Faule Eier

Wenn ich an meine Kindheit denke, dann erinnere ich mich an die vielen Färbeaktionen meiner Mutter zur Osterzeit. Die Fenster in der Küche waren dann beschlagen und in den verschiedenen Kochtöpfen befanden sich Rotkohl, Zwiebelschalen und rote Beete. Zum Essen war das Ganze nicht gedacht, der Sud diente lediglich dem Färben der weißen Eier. Es roch ganz fürchterlich in unserer Wohnung und dennoch liebte ich dieses Ritual. Tage später gab es dann Senfeier mit Kartoffeln oder grüne Soße zu essen. Das war vielleicht lecker. Die grüne Soße (Gri Soß) ist in Hessen weit verbreitet. Leider habe ich sie hier im Norden noch nie selber kochen können, denn immer fehlt eines der sieben Kräuter, die da wären: Kerbel, Kresse, Boretsch, Petersilie, Pimpernelle, Sauerampfer & Schnittlauch.

Minions

Es war Freitag vor einer Woche, da bat mich meine Mutter bei ihr vorbeizukommen, den sie hatte mal wieder eine Wundertüte für uns. Neben Obst & Gemüse hatte sie uns 30 (!) ungekochte Eier eingekauft und wünschte uns viel Spaß beim Färben. Ich liebe Herausforderungen und so hatte ich den Plan, jedes dieser Eier anzumalen oder mittels Färbetabletten bunt zu gestalten. Den Anfang machten die Minions. „Puh“ sagte der Ralf, als ich ihm von meinem Vorhaben berichtete. „Das wird schwer“, ergänzte er. „Ach Quatsch, das ist doch ganz leicht“, gab ich zur Antwort und erklärte ihm, dass ich dafür die Eier untenrum blau und obenrum gelb färben müsse. „Total leicht, easy peasy“, sagte ich und freute mich auf diese Aufgabe. Als der Ralf nicht zu Hause war, begann ich mit der Färbeaktion. Damit die Eier alle untenrum blau wurden, füllte ich unsere Eierbecher mit blauer Ostereierfarbe und legte die gekochten Eier hinein. Vom Ergebnis freudig überrascht, legte ich die Eier anschließend in die gelbe Farbe, damit sie obenrum gefärbt wurden. Doch was war das? Als ich die Eier aus den Bechern holte, bemerkte ich, dass jedes Ei mittendrin, also am Bauch, noch weiß war. Die Sache mit den Eierbechern war also doch nicht so gut gelungen. Mein Blick fiel auf den Schneebesen, der in unserer Küche an einer Stange hängt. „Wäre doch gelacht, wenn das nicht klappt“, sagte ich zu mir und legte ein Ei mitten rein in den drahtigen Besen. Dann füllte ich jede gelbe Farbe der vielen Eierbecher in einen großen Becher und legte das Ei im Schneebesen dort hinein. Das Ei wollte das aber nicht mitmachen und drehte sich im Schneebesen immer auf die falsche Seite. Ich schwitzte. „So geht das doch nicht!“ schimpfte ich mit dem Ei und war froh, dass mich keiner hören und sehen konnte. Meine Hände waren nämlich mittlerweile gelb und blau. Hätte ich meinen Fingern noch mit Filzstift Gesichter gemalt, hätten sie ausgesehen wie IKEA-Mitarbeiter:innen in Miniformat. Als die angedachten Minionseier durch die Farbvermischung grün wurden, gab ich es auf. „Die kannst du morgen zum Frühstück essen“, sagte ich dem Ralf, als er nach Hause kam. „Sind leider nichts geworden.“ Zum Glück liebt Ralf es, Eier zu essen. Im Supermarkt kauft er jede Woche Eiersalat, um sich diesen auf’s Brot zu schmieren. Der Tag hatte also noch was Gutes.

Froschkönig

Ein grünes Ei behielt ich mir vor, es sollte noch nicht gegessen werden, denn daraus wollte ich einen Froschkönig gestalten. Auf eine leere Klorolle malte ich Backsteine, sodass sie wie ein Brunnen aussah. Auf das grüne Ei klebte ich Augen und eine Krone, ein Ferrero Rocher würde die goldene Kugel abbilden. Die Idee fand ich so genial, dass ich verzückt und in Gedanken leider die Kugel aufaß. Den Aufkleber, der auf der Kugel prangte, hatte ich mir aus Spaß auf die Stirn geklebt. Hahaha. Doch dann wurde ich hektisch. Hatten wir nicht noch irgendwo Ferrero Rocher-Kugeln? Ich öffnete den Küchenschrank, in dem wir Süßigkeiten aufbewahren, aber nein, es waren keine Kugeln mehr da. Da fiel mir siedend heiß ein, dass ich diese ja in die selbstgebastelten Brottütenhühner für die Verwandten getan hatte. Sollte ich jetzt tatsächlich die Tüten wieder öffen, um den Froschkönig zu kreieren? Schamesröte kroch mir ins Gesicht. Warum nur hatte ich diese eine Kugel aufgegessen? „Das macht doch nichts, ich gehe nochmal los und kaufe Rocher-Kugeln“, sagte mein lieber Mann. Das mir immer noch dieser Aufkleber auf der Stirn klebte, machte ihm scheinbar nichts aus und ich vergaß es. Leider. Denn als später der Postbote an unserer Tür klingelte, hätte ich gerne etwas seriöser ausgesehen, aber hey, zum Glück kennt er mich ja schon. Das Wochenende über ließen wir die Eier Eier sein. Wir erledigten den wöchentlichen Hausputz gemeinsam und ruhten uns am Sonntag mit Zeitschriften und Büchern auf dem Sofa aus.

Montag

Am Montag startete ich wieder durch. Der Eierkocher lief heiß. Drei Eier malte ich mit Filzstift an und erschuf dieses mal wirklich die Minionseier. Drei andere wurden zu Hamburgern, die auch Ralf als Vegetarier gerne essen konnte. Statt Eiersalat nun also Hamburger zum Frühstück. Weil ich keine Lust auf Eier auspusten verspürte, legte ich gleich nochmal ein paar Eier ins Wasserbad. Daraus entstand die Idee, ein hartgekochtes Ei in einer Badewanne zu fotografieren. Ich malte eine leere Eisverpackung an, damit sie aussähe wie eine Badewanne und Ralf perfektionierte das ganze. Aus einer Klarsichthülle bastelte er einen Duschvorhang, den er mit roten Filzstiftpunkten versah, er bastelte mit Draht und Alufolie einen Duschkopf, legte als Wasser Folie in die Wanne und schnitt aus einem Putzlappen ein Handtuch zurecht. Anschließend lachten wir über unser Gemeinschaftsprojekt, bis uns die Bäuche weh taten.

Dienstag

Kaum aufgewacht, saß ich schon wieder am Basteltisch. Ich erschuf Hühner aus Pizzakartons und warf zur Abwechslung mal wieder ein paar Eier in den Wasserkocher. Die Sonne schien seit Tagen endlich mal wieder, was Ralf zum Anlaß nahm, den Balkon zu putzen und einladend zu gestalten. Er nahm die Tannenzweige aus den Balkonkästen, streute Saat zwischen den Tulpenzwiebeln aus und steckte unsere Solarlichtschnecken in die Erde. Ich war so verliebt in den Sonnenschein, den sauberen Balkon und Ralf, dass ich nicht mehr richtig denken konnte. Nicht anders ist es zu erklären, wie mir ein total blöder Fehler unterlief. Ich wollte nämlich eine neue Technik beim Eier bemalen anwenden. Klebereier nannte ich die Idee, die ich im Internet gesehen hatte. Man kocht die Eier, malt dann mit Bastelleim ein Muster darauf, wartet bis dieser getrocknet ist und färbt das Ei anschließend. Dort wo der Kleber war, bleibt alles weiß. Weil ich Schneckeneier machen wollte, malte ich mit dem Kleber eine Spirale auf die Eier und tat sie in den Eierkocher. Während die Eier vor sich hin köchelten, widmete ich mich anderen Osterbasteleien. Als ich wieder in die Küche kam, sah der Eierkocher innen aus, als hätten dort hundert Spinnen eine Party gefeiert. Überall unter dem transparenten Deckel sammelten sich fein gesponnene Fäden an. Ich klatschte mir mit der flachen Hand an die Stirn, als mir der Fehler auffiel. Natürlich müsste man den Kleber erst nach dem kochen auf´s Ei malen, denn durch die Hitze im Eierkocher hatte sich der Leim gelöst. Man sollte nicht so unkonzentriert wie ich an die Sache rangehen.

Mittwoch

„Wieviele Eier sind denn noch im Kühlschrank?“ fragte der Mann, der zu gerne Eier ist. Ein bisschen tat er mir leid. Ob ich mal im Internet nach einem Rezept für selbstgemachten Eiersalat suchen sollte? Das Blöde war, dass ich noch hundert Ideen hatte, die Eier anzumalen und die Eierkartons im Kühlschrank nahmen sehr viel Platz in unserem Kühlschrank ein. Es war schon eine logistische Meisterleistung, morgens an Käse, Marmelade und die anderen Brotaufstriche zu kommen, die wir gerne zum Frühstück essen. Daher gab es abends ein leckeres Gericht. Dazu brät man Kartoffelscheiben in der Pfanne, trennt anschließend Eigelb und Eiweiß von fünf Eiern voneinander, gibt das mit Salz & Pfeffer gewürzte Eigelb mit Lauchzwiebeln auf die Kartoffeln in der Pfanne und rührt Karottenraspel in das Eiweiß. Wenn das Eigelb ein bisschen gestockt ist, gibt man das Eiweiß obendrauf und brät das ganze noch ein wenig. Anschließend hat man eine Eier-Kartoffel-Torte und die schmeckt wirklich gut.

Donnerstag

Die lustigen Pirateneier waren am einfachsten herzustellen, aber weil die Sonne mal wieder schien und mich verzückte, war ich erneut unkonzentriert. Ich wollte den Eiern eine rot/weiß gestreifte Piratenmütze aufmalen und nahm dazu ein weißes Ei, um es obenrum weiß anzumalen. Ungeduldig und ärgerlich darüber, dass es so lange dauerte, bis die weiße Farbe trocknete, bewässerte ich die Kresse in meinem aus Milchtüten gebasteltem Kressehaus mit Garten und schnaufte. Geduld ist wirklich keine meiner Stärken. Vielleicht sollte ich die Eier föhnen, damit die Farbe schneller trocknete? Während ich über andere Lösungen nachdachte, schaute ich die Eier an. Weiße Eier. Da entfuhr mir ein Aufschrei, der sogar die gurrenden Tauben vom Nachbarhaus aufscheuchte. Wie blöd war ich gewesen, weiße Eier mit weißer Farbe zu bemalen? Herrjeh, ich war ja wirklich nicht ganz bei mir. Zum Glück dauerte es nur einen Kopfschüttler und einen minutenlangen Lacher über mich selbst und ich gestaltete die Eier weiter. Mit rotem Filzstift malte ich die gestreiften Mützen auf die Eier, kreierte ihnen mit schwarzem Stift eine Augenklappe, schnitt aus gelben Papier kleine Schnäbel aus und setzte die Bande in ein Eierkartonboot. All Hands on Deck? Ei, Ei Käpt´n.

Freitag

Als der Ralf sich verabschiedete, weil er im Supermarkt um die Ecke noch etwas einkaufen wollte, freute ich mich. Eigentlich will ich nie von ihm getrennt sein, aber wenn er außer Haus war, konnte ich doch noch einmal meiner neuen Leidenschaft, dem Eierfärben oder -bemalen nachgehen. Die Tür war kaum geschlossen, da warf ich schon wieder ein paar Eier in den – inzwischen von Kleberresten gesäuberten – Eierkocher. Der Kühlschrank leerte sich. Ich kam an meinen Shitake-Pilzcremeaufstrich, ohne vorher zwei große Eierkartons aus dem Fach zu jonglieren. Dieses Mal wollte ich die hartgekochten Eier mittels Rasierschaum und Lebensmittelfarbe marmorieren. Leider hatte der einkaufende Ralf sein Handy daheim vergessen, sodass ich ihm nicht schreiben konnte, dass er noch Rasierschaum kaufen oder sich einen Bart wachsen lassen müsste. Dass er sein Handy daheim hatte liegen lassen hatte, wies noch andere Probleme auf. Zum einen ist dort seine Corona-Warn-App drauf gespeichert, die ihm anzeigt, ob er mit vom Virus infizierten Personen in Kontakt war, zum anderen konnte meine eigene Warnapp namens „Der sehr gesprächige Nachbar von nebenan ist auch gerade auf dem Weg zum Supermarkt“ ihn nicht benachrichtigen. Bitte versteht mich nicht falsch, wir unterhalten uns gerne mit Menschen aus unserem Umfeld und wissen, dass manche Menschen viel reden, weil sie einsam sind. Besagter Nachbar findet aber selten ein Ende und redet ohne Unterlass. Da ist einfach alles ein Thema und muss besprochen werden. Wir haben ihn schon oft zu uns eingeladen, weil es sich an einem Tisch mit Kaffee oder Tee doch bequemer und athmosphärisch besser reden lässt, als in einem zugigen Trepenhaus, aber er hat diese Angebote immer wieder ausgeschlagen. Ich bin da inzwischen ein wenig anders als Ralf und würde dem Nachbar sagen, dass ich „jetzt auch mal weitermachen müsse“. Der Ralf aber fühlt sich verpflichtet, sich alles anzuhören, was der Mann ihm sagt und so kann es passieren, dass aus einem Einkauf kurz um’s Eck mal eine zweistündige Abwesenheit wird. Nun war es wieder so, dass er nicht nach Hause kam. In mir breitet sich dann immer eine leichte Panik aus. Seit mein Bruder mal verschwand, um nie wieder zurückzukommen, habe ich eine leichte Störung, was das betrifft. Doch hier gab es ein schönes Ende. Nein, er war nicht dem gesprächigem Nachbarn begegnet. Er „musste“ nur noch einen kurzen Umweg machen, weil es in einem anderen Supermarkt doch das tolle Nachtlicht gab, welches er mir gerne schenken wollte. Eine „Sendung mit der Maus“-Lampe die man antippen muss, damit sie leuchtet und die sich nach 30 Minuten automatisch selbst abschaltet. Ich war schon wieder so verliebt in meinen Mann, dass ich mal wieder kopflos war. Denn eigentlich wollte ich ihm noch erzählen, dass mir bereits am Montag ein gekochtes Ei vom Wohnzimmertisch unter das Sofa gerollt ist und nur er es bergen könne. Er ist nämlich so dünn, dass er wie eine Schlange unter’s Sofa kriechen kann, während ich schon mit einem Arm dort feststecken würde. Außerdem hat er mir neue Bastelkleberstifte gekauft und diese leuchten in der Nacht. Nun dürft ihr dreimal raten, wer vor Aufregung kein Auge zugemacht hat. 😉

Samstag

Am heutigen Samstag habe ich meine Eierfärberei beendet. Alle Eier sind gefärbt, bemalt und fast schon aufgegessen. 12 der 30 Eier sind noch übrig, aber damit wird nun nicht mehr experimentiert. Falls jemand von euch ein tolles Rezept für und mit Eiern hat, freue ich mich sehr auf eure Kommentare. Jetzt ist Wochenende. All Hands on Deck?

Herzliche Grüße eure Steph ❤

4 Kommentare zu „Faule Eier

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