Beute im Beutel

Knarrende Treppen, gurrende Tauben und ein süßer Regen…

Was hier zu Lande als Halloween gefeiert wird, kannten und kennen „wir“ Kinder der 80er Jahre in einem nordhessischen Dorf unter dem Namen „Clobesabend“. Immer am 06.12., dem Nikolaustag, gingen wir abends durch die Straßen, um verkleidet bei den Leuten zu klingeln. Der Name Clobes oder auch Glowes leitet sich von Klaus ab. Ein vorgetragenes Lied von uns, ein Flötenspiel oder ein lustiger Spruch und schon bekamen wir Süßigkeiten geschenkt. Das Leben konnte so einfach sein. Und dennoch gab es Probleme. Denn mit wem würde man abends durch die Straßen gehen?

Mit Sabine, der zwei Jahre älteren On-/Off-Freundin wollte ich nicht gehen. Die stellte sich nämlich immer dann, wenn die besungenen Nachbarn die Süßigkeiten austeilten, vor mich und sagte: „Tun sie es in meine Tüte. Die Kleine hinter mir ist zu schwach zum Tragen. Ich werde später alles gerecht aufteilen.“ Dann trat sie zur Seite, damit man mich anschauen könne. Mich kleines, zartes Persönchen. „Toll, wie du dich kümmerst“, sagten die Leute und erfuhren nie, dass Sabine mir nie das gab, was mir zustand. „Das ist meine Belohnung, weil ich dich mitnehme und auf dich aufpasse“, sagte sie und lächelte verschmitzt, während sie Schwierigkeiten hatte, ihre pralle Tüte voller Süßigkeiten unbeschadet nach Hause zu tragen. Meine hingegen war so leer, dass ich sie festhalten musste, damit sie mir nicht davon flog.

Mit Ben aus der Nachbarschaft wollte ich auch nicht beim Clobesabend umhergehen, da dieser immer dann, wenn sich eine Haustür öffnete, so derart aufgeregt war, dass er seinen Spruch vergaß. Wie eine Soufleuse stand ich dann neben ihm und sprach ihm alles vor. „Geh doch mit dem Ben“, sagte meine Mutter mal, als ich ihr erzählte, keinen Freund zu haben, der mit mir um die Häuser zieht. „Nee, der vergisst, was er sagen will und dann bekommen wir immer nur eine Mandarine als Geschenk, statt Schokolade oder Bonbons“, jammerte ich. „Dir geht’s zu gut“, sagte sie und bastelte weiter an meinem Kostüm. Anders als bei Halloween wollten wir nicht gruselig aussehen, sondern in eine andere Rolle schlüpfen. Meine Mutter war da immer sehr kreativ und zauberte aus den kleinsten Dingen die tollsten Kostüme. Als Regenbogenkind ging ich mal, als Piratin, Frosch und Scheich.

„Frag den Martin, der hat doch nie jemanden der mit ihm geht“, sagte Frau Mama und beschloß, dass es so sein sollte. Dabei fand ich es blöd, mit Martin Süßigkeiten sammeln zu gehen, denn dieser hatte stets nur eine starre Weihnachtsmannplastikmaske vor seinem Gesicht. Sobald wir irgendwo klingelten, riss er sich die Maske herunter, schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen und sagte, er müsse sich kurz ausruhen. Das Gedicht sagte ich dann für uns beide allein auf und war froh darüber, denn sein Spruch war so ideenlos wie seine Maske. „Ich komm aus Bonn und will was honn!“ Wenn es dann zur Süßigkeitenübergabe der Leute kam, zählte er auf, was er alles nicht essen dürfe. Keinen Mr. Tom-Riegel, weil da Nüsse drin sind, kein Milky Way wegen dem Milchpulver und bloß nichts Selbstgebackenes, denn davon würde er wegen des Weizens Atemnot bekommen. „Na, schlimmer als mit deiner Maske wird’s wohl nicht werden“, zischte ich und lächelte den Süßigkeitenspendern zuckersüß entgegen. Doch es half nichts. Dank Martins ausführlicher Beschreibung, was er alles nicht essen dürfte, wanderten auch hier wieder etliche Mandarinen in unsere mitgebrachten Taschen.

„Also wenn ich Mandarinen haben will, kann ich auch gleich nach Hause gehen, denn die haben wir daheim zuhauf!“ schimpfte ich wie ein Rohrspatz mit Martin, als wir auch beim zehnten Haus schon wieder „nur“ orangenes Obst bekamen. „Wir waren noch nicht bei meiner Oma, da gibt’s Süßes, welches ich auch darf“, rief er und wir nahmen wieder Fahrt auf. Mit schnellen Schritten gingen wir durch die Straßen. Links herum und rechts herum und lange geradeaus. Dann noch einmal rechts und wir standen vor dem Haus. „Da wohnt deine Oma?“ fragte ich ungläubig und zupfte mir nervös an meinem Geschirrhandtuchturban herum. Jeder im Dorf kannte dieses Haus und viele fanden es gruselig. Es handelte sich um eine alte Mühle, in der mehrere Mietparteien lebten. Im Hof des Hauses war ein großer Taubenschlag, es gurrte dort unentwegt. Die Tauben fand ich toll, das Haus hingegen seltsam. Martin stellte sich auf die Zehenspitzen, um die Klingel seiner Oma zu erreichen, konnte aber wegen seiner blöden Maske mal wieder nichts sehen. „Wie heißt denn deine Oma?“ fragte ich ihn, damit ich ihm die Klingelaufgabe abnehmen konnte und wir ENDLICH an unsere Süßigkeiten kamen. „Wie sie heißt? Na so wie ich“, hörte ich ihn hinter seiner Maske. „Sie heißt Martin?“ Die Tatsache, dass ich bald nach Hause müsste, immer noch keine Beute im Beutel hatte, vernebelte scheinbar meine Hirnwindungen. „Nee, Müller. Sie heißt Müller.“ „Ach so!“ Ich drückte meinen Finger fest in den runden, weißen Klingelknopf und legte meinen Kopf an die Tür, um zu hören, ob sich im Treppenhaus etwas tat. Dann wurde die Tür mit einem lauten Krrrrrrkkkksss geöffnet und wir liefen schnell die knarrenden Treppen hinauf zu Martins Oma. Unterwegs kamen uns viele Katzen entgegen. Ein Mann hustete sehr laut, irgendwo lief ein Fernseher und es roch im ganzen Haus nach Keller. Martins Oma sah sehr schlecht und hören konnte sie auch nicht gut. Mir egal, ich wollte eh nur schnell das Gedicht aufsagen, meine Hand aufhalten und Süßes bekommen. Sie aber wollte von Martin wissen, wer ich sei, wo meine Eltern wohnten und ob wir die Katzen gesehen hätten. „Ich bin die Steph, wohne in der Vogelsiedlung und die fünf Katzen haben wir gesehen“, antwortete ich rasch, denn Martin und seine Maske waren inzwischen eine Symbiose eingegangen. Nach gefühlten zehn Minuten kramte sie in ihrem Küchenschrank herum, nahm eine Schale heraus und steckte uns zwei „Nimm 2“-Bonbons in die Jackentasche. Die grüne Schrift auf den Bolchen konnte man nicht mehr erkennen und als ich sie mir unter dem Schein einer Laterne ansah, zweifelte ich daran, dass man dieses Bonbon jemals aus seiner Verpackung bekommen würde. Wahrscheinlich war das Mindesthaltbarkeitsdatum bereits vor unserer Geburt abgelaufen. „Das war ja wohl nix“, sagte ich und schaute Martins Maske an. „Also ich mag Nimm 2 Bolchen“, antwortete dieser und zog seine Schultern hoch.

Es war schon spät und wir mussten bald nach Hause. Wir schlurften mehr als wir gingen, die Süßigkeitenschmach hatte uns müde gemacht und enttäuscht hinterlassen. „Na komm, die paar Häuser können wir auf dem Heimweg jetzt noch schnell abklingeln“, motivierte ich uns beide noch ein letztes Mal. „Okay!“ tönte es hinter der Maske. Was dann folgte, war der absolute Süßigkeitensuperduperpreis. Unverhofft kommt oft. Ein Wunder tat sich auf! Da wir schon so spät dran waren, dachten die Nachbarn nämlich, dass keine Kinder mehr kommen würden und schenkten uns alles was sie noch in ihrer „Clobesabendverteilerschüssel“ hatten. Alles! Martin wusste, dass er auf keinen Fall wieder mit seiner „Ich darf dieses und jenes nicht“-Geschichte anfangen durfte. Als der erste Süßigkeitenregen über uns herabprasselte, hatte ich ihm verboten zu sprechen. Und er hielt sich dran, denn er wusste: eine maulige und völlig unterzuckerte Steph kann ziemlich ungemütlich werden. Es war ein wahres Fest. Die Tüten waren voll und wir trugen sie vorsichtig wie kleine Babys, damit ja nichts unten raus purzelte.

Zu Hause angekommen war das Ritual stets das gleiche: Die Tüte wurde auf dem Teppichboden im Wohnzimmer geleert und ich lud meinen Bruder und meine Mama dazu ein, mich für meine sogenannte Beute zu bestaunen. Nappo, Raider, Snickers, Mars, Magic Gum, Bounty, Banjo, Frucht Schleckis mit Colageschmack, Bazooka Kaugummis und Puffreis mit Schokolade überzogen und noch viel mehr. Es war von allem was dabei. Und das Beste war, es würde keinen Streit zwischen meinem Bruder und mir geben. Das war sonst anders….

Sich Süßigkeiten mit dem großen Bruder zu teilen, funktionierte bei uns sonst nämlich selten. Denn beim sogenannten Schnuckekram, wie er bei uns in Nordhessen hieß, hörte bei uns beiden der Spaß auf. Dabei muss ich zugeben, dass ich als die Jüngere eher das Biest war und mit meinem Verhalten meinen Bruder verzog. Er mochte Marzipankartoffeln, ich nicht.

Wenn wir zu Weihnachten bunte Teller mit Süßem, einer Orange und vielen Nüssen bekamen, war auf jedem Teller das gleiche. „Bekomme ich deine Marzipankartoffeln? Ich gebe dir dafür…“ versuchte mein Bruder das Tauschspiel zu eröffnen, doch da war es bereits zu spät. Ratzifatzi hatte ich mir fünf der so verhassten Kugeln aus Marzipan in den Mund gesteckt. Mit dicken Backen wie eine Haselmaus vor’m Wintersschlaf saß ich dann im Schneidersitz vor’m Weihnachtsbaum und spürte, wie die Masse im Mund immer mehr statt weniger wurde.

Mein Bruder saß derweil vor mir, schaute mir beim Kauen zu und konnte nicht fassen, wie fies ich war. Dabei hatte er doch nach den sechs Jahren, die er mich kannte, wissen müssen, wie ich tickte.

Oder die essbaren Schnüre. Wer kennt sie noch? Sie rochen so chemisch, dass mir als Kind schon oft der Würgereiz kam, wenn ich sie nur sah. Als ich letzte Woche für Ralf Herbstdrachenkekse bug und diese Schnüre an jeden Drachen band, musste ich daran denken, wie eklig ich sie fand. Ich weiß nicht mehr, wer uns diese Schnüre schenkte, aber eines weiß ich bis heute: Ich mochte sie einfach nicht. Statt jedoch meine Portion in liebevoller Geste meinem Bruder zu überlassen, hielt ich lieber an dem Motto „Brüderlich teilen und schwesterlich bescheißen“ fest. Unsere Mutter versuchte zu vermitteln. „Du magst sie nicht, dein Bruder liebt sie, also gib sie ihm doch ab“, bat sie. „Das geht nicht“, sagte ich und kramte weiter in meiner Legobox, wo ich einen seltenen Achter-Stein suchte, um ein Haus für mein einsames Duploschweinchen zu bauen. Für mich war damit das Gespräch beendet, für meine Mutter hingegen fing es gerade erst an. „Ich kann sie ihm nicht geben, weil ich sie brauhauhaucheeee!“ sagte ich genervt und rollte mit den Augen, als sie mich fragte, wofür ich essbare Schnüre die ich nicht essen mochte, denn gebrauchen wollte. Das Blöde war, dass ich selbst noch nicht wusste, wofür ich sie brauchen würde. Aber mir würde schon was einfallen, da war ich mir sicher.

So kam es, dass meine Mutter Tage später in meinem Zimmer stand und fragte, was dort denn so komisch roch? „Keine Ahnung!“ rief ich aus dem Schrank, in dem ich hockte. Es war ein großer, schöner grüner Kleiderschrank. Meine Mutter hatte Motive aus Märchen der Gebrüder Grimm darauf geklebt und den prächtigen Schlüssel des Schrankes in Vorahnung an einen mir unbekannten Ort gebracht. Denn anders als mein Bruder kannte meine Mutter mich gut.

Wenn ich schon (mal wieder) wegen irgendwas beleidigt in meinem Schrank saß, dann sollte ich mich darin nicht noch selbst einschließen können. Es gab ein ungeschriebenes Gesetz: War meine Mutter sauer auf mich, liess sie die Rolläden in meinem Kinderzimmer runter und sagte, ich müsse einen Mittagsschlaf halten. War ich hingegen sauer, kletterte ich in meinen Märchenschrank und sagte, dass ich keinen sehen wollte. Meine Mutter begab sich auf der Suche nach dem seltsamen Geruch schnüffelnd durch mein Zimmer und blieb plötzlich mit dem Ausruf: „Du grüne Neune!“ wie angewurzelt stehen. Dann hockte sie sich hin und zog mit spitzen Fingern die bunten Schnüre von der Sockelleiste meines Zimmers. „Sag mal, spinnst du?“ fragte sie mich und ich verstand kein Wort. Da kümmert man sich als kleine Dekoqueen mal selbst um sein Zimmer und verschönert die hölzerne Fussbodenleiste mit Schnüren, die so herrlich von selbst kleben und was ist der Dank? Eine Runde Mittagsschlaf bei herunter gelassenen Rolläden…

Nein, wenn ich vom Clobesabend kam, war alles anders. Da teilte ich sehr gern mit meinem Bruder. Denn es war alles da und von allem zuviel. Und weil ich schon so in Geberlaune war, bekam unsere Mutter all die vielen Mandarinen gesschenkt. 😉

Habt alle einen süßen Start in den November.

Herzliche Grüße Steph ❤

2 Kommentare zu „Beute im Beutel

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