Aufräumen im Baumarkt

An manchen Tagen fühle ich mich groß. Richtig groß. Zwei Meter zehn groß. So wie an diesem einen Tag vor Jahren. Immer wieder hatte ich mit der Personalchefin des Kindergartens, in dem ich arbeitete, über meine Probleme gesprochen. Zum Beispiel, dass die alteingesessenen Kolleginnen mich Saupreußin nannten, weil ich nicht wie sie aus Bayern kam. Oder darüber, dass der Träger von mir verlangte, meine Überstunden für von mir gewünschte Fortbildungen herzugeben. Viele Dinge, die ich erfragte, wie die TÜV-Prüfung der Spielgeräte oder der Austausch des Sands in den Sandkisten, wurden abgeschmettert. Es gab noch so viel mehr und es war nicht das erste Gespräch gewesen, das ich mit der Personalchefin gesucht hatte. „Wenn sich nichts ändert, werde ich gehen“, hatte ich mal gesagt. Scheinbar hatte sie mir nicht geglaubt, denn nun, als ich meine Kündigung aussprach, schaute sie mich entsetzt an. Danach war mir alles leichter. Ich hatte das Gefühl, ich könnte Berge versetzen. Ich war nicht mehr Opfer, sondern Gestalterin meines Lebens. „Wisst ihr was?“ sagte ich zu den Kolleginnen auf der Teamsitzung. „Ich fahre jetzt mit Tina in den Baumarkt, um die Farbe für den Bauzaun zu kaufen. Ich mache nämlich nichts mehr nach Feierabend!“ Dann nahm ich meine Jacke, meine Tasche und zwinkerte Tina zu. Heute gehörte mir die Welt!

Thelma & Louise

Geschmeidig ließ Tina ihr Auto in die Parklücke rollen. Wir stiegen aus, strichen unsere Kleidung glatt und ließen die Autotüren lässig zuknallen. In den Schlitz des Einkaufswägelchens, für das man immer einen €uro in der Hosentasche bereithalten muss, steckte Tina eine D-Mark-Münze. „Die gute alte D-Mark“, murmelte sie, während sie den Wagen anschließend aus der Reihe zog. Entschlossenen Schrittes gingen wir auf die Wand aus Glas zu, die sich fast ehrfürchtig teilte und uns Einlass gewährte. Als wir in den Baumarkt einmarschierten wie zwei ‚Men in Black‘ oder ‚Thelma & Louise‘, fühlte ich mich mal wieder richtig rebellisch und groß. Was für ein toller Genuß, den ich lange verloren glaubte.Wir brauchten Farbe. Für außen, denn ein sehr langer Bauzaun stand mitten im Garten des Kindergartens, da dort in Kürze Bauarbeiten für eine Krippe beginnen würden. Tina die Dekoqueen hatte die Idee, dass die Kinder den häßlich braunen Bauzaun mit Farbe bunt bemalen könnten. Mit Tina an der Seite brauchte ich keine Hinweisschilder im Baumarkt. Mit ihr hier an meiner Seite hatte ich das Gefühl, sie sei zwischen Tapetenmustern und Klingelmodellen groß geworden. Sie wußte sofort, in welchen der langen Gänge die Farbe stand und so fanden wir uns 10 Sekunden nach Betreten des Baumarktes vor einem Regal mit diversen Farben wieder. „Die Farbe, die wir brauchen, steht da!“ sagte ich und zeigte auf die runden Fässer. „Nee“, sagte sie und suchte mit den Augen bereits die anderen Regale ab. „Das ist Innenfarbe, wir brauchen aber Außenfarbe.“ Wären wir in einem Men in Black-Film, würde sie jetzt auf einem Zahnstocher kauen und dann und wann lässig auf den Boden spucken. Wir hatten vor 20 Minuten die Teamsitzung früher verlassen – ich hatte gestern der Leitung von meiner bevorstehenden Kündigung erzählt und heute dem Träger. Mir konnte heute keiner mehr was! So groß, so stark, so erhaben hatte ich mich lange nicht gefühlt. Weil ich keine Lust hatte. Lange nach der richtigen Farbe zu suchen, wollte ich Hilfe haben. Die ist im Baumarkt natürlich so selten wie ein Einhorn im Wald. Schon oft hatte ich den Verdacht, dass Mitarbeiter:inen in Baumärkten sich vor der Kundschaft verstecken. Weil ich meine rebellische Phase nicht unterbrechen wollte, sagte ich anstatt: “Ich glaube wir brauchen Hilfe“ einfach: „Ich hol‘ uns mal einen!“

Lackierte Zäune

Großes Glück hatte ich, denn ich konnte einen Mann im gelben Hemd erspähen, bevor er weglief. Er sah mich zwar auch sofort, aber der Moment, in dem er schnell wie ein scheues Reh wieder enthuschen konnte, war vorbei, als ich ihn sah. Ich hatte die Beute gerochen.

„Ich brauche Farbe… für außen…“, sagte ich kühl. Meinen imaginären Zahnstocher ließ ich in meinem Mund hin und her rollen.

Mein durchdringender Blick verriet ihm wohl, dass mit mir heute nicht zu spaßen sei und er nun nicht mit der Ausrede „Dafür bin ich nicht zuständig“ kommen brauchte. „Die Stephi bekommt oft so ein gefährliches Funkeln in den Augen, meist wenn sie sich für Gerechtigkeit einsetzt“, sagte mein Klassenlehrer mal beim Elternsprechtag zu meiner Mutter. Nun lernte also der gelb bekleidete Baumarktmitarbeiter diesen Blick kennen und tat mir fast schon wieder ein bisschen leid. „Ich bestell‘ jemanden zu ihnen“, sagte er, klappte mit zittrigen Händen sein Handy auf und flüsterte etwas hinein. „Aber schnell!“ sagte ich und schritt wieder Richtung Farbenregal. „Ich hab‘ nämlich in zehn Minuten Feierabend!“ Oh man, ich sollte öfter kündigen, es lässt mich plötzlich wachsen. Ich weiß nicht, was er da in sein Handy geflüstert hatte, aber e der Mann, der anschließend vor uns erschien, war resistent gegen zwei Frauen wie uns. „Was für ’ne Forbe wollense“? fragte er gelangweilt und stemmte eine Hand im Dreieckswinkel in die Hüfte, so als müsste er jetzt erst einmal drei Stunden auf unsere Antwort warten. „Der weiß wohl nicht, wen er heute vor sich hat“, dachte ich angriffslustig. „Wir brauchen Farbe für einen Bauzaun. Zum Grundieren“, sagte ich. Als er sich rumdrehte und erst einmal lange am Kopf kratzte, meinte Tina zu mir, dass das heute nichts mehr wird.

Dabei hatte er dadurch gedanklich erst mal Anlauf genommen. „Was is’n das für’n Zaun?“ fragte er nach. „Bauzaun“, antwortete Tina. Doch mit dieser lapidaren Antwort gab er sich nicht zufrieden. „Na, was’n für’n Zaun, Sperrholz, Hartholz, Funierholz…?“ „Sperrholz!“ unterbrach sie ihn unsanft. Er blickte nach oben, als wolle er nachdenken. Dann fragte er: „Lackiert oder nich lackiert?“ „Bauzäune sind lackiert? Seit wann sind Bauzäune lackiert?“ fragte ich an Tina gewandt, die nur mit den Schultern zuckte. „Vermutlich jaaa“, antwortete sie genervt. Ich sah ihr an, dass sie nun endlich die richtige Farbe gezeigt bekommen wollte. Aber der Mann wollte uns wohl noch ein bisschen schmoren lassen. „Und welche Lackierung is’n das bitteschön? Klarlack oder nur lasie, geölt oder gewachst?“ Ich schnaubte kurz wie ein Pferd auf der Koppel. Geduld ist nun mal nicht meine Stärke, und außerdem dachte ich, dass er uns unbedingt den Wind aus den Segeln nehmen wollte. Tina probierte es diplomatisch-baufachmännisch und fragte leichtsinnig: „Gibt es da nicht einfach so eine Universal-Farbe?“ Ooooh, ooh, das war verkehrt.

Die Laune sinkt

Der schlechtgelaunteste Baumarktmitarbeiter, den ich bis dahin kennengelernt hatte, rollte mit den Augen, holte einmal ganz tief Luft und antwortete: „Die eine Farbe tut nüscht auf der ander’n haft’n!“ Mit einem Blick auf meine Uhr und einen auf meinen inneren Genervtheitspegel, der sich schon stark im roten Bereich befand, sagte ich: „Es ist ein Bauzaun. Ein einfacher, häßlich brauner Bauzaun. Was würden normale Bauherren mit einem stinknormalen, einfachen Bauzaun machen? Ihn mit Edelholzwachs liebevoll lasieren oder mit Klarlack wetterfest machen?“ Langsam schien er zu verstehen, dass meine Laune sich rapide senkte. „Na, ’nen Klarlack nehm ich mal an“, sagte er. Na also. Endlich führt er uns zum entsprechenden Regal. Wäre ich, wie sonst…, ein ‚Opfer‘, würde ich mich nun tausend mal dafür bedanken. Aber heute nicht. Heute ganz bestimmt nicht. Doch er wollte noch gar nicht gehen. Nun, wo er schon mal da war, wollte er uns weiter mit seinem völlig unfreundlichen Kundenservice weiter auf die Nerven gehen. „Wieviel Quadratmeter müssense denn streichen?“ fragte er und puhlte sich Dreck aus den Fingernägeln. „Ich bin’s grob abgelaufen, circa 60 m²“, antwortete ich. „Unn da sinnse sich sicher?“ „Absolut!“ log ich. „Vielen Dank, wir finden schon alleine weiter“, rettete uns Tina aus der Situation. Ich war sauer, weil der Mann mir meine gute Laune vergeigt hatte. Viel Zeit zum darüber Nachdenken blieb aber nicht, denn Tina rief „Schleifpapier!“ aus einem anderen Gang…

Ich bin in Fahrt

„Ich dachte, hier sei das Schleifpapier“, sagte sie und schaute sich ratlos um. Ich wollte sie beeindrucken und lief auf dem breiten Flur schnell zur entlegensten Ecke des Baumarktes, wo ich einen Mann im gelben Hemd vermutete, und tatsächlich, dort hatte sich einer versteckt. Als ich auf ihn zukam, tat er so, als sei er sehr beschäftigt. „Entschuldigung? Ich suche Schleifpapier“, sagte ich freundlich. Er knurrte, schaute mich an und rollte mit den Augen. „Beim Werkzeug!“ bellte er und senkte wieder seinen Kopf. Hatte er tatsächlich eben mit den Augen gerollt? Ich fand zu meiner alten Stärke zurück und sagte mir auf: „Heute ist kein Tag zum Einknicken, kein Tag zum Weglächeln und keiner, um sich so behandeln zu lassen. Nicht heute!“ Ich pustete mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht, schaute ihm in die halbgeschlossenen Augen und sagte: „Hören sie mir mal zu. Ich bin hier durch den halben Markt gelaufen, um einen Mitarbeiter zu finden, bis ich sie endlich fand. Ich finde, dass es Teil ihrer Arbeit ist, mich bestens und nett zu beraten, wo ich hier schon den Einkaufswagen voll mit Farbe habe, die sehr viel Geld kostet. Seit zwanzig Minuten habe ich bereits Feierabend, aber weil ich hier niemanden und nichts finde, stehe ich hier immer noch ohne Schleifpapier rum und sie geben mir das Gefühl, dass ich sie nerve!?“ Der Mann schluckte und hielt den Mund offen, so erstaunt war er über meinen Ausbruch. Aber ich war noch nicht fertig. „Glauben sie, dass es mir Spaß macht, hier im Neonlicht rumzulaufen und zwischen Spachtelmasse und Tapetenmustern von maulenden Mitarbeiter:innen behandelt zu werden, als würde ich ihnen auf den Geist gehen? Sehe ich etwa aus, als wäre ich Tine Wittler?“ „Ich… glaube… nicht“, antwortete er zögerlich. „Gut!“, nickte ich. Seine vormals halbgeschlossenen Augen waren immer noch geweitet und so groß wie die Felgen eines Lkw’s. „Wissen sie, ich bin Erzieherin mit Power im Blut. Ich kann aus einem Mädchen einen Bob-der-Baumeister-Fan machen und einen Jungen dazu bringen, seine Leidenschaft für’s Barbie ankleiden weiter auszubauen. Und bald…“ Ich unterbrach kurz, um einen Schritt auf ihn zuzumachen. „Bald schon… könnte ich die Erzieherin für dein noch ungeborenes Kind sein, denn ich habe heute bei meinem Arbeitgeber GEKÜNDIGT!“ Entsetzt schaute er mich an. Seine Augen flehten mich an, ihn endlich in Ruhe zu lassen. Ich konnte mir schon vorstellen, wie er abends mit seinen grölenden Freunden vor der Playstation hockte. Während alle anderen Spaß hatten, würde er apathisch daneben hocken und sagen: „Ihr glaubt echt nicht, was mir heute im Baumarkt passiert ist…“

„In welcher Reihe noch, sagten sie, könnte ich das Schleifpapier finden?“ flötete ich ihm mit lieblicher Stimme entgegen und drehte mich – mit dem Rücken zu ihm – der riesigen Halle zu. „Ääääh… in Regalreihe 4. Die ist, wenn sie den Gang hier nun runter laufen, gleich rechts von ihnen. Es steht auch eine Schild dort, da steht Werkzeug und…“ „Vielen Dank!“ sagte ich und entfernte mich. „Tina, ich hab das Schleifpapier gefunden!“ rief ich ihr schon von Weitem zu. „Welches sollen wir nehmen“? fragte sie mich, während sie mit den Fingern die Körnung abtastete. „Heute nehmen wir das Stärkste von allen! Koste es was es wolle!“ bestimmte ich, warf ein paar Rollen Schleifpapier in den Wagen und lenkte diesen zur Kasse, wo wir eifrig die vielen Pinsel, die Farbtöpfe, Abrollgitter, Planen und die Rollen Schleifpapier bezahlten.

Als wir unsere Einkäufe im Wagen verstaut hatten und Tina das Auto anließ, war es mir, als hörte ich einen großen Knall. Es hörte sich fast so an, als würde man im Baumarkt Sektkorken knallen lassen…

Dieses Erlebnis ist nun schon 13 Jahre her, aber es hat sich nicht viel verändert. Ich bin in dem, was ich beruflich mache, immer mit dem Herzen dabei. Als Erzieherin oder auch Sozialarbeiterin bringe ich meine Persönlichkeit mit und die ist, wenn ich an der Arbeit bin, immer professionell, freundlich, gut organisiert und von Kompetenz geprägt. Das erwarte ich von anderen arbeitenden Menschen auch. Ich habe in den Jahren danach gemerkt, das ich mir etwas wert bin und dazu gehört, mich nicht von einem Arbeitgeber oder Arbeitskolleg:innen schlecht behandeln zu lassen. Ich würde alles wieder ganz genauso machen.

Herzlichst, eure Steph

2 Kommentare zu „Aufräumen im Baumarkt

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