herr Schröder auf seinen Flieger wartete. Der Flieger heißt Klaus und ist ein Seeadler von beachtlicher Größe. Er hat schon oft angedroht, Herrn Schröder nicht mitzunehmen, denn da Kalle Knispel so gerne nascht, hat er an Gewicht zugelegt. Aber nun will ich euch erst einmal berichten, wie die letzten Tagen mit unserem Gast waren.

Sterne aus Käse

„Herr Schröder, wenn du weiterhin so futterst, wirst du nie auf deine Insel zurückkommen. Also iss das jetzt bitte“, sagte ich und stellte ihm das Holzbrett mit dem Frühstücksbrot auf den Tisch. Auf das Brot hatte ich Frischkäse gestrichen. Einen kleinen Pinguin hatte ich mit einer Ausstechform aus dem Käse gestochen und ebenfalls auf das Brettchen gelegt. Sogar einen Zauberapfel hatte ich ihm geschnitten, und das so früh am Morgen. „Ich mag das Gras auf dem Brot nicht, ich bin doch keine Ziege!“ hatte er sich empört. „Das ist kein Gras, das ist Schnittlauch“, hatte ich ebenso empört geantwortet. „Und Tiere esse ich auch nicht, auch wenn sie aus Käse sind!“ ging das Geschimpfe weiter. „Viel gerner hätte ich Sterne aus Käse“, sagte er fuhr mit der Zunge über seine Lippen. Na dann. Ich ging zum Kühlschrank, um die Dose mit dem Käse hervorzuholen. Danach wollte ich auf einen Stuhl steigen, um die Ausstechformen vom Küchenschrank herunter zu holen, aber ich griff plötzlich ins Leere. Der Stuhl war weg und mit ihm Herr Schröder. „Was zum…“ entfuhr es mir. Dann entdeckte ich den entführten Stuhl in einer anderen Ecke unser Küche wieder. Er stand genau vor dem Schrank, in dem wir Süßigkeiten aufbewahren. Ganz oben in diesem Schrank standen vier Schachteln Toffifee, doch, oh Wunder, sie waren noch nicht aufgefetzt worden. Das lag vielleicht daran, dass ich die Küche einen Tag zuvor sehr ordentlich geputzt hatte. So ordentlich, dass Herr Schröder ausgerutscht war und nun bäuchlings auf unserem Toaster lag, wo er sich verzweifelt links und rechts festhielt, um nicht weiter abzurutschen. Ich half ihm aus seiner misslichen Lage heraus und setzte ihn wieder an den Küchentisch, wo ich ihm vier Käsesterne neben sein Brot legte. „Die Leutchens haben mir extra Toffifee geschickt und DU versteckst es im Schrank“, jammerte er herum. „Also erstens mögen es die Menschen glaube ich nicht so, wenn du sie immer ‚Leutchens‘ nennst und außerdem haben sie dir die Toffifees sicher nicht geschickt, damit du sie alle auf einmal isst. Das ist ungesund und macht dick, wenn du keinen Ausgleich hast“, erklärte ich ihm. Es war noch keine 8 Uhr am Morgen und ich führte hier Debatten mit einem Wichtel am Küchentisch. Das glaubt einem doch auch keiner. Zum Glück verlief der Rest des Frühstücks ruhig. Herr Schröder knabberte an seinem Zauberapfel und versprach mir, die nächsten Tage mit dem Sport zu beginnen.

Treppauf treppab

„Welche Art von Sport willst du denn machen?“ fragte ich Herrn Schröder, als ich in der Küche das Mittagessen vorbereitete. Bisher hatte ja nun mal nichts funktioniert. Die aufgerollte Lakritzschnecke, die als Seil zum Seilspringen umfunktioniert wurde, war ebenso schnell in seinem Magen verschwunden wie der Golfschläger, der aus einer Zuckerstange war. „Ich will Treppensteigen“, sagte er nach fünf Minuten des Schweigens. „Aha. Na dann mal auf. Zieh deine Joggingklamotten an!“ Das tat er ohne Murren und ließ mich ein wenig verwundert zurück. Anscheinend meinte er es ernst mit dem Abnehmen durch Sport. Trippeltrappel trippeltrappel tripp hörte ich ihn nach unten laufen. Trippeltrappel trippeltrappel tripp kam er wieder hinauf. Trippeltrappel trippeltrappel tripp lief er keuchend wieder herunter. Und dann klingelte es plötzlich bei unseren Nachbarn im ersten Stock. Ich zog das Geschirrhandtuch vom Haken und begab mich die Hände abtrocknend schnell zur Tür, denn ich musste hören, was da vor sich ging. Es klingelte noch einmal, bevor die Tür geöffnet wurde. „Kalle Knispel Schröder, was machst du denn hier?“ fragte unser Nachbar Jürgen. „Ja ähm, hi und so. Ähm… der Grund warum ich klingele ist der, dass ich…“ „Möchtest du etwas trinken, du schwitzt ja ganz doll“, hörte ich Brigitte, die Frau von Jürgen, rufen. „Ja, ähm, nein, ich will fragen… weil… ähm, ja, also das ist so…“ Atemlos hörte ich zu, was Herr Schröder von unseren Nachbarn wollte. „Also ich sag’s mal frei gerade heraus. Der Steph sind leider, leider, leider die Toffifees ausgegangen, und dabei wollte sie doch Feenküsse für mich backen. Das Rezept hat sie nämlich von der Katja und nun will sie es unbedingt ausprobieren. Schluchzend sitzt sie am Küchentisch und weint, weil ihr die leckeren Toffifees ausgegangen sind“, erklärte Herr Schröder. Bestimmt hatte er seine rote Zipfelmütze in der Hand und knetete sie. Das macht er nämlich meist, wenn er lügt. Ich ging an das Geländer, schaute hinunter und rief laut: „Keine Toffifees!“ durchs Treppenhaus. „Ich hab’s mir fast gedacht“, lachte Nachbar Jürgen. Herr Schröder schlurfte knurrend murrend die Treppe wieder hinauf. Jede Schnecke hätte ihn dabei überholen können. „Paprika?“ fragte ich ihn süffisant und hielt ihm einen der gerade geschnittenen Streifen hin. „Ist mir viel zu paprikatisch. Will. Ich. Nicht!“ Na dann.

Bratwurst im Brötchen

„Sag mal, was macht eigentlich die Zahnfee genau?“ fragte er mich ein paar Tage später. Ich erklärte ihm, dass die Zahnfee den Kindern ein Geschenk bringt, wenn diese ihren ersten Zahn verloren und ihn unter ihr Kopfkissen gelegt haben. „War die Zahnfee auch bei dir?“ fragte er mich. Ich lachte. „Nein, Kalle Knispel, ich bin so alt, da gab es die Zahnfee noch gar nicht.“ Plötzlich kamen mir Kindheitserinnerungen zurück. Ich war sechs Jahre alt und saß in der Schule, als ich bemerkte, wie einer meiner Zähne wackelte. Erst freute ich mich total darüber, aber dann bekam ich einen Riesenschreck. Schließlich war ich am nächsten Tag bei meiner Freundin zum Kindergeburtstag eingeladen. Es war ein Sommergeburtstag, was bedeutete, dass es gegrillte Bratwurst im Brötchen geben würde. Wer meine Geschichte „Die laufende Bratwurst“ kennt, der weiß, dass ich als Kind verrückt nach Bratwurst im Brötchen war. Was wäre aber, wenn ich auf dem Geburtstag herzhaft ins Brötchen beißen und den Zahn dabei verlieren würde? Dann würde ich ihn vermutlich runterschlucken und könnte ihn nicht in der tollen Holzdose, die meine Omi mir geschenkt hatte, aufbewahren. Der Schreck fiel mir in die Glieder und ich konnte die ganze Zeit bis zum Unterrichtsende an nichts anderes mehr denken als an meinen Wackelzahn. Ich hatte schon mal aus Versehen einen Schuh von meiner Barbiepuppe verschluckt, als ich versuchte, aus ihren High Heels Ballerinas zu machen. Ballerinas fand ich viel schicker als High Heels, also nahm ich den Schuh in den Mund, um den Stiletto abzubeißen. Just in dem Moment klopfte mein großer Bruder mir auf die Schulter, um mir anzuzeigen, dass meine Freundin in der Tür stand, um mich zu besuchen. Zack! war er weg, mein Schuh. Was heißt weg, er war halt nun in meinem Bauch. So was Blödes. Ich rannte sofort in die Küche und berichtete meiner Mutter davon. „Den Schuh sehen wir in ein paar Tagen wieder“, tröstete sie mich und zwinkerte mir zu. Und tatsächlich kam er ein paar Tage später wieder zu Vorschein. Allerdings fand ich das ein bisschen eklig und wollte nun nicht, dass meinem Zahn das gleiche Schicksal widerfuhr. Es gab nur eine Möglichkeit: Ich müsste mir den Zahn selbst heraus reißen. Abends in der Badewanne ruckelte und zuckelte ich an dem Zahn herum, der irgendwie noch an Fäden zu hängen schien. Meine Haut war vom Badewasser schon so faltig wie meine Oma im Gesicht, als ich ihn endlich in den Händen hielt. Auf meinen Jubelschrei kamen sogleich mein Bruder und unsere Mutter herbeigeeilt. „Eine wahre Wassergeburt“, lachte meine Mutter. Diesen Witz begriff ich damals nicht. Als wolle ich ihn nach der „Geburt“ gleich taufen, tauchte ich den Zahn immer wieder in das schaumige Badewasser hinein. „Gib ihn mir mal lieber, sonst ist er gleich im Abfluss verschwunden“, sagte meine Mutter, wickelte das Zähnchen ein und legte ihn auf meinen Schreibtisch im Kinderzimmer. Die nächsten Tage holte ich ihn immer wieder hervor, um ihn mir anzusehen und zu bestaunen. Dann passierte eines Tages ein Unglück. Ich wollte den verlorenen Zahn nach einem erneuten Bestaunen gerade wieder in die Holzdose zurücklegen, da fiel mir die Dose vom Schreibtisch auf den Teppichboden. Zur gleichen Zeit schob meine Mutter den gefräßigen Staubsauger aus dem Hause Vorwerk über meinen Teppich und weg war er, der Zahn. Was habe ich meine Mutter angefleht, den Staubsaugerbeutel zu öffnen. Doch meine Mutter sagte, sie würde nun bestimmt nicht im dreckigen Staubsaugerbeutel herumwühlen und den Zahn suchen. „In meinem Kaka hast du auch nach Barbies Schuh gesucht!“ heulte ich. Das wäre was ganz anderes, denn mein Kaka wäre für sie kein Dreck. Außerdem würde ich noch weitere Zähne verlieren, die ich aufbewahren könne und ich müsste mit Verlusten leben lernen. An all das dachte ich, als Herr Schröder mich nach der Zahnfee gefragt hatte. Und erst am nächsten Morgen wusste ich, warum er das hatte von mir wissen wollen. Ich hielt sein verklebtes Kopfkissen in der Hand, als er mir sagte, er habe sich ein Toffifee unters Kissen gelegt, damit die Toffi-Fee ihn nachts besuchen kommt und ihm noch mehr dieser leckeren Süßigkeiten bringt. So ein Schelm!

Abflug

Und nun war es also soweit. Herr Schröder würde wieder abreisen. Statt mit einem Besen hatte er seine Wohnung mit seinem neuen Staubsauger gesaugt. Den vollen Müllbeutel hatte er dem Ralf in die Hand gedrückt und mir rief er zu, ich solle mich gut um seine Blumen kümmern. Da musste ich laut lachen, denn Herr Schröder hatte ein Toffifee in einen Topf mit Blumenerde gelegt im Glauben, daraus würde nun ein Toffifeebaum wachsen. „Hast du dein Flugticket?“ fragten wir, denn dieses benötigt man, wenn man mit Klaus dem Seeadler umher fliegt. „Jaja“, brummelte er. „Richte Grüße aus an alle. An die Libelle Lila, an die Katze Streichelmich, an den tollen Hecht Hector, den Waiblinger, den Sverre und alle anderen“, sagte der Ralf. „Jaja“, antwortete Herr Schröder erneut. Und dann wurde es dunkel. Allerdings nicht, weil es schon so spät am Tag war, sondern weil der große Seeadler Klaus herbeigeflogen kam. Quietschend hielt er auf dem Balkontisch an. Ralf hatte auf diesem extra eine Gummimatte ausgelegt, damit er besser abbremsen konnte. „Ich hoffe, du hast ein bisschen an Gewicht abgenommen“, sagte er zu Herrn Schröder, aber als dieser auf Klaus‘ Rücken stieg, da musste er ein wenig ächzen. Da musste ich ein wenig staunen, denn ich dachte wirklich, dass Herr Schröder abgenommen hatte. Doch als wir ihnen zuwinkten, die Balkontür schlossen und noch einmal hinter Kalle Knispel Schröders Nissedør schauten, da entdeckten wir, dass alle Toffifeeschachteln der lieben „Leutchens“ leer gefuttert waren. Solch ein Schlingel! Tschüß, Herr Schröder, wir sehen uns wieder am 01. Dezember.

Liebe Leser:innen, ich wünsche euch allen ein gesundes, mit vielen schönen Momenten gesegnetes neues Jahr. Möge der Frieden Einzug halten und wir alle mit Zuversicht in dieses Jahr gehen.

Herzlichst eure Steph

2 Kommentare zu „Herr Schröder dampft ab

  1. Liebe Steph, schön die erste Geschichte des neuen Jahres zu lesen. Ich hoffe Herr Schröder kommt gut an. Aber uns allen geht das ja so, an Weihnachten wird viel zuviel gegessen.
    Euch ein gutes, gesundes und hoffentlich bald friedliches neues Jahr.
    Liebe Grüße Annette

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s