Krankes Huhn

Steph krank auf dem Sofa 1985

Es war also mal wieder soweit. Ich hielt ein krankes Kind im Arm und erreichte die Eltern nicht. „Ich hab heute morgen schon gespeit“, jammerte Bjarne (4), dann erbrach er sich erneut. Nicht in den bereitgestellten Eimer, sondern auf meine Hose. „Kümmerst du dich bitte um den Stuhlkreis, ich möchte Bjarne jetzt nicht alleine lassen“, sagte ich zur sozialpädagogischen Assistentin, dann wählte ich mit der freien Hand erneut die bei der Anmeldung angegebene Telefonnummer der Eltern. Fluchen hätte ich können, dass ich sie nicht erreichte. Es war nicht das erste Mal, dass mir offensichtlich kranke Kinder in die Gruppe geschickt wurden, und es war auch nicht das erste Mal, dass Eltern oder andere Kontaktpersonen nicht erreichbar waren. Beim letzten Mal, als Anina in der Kuschelecke plötzlich ohnmächtig wurde, vergnügte sich die Mutter mit anderen Müttern beim Brunchen. Bei Sekt und Schnittchen feierten sie eine Schmuckparty, während ich ergriffen versuchte, das Kind wieder ins Bewusstsein zu bekommen. Um mich von dem Ärger abzulenken und Bjarne zu beruhigen, sang ich ihm leise Lieder vor. Während seine Augen schon bald zufielen, wiegte ich ihn weiter im Arm und dachte darüber nach, wie es war, als ich früher krank war.

Alleinerziehend und kein Geld

„Ein krankes Kind braucht seine Mama!“ sagte meine Mutter stets. Es wäre ihr niemals in den Sinn gekommen, meinen Bruder oder mich krank in die Schule beziehungsweise in den Kindergarten zu geben. Sie war alleinerziehend und hatte teilweise drei Jobs gleichzeitig am Wickel. Der Mann, mit dem sie zwei wunderbare Kinder hat, lachte sie regelmäßig aus oder machte ihr unmoralische Angebote, wenn sie nach Unterhalt für uns Kinder fragte. Da sie ihre Ausbildung zur Drogistin aufgrund von Schwangerschaft und anschließender Hochzeit in den späten 60er Jahren nicht beenden konnte, war sie nun auf Hilfsarbeiten angewiesen, und so fegte sie in einem Friseurladen die Haare weg, fuhr mit einem VW-Bus Eier aus und half in einem Schnellimbiß mit. Zum Glück waren wir nicht oft krank, aber wenn, dann blieben wir zu Hause. „Und was ist mit deiner Arbeit?“ fragte ich schon früh. Als aufmerksames Kind wusste ich, dass unser Geld nur selten bis zum Monatsende reichte. „Das ist jetzt nicht wichtig. Ihr seid das Wichtigste“, sagte sie dann und ich kann euch sagen, es ist ein prägend schönes Gefühl, wenn man für die eigene Mutter das Wichtigste ist…

Der Schlümpfedoktor geht in Rente

Ich hatte als Kind Pseudo-Krupp-Husten, eine Lungenentzündung ohne Fieber und seit meiner Geburt eine kranke Wirbelsäule. Auch wenn es mir krankheitsbedingt nicht gut ging, fand ich krank sein nicht so schlimm, denn es gab dann immer wieder so schöne Rituale. Am allerliebsten war ich beim Schlümpfedoktor, der seinen Namen daher hatte, weil ich als sehr junges Kind nicht von ihm untersucht werden wollte. Ein eiskaltes Stethoskop auf meiner Brust? Nicht mit mir! Ich schrie wie am Spieß und

wurde erst leiser, als er mir ein Tauschgeschäft anbot. Er gäbe mir einen Schlumpf, wenn er mich dafür untersuchen dürfte. Ich bin nicht so die ausgebuffte Geschäftsfrau und so ließ ich mich mit einem einzigen Schlumpf ködern und untersuchen. Bei unseren späteren, konspirativen „Geschäftstreffen“ versuchte er es mal mit einem Springseil, aber das besaß ich selbst daheim, von daher schüttelte ich matt und müde den Kopf, während er in seiner Spielzeugkiste nach einem anderen Schlumpf für mich suchte. Was war ich traurig, als er dann in Rente ging. Das Gute an dem neuen Doktor war, dass er seine Praxis bei uns im Ort hatte. Wir mussten also nicht mehr lange mit dem Auto fahren, um ärztlich behandelt zu werden. Das Schlechte war, dass sein Sohn Karl-Friedrich mit mir in den Kindergarten ging, wo er sich schnell den Namen eines Rüpelkindes angeeignet hatte. Karl-Friedrich war in meinen fünfjährigen Augen ein böses Kind, mit dem man besser keinen Streit hat. Er schubste andere vom Schaukelpferd, biss einem ungefragt in die mitgebrachte Stulle und schmierte einem Popel in den Nickipulli. Seine letzte Aktion hatte es in sich: Er stellte unserer Kindergartenleiterin Frau Hübschig im Garten ein Bein, sodass sie der Nase nach hinfiel und in einer matschigen Pfütze landete. Die erwachsenen Leute im Dorf waren zwiegespalten. Die einen sagten, dass Frau Hübschig es verdient hätte. Schließlich trage sie immer Pelz und Pelze sollte man nicht tragen. Andere sagten, dass Karl-Friedrich vom Kindergarten ausgeschlossen werden sollte. Doch dann kam noch etwas viel Schlimmeres heraus. Frau Hübschig hatte Karl-Friedrich nach der Beinstellen-Aktion nämlich in ihr Büro gebracht, wo sie ihm die Hände an den Stuhl fesselte, während sie die Eltern telefonisch bat, ihr Kind sofort abzuholen. Das Dorf war entzürnt und plötzlich ging es nicht mehr um die Bosheiten des Karl-Friedrich, sondern um die der Frau Hübschig. Und nun sollte ich zu dessen Vater in die Praxis? Ich weigerte mich. Bestimmt war der Vater ein noch viel größerer Rüpel als sein Sohn. Ein eiskaltes Stethoskop auf meiner Brust wäre da vermutlich noch das geringste Übel. Das erste, was mir in seinem Wartezimmer auffiel, waren die dortigen gemalten Bilder. Sie zeigten die vier Jahreszeiten durch ein Fenster. Vier Bilder, vier Jahreszeiten. Die selbigen hingen bei uns im Wohnzimmer über dem Sofa, und das ging für mich mal überhaupt nicht. Mein Zuhause war mein Zuhause. Mit schwerem Gepäck lauter Vorurteile ließ ich mich von meiner Mutter in sein Sprechzimmer schieben und wurde positiv überrascht. Zwar hatte er keine Schlümpfe zu verschenken, aber sein Stethoskop war angewärmt, er war sehr freundlich und als ich zum Abschied einen Kirschlolli bekam, hatte er mich als neue Patientin gewonnen. Meine absolute Schwäche ist meine fast schon wahnsinnige Begeisterungsfähigkeit, doch diese konnte dort nicht behandelt werden.

Erstmal geht’s ins Ratio

Bevor meine Mutter das verschriebene Rezept abholte, fuhren wir erstmal ins Ratio. Das Ratio war ein riesiges Warenhaus wo man von Kleidung über Lebensmittel und Spielzeug einfach alles bekam. Krank sein war für mich immer mit dem Besuch des Ratio verbunden, denn dort durfte ich mir dann etwas aussuchen, das meine Mutter mir sonst nie gekauft hätte. Es war ein Trost, „denn wenn man schon krank ist, soll man auch was Schönes bekommen“, sagte meine Mutter. Dem Ralf ging es da übringens ähnlich. Er musste als Kind oft ins Krankenhaus zur Behandlung und immer, wenn er ein Bussi Bär-Heft gekauft bekam, wusste der arme Kerl, dass es nun wieder ins Krankenhaus geht. Ich suchte mir einen Bibi Blocksberg-Zauberblock und einen Zehnerpack Colalutscher von Schleckies aus. Die Lutscher waren so flach, dass man gar nicht lange daran lutschen konnte, und wenn man drauf biss, konnte es sein, dass die scharfen Splitter einem im Halse stecken blieben. Aber sie schmeckten herrlich nach Cola, die wir als Kinder nur an Silvester trinken durften. Um den Zauberblock zu benutzen, musste ich bis zu Hause warten, denn dafür benötigte man einen Bleistift und sowas hatte meine Mutter nicht in ihrem VW-Käfer. Mit dem Zauberblock verhielt es sich so: Man musste mit einem Bleistift über das weiße Papier riffeln und schon kam ein tolles Bild von Bibi Blocksberg und ihrem Besen Kartoffelbrei zum Vorschein. Ach, ich liebte diese Zauberbilder, auch wenn später viele Colaflecken darauf zu sehen waren, weil ich lollilutschernd Spucke verlor, wenn ich Bilder hervorzauberte. Krank, aber zufrieden, saß ich im Auto hinten und ließ mich von meiner Chauffeurin zur nächsten Adresse kutschieren.

Die Schwanenapotheke

Krank zu sein bedeutete auch, zu einer Apotheke gehen zu müssen, um das vom Doktor ausgestellte Rezept einzulösen.Wir gingen immer zu der gleichen Apotheke bei uns im Ort. Der Mann der Apothekerin war der Englischlehrer meines Bruders. So ist das halt in einem kleinen Dorf. Jeder kennt jeden und was man nicht weiß, das versucht man sich zusammenzureimen. Ich liebte es, in diese Apotheke zu gehen. Erst musste man eine königliche Steintreppe hinaufgehen, dann den goldenen Knauf drehen und wenn man dann das Geschäft betrat, läutete eine Glocke. Als ich das erste Mal mit meiner Mutter da war, bin ich immer wieder raus und rein, weil ich das Glockengeläut nochmal und nochmal hören wollte. Doch dann sagte meine Mutter, dass jetzt mal Schluss sei, sonst müsste ich im Auto warten und so versuchte ich bei den späteren Besuchen, mir das tolle Glockengeräusch nur einmal anzuhören und einzuprägen. Die Apothekerin ließ sich das Rezept geben, dann verschwand sie wie eine Theaterschauspielerin hinter einem schwerem, samtigen Vorhang und kam wenig später mit Medikamenten wieder hervor. Von mir aus brauchte sie sich gar nicht beeilen, denn ich fand in der Apotheke, in der es immer so gut roch, immer etwas Tolles zu sehen. Auf einem Drehständer hingen Gummibärchen, die aussahen, als wären sie eingefroren worden. Anders als die Gummibärchen, die ich kannte, hatten sie alle eine zuckrige Schicht. „Schimmeln die?“ fragte ich meine Mutter. „Nein, das ist Zucker“, antwortete mir meine Mutter und sagte, ich dürfe eine Tüte davon haben. (Noch heute heißen diese bei Ralf und mir gefrostete Gummibären.) In den metergroßen Regalen standen Töpfe mit Mörser. Sowas stand bei uns zu Hause im Setzkasten meiner Mutter in Miniaturgröße. Das Allergrößte für mich war allerdings die Waage, auf die man sich stellen konnte, um sein Gewicht zu erfahren. „Und jetzt du!“ sagte ich regelmäßig zu meiner Mutter, nachdem ich mich gewogen hatte. Doch sie wollte das nie. Zum Abschied reichte mir die nette Apothekerfrau immer ein Medi & Zini und ein Juniorheft über den Tresen. Ausserdem bekam ich noch Traubenzucker mit Kirschgeschmack und eine Packung Taschentücher geschenkt.

Homeoffice

Fast fand ich das Kranksein toll. Meine Mutter stellte mir den Kassettenrekorder direkt ans Bett, kochte mir leckere Buchstabensuppe und kam immer schnell herbei, wenn ich rief. Doch dann gab es diese grässliche Medizin. Der Hustensaft schmeckte wie das Treppengeländer in unserem Haus und der Geschmack der Tropfen, die ich zusätzlich einnehmen musste, war so schlimm, dass ich sie auf einem Löffel Zucker gereicht bekam. Anschließend musste ich mittels eines komischen Gerätes inhalieren und wurde von meiner Mutter mit übel riechender Salbe auf der Brust eingeschmiert. Bäh. Dann sollte ich ein wenig schlafen, denn durch Schlaf wird man schneller gesund. Doch ich wollte nicht schlafen, ich wollte all die Annehmlichkeiten bei vollem Bewusstsein auskosten und genießen. Aufstehen und spielen ging nicht, also dachte ich mir etwas anderes aus. Die Polster von meinem Bett legte ich vor mich, als hätte ich einen Tisch. Der alte, goldene Brigitte-Kalender meiner Mutter und das ausrangierte Wählscheibentelefon wurden zu meinen Arbeitsgeräten. Ich spielte, dass ich die Sprechstundenhilfe einer Arztpraxis wäre und Termine vergeben würde. Waren die anrufenden Patient:innen nicht nett, konnte ich auch schon mal patzig werden. Manchmal sagte ich: „Hmm, das weiß ich nicht, da muss ich mal die Frau Doktor fragen.“ Dann hielt ich den Hörer zu und fragte mich selber, bevor ich dann in den Hörer sagte: „Hören sie? Die Frau Doktor findet, sie sollten die stinkende Salbe weglassen. Ein heißer Kakao ohne Haut wird ihrem Kind auch weiterhelfen. Auf Wiederhören!“ Ich fand, ich war eine tolle Ärztin und eine super Sprechstundenhilfe. Doch dann bekam meine Mutter mit, dass ich mich nicht ausruhte und schon wurde meine Praxis binnen Minuten dicht gemacht, dass Rollo runtergezogen, mein Bett neu aufgeschüttelt und die Kassette im Rekorder angestellt. Zu Bibi Blocksbergs „Bibi heilt den Bürgermeister“ schlief ich dann ein. Als ich wieder aufwachte, bereiteten mein Bruder und meine Mutter das Abendbrot zu. Es gab Tomaten, Gurken, Käse und Schinken auf Brot, und heißen Hagebuttentee. Für mich wurden die Brote in kleine Stücke geschnitten, damit ich am Schinken nicht erstickte. Das Allerbeste aber war, dass ich abends mit meinem Bettzeug auf die Couch kommen durfte, wo ich wie eine Königin darnieder lag, mir mit meinem Bruder Colalutscher teilte und Fernsehen guckte. Ach, war das schön. Dass ich wieder gesund wurde, merkte meine Mutter daran, dass ich in ihren Augen „schon wieder recht albern“ wurde. Wenn ich dann in meinem Nachthemd auf dem Sofa rumhüpfte und Purzelbäume schlug, befand meine Mutter, dass es wieder Zeit war, am Alltag „da draußen“ teilzunehmen.

Ich erinnere mich sehr gerne an diese Zeit zurück. Meine Mama macht mir und meinem Bruder das Kranksein immer sehr erträglich. Wir fanden es toll, daheim bleiben zu dürfen und haben es dennoch nie auf die Spitze getrieben. Irgendwann stand mein Bruder mal auf dem Balkon und rief seinen Mitschülern, die ihn zur Schule abholen wollten, zu: „Ich hab die Läuse, ich hab die Läuse! Ich brauche nicht zur Schule!“ So schnell, wie meine Mutter ihn am Kragen packte und zurück ins Wohnzimmer zog, konnte man gar nicht gucken. Haha. Die Medi & Zini-Poster habe ich regelmäßig in meinem Zimmer aufgehängt. Sie waren so schön groß und es waren immer tolle Tiere darauf abgebildet. Außerdem gab es immer interessante Dinge über den Blutkreislauf oder den Körper an sich anzuschauen und zu lesen. Ob es die Zeitung Junior heute noch gibt, weiß ich nicht. Die wunderschöne Schwanenapotheke gibt es noch. Ebenso wie mein Bruder bekam ich den Mann der Apothekerin später als Englischlehrer und fragte mich lange, ob in seiner Brotbox vielleicht diese kleinen leckeren Traubenzuckerwürfel seiner Frau lagen? Momentan sind einige meiner Freunde durch Covid krank geworden. Ich wünsche euch auf diesem Wege alles Gute, einen milden Verlauf und dass ihr bald wieder auf die Beine kommt. Es gibt ja auch nicht nur Covid. Einer Freundin steht nächste Woche eine Operation an, für die ich ihr alle Daumen drücke. Wenn ich könnte, würde ich euch mit Buchstabensuppe, leckeren Traubenzuckerwürfeln und einem Medi & Zini den Alltag verschönern. Alles Liebe und herzliche Grüße,

Steph

Foto: Steph krank auf dem Sofa 1985 / Im Hintergrund die „Vier Jahreszeiten“-Bilder, die auch in der Praxis unseres Arztes und vermutlich in vielen anderen Haushalten hingen.

Ein Kommentar zu „Krankes Huhn

  1. Medi und Zini habe ich auch geliebt. Alle Tierposter hingen in meinem Zimmer. Wurden später von Kiss und ACDC abgelöst.
    Wenn ich krank war gab es Salzstangen, Haferschleim mit Maggi, mochte ich total gerne und auch mal Cola.
    Bleib gesund und einen schönen Sonntag

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