Holzweg

Ward ihr schon mal auf einem Barfußweg? Wir haben dieses Abenteuer vergangene Woche erlebt und hatten einen einzigartigen Tag.

„Warum hast du eine Tasche dabei?“ fragte ich Ralf, als wir aus dem Auto stiegen und in Richtung Barfußweg gingen. „Da sind Handtücher drin, um sich abzutrocknen“, antwortete mein kluger Ehemann lächelnd. Man merkt, dass ich seit Langem nicht mehr im Kindergarten arbeite. Damals musste ich für einen Ausflug mit 25 Kindern allerhand in meine Tasche packen. Taschentücher, Tröstebonbons, Pflaster, Löffel, Schere, Desinfektionsmittel, feuchte Tücher und was nicht noch alles. Nun stand ich mit meiner kleinen Umhängetasche, in der sich nur mein Handy und Geld befand, auf dem Parkplatz und staunte über meinen Mann, der bestens vorbereitet war für diesen sockenlosen Tag. Wir betraten das Gelände und gingen zur Kasse, um unseren Eintritt zu bezahlen. Als Beleg dafür, dass wir bezahlt hatten, bekamen wir ein blaues Band, welches wir uns wie Festivalbesucher um das Handgelenk binden sollten. Aufgeregt ging ich vorne weg zum Schuhregal, in dem sich schon 30 andere Schuhe befanden, setzte mich auf einen alten Schaukelstuhl und zog mir die Flip Flops aus. Ralf tat das gleiche. Die Tasche mit den Handtüchern konnte man ohne Bedenken mit ins Regal stellen. Und dann ging es los…

Das Storchenbad

Die allererste Station war ein Becken, in dem sich Wasser befand, welches mir bis zum Knie ging. In der Mitte des Beckens befand sich ein Handlauf, an dem man sich festhalten konnte, während man durch das Wasser lief. „Eine Kneippkur!“ rief ich begeistert. In der Gegend, in der ich als Kind aufwuchs, gab es solche Tretbäder oft in Wäldern oder an Wanderrouten. Und tatsächlich, auf einem Schild stand beschrieben, dass es sich um ein sogenanntes Kneippbecken handelte. Man müsse drei Runden durch das Becken gehen und dabei wie ein Storch durchs Becken waten. Immer ein Bein hoch und wieder rein. Dadurch würde man seine Füße für die kommenden Wege abhärten, zudem würde es die Durchblutung anregen und die Abwährkräfte stärken. Das Wasser war eiskalt. „Wenn man erst mal drin ist, geht es!“ rief ich Ralf aufmunternd zu. Der sah nämlich aus, als hätte er gerade in eine Zitrone gebissen, als er das Wasser betrat. Dabei ist er an der Ostsee aufgewachsen und sozusagen ein waschechtes Küstenkind. Die erste Runde war auszuhalten, die zweite brachte das Küstenkind dazu, das Becken vorschnell zu verlassen. Ich hingegen stakste weiter und dachte darüber nach, was uns wohl für Wege erwarten würden, wenn man sich hier im ersten Becken die Füße abhärten sollte. Inmitten dieser zweiten Runde merkte ich, wie das eiskalte Wasser auf meine Beine wirkte. Es britzelte plötzlich und fühlte sich an, als würden sich Tausende kleiner Nadeln durch meine Unterschenkel bewegen. Anders als das Küstenkind mit Storchenbeinen hielt ich mich allerdings an die Regeln und schritt tapfer auch die dritte Runde durch das kalte Wasser. „Ich hätte locker auch noch eine vierte Runde gekonnt“, log ich, „aber da wartete ja schon eine andere Familie…“

Über Toblerone gehen

Meine Füße spürte ich kaum, als wir endlich den ersten Pfad beschritten. Aber vielleicht war das ja auch gut so? Ein klein wenig fürchtete ich mich davor, was uns da noch alles bevorstehen würde. Wir erreichten ein kleines Areal, in dem sich nicht nur Sand, sondern auch einige aus Holz gebaute Geräte befanden: Eine Wippe, über die man gehen musste, eine Brücke, deren runde Holzstämme sich bewegten, wenn man sie betrat, und dreieckige Stangen, auf denen man seine Fähigkeit zum Balancieren beweisen konnte. „Das sieht aus, als müsste man über Toblerone gehen“, scherzte ich und bereute es sofort, denn ich musste sofort daran denken, wie ich mir bei einem herzhaften Biss in diese schweizerische Schokolade mal den Gaumen verletzt hatte. Das Prickeln in meinen Beinen, welches ich noch als Nachwehen des Kneippschen Bades hatte, verwandelte sich plötzlich. Nun fühlten sich meine Beine an, als hätte ich sie in kochend heißes Wasser getaucht. „Geht’s?“ fragte mich mein aufmerksamer Ehemann. „Ich mag keine Toblerone!“ jammerte ich verwirrt und schüttelte meine Beine, auf das sie kälter werden würden…

Jetzt geht’s los!

Dann ging es so richtig los mit unserem Barfußpfad. Vor uns befanden sich auf langer Strecke Kisten, durch die wir gehen sollten. In jeder Kiste befand sich etwas anderes. Tannenzapfen, Eicheln, Sand, Kieselsteine, Tonkugeln und Rindenmulch. Die Tonkugeln, die verdächtig nach Hasenköddeln aussahen, waren für uns beide nichts. „Autsch, autsch, autsch!“ riefen wir synchron und waren froh, als wir wieder festen Boden unter den Füßen hatten. Bei der nächsten Station wurden wir aufgefordert, Fußgymnastik zu betreiben. Dazu sollten wir in ein an einen Baumstamm gebundenes Seil mit den Füßen einen Knoten machen und diesen, ebenfalls mit den Füßen, wieder öffnen. Eine Kleinigkeit für mich, die als Kind wegen eines Senk-Spreizfußes des öfteren Fußgymnastik daheim machte. Noch heute hebe ich, wenn ich zu faul bin, mich zu bücken, auf dem Boden herumliegende Kleidungsstücke mit dem Fuß auf. Dennoch vesagte ich beim nächsten Spiel, welches bedeutete, dass man Plastikringe mit dem Fuß aufheben und auf einen Ständer werfen sollte. So sehr ich mich auch anstrengte, meine „Affenzehen“ wollten den Ring beim Werfen einfach nicht mehr von sich geben. Der Ralf lachte laut und zeigte mir mehrere Male gekonnt, wie man es richtig macht. Aber es half nichts. Im Werfen war ich schon immer schlecht, ob nun mit den Händen oder den Füßen. Wir gingen weiter und liefen dabei über grüne Flaschenböden, große Steine und in Zement eingefasste Murmeln.

Charmeur am Trampolin

Schließlich ging es durch einen dicht bewachsenen Torbogen, der wie ein langer grüner Tunnel aussah. Staunend und mich immer wieder umsehend folgte ich dem Ralf. Um diesen Tunnel zu bauen, hatten die Macher Äste von Bäumen über einen Metallbogen gespannt und diesen mit grünen Blättern wachsen lassen, wie er wollte. Als wir aus dem grünen Bogen wieder heraustraten, fühlte ich mich plötzlich wie in einer anderen Welt. Kinder quiekten wie Meerschweinchen, Eltern saßen auf Picknickdecken im Gras und Großeltern bestaunten die Pracht der vielen Obstbäume. Es gab eine Wassermatschstraße mit vielen Spielgeräten, eine Slackline, auf der man wie ein(e) Seiltänzer:in balancieren konnte, einen großen Käfig mit Meerschweinchen (daher also das Quieken) und ein großes Trampolin. Auf diesem beschnupperten sich Kinder, die sich zuvor noch nicht getroffen hatten. „Wie heißt du?“ fragte ein Junge ein anderes Kind. „Merle“, antwortete dieses. „Ist das ein Mädchenname?“ fragte der Junge erneut. „Ja klar!“ „Ach so, weil… du siehst mit deinen kurzen Haaren wie ein Junge aus!“ Danach war das Gespräch beendet und sie sprangen vergnügt auf dem Trampolin herum. Dann sah ich plötzlich viele Leute mit schwarzen Kniestrümpfen und fragte mich, wo sie die her hatten. Wo gab es diese Strümpfe denn? Musste man die anziehen? Welchen Zweck hatte das und warum war mir das entgangen? „Das sind keine Kniestrümpfe, die Leute waren mit den Füßen im Matsch“, flüsterte der Ralf mir, der Kurzsichtigen, zu.

Schaffe, schaffe , Häusle baue

Nachdem wir den Tunnel und die Wiese, auf der ich mich fühlte wie Alice im Wunderland, wieder verlassen hatten, ging es weiter auf unserer Barfußroute. Doch was war das? Vor uns standen mehrere große Kübel, in denen sich eine undefinierbare, dunkelbraune Masse befand. „Ich will da nicht rein, wer weiß, was da unten drin ist!“ rief ich dem Ralf, der schon mitten in einem der Kübel stand, erschrocken zu. „Das ist doch nur Lehm!“ rief er zurück. „Solchen, den man zum Hausbauen verwendet?“ fragte ich, aber es kam keine Antwort. Dafür standen zwei etwa achtjährige Kinder hinter mir und scharrten mit den Hufen, da sie es nicht erwarten konnten, in die Pampe zu steigen. Ich war ihnen im Weg, aber das sagten sie nicht. Viel mehr versuchte das eine Kind, mich zu beruhigen. „Das ist überhaupt nicht schlimm“, sagte es und ergänzte, dass ich keine Angst haben müsste. Ich war unglaublich gerührt und beschloß, hier am Kübelstand mit brauner Soße meine eigene Erfolgsgeschichte zu schreiben. Schon immer hatte ich große Angst, meine Hände oder Füße in etwas zu stecken, dessen Inhalt ich nicht kannte. Ich gehe nicht mal ins Wasser, wenn es trüb ist, weil ich zwanghaft immer sehen muss, was da unter mir ist. Berührt von den lieben Worten des Kindes fand ich es nur fair, wenn ich es ihm und mir beweisen würde. „Ich schaffe das!“ sagte ich mir in Gedanken und -schwupps!- war ich mit beiden Beinen drin. Schmatzende Geräusch begleitete meine Schritte. Der Lehm war angenehm kühl, aber auch körnig. Von insgesamt zehn Kübeln hatte ich vier bereits betreten, da rief das Kind hinter mir laut: „Igitt, das ist, als wenn man in einem Eimer voller Kaka steht!“ Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie schnell ich aus diesen Kübeln ausstieg und den Weg übers Gras fortsetzte. Auf dem Elfenhügel atmete ich mir den Ekel über Kaka an den Füßen weg, dann betraten Ralf und ich die Trollinsel, die man nur über eine Hängebrücke erreichen konnte. Wir balancierten über Eisenbahnschienen, durchschritten die Moorstation und lachten, weil wir nun auch so tiefschwarze Kniestrümpfe wie die anderen an hatten.

Die Oma und das Kind

Als wir das Ende des Barfußpfades erreicht hatten, staunten wir darüber, anderthalb Stunden unterwegs gewesen zu sein. Das Gelände ist einfach riesig und die verschlungenen Wege sind toll angelegt. Eigentlich hätten wir die Strecke noch ein zweites Mal gehen müssen, denn es gab überall so viel zu sehen. Kaffeekannen hingen als Vogelhäuser in den Bäumen, ausrangierte Suppenterrinen waren mit bunten Blumen bepflanzt und Klangspiele wehten melodisch im Wind. Doch wir hatten Hunger und dem Duft von gegrillten Würstchen (auch vegetarisch) und frittierten Pommes wollten wir nicht nachgeben. „Such du uns schon mal einen Sitzplatz, ich hole das Essen“, sagte der Ralf und reichte mir zwei Flaschen Cola light, die er eben käuflich erworben hatte. Mit vorsichtigen Schritten ging ich barfuss über den offiziellen Kiesweg und schaute mich um. Jeder Tisch war besetzt, einzig ein Stehtisch war noch frei. Auf diesen stellte ich die beiden Flaschen und kratzte meine juckenden Arme. Weiße Striche blieben dort, wo ich mich gekratzt hatte und ich erinnerte mich, dass ich daheim total vergessen hatte, meine helle Haut mit Sonnencreme zu schützen. Die Kieselsteine bohrten sich in meine Fußsohlen und brachten mich dazu, abwechselnd auf nur einem Bein zu stehen, um mein Gewicht zu verlagern. Mit meinem Sonnenbrand sah ich nun also aus wie ein Flamingo, der auf seine Pommes wartete. Ralf könnte mich gar nicht übersehen, wenn er mit Pommes und Würstchen vom Grillkiosk kam. Ein wenig neidisch schaute ich zu der Oma und dem circa vierjährigen Jungen herüber. Die Oma saß auf einer Gartenbank, der Junge auf einem Stuhl. Auf dem runden Tisch vor ihnen stand kein Tablett mit Essen, der Junge lutschte lediglich an seinem Eis am Stiel. Wie angenehm würde es wohl sein, dort zu sitzen und seine Füße auf dem breiten Ständer des runden Tisches ausruhen zu dürfen. Hach. Lange würde ich nicht mehr auf den Kieselsteinen stehen können. Die Tatsache, dass auf dem Tisch von Oma & Kind kein Tablett stand, würde bestimmt heißen, dass sie gleich aufstehen und Platz für mich machen könnten. Ich schaute dem Kind gespannt beim Eislutschen zu. Von seinem „Flutschfinger“ war nicht mehr viel übrig, es könnte also nicht mehr lange dauern, bis sie den Tisch verlassen würden. Es ging sogar noch schneller, denn das Kind vergass vor lauter Eindrücken seiner Umgebung, dass es ein Eis in den Händen hielt und so platschte der Rest vom Flutschfinger ins Kiesbett. „Oh je, das ist aber schade. Soll dir die Omi jetzt noch Pommes kaufen?“ hörte ich die Oma ihren Enkel fragen. „Bitte sag nein“, versuchte ich das Kind telepathisch zu erreichen. Meine Füße bohrten sich inzwischen in die Kieselsteine oder war es gar umgekehrt? Da hatte ich auf dem Barfußweg so viel Schönes erlebt und nun fühlten sich meine Füße an, als müsste man mir später im Krankenhaus ein paar Steinchen aus der Sohle operativ entfernen. „Ich will keine Pommes“, sagte das Kind zu seiner Oma und ich atmete entspannt aus. „Ich will Popcorn!“ rief es. Fassungslos starrte ich zum Popcornstand, wo nur noch eine Handvoll verbranntes Popcorn in einem gläsernen Kasten herumlag. „Die Oma schaut mal, was sie machen kann“, sagte die liebevolle Oma und ging zu dem Stand herüber. Ich fühlte mich wie in einem aufregendem Film. Entspannung, Spannung, Entspannung, Spannung. Tatsächlich schenkte die nette Verkäuferin der Oma eine Tüte Popcorn und entschuldigte sich dafür, dass sie aufgrund von Personalmangel kein neues herstellen könne. Ich stöhnte leise auf. Wie würde ich dem Krankenhaus später erzählen können, was vorgefallen war, wenn diese mir die Kieselsteine aus der Sohle puhlten? Doch ich vergaß, wie sehr Kinder und auch Omas Popcorn lieben. Ratzfatz hatten beide die Tüte zwischen sich aufgeteilt und packten endlich ihre Sachen, um den Tisch mit Sitzbank zu verlassen. Mit letzter Kraft und zwei Flaschen Cola light in den Händen erreichte ich die Rettungsinsel, trat mitten hinein in den Rest des auf dem Boden liegenden Flutschfingers und lachte wie von Sinnen. „Was ist los?“ fragte der Ralf, als er zu mir an den Tisch kam und meine knallrote Fußsohle mit klebrigen Steinchen sah. „Bin in ein Eis getreten“, sagte ich lapidar und steckte mir eine Pommes in den Mund.

Der Rest ist schnell erzählt. Nach dem Essen mussten wir noch ein paar kleine Areale betreten um an das Regal mit unseren Schuhen zu kommen. Wir liefen über Korken, blaue Glasscherben und Holzschnitzel. Am Ende standen Wasserpumpen und Metalleimer mit Waschbürsten. Wer seine Füße von schwarzen Kniestrümpfen, Lehm und einem Flutschfinger befreien wollte, musste sich einen Eimer Wasser pumpen und mit der Bürste schrubben. Handtücher hatte ja jeder selbst dabei. Wir pumpten, schrubbten und trockneten, um uns anschließend drauf zu freuen, wieder festes Schuhwerk an den Füßen zu haben. Es war ein unglaublich aufregender Tag und wir waren sicher nicht zum letzten Mal an diesem schönen Ort. Habt alle einen schönen Wochenstart am Montag und fühlt euch lieb gegrüßt von mir.

Herzlichst, Steph ❤

Hier gibt’s Infos zu Barfußpfaden in ganz Deutschland:

http://www.barfusspark.info/

3 Kommentare zu „Holzweg

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