Gartenglück im Schrebergarten

Nach jeder Saison im Herbst, wenn meine Schwiegereltern ankündigen, ihren Schrebergarten nicht mehr haben zu wollen, werde ich traurig. So viele schöne Erinnerungen habe ich an ihr Grundstück, mit dem ich allerdings auch keine Arbeit habe…

Bienenschwarm und Elefantenkissen

Es gibt ein Foto, welches mich als Vierjährige zeigt. Ich trage eine Badehose und laufe sonst nackig durch den Schrebergarten meiner jetzigen Schwiegereltern. In der Hand halte ich ein Körbchen voller Himbeeren, die ich gerade gepflückt habe. Meine Haare fliegen im Wind, weil ich renne. Kurz zuvor hatte ich mich unter dem Gartentisch versteckt, wo ich alle Anwesenden „heimlich“ an den Füßen gekitzelt habe. Dann wollte ich unter dem Tisch auftauchen, um laut zu rufen, dass ich die Kitzlerin war. Leider habe ich mir dabei den Kopf am Tisch gestoßen. Mein Kopf dröhnte, als würde er einen Schwarm Bienen beherbergen. An der Schulter meiner Mutter weinte ich bittere Tränen, bis Ralfs Mama mir etwas zum Ablenken gab: Es war ein Kissen, das die Form eines Elefanten hatte. Der Schwanz war aus geflochtener Wolle und die Ohren konnte man hin und her bewegen. Ich muss sie unbedingt mal fragen, ob es dieses Kissen noch gibt. Meine Tränen waren schnell vergessen und ich rannte barfuss und wild mit meinem Himbeerkörbchen durch den Garten. Abends wurde dann gegrillt. Es gab den tollen Curryketchup in der runden Plastikflasche, leckere Bratwürstchen und Salate. Am aufregendsten fand ich die Wasserpumpe, mit der man Wasser aus den Tiefen der Erde pumpen konnte. Soviel Wasser, wie ich pumpte, brauchte der Garten gar nicht, aber man ließ mich einfach machen und freute sich über meinen Spaß.

Plastikstreifenvorhang

Warum meine Oma einen Schrebergarten besaß, war mir lange nicht klar. Denn das Haus, das sie mit Opa gekauft hatte, besaß einen sehr großen Garten, in dem Tomaten und anderes Gemüse wuchs. Doch dann bekam ich mal mit, wie Opa und Oma sich stritten. Worum es ging, weiß ich nicht mehr, sehr wohl aber, wie Oma danach die Hundeleine und den Leiterwagen nahm und in den Schrebergarten ging. Dieser Garten war nur für sie. Es war ihr Fluchtort, wenn sie und Opa sich mal wieder nicht einig waren. Dann harkte, zupfte und goss sie ihre Gemüseecke, füllte den Kompost auf und pflückte sich einen schönen Blumenstrauß. Der Hund bekam Wasser in einem Napf und ich eine Dose Fanta, die sie eigens für mich mitgenommen hatte. Auf dem Grundstück ihres Schrebergartens stand eine kleine Hütte, in die sie sich setzte, wenn es regnete. Völlig fasziniert war ich von dem Plastikvorhang, durch den man gehen musste, wenn man die Hütte betreten wollte. Der Vorhang bestand aus vielen Plastikstreifen, die im Ruhezustand, also wenn sie nicht bewegt wurden, einen Sonnenuntergang bildeten. Auf dem Heimweg traf meine Oma immer viele andere Leute und mit jedem hielt sie ein Schwätzchen. „Das ist meine Enkelin aus Kassel“, stellte sie mich stolz jedem vor und die Leute wussten sofort, wer meine Mutter war, denn ich hatte ihre roten Haare geerbt. Wenn wir dann nach Hause kamen, duftete es im Haus meiner Großeltern verführerisch gut nach leckerem Kuchen, denn auch mein Opa hatte seine Rituale, wenn er sich mit Oma stritt: Während sie in ihrem Garten die Beete pflegte, backte er ihr zur Versöhnung immer einen Kuchen.

Die große Peinlichkeit

Zurück zum Schrebergarten meiner Schwiegereltern und einer sehr peinlichen Sache, die mir dort mal passiert ist. Zunächst möchte ich allerdings das Grundstück ein bisschen näher beschreiben. Es gibt dort Reih‘ an Reih‘ viele Beete, in denen Bohnen, Erbsen, Salat und Zucchinis wachsen. In einer großzügig angelegten halbrunden Ecke wachsen Blumen in allen Farben. An einem kleinen Teich steht ein Stuhl, in den man sich setzen und den sich darin befindlichen Fröschen zuschauen kann. Die Gartenhütte ist so geräumig, dass man dort locker mit mehreren Personen sitzen könnte, sollte es regnen. In einer kleinen Küchenzeile brüht meine Schwiegermutter den Kaffee frisch auf, wenn wir dort mal zum Kuchen essen eingeladen sind. Vor der Hütte sind Steinplatten im Boden eingelassen. Eine bunte Markise schützt vor Sonnenbrand in der Sommersonne. Die gepflegte Rasenfläche zwischen Hütte und Gemüsebeet ist groß genug, um darauf Badminton oder Wikingerschach zu spielen. Letzteres spielten wir in der Vergangenheit oft, bis die Dunkelheit anbrach, was mich zu der Idee brachte, die Holzfiguren mit Leuchtfarbe anzumalen, um sie besser sehen zu können. Hinter der Hütte befindet sich ein kleiner Graben. Dort steht neben einem gemauerten Grill auch ein großes Regenfass mit einem Volumen von circa 300 Litern. An diesem großen Regenwasserfass befindet, ääähm, befand sich immer eine Art Wasserhahn aus Plastik. Neben dem Regenwasserfass ist hinter einer Holztür die Toilette. Wenn man diese betritt, kann man sich wie ein König oder eine Königin fühlen, denn eine kleine Treppenstufe führt zu dem Thron, auf dem man sitzend alles rauslassen kann. Die Klobrille aus Holz ist auf einem Schuhschrank, in dem ein Kloloch ist, angebracht. An den Wänden hängen tolle Abbildungen von Segelschiffen. Neben dem Thron steht ein Eimer mit Sägespäne und einer Schaufel. Denn wenn man seine Geschäfte verrichtet hat, kann man in der Hütte, in der es keine Klospülung gibt, eine Schaufel Sägespäne drauf werfen. Wie bei einer Erdbestattung, nur ohne Tote in der Grube, kann man sich so von „alten Gästen“ verabschieden. Ich war bereits mit Ralf verheiratet, als ich mir nach einem Toilettenbesuch im Schrebergarten meiner Schwiegereltern anschließend die Hände waschen wollte. Dazu drehte ich an dem Wasserhahn aus Plastik, der an der großen Regentonne angebracht war. Dann machte es plötzlich PLOPP und während ich noch völlig erschrocken auf den Plastikhahn in meiner Hand starrte, ergoss sich der gesamte Inhalt des Fasses auf der Rasenfläche vor dem Klo. „Ich war das nicht!“ rief ich, als das Wasser schwallartig aus der Regentonne hervorkam und mich in seiner Stärke sehr an den Rheinfall in Schaffhausen erinnerte. Als erfahrener Schrebergartenbesitzer wusste mein Schwiegervater natürlich sofort, was zu tun war. Mit einem Spaten grub er schnell einen Zugangsweg vom sich leerenden Fass bis zur Grube hinter der Hütte, so dass alles gut abfliessen konnte. Mein Gott, war mir das peinlich! Als wir Tage später in den Schrebergarten kamn, hatte meine Schwiegermutter vorgesorgt. Der Wasserhahn war abgeklebt und auf dem Deckel des Fasses befand sich nun eine Schale mit Wasser und Seife.

Große und kleine Würstchen

Das Allerschönste bei Treffen im Schrebergarten ist der Ablauf. Erst wird Kaffee getrunken und Kuchen gegessen, dann wird eine Runde ‚Mensch ärgere dich nicht‘ gespielt und zu einer Partie Badminton geladen. Zwischendurch gibt es Gespräche über das Leben an sich. Oft läuft die Bundesliga im Radio, was meinen Schwiegervater dazu veranlasst, das Radio lauter zu drehen, um Zeuge des Geschehens sein zu können. Dann wird gegrillt und meine Schwiegermutter stellt eine kleine Auswahl leckerster Salate auf den Tisch. Für Ralf gibt es grgrillten Käse und Gemüse, für alle anderen Fleisch und Kräuterbrot mit verschiedenen Saucen aus der Flasche. Danach sind wir alle zu satt, um Badminton zu spielen. Vor Jahren waren wir nach dem Essen mal auf einem Fest, welches jedes Jahr auf dem Kleingartengelände stattfindet. Die Sonne stand noch am Himmel, da sahen einige Besucher die Sterne schon. Angetrunken liefen sie im Zick-Zack durch das große, aufgebaute Zelt oder standen für eine neue Runde Bier am Tresen an. Wir saßen auf einer Bierbank im Zelt und starrten ein wenig ungläubig auf das Geschehen um uns herum. Ein Mann suchte die Toilette, fand sie aber nicht und erleichterte sich hinter dem Zelt. Da es transparente Wände hatte, wanden wir uns beim Anblick eines kleines Würstchens ab und gingen wieder in „unseren“ Garten. Abends holt mein Schwiegervater dann gerne mal eine Flasche Schnaps hervor und meine Schwiegermutter schenkt einen Sekt aus. Dann kommen auch schon die Mücken, die komischerweise nur mich überall pieksen und wir suchen im Busfahrplanbuch, das im Gartenhäuschen liegt, schon mal eine Busverbindung heraus. Weil wir uns dann aber noch angeregt unterhalten, vergessen wir wann der Bus fuhr und suchen einen neuen heraus. Das geht meist so lange, bis es Mitternacht wird. Dann nehmen wir die Beine in die Hand und rennen, was das Zeug hält, um den letzten Bus noch zu erwischen. Es ist ein immergleiches, schönes Ritual.

Neles Sonnenblumenbaum

Aber nicht immer ist alles gleich, es gibt auch herzliche Überraschungen. So hat Ralfs Vater vor Jahren mal ein paar Sonnenblumensamen für sein verstorbenes Enkelkind Nele in den Garten eingepflanzt. Als die Blumen erwachten und in die Höhe wuchsen, wurden wir wieder in den Garten eingeladen. Ralf und ich konnten es nicht fassen: Es waren nicht nur einzelne Pflanzen ein wenig in die Höhe gewachsen, nein, wir standen plötzlich vor einem riesengroßen Sonnenblumenbaum. Es war, als würde Nele aus dem Himmel rufen: „Ich bin in eurer Mitte. Jeden Tag und jede Stunde.“ Seit dem liebe ich Sonnenblumen noch mehr als sonst. Sie sind unser Gruß in den Himmel. In diesem Jahr hat meine Mutter uns viele Samen geschenkt und wir haben sie in den Playmobilpflanzenkübelkopf eingepflanzt. Und meine Schwiegermutter? Die hatte eine supertolle Idee, als sie meine Mutter und uns irgendwann in den Garten lud. Ein bisschen wunderten wir uns schon, als wir beim Betreten des Gartens überall Kalebassen in verschiedenen Größen überall im Garten abgestellt sahen. Eine neue Dekoidee vielleicht? Kalebassen sind Flaschenkürbisse, die ausgehöhlt als Musikinstrumente oder zum Transport von Flüssigkeiten genutzt werden. In vielen tropischen Ländern werden aus den Früchten immer noch traditionelle und vollständig kompostierbare Gefäße hergestellt (Quelle: Wikipedia). Nach dem obligatorischen Kaffee trinken bekam jeder von uns einen Block, auf denen unsere Namen geschrieben standen. Was hatte es damit nur auf sich? Dann erklärte Ralfs Mutter das Spiel, das sie sich ausgedacht hatte. Ein jeder von uns müsse durch den Garten gehen und die überall aufgestellten Kalebassen durch in der Hand halten auf ihr Gewicht schätzen. Erst da sahen wir, dass jede Kalebasse mit einer Nummer versehen war. Anschließend sollten wir in dem Block unsere Schätzungen eintragen. Gewonnen hätte der, der mit seiner Einschätzung am nähesten dran lag. Sofort machten wir uns auf den Weg und hielten unsere Listen geheim, damit keiner abgucken konnte. Meine Mutter nahm jede Kalebasse hoch, legte sie sich in den Arm und wiegte sie wie ein Baby. Ich dachte erst, sie hätte das Spiel nicht verstanden, dabei hatte sie einen Trick, der ihr half, jedes Gewicht fast genau zu bestimmen! „Wie hast du das gemacht?“ fragten wir sie, als wir sahen, dass sie das gesamte Spiel mit ihren Schätzungen gewonnen hatte. „Ich weiß genau, was Michael und Steph bei ihrer Geburt gewogen haben und daran habe ich mich orientiert, als ich die Kalebassen im Arm hielt“, sagte sie schelmisch. Als Hauptgewinn bekam sie Fliedersuppe mit Grießklößchen (Erinnerungen an ihre Kindheit wurden geweckt). Auch wir als zweite und dritte Gewinner wurden beschenkt. Es gab eine Tüte Kartoffeln aus dem Garten und Apfelsaft aus der Mosterei. Lecker.

Diese Woche fuhren unsere Nachbarn in den Urlaub. Sie wohnen im gleichen Haus wie wir. Ob wir ihre Post reinholen und ihre Blumen gießen könnten, fragten sie, bevor sie losfuhren. „Na klar!“ sagten wir und wünschten einen erholsamen Urlaub. Als Dank schenkten sie uns frischen Salat und Radieschen, den sie in ihrem Schrebergarten geerntet hatten. Schon im letzten Jahr beschenkten sie uns mehrmals mit ihrer üppigen Ernte und das fanden wir sehr nett von ihnen. Ich werde mir gleich mal ein Brot mit Radieschen belegen und mich weiter an den Schrebergartenerlebnissen erfreuen.

Habt alle ein angenehmes Wochenende, bleibt gesund oder werdet es.

Herzlichst eure Steph ❤

3 Kommentare zu „Gartenglück im Schrebergarten

  1. Das sind schöne Erinnerungen, liebe Steph. Der Sonnenblumenbaum gefällt mir besonders gut. Das Andenken an den Garten meiner Großeltern ist ähnlich und bleibt unauslöschbar. Liebe Grüße und ein schönes Wochenende, Gisela

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