Herr Schröder liebt Chilli

Die Vorweihnachtszeit bedeutet bei uns vor allem eins: Schabernack. Denn wie schon seit mehreren Jahren kommt Herr Kalle Knispel Schröder uns vom 1. Dezember bis zum 4. Januar besuchen. Wir mögen Besuch sehr und sind gerne Gastgeber:in, allerdings ist Herr Schröder kein gewöhnlicher Übernachtungsbesuch. Er schläft gerne länger, ist oft frech und zu allerhand Streichen aufgelegt. Seine Lieblingsspeise ist Toffifee, dabei ist er so gierig, dass wir mit ihm jeden Tag Verhandlungen führen müssen, damit sein Konsum daran nicht überhand nimmt. Herr Schröder wohnt hinter der Nissedør in unserer Esszimmerwand. Seine Wohnung ist so klein, dass weder Ralf noch ich dort hineinpassen würden. Nicht mal mit einer Hand. Normalerweise erscheint Herr Schröder immer in der Nacht vom 30. November auf den 1. Dezember. Wenn nichts dazwischen kommt. Gebracht wird er stets vom großen und klugen Seeadler Klaus, der ihn auf seinen Schwingen hier vorbeibringt. Vor zwei Jahren hat er Kalle gebeten, ein wenig abzunehmen, denn auch ein Seeadler kann an seine Grenzen kommen, wenn er einen kleinen, übergewichtigen Wichtel von Fanø nach Lübeck bringen muss. Doch mit dem Abnehmen ist das so eine Sache. Wir waren deshalb sehr gespannt, wie seine Reise werden würde.

Chilli ohne con Carne

Zunächst aber kam hier eine ganz andere Überraschung an. Freunde, die wir von unseren Urlauben auf Fanø her kennen, haben uns ein tolles Paket geschenkt. In einem beigefügten Brief berichteten sie, dass ihnen im Oktober ein blinder Passagier zugestiegen sei, als sie auf Fanø waren. Sie glauben, dass es sich dabei um Herrn Schröders Sohn handelt, denn er futterte unentwegt Toffifee, weswegen er keine Zeit zum Sprechen hatte. „Darf er die Weihnachtszeit bei euch verbringen?“ fragten sie in dem Brief. „Aber natürlich!“ antworteten Ralf und ich im Chor, als wir den Brief gelesen und den neuen Gast begrüßt hatten. Es dauerte nur kurz, bis er „auftaute“ und uns seinen Namen verriet. „Chilli. Wie Chilli con Carne, aber ohne das con Carne“, flüsterte er. Die Nacht über schlief er in einem Waschlappen, denn wir hatten Herrn Schröders Nissedør noch nicht wieder aufgebaut. Chilli ist ein sehr angenehm ruhiger Wichtel und längst nicht so unverschämt wie sein Vater. Er hilft bei der Hausarbeit, hat höfliche Umgangsformen und bastelt gern. Es ist sehr hilfreich für mich, dass er so klein ist, denn wenn ich bastele, fällt manchmal etwas runter. Chilli hüpft dann hilfsbereit sofort vom Sofa runter, um das Heruntergefallene wieder aufzuheben. „Lauter Schätze hier unten!“ hat er neulich gerufen, als er unter’s Sofa krabbelte und mit diversen Dingen in den Händen wieder hervorkam. Drei meiner Haargummis, eine Holzperle, einen Würfel, einen nicht aufgeblasenen Luftballon und meinen mit buntem Glitzerwasser gefüllten Kugelschreiber brachte er zum Vorschein. So schön es mit Chilli war, so traurig waren wir, als er eines Tages meinte, er müsse nochmal kurz nach Leipzig, um den netten Leuten, die ihn von der Insel mitnahmen, zu sagen, dass er für immer bei uns bleiben wolle. Er wäre also nicht da, wenn Herr Schröder zurückkäme. Aber käme Herr Schröder zurück?

Kommt er oder kommt er nicht?

Mir wurde ganz schwindelig, als ich darüber nachdachte. Wenn Herr Schröder in diesem Jahr nicht zur Vorweihnachtszeit zu uns käme, dann würde der Ralf MICH wieder verdächtigen, diverse Dinge getan zu haben. Angebissene Gewürzgürkchen im Kühlschrank, nicht ordentlich zugeschraubte Marmeladengläser, ein völlig zugestopfter Kleiderschrank und so weiter und so fort. Mitten in der Nacht saß ich aufrecht in unserem Bett und fragte mich, ob und wann Herr Schröder zu uns kommen würde. Zum lieben Gott habe ich gebetet und dann stundenlang darüber nachgedacht, ob der liebe Gott auch Wichtel lieb hat. Wenn ich meinem Therapeuten von meinen stundenlangen Grübeleien, die mich in der schlimmsten Zeit meiner Depression in Dauerschleife in Schach hielten, erzählte, dann fragte er mich, wann denn zuletzt eines meiner Horrorszenarien, die ich mir schon im Kopf zurechtgelegt hatte, eingetroffen sei. Jedes mal sagte ich: „Nie!“ Von Kalle Schröder, seinem Bruder Pelle und Chilli, seinem Sohn, hatte ich ihm allerdings auch nie berichtet. „Hach, es wird schon gut werden“, sagte ich mir selbst beruhigend zu und so kam es dann auch….

Stürmische Zeiten im Anmarsch

Auch wenn der Ralf und ich in der Nacht vom 30. November auf den 1. Dezember auf Herrn Schröder warteten, so hatten wir nicht allzuviel Hoffnung darauf, dass er wirklich in dieser Nacht käme, denn ein großer Sturm zog über Norddeutschland auf. Wir saßen eingekuschelt auf unserer Couch und sahen Fernsehen. Immer wieder hörten wir die Bäume vor dem Fenster rauschen. Sogar die klingenden Kirchenglocken der Kirche hörten sich wie eine kaputte Autohupe an, da ihr sonst so schöner Klang immer wieder jäh vom Sturmgetose unterbrochen wurde. Ralf hatte am Vortag die Balkonkästen gereinigt und – weil es plötzlich sehr stark regnete – dort liegen gelassen. Nun, wo wir so gemütlich beieinander saßen, knallte es plötzlich auf dem Balkon. „Ob da was passiert ist?“ fragte ich meinen Mann. „Ich schau‘ mal lieber“, antwortete er mir. Ich zog die Wolldecke über meine Schultern, denn es würde kalt werden, wenn er die Balkontür öffnete. „Holt. Mich. Hier. Raaaauuus!“ brüllte jemand. Schnell eilte ich zu Ralf, der an der offenen Balkontür stand und etwas in den Händen hielt. Es war ein Luftballon und darauf stand geschrieben: Bin wieder da. Holt mich hier raus. „Ist das Schröder?“ fragte ich Ralf. „Wer sonst?“ antwortete er. Mit einer kleinen Nadel stach Ralf in den Ballon und schon stand er vor uns. Kalle Knispel Schröder, wie er leibt und lebt. Ich holte meine Decke vom Sofa und schlug sie um den kleinen Wicht herum, damit dieser sich aufwärmen konnte. Er berichetete, wie er mit dem Seeadler Klaus bis nach Hamburg geflogen war. Das war vorab so abgemacht gewesen. Für die Weiterfahrt nach Lübeck hätte Schröder sich selbst kümmern müssen, hatte es aber aus Faulheit immer wieder aufgeschoben. In Hamburg traf er auf einen Igel namens Igor. Dieser hatte die Idee mit dem Ballon und nun war er da. „Na, wie gut, dass Igor in der Waldschule das Schreiben gelernt hat“, bemerkte ich, doch Herr Schröder war plötzlich verschwunden. Ralf und ich tanzten den „Juchuh, Herr Schröder ist wieder da“-Tanz, während unser kleiner Gast auf drei Kissen vor dem Fernseher saß und Toffifee mampfte.

Alles wie früher

Inzwischen sind erst vier Tage vergangen, aber wir haben hier schon mehr erlebt als in vier Wochen. Weil er seinen Besen nicht fand, kehrte er den Eingang vor seinem Haus mit Ralfs Zahnbürste. Als ich daraufhin mit ihm schimpfte, kleckste er zur Versöhnung Zahnpastaherzen in unser Waschbecken. Einen Tag später freuten wir uns, dass Herr Schröder für uns kochen wollte. Wir warteten hungrig und gespannt am Esszimmertisch, die Servietten auf den Knien und Besteck in der Hand. Dann erschien Kalle Knispel mit der Pfanne und einem Schneebesen in der Hand. Sorgfältig verteilte er gebratene Toffifees und bunte Smarties auf unseren Tellern. „Schön aufessen, sonst scheint die Sonne nicht!“ rief er und griff zu seinem Löffel, den er sich proppevoll gefüllt in den Mund schob. „Is gut, ne?“ fragte er und füllte unsere Teller ungefragt noch mal auf. Einen weiteren Tag später kam Chilli von seiner Reise zurück, was bei allen für große Freude sorgte. Der liebe kleine Chilli wollte mir beim Abwasch helfen, wurde aber von Kalle in ein anderes Zimmer gerufen. Ich hörte, wie der Vorhang zu meinem Bastelschrank aufgezogen wurde. Dann kicherten sie. Klebeband wurde abgerissen. Ob sie mir wohl ein Geschenk machen wollten? Besser, ich würde sie erst mal nicht stören. Dennoch ging ich zehn Minuten später auf Zehenspitzen zu meinem Bastelschrank, um nachzuschauen, was dort fehlte. Nicht, dass sie den Heißkleber mitgenommen hatten, denn damit zu arbeiten ist nicht ungefährlich. Tatsächlich fehlten aber nur meine Geschenkschleifen, die ich für das Weihnachtsfest gekauft hatte, und das grüne Tapeband zum Kleben. Also doch eine Überraschung für mich? Was ich eine halbe Stunde später bekam, war tatsächlich eine Überraschung!

Mit dem grünen Klebeband hatten sie auf den Bodenfliesen ein Rechteck mit neun Kästchen abgeklebt und mittels der Geschenkeschleifen TIC TAC TOE gespielt. Als sie sich über die Spielregeln uneinig waren, klebten sie sich die Schleifen einfach überall hin. Auf der Mütze, auf den Bäuchen, im Bart und am Po prangten die silbernen und goldenen Schleifchen, was die beiden Wichtel dazu veranlasste, so laut zu kichern, dass ich einfach mitlachen musste. Das war erst Tag vier und ich weiß nicht, was hier noch so alles passiert. Allerdings sind die Zeiten derzeit wegen der Pandemie hart und wir sind froh um ein bisschen komische Ablenkung.

Ich hoffe, dass ihr alle gesund bleibt und grüße euch herzlich.

Steph

2 Kommentare zu „Herr Schröder liebt Chilli

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